Das Chaos menschlicher Beziehungen

JEVERSCHES WOCHENBLATT vom 22. Januar 2019

Das Chaos menschlicher Beziehungen

KULTUR Premiere von "Wer hett Angst vör Virginia Woolf?" begeistert Besucher im Theater arn Meer

Älteres und jüngeres Ehepaar treffen aufeinander - Streit ist vorprogrammiert

Martha (Marion Zomerland) und Schorsch (Arnold Preuß) bekämpfen sich mit Beleidigungen bis aufs Blut.
BILD: Dietmar Bökhaus

WILHELMSHAVEN/BOE - Streit, angedrohter Mord und eingebildete Schwangerschaft - um all das dreht sich der Klassiker "Wer hett Angst vör Virginia Woolf?". Nun feierte das anspruchsvolle Stück vergangenen Samstag im Theater am Meer Premiere und wurde von den Besuchern begeistern angenommen. Theaterleiter Arnold Preuß zeichnet für die Übersetzung des jüngsten niederdeutschen Stücks im Spielplan 2p018/19 "Wer hett Angst vör Virginia Woolf"? verantwortlich , das von Ulf Georges inszeniert. wurde. "Mit dem Wunschregisseur Goerges wurde ein erfahrener Profi gewonnen mit dem dieses Stück umgesetzt werden konnte", sagte Arnold Preuß.

In dem anspruchsvollen Klassiger geht es um das Chaos menschlicher Beziehungen. Es treffen nach Mitternacht ein älteres und ein jüngeres Ehepaar (Martha und Schorsch, gespielt von Marion Zomerland und Arnold Preuß sowie Nick und Putzi, dargestellt von Sontka Zomerland und Yannik Marschner) aufeinander.

Martha und Schorsch haben ihre Illusionen verloren und füllen ihr Leben nur noch mit Lügen. "Den anderen kleiner machen, als er sich selbst schon fühlt", das ist die Devise der beiden. Sie kommen von einem Hochschulempfang eines neuen Dozenten angetrunken nach Hause und sind direkt wieder an der gut gefüllten Hausbar zu finden,. Sie fangen sofort an sich zu bekriegen, da hat sich der Besucher noch nicht einmal richtig im Sessel positioniert. Auf sein Versprechen im Laufe des Disputes: "Ich bring dich um, Martha!", antwortet sie: "Nicht einmal dazu taugst Du!" Die Stimmung heizt sich weiter auf und die Anfeindungen werden gemeiner. Schorsch will zu Bett gehen, aber seine Angetraute erwartet noch Gäste: Nick und Putzi. Nick ist der neue Biologiedozent an der Hochschule. Beide sind zunächst nur Zaungäste der Konflikte ihrer Gastgeber werden aber bald schon in die ehelichen Kämpfe hineingezogen. Dabei offenbart sich, wie gefährdet ihre junge Ehe ist.

Nick hat Putzi geheiratet, weil er ihre eingebildete Schwangerschaft für wahr hielt und an das Vermögen ihres Vaters - ein Wanderprediger - rankommen will. Diese Erkenntnis ist ein Schock für Putzi. Schorsch kennt die Spielchen seiner Ehefrau Martha nur zu gut. Sie liebt es, mit den Gefühlen anderer zu spielen. Doch an diesem Abend ist alles anders und das Spiel eskaliert. Ungeniert verhöhnt und demütigt Martha ihren Schorsch, der es ihr nicht minder brutal heimzahlt.

Nachdem Schorsch in seiner Rage versucht hat, seine Frau Martha zu erwürgen, wendet diese immer extremere Mittel an, um ihn vorzuführen. Sie flirtet so lange mit Nick, bis dieser mit ihr in der Küche verschwindet. Schorsch kommt die Idee, wie er sich für die heftigen Demütigungen durch seine Frau rächen und auch ihren innersten unerfüllten Wunsch an diesem Morgen aufdecken kann. Martha hat ais Gegenbild zu ihrem trostlos erscheinenden Alltag in ihrer Fantasie einen Sohn erschaffen. der es weit gebracht hat. Schorsch beschließt, Marthas Lebenslüge zu zerstören. Er lässt in der eigenmächtigen Fortführung der Erzählung den Sohn sterben. Am nächsten Tag wäre diese Geschichte und somit auch der erfundene Sohn 18 Jahre alt und somit volljährig geworden.

Mit viel Wehmut und Ironie zeichnet Edward Albees Meisterstück messerscharf und doch mitfühlend das Bild des Menschen, der offenbar alles hat, um glücklich zu sein, es aber nicht schafft, dieses „Glück" zu begreifen. Ein Spiegel der Gesellschaft erwartet den Theaterbesucher. Bis tief in die Seelen und Herzen seiner Protagonisten bohren sich die Verletzungen dieser ehelichen Schaukämpfe. Gekonnt setzten Preuß und Zomerland die Szenerie dieses Ehegruselschockers gemeinsam mit Sontka Zomerland und Yannik Marschner um und beweisen einmal mehr, dass im Theater am Meer neben den heiteren Komödien auch anspruchsvolle Schauspielkunsl präsentiert wird. Die Besucher bedankten sich Ende der Premierenveranstaitung mit stehendem Applaus bei den Akteuren.