Witte Wyandotten (1. WA)

1. Wiederaufführung (2), davor 68/69

WITTE WYANDOTTEN

Komödie in drei Akten von Konrad Hansen

Inszenierung: Jürgen Reiners a.G.

Rollen und Darsteller
August - Horst Karstens
Pauline, Nachbarin - Hanna Christoffers
Pit - Rolf-Peter Lauxtermann
Opa Hartmann - Günter Boye / ab 2 Vorstellung Jürgen Reiners
Schwiegertochter Emmy - Margot Andrews-Jäkel
Makler Krawuttke - Michael Hillers

WILHELMSHAVENER ZEITUNG, Ostersamstag 1998

Nicht nur Hühnerfans begeistert

Niederdeutsche hatte mit „Witte Wyandotten" gelungene Premiere

Von Astrid Fertig

Bei Wyandotten handelt es sich um eine aus Amerika stammende Hühnerrasse mittelgroßer, reichbefiederter Fleisch- und Legehühner. Wenn nun ein Theaterstück „Witte Wyandotten" heißt, wie das von Konrad Hansen, das am Gründonnerstag bei der Niederdeutschen Bühne im Stadttheater Premiere hat­te, erwartet der Zuschauer womöglich, Federvieh auf der Bühne zu erleben. Konnte er auch. Unsichtbare Wyandotten waren das, die Haustiere von Hauptfigur Opa Hartmann (Günter Boye), denen er liebevoll durch die Stube hinter­hersteigt, wodurch seine Familie, bestehend aus Schwie­gertochter Emmy (Margot Andrews-Jäkel) und deren Bekanntem August (Horst Karstens), ihrerseits reagiert wie ein aufgeregter Hühnerhof. Schließlich verdirbt ihnen Opa mit seinem Blick auf Phantasie-Federvieh das Geschäft mit dem windigen Makler Krawuttke (Michael Hillers). Da scheint August nur noch eines zu helfen: Opa muß weg. Pit (Rolf-Peter Lauxtermann), der schon wegen Mordes gesessen hat, scheint ihm der richtige Mann dafür zu sein. Doch der Mordversuch nimmt eine überraschende Wende.

„Witte Wyandotten" ist eine hintergründige Komödie um Lebensklugheit, die sich hinter vermeintlicher Trotteligkeit verbirgt. Wunderbar selbstverständlich spielt Boye den tüdeligen Hühnerfan. Nichts bringt ihn aus der Ruhe, und warum Pit ihm mit dem Revolver vor der Nase herumfuchtelt, kann er sich gar nicht denken. Dabei weiß Opa Hartmann genau, was er will. Eine Hühnerfarm drau­ßen auf dem Land.

Schon vor dreißig Jahren hat Günter Boye in „Witte Wyandotten" auf der Bühne des Stadttheaters gestanden. Ob er den rabiat-geschäftstüchtigen August, den er damals spielte, genausogut verkörpert hat, wie jetzt Opa Hartmann, läßt sich nicht mehr beurteilen. Die aktuelle Rolle ist ihm jedenfalls wie auf den Leib geschneidert. Die Rolle des August wird im aktuellen Stück von Horst Karstens überzeugend hemdsärmelig-polternd dargestellt. Lauxtermann als gedungener Mörder beeindruckt schon durch seine hünenhafte Gestalt in Trench und Schlapphut. Bezaubernd ist Hanna Christoffers als rührige Nachbarin Pauline, ob sie nun Opa Hartmann hausfraulich mit Kaffee versorgt, sich kindlich über einen Pelzmantel freut oder verliebt mit ihrem Nachbarn Tango tanzt.

Auch Michael Hillers ist ein hinreichend schmieriger Häusermakler. Margot Andrews-Jäkel als Emmy trägt den Gegensatz zwischen zuckersüß und kaltschnäuzig sehr dick auf. Die Zuschauer, die zwei Drittel des Saales füllten, bekamen eine gelungene Premiere zu sehen.

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Phantasie-Hühner in der Stube

Donnerstag Premiere der Niederdeutschen mit „Witte Wyandotten"

Klaus Aden, Bühnenleiter der Niederdeutschen, war etwas irritiert von der perfekten Aufführung, die ihm am Montag im Stadttheater geboten wurde. „Für eine Generalprobe ist das eigentlich zu gut gelaufen", seufzte er begeistert. Schauspieler sind abergläubisch. Die Zuschauer dürfen gespannt sein, ob die Peremiere von „Witte Wyandotten" am Donnerstag ebenso gut klappt.

Zur Generalprobe war die Bühne schon komplett eingerichtet. Der Blick geht in eine gutbürgerliche Stube: Lindgrüne Tapeten, Tütenstehlampe in der einen Ecke, Schusterpalrne in der anderen, an den Wänden Landschaftsbilder und maritime Motive: Doch die Bilder haben Rückseiten. Auf denen kleben Abbildungen von Hühnern der Rasse „weiße Wyandotten". Die hat der Bewohner des Hauses, Opa Hartmann (Günther Boye), früher gezüchtet, bis Schwiegertochter Emmi (Margot Andrews-Jäkel) es verboten hat. Jetzt laufen die Hühner nur noch in Opas Phantasie herum, und mit seinen suchenden Blicken erschreckt er alle Leute. Ihn selbst kann dagegen nichts erschüttern. „Schreckhaft sind Se wohl ok nich?", brüllt Rolf-Peter Lauxtermann seinen Schauspielerkollegen über den Tisch hinweg an. Er spielt den gedungenen Mörder Pit, der Opa Hartmann um die Ecke bringen soll. Günther Boye zuckt noch nicht einmal. Gemütlich steht er auf, verkündet, „nu wullt wi wohl erstmal 'n Lütten hebben" und langt die Schnapsflasche aus der Anrichte. Dann stellt er fest, daß auch Pit der Hühnerrasse „Wyandotten" verfallen ist.

„Küken? Doch wohl nich Höhnerküken", schreit er entzückt, und aus dem Zuschauerraum ruft Regisseur Jürgen ReinerS begeistert „schön" zurück. Dann wendet der Regisseur sich leise an den zweiten Zuschauer bei dieser Probe, Bühnenleiter Aden. „Jetzt paß auf, jetzt dreht er alle wieder um". Tatsächlich wendet Boye die Bilder an den Wänden und läßt die Hühner zum Vorschein kommen. „Im Buch ist eine Tätowierung angesagt", erklärt Reiners. Opa Hartmann sollte sich das Hemd aufreißen, um das eingestichelte Huhn auf seiner Brust vorzuführen. Aber derart markige Gesten fand der Regisseur „blöd".

Es ist das erste Mal, daß Reiners Regie führt. Der gebürtige Bassurner war vorher in Bremen als Inspizient und Regieassistent tätig. Er ist ebenfalls von dem Ablauf der Generalprobe angetan, auch wenn er nach dem letzten Vorhang statt Schlußapplaus lediglich Anweisungen gibt, wie die Schauspieler sich zu verbeugen haben. Der elegante Abgang ge­hört eben auch zu einer gelungenen Aufführung. Die Premiere beginnt am Donnerstag um 20 Uhr im Stadttheater.