Liebenswerte Familiengeschichte

WILHELMSHAVENER ZEITUNG vom 21. MÄRZ 2017

Liebenswerte Familiengeschichte

PREMIERE Theater am Meer begeistert mit neuem Stück zum Lachen und Weinen

"Toeerst kummt de Familie", so heißt das neue Stück der Niederdeutschen Bühne. Die Komödie gefiel den Premierengästen im ausverkauften Theater am Meer. (Seite 1) „Toeerst kummt de Familie" ist eine anrührende Familiengeschichte. Der Spaß kommt trotzdem nicht zu kurz.

Anna (Marion Zomerland) liebt ihren Enkel Nick (Yannik Marschner) abgöttisch. Trotzdem lässt sie ihn, wenn auch schweren Herzens, ziehen.    FOTO: THEATER AM MEER/ PREUSCHOFF

VON WALBURG DITTRICH

WILHELMSHAVEN - Eine fast andächtige Stille liegt über dem Zuschauersaal des Theaters am Meer, als sich der Vorhang nach der Premiere des neuen Stücks „Toeerst kummt de Familie" am Sonnabend schließt. Erst einige Augenblicke später wird das ergriffene Schweigen von lang anhaltendem Applaus abgelöst. Auch wenn „Toeerst kummt de Familie" eine Komödie aus der Feder des amerikanischen Bühnenautors Joe DiPietro ist, ist es doch ein sehr nachdenklich stimmendes Bühnenstück. Denn es geht um Familienbande, ums Loslassen, um Nähe und die Einsamkeit im Alter.

Alles dreht sich um Nick. Vor allem seine beiden Großeltern-Paare, die ihn mit Liebe überschütten und mit Leckereien aus Omas Küche vollstopfen. Dabei ist Nick längst kein Kind mehr, sondern steht mit seinen 29 Jahren mitten im Berufsleben. Als er seinen Großeltern bei einem der allsonntäglichen gemeinsamen Essen mitteilt - und das fällt ihm sichtlich schwer - dass er aus beruflichen Gründen umziehen will, bricht für die vier Senioren eine Welt zusammen. Ist Nick doch das einzige Familienmitglied, das noch in ihrer Nähe wohnt. Nicks Eltern und auch seine Schwester haben längst das Weite gesucht.

Die Großmütter und -väter versuchen mit allerlei Tricks, ihrem Enkel einen Grund zum Bleiben zu geben. Großmutter Anna (hervorragend dargestellt von Marion Zomerland) versucht es mit ihren Kochkünsten. Oma Emma (Heidi Strowik gibt die resolute aber warmherzige Großmutter sehr überzeugend) möchte ihren Enkel mit Caitlin (Ulrike Schütze), der Tochter einer Freundin, verkuppeln. Opa Alfred (Heinz Zomerland), der Mann von Emma, ringt mit sich, ob er seine bisher verschwiegene schwere Erkrankung ins Feld führen soll, um Nick (Yannik Marschner) zum Bleiben zu bewegen und Opa Frank (Arnold Preuß) erzählt seinem Enkel sein Lebensmotto „Toeerst kummt de Familie".

Nick steckt also ziemlich in der Klemme, ist hin- und her-gerissen zwischen seiner Liebe zu den Großeltern und seinem Drang, sein Leben in die Hand zu nehmen und Neues zu wagen. Die Versuche, den Enkel zu halten, sorgen für allerhand Verwirrung und, wie könnte es bei der Niederdeutschen Bühne anders sein, für viele lustige Ereignisse im Wohnzimmer von Oma Anna und Opa Frank. Nick entscheidet  sich dann doch für den Umzug und sein berufliches Weiterkommen. Zurück bleiben verständnisvolle, aber unsagbar traurige Großeltern. „Hat einer Hunger?", flüchtet sich Oma Anna wie so oft in die Küche. „Wie kannst Du jetzt an Essen denken", fragt Opa Frank mit tränenverschleiertem Blick und gebrochener Stimme. „Aber vielleicht ein kleines Sandwich", setzt er vorsichtig nach. Das Leben geht weiter. Auch für die Großeltern. Und auch wenn das Stück in Amerika angesiedelt ist, wohin die friesische Familie ausgewandert ist, ihrem Plattdeutsch bleiben sie treu.