Wenn zwei Welten aufeinanderprallen

WILHELMSHAVENER ZEITUNG vom 7. September 2020

Wenn zwei Welten aufeinanderprallen

THEATER Niederdeutsche Bühne entlockte kleinem Publikum Begeisterungssturm

VON WOLFGANG NIEMANN

Rechtsanwältin Anna nimmt sich des Falls von Karl, dem Jungen von der Hallig, an. Zwei Temperamente finden zueinander. - FOTO: OLAF PREUSCHOFF/THEATER AM MEER

WILHELMSHAVEN – Coronabedingt durften der Premiere im Theater am Meer in Wilhelmshaven an diesem Samstag nur 30 Zuschauer beiwohnen. Die aber riss es am Ende der großartigen Vorstellung von „Mit dien Oogen" zu stehenden Ovationen von den Sitzen. Schon das Stück von Frank Pinkus in der niederdeutschen Fassung von Renate Wedemeyer an sich ist ein Juwel, denn diese kluge Komödie besticht neben viel Witz auch mit Tiefe und Herzenswärme. Dazu hatte Regisseurin Elke Münch mit Claudia Ducci als Rechtsanwältin Anna und Rune Opitz als Karl von der Hallig zwei Akteure auf der Bühne, die ganz und gar in ihren anspruchsvollen Rollen aufgingen.

Das Stück beginnt etwas spröde mit der überehrgeizigen Rechtsanwältin, die nur ihren nächsten Fall im Kopf hat und genervt auf die wiederholten Anrufe mal vom Ex-Mann, mal vom neunjährigen Sohn Jonas reagiert. Dann aber platzt auch noch Karl ins Büro, ein seltsamer Kauz. Ungeduldig hört sie sich seine Wirre Geschichte an, nach der er offenbar allein mit seiner Mutter auf der Hallig Norderooge gelebt hat. Bis Mutter vor drei Jahren verstarb und die Nachbarn für seine Unterbringung in einem Heim sorgten, weil er angeblich „lebensunfähig" sei. Worauf in der Anwältin mit dem „sturnackigen Blick" sofort das juristische Ethos anspringt: Gegen den Willen einsperren geht gar nicht.

Bevor sie jedoch einen Arzt bestellen kann, um feststellen zu lassen, dass Karl nicht verrückt ist, sorgt der fröhliche Kindskopf mit seiner Direktheit und unverstellten Logik erst einmal für allerhand Aufruhr in Annas wohlgeordnetem Weltbild. Flott gespielt und mit lässigem Körpereinsatz beider prallen die so verschiedenen Welten so intensiv aufeinander, dass die Funken sprühen. So will Karl die verbissene Anwältin endlich wieder zum Lachen bringen und hat da eine kindlich naive Idee – er schleppt sämtliche Alkoholvorräte der Wohnung herbei zum Testen. ,,Op ex!" kommandiert er quer durchs Sortiment und obwohl er den Alk irgendwie widerlich findet, hat die Aktion doch Erfolg. Anna löst ihr Haar und will sogar tanzen. Der Kater aber ist vorprogrammiert.

Zum zwerchfellerschütternden Höhepunkt wird dann Karls übersprudelnde Freude an einem Schimpansen-Film im Fernsehen, worauf Anna ihn nur mühsam bremsen kann, sich nicht völlig zu entblößen. Und dann ist da Karls hinreißende Masche mit dem Filmeraten, um die Anwältin zu umgarnen. Wobei er den berühmten Forrest Gump am überzeugendsten einsetzt, denn diesem freundlichen Tor, der Wahrheiten immer direkt ausspricht, ist er selbst am ähnlichsten.

Wie dieses mit ganz viel Spielfreude dargebotene Stück ausgeht, soll hier jedoch nicht verraten werden. Darauf dürfen sich nun die Zuschauer der nächsten Aufführungen freuen. Sie finden am 11., 13., 19. und 20. September jeweils um 20 Uhr sowie am 13. und 20. September jeweils um 16.30 Uhr statt.