10 Jahre „Kleines Schauspielhaus an der Kieler Straße“

10 Jahre „Kleines Schauspielhaus an der Kieler Straße“

Ein Schauspielhaus ist unsere Welt;
für jeden ist eine Roll´ bestellt.

Marion Zomerland und Arnold Preuß blicken zurück auf 10 Jahre Theater am Meer im kleinen Schauspielhaus an der Kieler Straße 63

Leve Maten van‘t Theater an’t Meer!

Am heutigen Sonnabend wollten wir in unserem „Kleinen Schauspielhaus an der Kieler Straße“ eine Sondervorstellung von „Honnig in’n Kopp“ spielen. Es wäre dies die Dernière nach einer langen Reihe von meist ausverkauften Vorstellungen gewesen. Vor dieser Vorstellung hätte der Niederdeutsche Bühnenbund den Willy-Beutz-Schauspiel-Preis verliehen und nicht nur das 6-köpfige Präsidium, sondern auch die Bühnen- und Theaterleitungen nebst Stellvertreter wären anwesend gewesen. Dazu noch eine ganze Reihe von Ehrengästen, die alle mit uns unseren 10-jährigen Geburtstag in unserem wunderschönen Theater feiern wollten, das wir damals mit dem Musical „Wi rockt op platt“ eindrucksvoll eröffnet hatten.

Wir alle zusammen, wollten uns am Abend bei einem schmackhaften Büffet über die letzten zehn erfolgreichen Jahre freuen und die Vergangenheit ein wenig Revue passieren lassen…

Ihr wisst alle, das Corona-Virus hat uns einen gewaltigen Strich durch die geplanten Feierlichkeiten gemacht. Am Tag der Generalprobe (13. März) wurde entschieden, dass alle Theater in Deutschland ab dem 14. März geschlossen werden. Das war zunächst bis zum 20. April geplant, aber schnell war klar, dass das ein ganz gefährliches Virus ist, das nicht nur in Deutschland, sondern weltweit grassiert. Derzeit ist nicht erkennbar, wann wir wieder Verhältnisse haben, wie vor dem 14. März.

Alles in allem ist Deutschland bisher einigermaßen gut durch die Pandemie gekommen, was nicht zuletzt an der Disziplin und Solidarität in unserem ganzen Land lag. Wenn auch momentan unter Hygiene- und Abstandsbedingungen eine Rücknahme der Beschränkungen des Lockdowns stattfindet und somit ein Weg in eine neue Realität beschritten wird, können wir als Theater heute noch nicht sagen, wann und wie wir wieder probieren dürfen, geschweige denn den Vorstellungsbetrieb mit besonderen Hygiene- und Abstandsbedingungen aufnehmen können.

Wir hängen also weitestgehend in der Luft und können nur hoffen, dass wir im Herbst wieder starten können. Pläne für den Umgang mit den Bedingungen einer zu erwartenden begrenzten Zuschauerkapazität gibt es genug und eine variable Lösung für den Spielplan 2020/21 haben wir auch. Wir müssen nur erst einmal wieder dürfen.

Auch wenn alle Feierlichkeiten für unser 10-jähriges Jubiläum abgesagt sind, möchten wir dieses Datum nicht ohne ein paar Worte der Erinnerung verstreichen lassen, sozusagen mit „der Rede zum 10. Geburtstag, die gerne vor Publikum gehalten worden wäre.“

Marion Zomerland & Arnold Preuß
(Leitungsduo des Theaters vor 10 Jahren)

Liebe Mitglieder (und liebe Gäste),

heute wird unsere Spielstätte in der Kieler Straße 63 zehn Jahre alt. Wir haben allen Grund, stolz auf das Erreichte zu sein. Wir alle gemeinsam haben hier in diesem kleinen Schauspielhaus großartiges geschaffen. Die Bilanz von 46 Inszenierungen in zehn Jahren kann sich sehen lassen. Fast immer haben wir vor ausverkauftem Haus gespielt. Wir haben sehr viel Applaus und Lob für unsere künstlerische Arbeit bekommen. Unser Theatersaal, unsere Aufführungen und unser Service sind dicke Pluspunkte, die uns ein Stammpublikum beschert haben, dass es uns ermöglichte, dieses Haus auch finanziell zu tragen. Wir sind ja – das darf man nicht vergessen – eingemietet in dieses Haus und haben damit erhebliche monatliche Miet- und Verbrauchskosten, für die wir keine öffentlichen Zuwendungen seitens der Stadt oder des Landes erhalten.

Schauen wir doch heute einmal zehn Jahre zurück, auf die Anfänge des Theaters am Meer in der Spielstätte Kieler Straße 63. Wie war das damals? Die Öffentlichkeit und somit auch unser Publikum wurden mit Pressemeldung vom 20. November 2009 davon unterrichtet, dass wir das Stadttheater (wo wir seit 1956 aufgrund einer Entscheidung des damaligen Kulturdezernenten zu Hause waren) verlassen werden, um in einer eigenen Spielstätte einen Neuanfang zu wagen.

Vorausgegangen war die plötzliche Ankündigung der Stadt, uns finanziell nicht mehr unterstützen zu können und wir hatten nicht die notwendige Lobby, dagegen halten zu können. Wir standen also vor der Alternative zu kämpfen oder zu schlucken. Hätten wir geschluckt, wären wir wahrscheinlich in einer städt. Schulaula gelandet (Die Aula der damaligen Agnes-Miegel-Schule in Fedderwardergroden war angedacht). Diesen Umzug hätten wir wohl als Theater nicht überlebt… blieb also nur die Alternative zu kämpfen.

Wir waren nach zwei aufregenden und arbeitsintensiven Spielzeiten mehr als platt. In der Spielzeit 2007/08 feierten wir mit sehr großem Aufwand mit „Dat Kuppelwief“ unseren 75. Geburtstag. In der Spielzeit danach hatten wir im Mai 2009 den Großen Gemeinsamen Bühnentag der drei Bühnenbünde Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen & Bremen mit dem Jugendtheaterworkshop mit der niederdeutschen Erstaufführung von „In’t witte Rössl“ hinter uns gebracht. Dabei hatten wir weit über 400 Besucher aus nah und fern zu Gast. Mit dem Stück haben wir einen großen Erfolg eingefahren und für den Bühnentag sehr viel Lob bekommen. Dieses Festival hat uns aber auch unheimlich viel Kraft gekostet.

Wir hatten gezeigt, was wir können, künstlerisch und organisatorisch. Wir hatten am letzten Tag des Bühnentages geschworen, uns erst einmal von den Anstrengungen der letzten Jahre zu erholen und keine großen Dinge mehr anfassen zu wollen. Da kam die Gesprächsaufforderung der Stadt, mit dem niederschmetternden Ergebnis, das wir das Stadttheater verlassen werden müssen, da die bisher gewährte subventionierte Miete haushaltsrechtlich nicht mehr zulässig sei. Diese Kosten hätten wir dort nie einspielen können. Wir waren wie paralysiert. Politisch wurden die Pläne der Verwaltung dann auch mitgetragen, so dass sich nach über 50 Jahren für uns die Tür des Stadttheaters schloss...

In solchen Situationen geht dann oft eine andere Tür auf… Marion fiel eine Anzeige in einem Anzeigenblatt ins Auge: „Kirchenähnlicher Versammlungsraum zu vermieten.“ Diese Anzeige leitete die Geburtswehen unseres neuen Theaters ein. Marion und ich konnten an einem Nachmittag allein das „Theater“ besichtigen. Von Theater war aber noch nicht viel zu sehen, sondern vielmehr nur eine begonnene Baustelle, wo überall Schutt und Dreck lag, wo man irgendwie etwas beginnen wollte, aber nicht weitergearbeitet hatte. Wir waren im alten DGB-Gewerkschaftshaus im großen Vortragssaal, dem Wilhelm-Krökel-Saal (heute unser Theatersaal). Dazu gehörten dann noch im Keller der große (heute Tischlerwerkstatt) und der kleine Seminarraum (heute Konversationsraum) sowie ein paar Nebenräume (heute die Umkleiden für die Künstler, der Möbel- und Türfundus), die mit ein paar Einbauschränken (heute Maske, Perücken und Geschirr) ausgestattet waren.

Marion und ich saßen eine ganz Zeit lange schweigend auf dem Fußboden im heutigen Theatersaal und das einzige, was uns bewegte, war die Frage „kannst Du Dir vorstellen, hier Theater zu spielen mit Bühne, Vorhang und Zuschauerplätzen?“ So richtig konnten wir beide die Frage nicht beantworten. Am Ende waren wir uns aber einig, „wenn wir es jetzt nicht wagen, werden wir es nie wagen – lass uns über die endgültige Entscheidung eine Nacht schlafen.“

Am nächsten Tag war unsere Entscheidung klar: Ja, wir wollen es versuchen, aber wir brauchen für ein funktionierendes Theater noch mehr Räumlichkeiten. Wir haben dann das Gespräch mit unserem Vermieter gesucht und sind mit ihm durchs Haus gelaufen, um zu gucken, was noch alles möglich ist.

Da waren unten auch noch die abgetrennte alte Hausmeisterwohnung und oben der Dachboden. Für uns war schnell klar, dass oben der Kostümfundus sein müsste und daneben (im ehemaligen Partyboden der Gewerkschaftsjugend) die Probenbühne entstehen müsste. Marion kam auf die Idee, die Hausmeisterwohnung in das Foyer zu integrieren. So wurde beschlossen, Wände durchzubrechen, um ein Bistro mit Tischen und Stühlen (im ehemalige Wohnzimmer), aus dem Bad (die jetzige Küche) und aus dem Schlafzimmer das größere Foyer (der Bereich, wo heute das Klavier steht und die Toilette für Menschen mit Handicap ist ) herzurichten. Die kleine Küche wurde das erste Theaterbüro, was über die Treppe an der Seite mit dem Schaukasten zu erreichen war.

Die Vermieter haben uns zugesichert, all diese Umbauten nach unseren Wünschen zu machen. „Sie sind der Mieter und stellen an uns die Forderung, die Wohnung (das Theater) so herzurichten, dass sie darin Wohnen (Theater machen) können. Ohne diese großzügige Bereitschaft unseres Vermieters (den Herren Thomas und Jens Lemke) hätten wir die Einrichtung des Theaters so nicht umsetzen können.

Als das so mit dem Vermieter abgesprochen war, haben Marion und ich den damaligen Vorstand, der neben uns mit Klaus Aden (Schatzmeister), Horst Jönck (Ehrenmitglied), Sandra Krüger (Organisation Theaterschule), Claudia Ducci (Schriftführerin) und Marc Gelhart (Werbung, Stellvertretender Vorsitzender) besetzt war, informiert.

Wir sind nach langer Diskussion – bei der sich aber alle für den Weg in die Kieler Straße - ausgesprochen haben, einig gewesen, die Bühnenmitglieder darüber abstimmen zu lassen. Diese entscheidende Sitzung fand am 22. September 2009 im Hotel Kaiser statt. Am Ende gab es einen einstimmigen Beschluss der Mitgliedschaft für den Umzug in die Kieler Straße 63 als neue Spielstätte des Theaters am Meer.

Nachdem zuerst der Vorstand und dann die Mitglieder uns einstimmig ihr Vertrauen ausgesprochen hatten, folgten sie all unseren teilweise verrückt erscheinenden Ideen. Was wir uns in unseren unzähligen schlaflosen Nächten auch ausgedacht haben, wir haben gerufen und alle, ja wirklich alle, haben uns vertraut und ihren Fähigkeiten entsprechend unterstützt. Das war eine fürchterlich ungewisse Zeit, die auf der einen Seite unsagbar viel Kraft und Ideenreichtum gefordert hat, aber auf der anderen Seite all unsere Mitglieder unglaublich zusammengeschweißt hat und uns gemeinsam etwas ganz Besonderes erleben lassen hat. Wir haben uns gemeinsam in zehn Monaten eine neue Heimat geschaffen.

In den vergangenen Jahren wurde unser Theater immer erfolgreicher. Wir hatten oftmals Terminstress, Besetzungsschwierigkeiten, gesundheitlich bedingte Umbesetzungen etc., aber unser Theater lief wie am Schnürchen. Da bis Corona alles so selbstverständlich lief, ist leider auch so manches Mal ein wenig der gemeinsame kämpferische Zusammenhalt verloren gegangen. ABER dieser Kampfgeist ist heute wieder gefragt wie damals.

Wir müssen einen Neustart hinlegen, wir müssen um unser Überleben kämpfen! Das können wir nur gemeinsam. In diesem Jahr müssen wir neue Wege gehen, wahrscheinlich aufgrund von Platz-Einschränkungen längere Aufführungsphasen hinnehmen, vielleicht an ungewöhnlichen Spieltagen und vielleicht auch Orten zur Verfügung stehen, offen sein für Neuerungen.

In all den Wochen des erzwungenen Stillstands sitzen Marion und ich ununterbrochen an Plänen, wie wir den unglaublichen finanziellen Ausfall der vergangenen Saison auffangen können und wie wir es schaffen können, unser wunderschönes mit so viel Herzblut erschaffenes Theater in der kommenden Saison vorm Kentern zu schützen. Elke Münch ist dabei eine große Stütze, da Sie sich als Regisseurin uneingeschränkt in den Dienst für das Theater am Meer stellt.

Es war übrigens für Marion sofort klar, dass sie sich in diesen Zeiten wieder voll für das Theater am Meer einbringt. Wir beide werden auch jetzt - wie damals - mit unseren Ideen an Euch herantreten und wir bitten heute, wie vor zehn Jahren, dass Ihr uns und den aktuellen Vorstand in dieser für uns entscheidenden Saison mit aller Kraft unterstützt, damit wir im nächsten Jahr im August wieder einen Tag der offenen Tür erleben dürfen, bei dem wir erzählen können, wir haben es geschafft, GEMEINSAM haben wir diese existenzbedrohende Krise gemeistert.

Am Ende bleibt uns nur der herzliche Dank an alle Vorstandsmitglieder der letzten zehn Jahre, die aktiv und arbeitsreich den Kurs des Theaters am Meer mitgestaltet haben. Danke an Klaus Aden, Claudia Ducci, Marc Gelhart, Horst Jönck, Sandra Krüger, Yannik Marschner, Marco Norden, Rune Opitz, Ulrike Schütze und Wolfgang Watty.

Euch allen alles Gute und bleibt gesund!
Eure Marion & Arnold

Ein Schauspielhaus ist unsere Welt;
für jeden ist eine Roll` bestellt.

(Dieser Spruch, der über einem Theater in Amsterdam steht, könnte auch über unserem Haus stehen)