Von einem Band, das niemals reißt

WILHELMSHAVENER ZEITUNG, 19. Oktober 2020

WILHELMSHAVEN (Titelseite) Großen Applaus gab es für die Premiere des Stückes "Love Letters" im Theater am Meer. Für Bühnenleiter Arnold Preuß gab es noch etwas anderes zu feiern. (siehe Seite 6)

Von einem Band, das niemals reißt

KULTUR „Love Letters“ feiert Premiere im „Theater am Meer“ - Warum das Stück ganz besonders ist

VON WOLFGANG A. NIEMANN

Arnold Preuß und Marion Zomerland begeisterten das Publikum. Für Preuß war es die 100. Rolle als Schauspieler. - FOTO: Theater am Meer, Bökhaus

WILHELMSHAVEN - Riesenapplaus gab es für die jüngste Premiere im „Theater am Meer“, obwohl diesmal mit „Love Letters“ von Albert Ramsdell Gurneys ein hochdeutsches Stück das coronabedingt reduzierte Publikum begeisterte. Dabei ist das gut 30 Jahre alte Stück ohnehin etwas Besonderes, denn mit Melissa Gardner und Andy Makepeace Ladd III. hat es nur zwei Akteure. Und es „passiert“ eigentlich nicht wirklich etwas auf der sehr schlicht gestalteten Bühne, denn die Beiden verlesen nur die unzähligen Zettel und Briefe, die sie einander über mehr als 50 Jahre geschrieben haben. 

Umso größer war die Herausforderung für Marion Zomerland und Arnold Preuß unter der Regie von Elke Münch, Spannung und ein Ganzes zu erzeugen. Zumal die ersten kleinen Briefchen noch zwischen den Grundschülern hin-und hergingen. Durch den einleitenden Pat Boone-Hit „Love Letters in the Sand“ von 1957 konnte man die Zeit verorten und bald sind es die typischen Granteleien Jugendlicher, mit denen sie einander ihren Ärger über Eltern und dergleichen berichten.

Melissa kommt aus einer reichen, aber ziemlich kaputten Familie, während Andys wohlbetuchte Eitern ihn offenbar sehr konservativ erziehen. Obwohl sie so überaus verschieden sind, verstehen sie sich unterschwellig - meist - sehr gut. Es sind schließlich typische Teenager-Querelen, die Andy dann erst einmal verschnupft eine Pause mit dem Schreiben machen. lassen, denn Melissa hat offenbar mit jemand anderem geknutscht.

Er studiert brav und bestätigt Melissas Vorwurf, dass er „wohl manchmal ein richtiger Spießer“ sei, wogegen sie nicht zuletzt dank ihrer kaputten Familie von der Klosterschülerin zur rebellischen Künstlerin mit brüchigen Beziehungen und zwei Kindern aufsteigt, die ihr der geschiedene Vater vorenthält.

Mit subtilem Spiel entwickeln sich die Beiden in dieser immer überzeugenderen Fernverbindung auseinander, ohne sich je ganz aus den Augen zu verlieren. Andy heiratet, wird Familienvater und macht als konservativer Politiker Karriere bis zum Senator. Melissas Privatleben ist dagegen chaotisch und sie stellt in ihrer sarkastischen Art fest, dass sie schon wieder Probleme "mit zu viel Feuerwasser” habe. 

Über Jahrzehnte reißt das Band nie ab, doch es sei hier nur noch verraten, dass es den einen flüchtigen Moment gemeinsamen Glücks zu einem viel zu späten Zeitpunkt tatsächlich noch gibt. Aber kein Happy End. Und auch das berührt mit der schlichten Szene, in der Andy in einem letzten Brief an Melissas Mutter bekennt, dass er sie seit damals in der 2. Klasse geliebt habe und sie das Herz seines Lebens gewesen sei.

Das Alles wurde so einfach und zugleich lebensnah erzählt und mit sparsamen Gesten unterstreichen, dass es einen ganz Film im Kopf der Zuschauer ablaufen ließ. Für ihre Leistungen erhielten die Akteure zum Schluss ganz großen Applaus, doch es gab auch noch einen Sonderbeifall für Arnold. Preuß. Die stellvertretende Theatervorsitzende Claudia Ducci gratulierte dem 69-Jährigen nämlich zu seiner Darstellung des Andy Makepeace Ladd III. als dessen mittlerweile 100. Rolle als Schauspieler.

Die nächsten Aufführungen von „Love Letters“ sind am Dienstag, 20. Oktober und am Donnerstag, 22. Oktober, und Freitag, der 20. November, jeweils um 20 Uhr im Theater am Meer, Kieler Straße 63.