Applaus für aufsässige Alte

WILHELMSHAVENER ZEITUNG vom 18. März 2019

Applaus für aufsässige Alte

Um Rebellion in der Seniorenresidenz geht es im neuen Musical des Theaters am Meer (siehe Seite 6)

Rebellion in der Seniorenresidenz

THEATER Geschichte mit Herz und Witz und flotte Gesänge kamen bestens an

„Ik mutt gar nix!" Darin sind sich die Bewohner der Seniorenresidenz einig. Das Ensemble des Theaters am Meer erntete für schauspielerisches und gesangliches Können frenetischen Beifall.

FOTO: THEATER AM MEER/PREUSCHOFF

Marion Zomerland hat ihr drittes Musical für das Theater am Meer geschrieben. Und Gastregisseur Philip Lüsebrink leistete bei „Ik mutt gar nix!" hervorragende Arbeit.

VON WOLFGANG A. NIEMANN

WILHELMSHAVEN - Die Mischung von „Ick mutt gar nix!" hatte es einfach in sich. Und so riss es das Publikum am Samstag zum Schluss der jüngsten Premiere im Theater am Meer zum Schluss von den Sitzen zu frenetischem Beifall und Bravo-Rufen.

Als Autorin hatte Marion Zomerland in ihrem dritten Musical für das TaM Ernst, Witz und flotte Gesänge zu einer Geschichte mit Herz und vor allem viel Wiedererkennungswert zusammengebracht. Wenn da eingangs sechs Senioren trübe in ihrem gänzlich schmucklosen Saal mit halb herabgelassenen Jalousien sitzen und auf die schöne Melodie von „Sounds of Silence" ihren traurigen Alltag mit „Överall blots Schwiegen" besingen, weiß man: Das ist reichlich realistisch.

Es nennt sich Seniorenresidenz, doch Meckern ist untersagt, das lieblose Essen muss in zehn Minuten runtergeschlungen werden und dann dieser Auftritt von Chefin Sibylle Hartmann (Sandra Krüger): Tyrannisch und zynisch kommandiert sie die geduckten Alten ebenso wie die Pflegerinnen Sina (Annika Gärtner) und Kristin (Ulrike Schütze) herum. Und was sie sich wünscht, macht sie gesanglich klar: „De Daag, an den Se mal nich quakt".

Als in diese Tristesse der neue Krankenpfleger Jan Fröhlich (Jendrik Marschner) platzt, der seinen Namen zum Lebensprinzip gemacht hat, bringt er erst einmal alle einschließlich des ebenfalls stets gedeckelten Gärtners (Fynn Dießner) mit seiner Freundlichkeit zum Lächeln. Bis natürlich auf die Chefin, die ihn dummerweise nicht gleich wieder wegjagen kann, da er einen Jahresvertrag hat und das sonst teuer würde. Ungeniert beendet er stattdessen die dunklen Zeiten und außer frischem Wind und Sonnenschein gibt es alsbald sogar Gardinen, Bilder an den Wänden und menschenwürdiges Essen.

Rebellion ist angesagt und dazu vereinigen sich alle zur fröhlichen „Internationale", hier mit dem Text „Hartmann — hör die Signale!" Egal ob Heiderose (Wilma Welte), Edelgard (Christel Dörnath), Luise (Edith Schlette), Frieda (Ute Menssen), der sonst so maulige Herr Degenhart (Arnold Preuß) oder Walter Bleckwedel als Herr Wagner im Rollstuhl der mangels Hörgerät immer so herrlich alles falsch versteht — Aufbruchstimmung ist angesagt.

Und Hoffnung entsteht, als Heiderose Rosenbarg dann auch noch ein Telefonat der weiterhin biestigen Chefin erlauscht. Ob der das Haus gar nicht gehört?! „Nachts, wenn allens schlöppt" turteln dann die Senioren Degenhart und Rosenbarg hinreißend im Duett. Allmählich eröffnen sich gleich mehrere Geheimnisse, wobei Jan und Sina mit „To laat" (auf „Tabaluga") ein Duett darbringen und es deutlich knistert.

Als die ganze Truppe dann unter Absingen von „Skandal um Hartmann“ einen bösen Schwindel zu Lasten Jans aufdeckt, folgt schließlich ein deftiges Tribunal für Chefin Hartmann und erneut kommt auch im Publikum wieder Stimmung zum Mitklatschen auf, wenn es da zur berühmten Santiano-Melodie heißt: „Tschüss, Fro Hartmann!" Happy End ist angesagt und das gilt nicht nur für die glücklichen Senioren, sondern auch fürs Personal untereinander.

Das Ensemble bedankt sich dann für den Beifallssturm mit einem ganzen Potpourri, bei dem es noch einmal seine beeindruckenden Sangeskünste wie auch viel Choreografie darbot. Gastregisseur Philip Lüsebrink hat hervorragende Arbeit geleistet, allerdings macht es ihm diese Vorlage von Marion Zomerland auch leicht dabei. Denn da stimmt vom ernsten Hintergrund über die Dialoge bis hin zu den gelungenen plattdeutschen Texten für die vielen bekannten Hits einfach alles.

Weitere Termine im Theater am Meer, Kieler Straße 63, sind am 22., 24., 30. und 31. März, jeweils um 20 Uhr.