Eine Rolle, die unter die Haut geht

Wilhelmshavener Zeitung vom 2. Juni 2018  Notizen vom Nachbarn

Eine Rolle, die unter die Haut geht

THEATER Chantal Müller spielt die tragische Figur im neuen Stück der Niederdeutschen Bühne

Chantal Müller steht leidenschaftlich gern auf der Bühne. Doch zum Beruf will sie die Schau­ spielerei nicht machen. Aber sie lernt dabei fürs Leben.

VON HARTMUT SIEFKEN

Chantal Müller spielt derzeit eine Hauptrolle im neuen Drama des Niederdeutschen Theaters.

WILHELMSHAVEN - ,,Fastbunnen" heißt das Drama von Felix Borchert, für dessen Aufführung die Jugendgruppe des „Theaters am Meer" derzeit viel Lob einheimst. Hauptfigur in dieser Tragödie ist eine Mutter, die ihr Kind getötet hat. Das Stück handelt von Schuld und Sühne und wird gewissermaßen in Rückblenden erzählt, teils mit Stilmitteln des absurden Theaters - hochspannend und anspruchsvoll für Schauspieler und Publikum gleichermaßen und deshalb umso mehr lohnend. Heute um 20 Uhr und morgen um 15.30 Uhr besteht noch einmal die Möglichkeit, eine Aufführung zu besuchen. Karten sind an der Abendkasse erhältlich.

Die in Ketten gelegte junge Mutter Tine wird von Chantal Müller gespielt. Die anderen Rollen füllen Fynn Krey (ihr Wärter), Michel Waskönig (ein Zeitreisender), Annika Gärtner (die Richterin) Fynn Dießner (Tines Freund) und Svenja Eilers (die Mutter Tines) aus. Die Gemeinschaft in dieser Gruppe bedeutet Chantal Müller viel. Hier wachsen Freundschaften, und hier werden die jungen Leute echt gefordert. Regisseurin Elke Münch nehme es in ihren Anweisungen genau, wisse aber auch sehr gut zu erklären und zu motivieren.

„Eigentlich haben das Stück und die Figur, die ich spiele, nichts mit meinem Leben zu tun. Sich in die Rolle hineinzuversetzen, ist das Spannende. Vor jeder Aufführung muss ich mich erst einmal eine Viertelstunde auf die Rolle konzentrieren und mich einstimmen. Das hat auch seinen Grund darin, dass der Erzählstrang nicht chronologisch ist", erläutert die 17-jährige Gymnasiastin. Die Dramatik des Stücks darf sie dennoch nicht zu dicht an sich heranlassen.

„Auch den Rat gab mir Elke Münch", sagt sie. Auch wenn sie die Rolle beim Spiel natürlich ausfülle, gelte es dennoch, auf persönliche Distanz zu gehen. “Andernfalls hältst du es als Schauspieler kaum aus, wenn dicht vor dir jemand im Zuschauerraum zu weinen anfängt." Doch wenn es das Publikum derart berührt, machen die jungen Leute wohl viel richtig. Theaterspielen könne ganz schön anstrengend sein, meint Chantal Müller, doch das Auswendiglernen der Texte falle ihr relativ leicht. Nebenbei lernt sie dabei das Plattdeutsche, dessen Sprachmelodie ihr zwar verstaut sei, weil ihre ostfriesischen Großeltern es gelentlich sprechen, das im übrigen aber weder in der Familie noch von ihren Freunden gesprochen werde. Ihre Altersgenossen  hiellten es für angestaubt und es zu sprechen eher für ein bisschen albern. Das Plattdeutsche ist sein Negativ-Image noch nicht los. Dabei macht auch Chantal Müller die Erfahrung, dass Plattdeutsch eine Sprache wie jede andere ist. ”Und wenn man im Fluss des Schauspiels ist, merkt man irgendwann gar nicht mehr, dass man Plattdeutsch spricht."

Jeden Donnerstag von 17 bis  19 Uhr, probt die Jugendgruppe des „Theater am Meer" Hinzu kommen Extraproben an einigen Wochenenden oder Sonderproben für einzelne, die auf der Bühne besondere Fertigkeiten, beispielsweise beim Tanzen, entwickeln müssen, Anstrengend sind die letzten beiden Wochen vor der Premiere, wenn fast jeden Abend geprobt wird.

Bis dahin könne man sich oft gar nicht recht vorstellen, dass aus den Textbausteinen und einzelnen Szenen ein ganzes Stück wird, sagt Chantal Müller. Doch zum Schluss passiere bei den Proben noch ganz viel. “Spätestens dann kommt man in die Rolle hinein", sagt sie. Besonders viel Freude hat Müller an den Jugendtheatertreffen, die einmal im Jahr vom Niederdeutschen Bühnenbund in wechselnden Orten veranstaltet werden. Da lerne man viele nette Leute kennen, aber auch neue Stücke und beobachte, wie andere sie umsetzen. Spannend findet sie auch die Aufführungen der älteren Schauspielkollegen des „Theaters am Meer". “Ich schau mir jede Aufführung an", so Müller.

Gelegentlich besuche sie Aufführungen der Landesbühne, und wenn in der Schule Theater gespielt wird, ist sie dabei. Sie selbst war in der Theaterklasse im 5. und 6. Jahrgang und später in Arbeitsgemeinschaften. Seit drei Jahren mischt sie bei der Niederdeutschen Bühne mit. Nebenbei treibt sie Sport - Karalte. Sie trägt den blauen Gürtel, hat die Trainerlizenz und hilft beim SDS in einer Kinderguppe mit. Und nach dem Abi? “Erst mal ins Ausland, und dann studieren, was mit Sprachen”, meint sie.