Begeistertes Bravo für bittersten Ehekrieg

WILHELMSHAVENER ZEITUNG vom 21. Januar 2018

(Seite 1) - WILHELMSHAVEN Das Theater am Meer ging mit ""Wer hett Angst vör Virginia Woolf?" ein Wagnis ein. Die Premiere überzeugte auf ganzer Linie.

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Begeistertes Bravo für bittersten Ehekrieg

SCHAUSPIEL Theater am Meer zieht mit „Wer hett Angst för Virginia Woolf?" Zuschauer in Bann

Eine Herausforderung für Akteure wie Publikum: Das Theaterstück ist auch schon mit Liz Taylor und Richard Burton furios verfilmt worden.

VON WOLFGANG A. NIEMANN

Marion Zomerland und Arnold Preuß lieferten eine herausragende schauspielerische Leistung ab.
FOTO: PREUSCHOFF/THEATER AM MEER

WILHELMSHAVEN - Diese Premiere im Wilhelmshavener Theater am Meer war eine Herausforderung für Schauspieler und Zuschauer: „Wer hett Angst för Virginia Woolf?" Nach zwei Stunden bittersten Ehekrieges aber riss es das Publikum zu stehenden Ovationen und Bravo-Rufen von den Sitzen.  Es war schon ein gewisses Wagnis, das legendäre Theaterstück von Edward Albee - vielen auch noch als furiose Verfilmung mit Liz Taylor und Richard Burton (1966) in Erinnerung - als plattdeutsches Stück auf die Bühne zu bringen. Arnold Preuß ist jedoch eine hervorragende Übertragung des intellektuellen Dramas gelungen und er selbst brillierte nun darin als Schorsch, abgetakelter Geschichtsprofessor.

Seine Ehefrau Martha, nicht nur ebenso kaputt und alkoholsüchtig wie er, sondern auch noch die Tochter seines Hochschulpräsidenten, spielt Marion Zomerland und sie steht Preuß an galliger Großartigkeit nichts nach. Gastregisseur Ulf Goerges treibt diese beiden zu immer neuen Höhepunkten der gegenseitigen gewollten Verletzungen und Erniedrigungen und er stellt ihnen mit Nick und Putzi auch noch die passenden „Opfer" entgegen.

Als Martha und Schorsch um 2 Uhr nachts schwer angeheitert von einer Feier heimkommen, will er nur noch ins Bett, sie aber hat noch Gäste eingeladen. Es sind der neue junge Biologieprofessor Nick (Yannik Marschner) und seine Frau Putzi (Sontka Zomerland), ein naives Doofchen.

Schon vor deren Eintreffen hatte sich das langjährige Ehepaar böse mit makabren Scherzen und niederträchtigen Bemerkungen so beharkt, dass Schorsch wutentbrannt drohte: „Ich bring dich um." Marthas gehässige Antwort:  „Nicht mal dazu taugst du."

Was sie dann im Beisein der unbeholfenen Gäste gegenseitig loslassen, macht diese fassungslos und treibt die zur Hysterie neigende Putzi zeitweise ins Bad. Der dabei versprühte Humor ist so giftig und verletzend, dass einem das Lachen meist im Halse stecken bleibt. Und während die zentral platzierte, gut gefüllte Hausbar unablässig regelrecht leergesoffen wird, laufen die von all ihren Eheschlachten und Lebenslügen wundgeriebenen Martha und Schorsch gegeneinander und später auch als eingespieltes Team in Bosheit mit dem Spiel „Die Gästefalle" gegen das junge Paar zu bitterböser Meisterschaft auf.

Doch diese unselige Nacht überschreitet Grenzen, sei es, dass Martha das Familiengeheimnis um den angeblichen Sohn anspricht und sich schließlich sogar handgreiflich mit Nick befasst und ihn „nach oben" abschleppt, sei es, dass Schorsch mit verbittertem Zynismus reagiert und das Heft zu einem vernichtenden Gegenschlag an sich reißt.

Auf dem Schlachtfeld gibt es am Ende nur Verlierer und die letzten nur noch gemurmelten Worte der erschöpften Kampfhähne lassen nach zwei Stunden intensivstem Schauspiel eine gewisse Reglosigkeit
der bis dahin gebannt lauschenden Zuschauer zurück. Bis es sie zu begeistertem Beifall und Bravo-Rufen von den Sitzen reißt.

Und wenn man den Seelen-Duellanten Marion Zomerland und Arnold Preuß eine absolut herausragende schauspielerische Leistung samt großem körperlichem Einsatz bescheinigt, seien auch die Auftritte von Yannik Marschner und Sontka Zomerland gewürdigt, denn ihnen bleiben in diesem Kriegsszenarium nur wichtige Nebenrollen, die aber haben sie ganz und gar adäquat ausgefüllt.

Die nächsten Aufführungen folgen am 25. und 27. Januar jeweils um 20 Uhr im Theater am Meer, Kieler
Straße 63.