Nach dem Beruf zurück zur alten Leidenschaft

WILHELMSHAVENER ZEITUNG vom 13. Juni 2020

Nach dem Beruf zurück zur alten Leidenschaft 

PORTRÄT Walter Bleckwedel Spielt seit 21 Jahren an der Niederdeutschen Bühne - „Plattschnacken“ musste er erst noch lernen 

Theater spielen ist für Walter Bleckwedel ein wichtiger Teil seines Lebens. Aus beruflichen Gründen musste er diesen aber eine lange Zeit ruhen lassen.

Von LUTZ RECTOR 

WILHELMSHAVEN - Es war die „Dramatische Abteilung“ der Kaufmännischen Union von 1801 in Bremen, die Walter Bleckwedels Lebensweg nachhaltig beeinflussen sollte. Dort sammelte der theaterbegeisterte Hanseat erste Bühnenerfahrungen. Lang ist‘s her. „Das war in den 50ern“, erzählt er. „Und obwohl es ‚dramatische Abteilung‘ hieß, haben wir nie Dramen gespielt.“ 1959 verließ der heute 86-Jährige seine Heimat, zog nach Wilhelmshaven, um bei Olympia im Export tätig zu werden. Durch die örtliche und vor allem berufliche Veränderung musste er seine Leidenschaft ruhen lassen. „Bei Olympia war ich viel zu sehr eingespannt, häufig auf Auslandsreisen und kümmerte mich hier um ausländische Gäste. Da war keine Zeit mehr fürs Theater.“

Losgelassen hat ihn die Bühne aber nie. Doch es dauerte bis zur Rente, ehe Bleckwedel den Weg zurück auf die Bretter, die die Welt bedeuten, fand. Genaugenommen hatte er gar nicht gesucht, sondern wurde selbst (wieder)gefunden. „Ich hatte in der Zeitung gelesen, dass ein Theater Darsteller suchte. Es war das Seniorentheater ‚Wellenbrecher’. Also habe ich mich dort gemeldet.“ Damit begann das zweite Kapitel von Bleckwedels Theaterleben.

Keine Angst vor der „neuen“ Sprache

Es sei eine spannende Zeit gewesen, erinnert sich der Rentner. „Wir waren alle Laien, haben aber alles selbst gemacht: Stücke geschrieben, das Bühnenbild angefertigt und alles, was sonst noch nötig war.“ Einzig die Theaterleiterin sei Profi gewesen und habe die Inszenierungen übernommen. Weil es keine feste Bühne gab, hätten die „Wellenbrecher“ die Vorstellungen verkaufen müssen. „Aber das hat gut funktioniert.“  Dann bekam Walter Bleckwedel einen Anruf von Klaus Aden, damals Leiter der Niederdeutschen Bühne. „Er fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, dort mitzumachen“, erzählt der Ex-Olympianer. „Ich sagte ihm, dass ich doch gar kein Platt spreche. Aber Aden meinte, das würde man mir dort schon beibringen. Also nahm ich das Angebot an.“ Der Auftakt zu Kapitel 3.

Angst vor der „neuen“ Sprache hatte Bleckwedel nicht. Zum einen habe er immer ein gewisses Talent für Sprachen gehabt, zum anderen sei Platt kein gänzliches Neuland gewesen. „Meine Großeltern kamen aus Hemslingen, einer Gemeinde im Landkreis Rotenburg, und die sprachen platt, auch mit meinen Eltern. Da habe ich natürlich einiges mitbekommen, auch wenn ich es selbst nichts sprach.“

„Ich bin ja kein Schauspieler“

Anfangs bekam Bleckwedel, wie alle anderen Ensemblemitglieder, Spesen für sein Engagement. „Das habe ich gar nicht verstanden.. Es war doch ein Verein, da zahlt man selbst Beiträge und bekommt kein Geld.“ Und tatsächlich habe sich sehr bald herausgestellt, dass sich die Niederdeutsche Bühne, die im Stadttheater als Mieter spielte, diese Spesen nicht mehr zahlen konnte. „Dann sollte Arnold Preuß die Leitung übernehmen. Aber er hatte klare Vorstellungen und stellte Bedingungen. Eine davon: In einem Amateurtheater gibt es keine Vergütungen!“ Der Verein stimmte zu und Preuß übernahm.

Zunächst blieb das Stadttheater feste Spielstätte. „Aber es war schon immer ein Riesenaufwand, das komplette Bühnenbild für einen Tag auf- und abzubauen, weil wir ja nur Gäste waren“, blickt Bleckwedel zurück. Als dann auch noch die Miete erhöht wurde, habe man den Mut gefasst, ein eigenes Theater zu eröffnen – im ehemaligen Gewerkschaftshaus an der Kieler Straße. „Das war natürlich ein Risiko ohnegleichen. Niemand wusste, ob wir das schaffen und ob uns die Zuschauer an den neuen Standort überhaupt folgen würden.“ Die Niederdeutsche Bühne schaffte es und das Publikum folgte!

99 Plätze hat das „Theater am Meer“, wie die Spielstätte seit ihrer Eröffnung am 8. Mai 2010 heißt. Keine zufällige Zahl, da ab 100 Zuschauern schärfere Vorgaben mit höheren Kosten gelten. „Aber die 99 Plätze sind bei fast jeder Vorstellung ausverkauft“, freut sich der Darsteller, wie er sich bezeichnet. „Ich bin ja kein Schauspieler, habe nie eine entsprechende Schule besucht. Gelernte Schauspieler würden mir wohl erklären, was ich so alles falsch mache, auch nach mehr als 20 Jahren an der Niederdeutschen Bühne“, lacht Bleckwedel.

Gesundheitliche Gründe machen das Theaterspielen schwierig

Wie viele Jahre noch dazu kommen, könne er nicht sagen „Momentan weiß ja niemand, wie es weitergeht, auch mit dem Theater am Meer selbst.“ Allerdings habe Arnold Preuß in einer „sehr emotionalen Mail“ allen Mitgliedern die Hoffnung auf eine erfolgreiche Zukunft vermittelt.

Trotzdem könnte Bleckwedels Bühnenabschied näherrücken – aus gesundheitlichen Gründen. „Ich habe Probleme mit dem Gleichgewicht. Da ist es schwierig, weiter Theater zu spielen.“ Sollte es weiter Rollen für ihn geben, die er körperlich schaffen kann („textlich habe ich keine Probleme“), will er in jedem Fall dabei bleiben. Wenn nicht, müsste er schweren Herzens aufhören. „Das Theater ist seit ich in Rente bin ein wichtiger Lebensinhalt für mich“, so der 86-Jährige. „Neben meiner Frau natürlich“, ergänzt er.