De plietsche Tüffelhannes (NDE)

Uraufführung der Niederdeutschen Fassung (22.3.1992)

DE PLIETSCHE TÜFFELHANNES

Komödie in fünf Akten von Arnold Preuß  nach Carlo Goldoni
"Der Diener zweier Herren" - "il servitore di due padroni"

Inszenierung: Rudolf Plent
B
ühnenbild: Rudolf Plent
Regieassistentin: Roswitha Wunderlich

Bühnenbildbau: Alfred Christoffers, Walter Borraß, Erwin Hildebrandt
Bühnentechnik: Michael Müller, Karl-Heinz Goldenstein, Gesienus Thomas, Günter Newerla, Frank Schmidt, Klaus Panka
Bühnenmaler: Herbert Ulbrich
Beleuchtung: Peter Pfaus, Uwe Freiberg
Inspizientin: Anne Hillers
Souffleuse: Hildegard Steffens
Requisiten: Marga Goldenstein

Rollen und Darsteller
Jakob Pannkoken, en Kramer - Klaus Aden
Klärchen, sein Dochter - Wilma Welte
Afkaat Lienpadd - Horst Jönck
Sibelt, sien Söhn - Wilfried Pampuch
Marie, is ünnerwegens as Junker Frederk van Rotspon - Christine Fein
Junker Ferdinand van Arungen - Jürgen Tapken
Karl Breckholt, Kröger - Horst Karstens
Gerhardina, Klärchens Deenstdeern - Margot Andrews-Jäkel
Tüffelhannes - Arnold Preuß
Een Deensten - Günter Jaedeke
Anner Lüüd - August Desenz (Orgeldreiher), Hildegard Steffens,
Klaus Panka, Anna Hillers

Dina (Margot Andrews-Jäkel) mag Tüffelhannes (Arnold Preuß)

WILHELMSHAVENER ZEITUNG vom 24. März 1992

Bravo für Arnold Preuß und seinen "Plietschen Tüiielhannes"

Erfolgreiche Uraufführung der Niederdeutschen Bühne

Von Barbara Schwarz

Riskant war es schon, den "Diener zweier Herren", diese seit 200 Jahren lebendige Komödie des Venezianers Goldoni, ins Plattdeutsche zu übertragen. Unvereinbar scheinen Mentalität und Spieltradition. Zu viele mißglückte Textbearbeitungen dilettantischer Art hat es zudem in der Vergangenheit bereits gegeben. Aber Arnold Preuß, Leiter der Niederdeutschen Bühne am Wilhelmshavener Stadttheater seit 1985, hat gewagt und gewonnen. Seine Übertragung und Bearbeitung von Goldonis unsterblicher Komödie, "De plietsche Tüffelhannes", am Sonntagabend im Wilhelmshavener Stadttheater aus der Taufe gehoben, ist ein fröhliches, unterhaltsames, niederdeutsches Theaterstück; vom Uraufführungspublikum begeistert aufgenommen. Viel Szenenbeifall, langer Schlußapplaus und Bravo für Arnold Preuß, der zugleich die Titelrolle spielte.

Goldonis "Diener zweier Herren" ist ja auch schon keine reine Commedia dell'arte Komödie mehr, sondern bereits eine Weiterentwicklung dieser aus dem Mittelalter überkommenen Theaterform hin zur Charakterkomödie. Goldoni hat das Stück 1745 im Auftrag des großen Arlecchino Mimen Antonio Sacchi geschrieben, nach einer französischen Vorlage. Preuß übernahm die Grundform der Fabel, die Figuren. Einerseits wurde sein Spiel schlichter, weniger raffiniert und artistisch, andererseits gewannen die doch noch recht typisierten Nebenfiguren Goldonis durch die plastische niederdeutsche Sprache an Charakter.

Regisseur Rudolf Plent hat die Handlung zudem in der Biedermeierzeit angesiedelt, um gar nicht erst in Versuchung zu geraten, mit der virtuosen Körpersprache einer italienischen Commedia dell'arte Truppe zu konkurrieren. Die Biedermeierzeit bietet zudem auch den passenden Rahmen für Väter, die ihre Kinder verkuppeln, Diener, die nicht schreiben und lesen können und Mühe haben, ihr täglich Brot zu verdienen. Eine Zeit, in der auch romantische Liebe und Degen Raufhändel junger Adliger ihren Platz hatten.

Kabinettstück

Während Plent für das eigentliche Spiel ein schräges Podest mit wenigen Möbelstücken. einen kleinen, schmucklosen biedermeierlich tapezierten Wirtshausraum wählte, gab er dem Ganzen einen opulenten farbigen Rahmen eine bewegte Straßenszene mit biedermeierlich gekleideten Spaziergängern samt Drehorgelmann (August Desenz) vor farbig bemaltem Vorhang mit Dorfansicht.

Preuß als plietscher Tüffelhannes wird beiden Seiten der Figur gerecht; er ist so plietsch wie sein venezianisches Vorbild, aber auch norddeutsch tüffelig, so daß dieser Arlecchino im Biedermeiergewand mit rosafarbenem Knautschzylinder aus Samt zwar weitgehend die Fäden des Spiels in der Hand hat, aber dann doch wieder staunend und bewundernd vor sich selber steht; pfiffig und einfältig zugleich und von großer Spielfreude.

Diese muß man auch allen anderen Mitwirkenden bescheinigen, voran Klaus Aden als Jacob Pannkoken und Horst Jönck als Afkaat Lienpatt, die als kupplerische Väter im Streitduett auf der Straße (bei Goldoni 2. Akt, 2. Szene) ein Kabinettstückchen an Komik abliefern. Wilma Welte, schön schrill als verliebtes Klärchen, schnäbelt mit Wilfried Pampuch als köstlich tolpatschigem liebenden Sibelt. Frisch gewinnt Christine Fein in der Hosenrolle der Marie den wacker geradlinigen Jürgen Tapken in der Rolle ihres geliebten Ferdinand. Polterig und bauernschlau geben Horst Karstens als Kröger und Günter Jaedeke als Diener und Kellner dem Spiel Farbe. Margot Andrews Jäkel als Deenstdeern Gerhardine erinnert, frisch und rundlich, an eine Wilhelm Busch Figur und gewinnt den Tüffelhannes für sich. Ein insgesamt hübsches und abwechslungsreiches Verwechslungsund Verwicklungsspiel, an dem die Zuschauer ihre Freude haben.

Tüffelhannes (Arnold Preuß) kassiert einmal Lohn vom Junker Ferdinand (Jürgen Tapken)

NORD-WEST-ZEITUNG vom 23. März 1992

Trufaldino im Biedermeier

Uraufführung: "De plietsche Tüffelhannes" von Preuß

Von Ernst Goetsch

Wilhelmshaven. 250 Jahre ist er alt, der "Diener zweier Herren", der bauernschlaue Truffaldino Carlo Goldonis. 36 Stunden jung hingegen ist der "Tüffelhannes" des Wilhelmshaveners Arnold Preuß. Doch eines ist ihnen gemeinsam: sie wirbeln als bettelarme, aber pfiffige Analphabeten vital und listenreich über die Bretter, die die Welt bedeuten der eine (der Ältere) als Rokoko Figur mit venezianischer Sprachfarbe, der andere (der Blutjunge) mit niederdeutschem Zungenschlag im Biedermeier Milieu.

"De plietsche Tüffelhannes" so der vollständige Titel von Arnold Preuß' Fünfakter nach Goldonis Komödie wurde am Sonntag im Wilhelmshavener Stadttheater aus der Taufe gehoben mit großem, mit riesigem Erfolg! (das Publikum erzwang etliche Vorhänge, feierte Autor, Regisseur und Akteure, sparte nicht mit Bravo Rufen). Preuß, als Bühnenleiter der "Niederdeutschen" an der Jade wie als Autor und Übersetzer routiniert, hat seinem "Tüffelhannes" alles auf den Weg gegeben, was Zündkraft verheißt: Mutterwitz, Temperament, den richtigen Riecher für Gelegenheiten, aus jeder verworrenen Situation Vorteil zu schlagen. Mag dieser von seiner Umwelt allzu oft unterschätzte Tüffelhannes auch noch so unverfroren zulangen und mogeln das Publikum verzeiht es ihm und es genießt, wie dieser arme Teufel seinen leeren Beutel, seinen leeren Magen füllt.

Glücklicherweise hat der Schauspieler Preuß, der sich als Autor den "Tüffelhannes" auf den Leib schrieb, der Versuchung widerstanden, auch noch Regie zu führen. Das überließ er einem Vollprofi, dem in der niederdeutschen Theaterszene oft schon eingesetzten Österreicher und Wahl Oldenburger Rudolf Plent. Und der bewies im Fall "Tüffelhannes" einmal mehr, daß er volkstümlich rustikalen Stücken einen optisch höchst gefälligen Rahmen zu geben weiß. In Wilhelmshaven steuerte Plent auch die Bühnenbild-Grundidee für den farben und formenreichen Biedermeier-Rahmen bei mit Drehorgel (August Desenz), mit tänzelnder Beschwingtheit, szenischer Gelöstheit und nicht zuletzt! mit einer Wortregie, die jeden Dialog glasklar vernehmbar bis in die 20. (die letzte) Parkettreihe des Stadttheaters brachte.

Daß Plent auf "Biedermeier" setzte, mag manchen an Goldoni Stil und Kolorit orientierten Puristen gestört haben das Publikum der Uraufführung nicht! Im Gegenteil: Es taute rasch auf bei den auf Tempo gehaltenen Szenen der ersten drei Akte. Nach der Pause wurden Längen, wurden Dehnungen spürbar, doch das schmälerte nicht das Vergnügen im Partkett dank der Aufgekratztheit des Titelhelden (sprich: Preuß!), der als Mitleid weckender Wurm wie als Tausendsassa stets belächelter und bewunderter Mittelpunkt der Szene blieb.

Am Ende, nach zwei Stunden stimmungsvoll anzüglicher Unterhaltung, auch viel Applaus für Plent, der die konträren Geister der Biedermeier Kleinbürgerwelt zwischen "latinsch" brabbelndem Advokaten, tyrannisch waltendem Tochter-Versorger und närrisch verliebten Junkern in Trab hielt.

Gewiß: Nur ein bunter Bilderbogen von gestern, vorgestern. Aber: Ein mit sanfter Ironie angereicherter Bilderbogen, der in 30 (!) Proben zu einem passablen Guß geriet. Alles auf die nette, gefällige Art: Duelle, Geschäftskalkül, Schmusigkeiten, Irrungen, Wirrungen, Verkleidungen und Täuschungsmanöver. Leichte Ware, aber . . . solide gestrickt, augenzwinkernd offeriert! Mitbeteiligt, mitgefeiert: Klaus Aden (der Kaufmann Vater), Wilma Welte (das zuweilen etwas überdrehte Töchterchen Klärchen), Horst Jönck (ein gespreizter Advokat), Christine Fein (Marie, dessen Tochter), Jürgen Tapken (Junker Ferdinand) und Margot Andrews Jäkel (Dienstmagd mit naivem "Ogottogott" Ton). Und etliche und andere allesamt eingesponnen in ein Konzept, das Gemüt und Lustbarkeit weitgehend auf Niveau hält.


Die glücklichen Paare finden zueinander

FRIESICHER HAUSBOTE vom 19. März 1992

Niederdeutsche Bühne Wilhelmshaven

De plietsche Tüffelhannes

Uraufführung einer Eulenspiegelei

Wilhelmshaven. Ewig hungrig nach gutem Essen und sinnlicher Liebe. Lebensgenießer, weil Lebenskünstler. Gaukler, Gauner, Eulenspiegel. Karriere wird er nicht machen und Besitz nie anhäufen, aber dafür wird er das pralle Leben im Hier und Heute bis zum letzten Tropfen auskosten. Schlitzohrig und weise, pfiffig und heiter, manchmal geprügelt, aber nie kaputt: Hannes Pantüffel ut Uhlenkroog Se dröfft Tüffelhannes to mi seggen. Als ob das Leben nicht schon kompliziert genug wär, Tüffelhannes schafft es mit lockrer Hand und leichter Zunge , die ach so tragischen Verwicklungen noch mehr zu komplizieren. Nur das Happy End wird er nicht verhindern. Im Gegenteil: Er wird sich seinen Teil davon sichern. Ganz ungeniert und locker.

Der edle Ritter Frederick von Rotspan ist bei einem schröcklichen Händel ums Leben gekommen. Seiner Schwester, Marie von Rotspan, Verlobter: Junker Ferdinand van Arungen muß fliehen ob des fürchterlichen Verdachtes, jenen Frederick gemeuchelt zu haben. Und was ist mit des edlen Frederick Verlobter: Klärchen Pannkoken, des reichen Kaufmanns Töchterlein? Nun Klärchen hat ganz, ganz schnell in Sibelt, Sohn des Afkaat Lienpadd, mehr als nur Ersatz gefunden. Beide sind ineinander unsterblich verliebt. Und das ganz ungeniert auf offener Bühne.Und schon fast wären wir beim seligen Happy End, gäb es da nicht den Tüffelhannes, der sich als Diener des Frederick von Rotspan vorstellt und den unmittelbar bevorstehenden Besuch seines Herrn im Hause Pannkoken ankündigt.

Große Verwirrung.

Klärchen will nichts mehr wissen, von dem ihm väterlich zudiktierten adligen Verlobten. Die zukünftigen Schwiegerväter sind verdattert und geraten einander in die Haare. Der Kaufmann wittert von neuem die edle TraumPartie für sein Töchterlein, der Advokat fühlt sich zutiefst in seiner bürgerlichen Ehre gekränkt, durch die Aufkündigung des Verlöbnisses.

Diener zweier Herren

Marie erscheint in der Verkleidung ihres toten Bruders Frederick, bringt die spießbürgerliche Idylle vollends durcheinander. Aber in Wahrheit ist sie nur auf der verzweifelten Suche nach ihrem Liebsten, dem vermeintlichen Mörder ihres Bruders.

Per Zufall wird nun Tüffelhannes auch Diener des flüchtigen Junkers Ferdinand, der im selben Gasthaus einkehrt, wie seine ach so vermißte Marie. Doch natürlich wissen beide nicht von des anderen Nähe. Und Tüffelhannes tut auch alles, um die Begegnung der beiden zu verhindern. Denn zwei Herren zu gleicher Zeit bedeuten für ihn zweifachen Lohn und reichliches Essen.

Und so jongliert er meisterlich mit kleinen Lügen, Betrügereien, erfundenen Personen und der naiven Gutgläubigkeit seiner Mitmenschen. Immer wieder gerät er in riskante Situationen, verwechselt als Analphabet die Briefe seiner beiden Herren, gibt sie um seinen Hals aus der Schlinge zu ziehen gar als kürzlich verstorben an und riskiert beinahe ewiges Liebesleid und tragisches Ende der Liebenden. Doch das Happy End ist nicht aufzuhalten.

Eulenspiegel und Otto

Arnold Preuß hat nach Motiven des Weltklassikers 'Der Diener zweier Herren' von Carlo Goldoni ein eigenständiges plattdeutsches Theaterstück geschrieben, das Profi Regisseur Rudolf Plent auf einem interessanten Bühnen Arrangement Spielpodest und Vorbühne werden teils gemeinsam, teils getrennt bespielt mit viel Spielwitz, Ironie und flotter Choreografie inszeniert. Roswitha Wunderlich macht die Regie-Assistenz und schlüpft in eine kleine Hosen Nebenrolle. Tüffelhannes (Arnold Preuß) tänzelt, wetzt und schleicht durch die Schicksale seiner Mitmenschen, tritt in Fettnäpfchen, fällt aber immer wieder auf die Beine, wenn er einmal ausrutscht. Arnold Preuß gestaltet diesen Eulenspiegel und Otto leichtfüßig, treuzherzig augenzwinkernd und kühl kalkulierend.

Kaufmann Jakob Pannkoken (Klaus Aden) und Afkaat Lienpadd (Horst Jönck) liefern sich scharfzüngige Duelle und komödiantisch begeisternde Beschimpfungen. Herrlicher Slapstick: ihr Verfolgungstrip über die Vorbühne. Dick und Doof und Charlie Chaplin lassen grüßen. Christine Fein spielt die Hosen-Rolle Frederick/Marie von Rotspan. Da ist nichts Weibisches an ihrem edlen Ritter. Da ist sie strenger Herr und wirkungsvoller Kontrast zum Bruder Lustig Tüffelhannes.

Der liebeswunde, unschuldig verfolgte Junker Ferdinand, den die Eskapaden seines wunderlichen Dieners so sehr in Atem halten, daß er kaum noch Gelegenheit hat, sich seinem Liebesschmerz hinzugeben eine dankbare Aufgabe für Jürgen Tapken.

Wilma Welte spielt mit Hingebung das verliebte Klärchen.

Herrlich melodramatisch zu Herzen gehend ihre kleinen hysterischen Anfälle. Und den verliebten Sibelt Lienpadd hinschmelzend in der Liebe und ein wenig linkisch ritterlich in der Verteidigung seiner Geliebten verkörpert Wilfried Pampuch.

Der deftige Kröger Breckholt ist mit Horst Karstens sehr gut besetzt und seinen Dienstmann spielt Günter Jaedeke: Und schließlich ist da noch die ach so sympathisch naive verliebte und von Tüffelhannes geliebte Magd Dina des Kaufmanns Pannkoken Margot AndrewsJäkel. Neugierig auf gutes einfallsreiches Theater? De plietsche Tüffelhannes bietet's.


Wie verteilt man alles gerecht? (vl. Günter Jaedeke, Arnold Preuß, Horst Karstens)

Keen Utkamen mit´t Inkamen (2. WA)

2. Wiederaufführung (3), davor 1956/57 und 1969/70 gespielt

KEEN UTKAMEN MIT´T INKAMEN

Komödie in drei Akten von Fritz Wempner

Inszenierung: Jürgen Tapken
Bühnenbild: Jürgen Tapken

Bühnenbildbau: Alfred Christoffers, Walter Borraß, Erwin Hildebrandt
Bühnentechnik: Michael Müller, Karl-Heinz Goldenstein, Gesienus Thomas, Günter Newerla, Frank Schmidt, Klaus Panka
Bühnenmaler: Herbert Ulbrich
Beleuchtung: Peter Pfaus, Uwe Freiberg
Inspizientin: Helga Borraß
Souffleuse: Hanna Christoffers
Requisiten: Marga Goldenstein

Rollen und Darsteller
August Bodendiek, Rentner - Günter Boye
Ida Bodendiek, seine Frau - Herta Tapken
Helmut Jäger, Obst- und Gemüsegroßhändler - Horst Karstens
Klaus, sein Sohn - Thorsten Könnecke
Gerry Franzen, später Frau Jäger - Roswitha Wunderlich
Lisa, ihre Tochter - Alexandra Janßen
Fide Sprott, Nachbar von Bodendieks und Rentner - Klaus Aden
Frau Bollmann, Frau von Lisas Chef - Heidi Rausch
Paula Sprott - Hanna Christoffers


Bodendieks (Herta Tapken und Günter Boye) studieren die Zeitung nach Untermietern durch

Wilhelmshavener Zeitung vom 10. 2. 1992

Wenn das Geld nicht reicht

"Kien Utkamen mit't Inkamen" erweckte viel Heiterkeit".

Von Theodor Murken.

Daß heute in so mancher Familie das Einkommen nicht ausreicht für alle Bedürfnisse und Wünsche des täglichen Lebens, könnte schon ausreichen für ein Theaterstück. Dem 1910 geborenen Schleswiger Autor kam aber der Einfall für ein Lustspiel über ein Rentner Ehepaar, das sein Einkommen durch die Vermietung eines möblierten Zimmers aufstocken möchte. Durch einen besonderen Zufall vermietet das Ehepaar das Zimmer aber doppelt. Das ruft nun mancherlei Komplikationen hervor.

Fritz Wempner machte daraus in den 50er Jahren ein "lustig Spill". Er liebte am Plattdeutsch die heitere Seite und spielte bei der Niederdeutschen Bühne Flensburg auch die heiteren Rollen. Wie in Plattdeutsch hatte das Stück auch in hochdeutscher Sprache einen guten Bühnenerfolg. Kein Wunder, denn seit Jahrtausenden ist bis in die Gegenwart das Geld (das man zuviel oder zu wenig hat) ein strittiges Thema.

Die Inszenierung der Niederdeutschen Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven der Aufführung war von Jürgen Tapken darauf angelegt, die Handlung zur allerhöchsten Wirkung zu bringen. Es herrschte eine ständige Heiterkeit im vollbesetzten Theater. Am Schluß gab es viele Vorhänge. Man konnte sich vorstellen, daß diese Inszenierung dem entspricht, was Fritz Wempner mit der Bezeichnung "lustig Spill" ausdrücken will.

Da war z. B. Klaus Aden als Fite Sprott, der unter der Knute seines "Hausdrachens" seine Komödiantenrolle auf das Beste auszufüllen versteht. Seine Frau Paula dirigierte ihren Mann nur stimmlich. Hanna Christoffers hatte diese Role ohnehin als "Topustersche" übernommen.Das Rentner Ehepaar August und Ida Bodendiek, das seine Rente durch die Doppelvermietung des möblierten Zimmers sehr kräftig aufzubessern sucht, stellten Günter Boye und Herta Tapken in ihren unterschiedlichen Temperamenten sehr überzeugend dar. Man hatte seinen. Spaß daran, wie Günter Boye sich verschmitzt durch das aufregende Labyrinth lavierte.

Alles dreht sich in diesem Stück um einen Junggesellen und ein Fräulein, die als Untermieter in einem Bett schlafen, er am Tage sie in der Nacht. Alexandra Janßen und Thorsten Könnecke hatten (unwissend) dieses Kunststück zu vollbringen. Natürlich muß das bald herauskommen. Das ergibt dramatische Szenen. aber zum Schluß vertraufes Miteinander.

Zum harmonischen Ausklang tragen Roswitha Wunderlich als Mutter und Horst Karstens als Vater der Untermieter und Heidi Rausch als Chefin bei. Nur Fite Sprott muß bestürzt feststellen, daß seine Frau immer noch "die Hosen" anhat.

Klaus (Thorsten Könnecke) und Lisa (Alexandra Janßen)  schweben im 7. Himmel

FRIESISCHER HAUSBOTE

Niederdeutsche Bühne Wilhelmshaven

Keen Utkamen mit'n Inkamen

Wilhelmshaven. Wenn ein Rentner Ehepaar ein Zimmer gleichzeitig an eine junge Frau und einen jungen Mann vermietet, die sich nicht kennen und von der Doppel Vermietung nichts wissen, dann muß das zu lustigen Verwicklungen kommen. Und na klar wird es ein Spiel um die Liebe. Und wenn dann noch ein paar Typen dazu auftauchen mit menschlichen Schwächen und einigen Macken und das alles so gut gespielt und inszeniert wird wie in Wilhelmshaven, dann dürfen sich die Zuschauer auf zwei locker unterhaltsame Stunden freuen.

Ida und August Bodensiek, das kinderlose Rentnerpaar, wollen ihre Finanzen ein wenig aufbessern. Denn bisher ist keen Utkamen mit 'n Inkamen. Per Anzeige bieten sie ein Zimmer zur Vermietung an. Und ohne daß sie davon wissen, vermietet er das Zimmer an die hübsche Sekretärin Lisa Franzen und sie an den jungen und ebenso sympathischen Klaus, Sohn des Obstund Gemüsehändlers Helmut Jäger.

Lisas Mutter, Gerry Franzen, hat die gemeinsame Wohnung mit ihrer Tochter aufgegeben, weil sie Helmut Jäger ehelichen will. Mit dem zukünftigen und unbekannten Vater und Bruder hat sie wenig im Sinn und braucht daher ein eigenes Zimmer.

Klaus fühlt sich von seinem Vater unverstanden, will sich auf eigene Beine stellen und beweisen, beginnt eine NachtFernfahrer Karriere und braucht, weil er sich von der ihm unbekannten zukünftigen neuen Mutter und Schwester verdrängt fühlt, tagsüber einen neuen Schlafplatz. Eine Zeitlang läuft das Mietgeschäft gut und ohne Störungen. Und die Bodendleks sind inzwischen ein gut eingespieltes Team geworden: Morgens beim Schichtwechsel wenn Lisa zur Arbeit gegangen ist und ehe Klaus müde von der Arbeit kommt tauschen sie Bettzeug, Toilettensachen, Pyjama und Nachthemd in Windeseile aus.

Ehe oder Kündigung

Doch dann kommt das Betriebsfest. Und unerwartet tauchen Lisa und die Frau ihres Chefs Bollmann zur Unzeit auf. So müssen ganz spontan und improvisiert Lisa und Klaus ein glückliches Eheleben spielen. Denn wegen der übersteigerten Eifersucht der Frau Bollmann hat Lisa ihre Sekretärinnenstelle nur als angeblich verheiratete Mutter erhalten. Aber es kommt noch 'schlimmer': Lisa muß Klaus als angeblichen Ehemann mit zum Betriebsfest nehmen. Und der hat wie das Schicksal so spielt auch Zeit. Denn sein Vater hat die Kündigung bei der Speditionsfirma erwirkt, weil sein Sohn Klaus eine Partie Apfelsinen nicht transportiert hat. (Natürlich ist Klaus kein Bösewicht und hat edle Gründe, ja rettet durch seine scheinbar böse Tat seinen Vater vor schlimmen Geschäftseinbußen. Doch das alles klärt sich erst beim Happy End auf.)

Aber es droht noch mehr Unbill. Denn die streitsüchtige Nachbarin Paula Sprott, die mit den Bodendieks im DauerClinch liegt, will das liebenswerte Rentnerpaar wegen geschäftsmäßiger Kuppelei anzeigen. Was bisher spaßiges Theater war, bei dem der Ehemann und Pantoffelheld Fide Sprott eine besonders amüsante Rolle spielte, wird nun bitterer Ernst. (Doch es wäre keine Komödie, wenn es nicht auch hier eine lustige Lösung gäbe.) Werden sich die verschiedenen Parteien Eltern, Kinder, Nachbarn, Chefin am Ende in die Haare geraten? Werden Karrieren zerstört werden, wird das Rentnerpaar im Knast am Hungertuche nagen? Nun spannungsreiche Geduld bis zum 3. Akt der Komödie 'Keen Utkamen mit 'n Inkamen'.

Mit einfallsreicher und konsequenter Regie inszeniert Jürgen Tapken eine flotte Komödie, die dem guten Ensemble viel Raum für ideenreiches Spiel läßt. Die Charaktere werden pointiert entwickelt, die Situationskomik amüsant ausgespielt.

August Bodendiek, ein Opa zum Liebhaben, aber keineswegs senil oder gar vertrottelt. Im Gegenteil: äußerst lebendig verschmitzt und liebenswert menschlich. Günther Boye versprüht herzerfrischenden Spielwitz. Ihm zur Seite Herta Tapken als die etwas widerborstige, sehr selbstbewußte und nüchtern patente Ida Bodendiek. Ihr herber Charme macht sie sympathisch, ihr Zusammenspiel mit Günter Boye gibt der Inszenierung Pfiff.

Comedy at its best

Alexandra Janssen mit ihrer eindrucksvollen Stimme spielt die Lisa Franzen als charmante, lockere, aber äußerst zielstrebige und selbstbewußte junge Frau. Eine bemerkenswerte' Leistung in ihrer ersten großen Rolle. Klaus Jäger: Sonnyboy und ein wenig zorniger junger Mann und vor allem schwärmerisch verknallt (Wat makt man blots mit soveel Leev?!). Gekonnt variiert Thorsten Könnecke die unterschiedlichen Stimmungslagen, unterstützt sein Spiel mit lebhaft variabler Mimik.

Klaus Aden mit seinem trocken ausgespielten Humor ist der richtige Komödiant für die köstliche Rolle des Fide Sprott. Mit August Bodendiek spielt er seinem abwesenden, nur akustisch präsenten Hausdrachen Paula herrliches SchmierenTheater vor. Und für selige Augenblicke ist der Pantoffelheld einmal Mann. Toll auch Klaus Adens Solo, wo er den alkoholisierten Schlappschwanz zum Möchtegern Macho aufbaut.

Roswitha Wunderlich gibt mit ihrer ausdrucksvollen, modulationsfähigen Stimme der Gerry Franzen, Lisas Mutter, sehr menschliche Züge, mit einem freundlichen Schuß Ironie. Heidi Rausch kann ihr volles komödiantisches Temperament und ihre rauchig verruchte Stimme bei der eifersüchtigen, affektieren Chef Frau Bollmann prächtig zum Ausdruck bringen. Immer im Off nie zu sehen, aber auch nie zu überhören Hanna Christophers als Paula Sprott. Das durch die letzte äußerst erfolgreiche Inszenierung 'To'n Düwel mit'n Sex' wird auch mit der Komödie 'Keen Utkamen mit 'n Inkamen' voll auf seine Kosten.

Gerry Franzen (Roswitha Wunderlich) bringt bei Bodendieks (Herta Tapken, Günter Boye) und Lisa (Alexandra Janßen) noch einiges durcheinander

To´n Düwel mit´n Sex (WE)

Niedersächsische Erstaufführung

TO´N DÜWEL MIT´N SEX

(No sex please, we´re british)
Schwank in drei Akten von Allistar Foot und Anthony Marriott
Niederdeutsch von Hans-Jürgen Ott

Inszenierung: Arnold Preuß
Bühnenbild Arnold Preuß

Bühnenbildbau: Alfred Christoffers, Walter Borraß, Karl-Heinz Goldenstein, Erwin Hildebrandt, Günter Newerla, Michael Müller, Frank Schmidt, Gesienus Thomas  und Klaus Panka
Bühnenmaler: Herbert Ulbrich
Beleuchtung: Peter Pfaus, Uwe Freiberg
Souffleuse: Marion Zomerland
Requisiten: Marga Goldenstein
Inspizientin: Anne Hillers

Rollen und Darsteller
Martin Kruse - Jürgen Tapken
Brigitte, seine Frau - Luise Pampuch
Grete, Martins Mutter - Hildegard Steffens
Paul Brandes, Freund von Martin - Claus Miehlke
Robert Gonzelmann - Karl-Heinz Schröder
Albert Rust - Rolf-Peter Lauxtermann
Herr Niklas - Horst Jönck
Tina, Masseurin - Annegret Lauxtermann
Sina, Masseurin - Alexandra Janßen
Gina, Masseurin - Petra Loschen
Bote - Klaus Panka

Drei Masseusinnen (Annegret Lauxtermann, Petra Loschen und Alexandra Janßen)  umschwärmen Martin (Jürgen Tapken)
GRODEN POST

Niederdeutsche Bühne macht Spaß:

Riesenerfolg für"Sexkomödie" in Fgroden

Von Ernst Richter

In den 60er Jahren war manches anders: Da galten die Beatles noch als jugendgefährdend, "Normalfamilien" staunten über die ersten studentischen Wohhgemeinschaften und Sexartikel wurden noch heimlich unter'm Ladentisch gehandelt. Wie gut ist es doch, daß wir heute ein viel freieres Verhältnis zur Sexualität haben, als der verklemmte Sparkassenfilialleiter Martin Kruse in dem heiteren, in den 60er Jahren angesiedelten Dreiakter "To'n Düvel mit'n Sex".

Mit dem Stück aus der Feder von Anthony Marriott und Alistar Foot (No sex please, we' re British) in der plattdeutschen Fassung von Hans Jürgen Ott erlebten die Akteure der Niederdeutschen Bühne Wilhelmshaven in der Aula der Agnes Miegel Schule einen riesigen Erfolg. Knapp 500 F'grodener wollten sich den Schwank, der im Guinness Buch der Rekorde als Komödie mit der längsten en Suite Laufzeit eingetragen ist, auf keinen Fall entgehen lassen.

Bühnenleiter Arnold Preuß war begeistert: "Die letzten Aufführungen hier in F'groden waren ja schon toll, aber diese Resonanz ist der absolute Rekord seit vielen, vielen Jahren." Ob es das Wörtchen "Sex" im Titel oder die garantierten 120 Minuten erstklassige Unterhaltung war, das die F'grodener die Theaterkassen stürmen ließ, sei einmal dahingestellt. Fest steht aber: Wenn die Niederdeutsche Bühne kommt, schmerzen die Lachmuskeln und strömen die Lachtränen.Eins vorweg: Blanke Busen gab's nicht zu sehen. Schließlich hieß es "To'n Düvel mit'n Sex" und nicht "Hoch lebe der Sex". Obschon die schnuckeligen Masseusen von der Skandinavian Import dem lustlosen Bankrevisor gehörig an die Wäsche wollten. Aber alles schön der Reihe nach:

Brigitte Kruse ordert zwecks Aufbesserung der Haushaltskasse bei einer schwedischen Firma ahnungslos Pornoartikel in Großhandelsmengen. Zuerst liefert die "Skandinavian Import" nur Bilder und Heftchen. Sparkassenleiter Martin Kruse ist genauso entsetzt über den Schmuddelkram wie seine Frau. "Das Zeug muß sofort wieder verschwinden!" Doch da rückt auch schon Martins Mutter an und die hat ausgerechnet seinen Boss im Schlepptau. Wenn der nun die vielen Bilder und Hefte sieht? Martins Freund und Kollege Paul Brandes wird damit beauftragt, die Pornos verschwinden zu lassen. Doch als die Polizei die Dinger am Strand auffischt, geht der Ärger erst richtig los.

Doch schon treffen weitere Lieferungen bei den Kruses ein: Bücher und Filme. Bloß weg damit. Inzwischen hat Bankrevisor Niklas bei Familie Kruse sein Nachquartier bezogen, weil in der Stadt kein Zimmer mehr zu bekommen ist. Ausgerechnet an diesem Abend kommt die heikelste Lieferung der Schweden: Tina, Gina und Sina. Drei hübsche Masseusen, die ahnungslosen Niklas ins "schwedische Gebirgeentführen wollen. Der Fluchtversuch durch die Kruse'sche Wohnung ist der absolute Brüller: F'groden heult vor Vergnügen.

Die immer abenteuerlicher werdenden Not Lügengeschichten des Ehepaares Kruse, die Verwicklungen und Verstrickungen, der ungeschickte Freund der Familie, dem alles mißlingt, was er auch anpackt und das auffällig unauffällige Bemühen, das Geschehen vor der Mutter und dem Chef zu verbergen, treiben die Komik beinahe bis ins Groteske. Das Ende vom Lied: Der Bankdirektor kennt die Masseusen aus eigenen Hausbesuchen, und der Kommissar lädt zum Männerabend ein, an dem die beschlagnahmten Filme angesehen werden sollen. Ertappt. So brenzlig war die Lieferung dann ja wohl doch wieder nicht. Und F'grodens Theaterfreunde sind aus dem Häuschen. Riesenbeifall für die Niederdeutschen im Stadtnorden. Wer's verpaßt hat, muß sich für die nächsten Aufführungen schon ins Stadttheater bemühen oder bis zum 6. März warten. Dann sind die Niederdeutschen wieder in F'groden und klagen über "Keen Utkamen mit't Inkamen".

Brigitte (Luise Pampuch) und Paul (Claus Miehlke) - wo kommen bloß diese Pornosachen alle her?

JEVERSCHES WOCHENBLATT

Mitreißende Komödie

Niederdeutsche spielen "Ton'n Düvel mit'n Sex"

Von Christian Erdmann

Wilhelmshaven. Die Premiere der Niederdeutschen Bühne Wilhelmshaven ist ein besonderes Ereignis und um es hier gleich vorwegzunehmen die neueste steht dieser Tradition in nichts nach. "No Sex please, we're british" so der Originaltitel des Stückes von Anthony Marriot und Alistair Foot, das im Guiness Buch der Rekorde als Komödie mit der längsten hintereinanderfolgenden Laufzeit, die es jemals in London gegeben hat, geführt wird. In der hochdeutschen Fassung von Friedrich Berger machte die Komödie Furore auf deutschen Bühnen, ehe sie nun in der plattdeutschen Übersetzung von Hans Jürgen Ott bei den Niederdeutschen präsentiert wurde.

Nun zum Stück: Sparkassenleiter Martin Kruse (Jürgen Tapken)' bewohnt mit seiner Frau Brigitte (Luise Pampuch) eine Wohnung über der Sparkassenfiliale. Da Brigitte das Hausfrauendasein nicht auslastet, hat sie auf die Annonce einer skandinavischen Firma geantwortet, um sich durch "Heimarbeit" etwas Geld hinzuzuverdienen. Als nun die erste Lieferung dieser Firma eintrifft, nimmt das Verhängnis seinen Lauf. In dem Paket befinden sich nämlich weniger Heimarbeitutensilien, als vielmehr pornografische Fotografien.

Daß so etwas im Hause eines Sparkassenleiters nichts zu suchen hat, versteht sich von selbst. Doch nun erscheint auch noch Grete Kruse (Hildegard Steffens), die Mutter des Sparkassenleiters, um diesen für einige Tage zu besuchen. Da wird es natürlich schwierig, das "Material" an der Mutter vorbei aus der Wohnung zu schaffen. Und da ist ja noch der Kassierer und Freund von Martin Kruse Paul Brandes (Claus Miehlke). Durch seine "tatkräftige" Unterstützung gerät die Sache völlig außer Kontrolle. Da ist es fast schon Nebensache, daß plötzlich neben dem Bezirksdirektor Gonzelmann (Karl Hein Schröder) auch der Sparkassenrevisor Niklar (Horst Jönck) in der Wohnung einund ausgehen und immer neue Lieferungen der skandinavischen Firma eintreffen . . . aber mehr sei hier nicht verraten!

Regisseur Arnold Preuß hat das amüsante Stück spritzig und äußerst unterhaltsam inszeniert. Der Spannungsbogen wurde gekonnt von den ersten Szenen bis zu den fast dramatischen Entwicklungen zum Schluß gespannt. Großen Anteil an dem tollen Erfolg der Aufführung hatte aber nicht zuletzt das Ensemble, daß das Tempo während des ganzen Stückes halten konnte. Vor allem sei hier Claus Miehlke genannt. Seine kleinen Vergeßlichkeiten und das Ungeschick beim Fortschaffen der Bilder und Bücher waren mehr als komisch und gaben dem ganzen Stück einen tollen Schliff. Aber auch Martin Kruse verstand es, die zunehmenden Verwicklungen, in die er als eigentlich Unbeteiligter hineingezogen wurde, herüberzubringen. Für das Bühnenbild und Technik sorgte Klaus Panke, die Ausstattung wurde von Marga Goldenstein zusammengestellt.

Das Stück wird von den Niederdeutschen noch achtmal im Januar gespielt. Hier die Termine: Im Stadttheater am 12., 19., 24. und 26. Januar jeweils um 20 Uhr und am 12. und 26. Januar auch um 15.30 Uhr. Gastspiele finden am Donnerstag, 16. Januar, in Sande, ev. Gemeindehaus, und am Freitag, 17. Januar, in der Aula der Agnes MiegelSchule in Fedderwardergroden statt.

Oh Gott,der Bote (Klaus Panka) bringt ja noch mehr Bücher und so´n Zeug´s -  für Paul (Claus Miehlke), Brigitte (Luise Pampuch) und Martin (Jürgen Tapken) wird´s wirklich brenzlig

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Fröhlicher Schwank riß alle mit

"To'n Dübel mit'n Sex" wurde zum Riesenerfolg

Von Theodor Murken

"Greift nur hinein ins volle Menschenleben . . . wo ihr's packt, da ist's interessant". Von diesem Ratschlag, den Goethe im "Faust" der "lustigen Person" in den Mund legte, mögen, bewußt oder unbewußt die Engländer Anthony Mariott und Alistair

Foot geleitet worden sein, als sie vor gut 30 Jahren, selber noch kaum 30 Jahre alt, für einen Schwank ein Thema auffgriffen, das damals gerade eine gewisse Aktualität gewonnen hatte, den Sex. Ihr Stück "No sex please" schlug .ein. In der hochdeutschen Übersetzung von Friedrich Berger gewann es auch alle deutschen Bühnen und schwappte dann in der plattdeutschen Ubersetzung als "To'n Düvel mit'n Sex" von Hans Jürgen Ott auf die plattdeutschen Bühnen über und kam nun am 2. Weihnachtstag bei der Niederdeutschen Bühne in Wilhelmshavener Stadttheater als Premiere heraus.

Ein Schwank gewinnt durch die Fülle der Verwicklungen, drastisch serviert. In diesem Fall geht es um das Geschäft mit dem Sex, das eine unseriöse Firma damit macht. Auf sie fällt die Frau eines gut angesehenen Sparkassen Filialleiters buchstäblich herein. Wie das geschieht und was sich daraus entwickelt, ist des Ansehens wert. Der Schwank ist nicht nur ein lustiges Spiel, er glossiert auch dunkle geschäftliche Machenschaften, wie sie es zu allen Zeiten gibt. Dieser Schwank hat auch eine weitere Eigenschaft. Er gibt dem Regisseur viele Möglichkeiten, die von den Autoren geschilderte Handlung auf die Spitze zu treiben bis hin zur Posse. Diese Gelegenheit hat der Speelbaas der Niederdeutschen Bühne, Arnold Preuß, genutzt und nicht zuletzt auch damit am 2. Weihnachtstag dem Stadttheater im vollen Haus ein begeistertes Publikum gefunden.

Dabei ergab sich, daß auf der Bühne ein Ensemble agierte, von dem man sagen kann, daß es über sich selbst hinauswuchs. Die Leistungen einzelner Darsteller steigerten sich zu reiner Akrobatik. Das Gesamtspiel verlor niemals an Tempo und führte besonders im letzten Akt von einem Höhepunkt zum anderen. Das bedeutet hier, daß am versöhnlichen Schluß man den Darstellern anmerkte, wie glücklich sie selber über die gelungene Aufführung waren. Im Vordergrund des brausenden Beifalls standen Jürgen Tapken als Sparkassenleiter Martin Kruse, der ständig hin und her rennen mußte zwischen all den Verwicklungen, Claus Miehlke als Paul Brandes, den seine eigenen Ungeschicklichkeiten und Pechsträhnen zur Verzweiflung brachten, und Horst Jönck als Revisor Niklas, der sich u. a. dem Angriff dreier "Masseusen erwehren mußte, die von Annegret Lauxtermann (Tina), Alexandra Janssen (Sina) und Petra Looschen (Gina) mit leidenschaftlicher Anhänglichkeit dargestellt wurden.

Luise Pampuch war die Frau des Sparkassenleiters, die das ganze Debakel anrührte, als sie sich auf die Annonce einer angeblichen skandinavischen Firma sich durch "Heimarbeit" etwas verdienen wollte (was den Verkauf von pornografischen Bildern, Büchern und Filmen bedeutete). Schlimm, daß ihre Mutter (Hildegard Steffens) zu den Verwirrungen beitrug; erleichternd, daß der Sparkasseninspektor (Karl Heinz Schröder) mit einiger Mühe aus dem Wirrwar herausgehalten werden konnte und in der Schwiegermutter eine Lebensgefährtin fand. Bei allem darf die Polizei nicht vergessen werden, vertreten durch die riesenhafte Gestalt von Rolf Peter Lauxtermann, der alle die Personen zu einem Fest der Polizei einlud, bei dem man sich die von der Polizei bechlagnahmten Filme und Bücher ansehen will. Dies hatte der Bote (Klaus Panke) als Zusteller ins Haus gebracht. Unter seiner Leitung standen auch Bühnenbild und Technik, für die Ausstattung sorgte Marga Goldenstein, die Malerei Herbert Ulbrich.

Sie (Luise Pampuch und Jürgen Tapken) sind geschafft vom Abtransport der unanständigen Filme,Bilder, Bücher etc.

NORD-WEST-ZEITUNG

Turteleien und Turbulenzen

"To'n Düvel mit'n Sex" Schwank bis zum Bersten

Von Ernst Goetsch

Wilhelmshaven. Ach, es könnte so schön sein . . . Turteleien von Flitterwöchnern! Doch die aprilfrisch muntere Biggi kommt mit ihrem Martin, dem Sparkassen Filialleiter, nicht zur Ruhe. Ihr trautes Heim, ein Haus der Freude. droht zum Freuden Haus zu werden. Denn Biggi, auf eigenen Beitrag zum Familieneinkommen bedacht, hat sich als Bezirksvertreterin einer skandinavischen Versandfirma angedient, und die schickt nun plötzlich statt der erwarteten Edelbestecke kartonweise Schmuddelware Pornobilder, Pornofilme, Pornobücher!

Wohin mit dem Zeug? Durchs Klo spülen? Verbrennen? Vergraben? Dem Reißwolf anvertrauen? Ja, wenn das so einfach wäre . . .!

Paul, Sparkassenkassierer und Freund des Hauses, soll die lästige Fracht aus der Welt schaffen, doch als Tollpatsch höchsten Grades stürzt er die Flitterwöchner und sich selbst immer wieder in neue Verlegenheiten wo doch jeden Augenblick die ehrpusselige Frau Schwiegermama, der gestrenge Herr Sparkassenchef und obendrein noch ein Revisor im Wohnheim der Jungvermählten über Genierliches stolpern könnten . . . !

"To'n Düvel mit'n Sex", heißt dieses närrisch überdrehte Spiel, mit dem die Niederdeutsche Bühne Wilhelmshaven nach einem kassenfüllenden Knüller äugt. Ein prall derber Scherz, der in die 60er Jahre zurückblendet, in jene Zeit, in der "nackte Tatsachen", knallbunt und drastisch offeriert, gen Süden und Westen rollten, Sittenwächter auf die Palme trieben, Spießer klammheimlich zum Studium "schändlicher" Importware verführten.

Anthony Marriott, ein britischer Boulevard Konfektionist (Jahrgang 31, glücklich und kinderreich verheiratet in Middlesex!) und sein Co Autor Alistair Foot (Jahrgang 1930, mittlerweile verblichen) haben diesen tolldreisten Seitenhieb wider Prüderie in englischen Salons ausgebrütet. "No Sex please, we're British", ihr Anmache Produkt gegen Moralinsaure, mutmaßlich satt mit untergründig trockenem englischen Humor gewürzt, lief und läuft und läuft in London seit Jahren, soll sogar inzwischen

Agatha Christies "Mouse Trap" als das bislang am längsten en suite gespielte Unterhaltungsstück übertrumpft haben, somit reif für das Guinness Buch der Rekorde.

Na, wenn schon . . .! Was da an britischer Selbstironie konzipiert, von Friedrich Berger ins Hochdeutsche katapultiert wurde (nicht sehr viel Aufsehen erregend), präsentiert sich nun in norddeutschen Gefilden "auf platt" in Hans Jürgen Otts Mundartfassung als Trumpf As des Dialekttheaters. So, wie der verteufelte Sex britischer Machart ins Niederdeutsche (speziell Oldenburgische) transportiert über die Rampe des Wilhelmshavener Stadttheaters kommt, nimmt er sich als Versuch aus, die legendäre "Pension Schöller" in den Schatten zu stellen. Doch! "To'n Düvel mit'n Sex" ist streckenweise noch schriller, noch irrer, noch turbulenter als das vorweg benannte urdeutsche Gewächs von geballter Situationskomik.

Eine Klamotte? Ein unbändiger Klamauk? Ja, beides! Aber dieser verteufelte Sex, dieses anzüglich (im übrigen sexuell garantiert keimfreie) Animierstück kommt pyramidal an. Arnold Preuß, Bühnenleiter und Regisseur der Niederdeutschen an der Jade, läßt keine Gelegenheit aus, die aberwitzige Komik (Situationskomik) der in Bedrängnis geratenen Kleinbürger drastisch herauszuknallen. Nach zwei vergleichsweise mäßigwellig dahinplätschernden Akten, die trotzdem schon etliche Lacher provozieren, gibt er im Schauspielerjargon gesprochen "den Affen Zucker". Da geht's rund; da wird kräftig aufgeschminkt, aufgedreht: Situationskomik bis zum Bersten!

Claus Miehlke als arg geschundener, vielfach überforderter Schadensbegrenzer Paul Brandes, Freund des Hauses, und Rolf Peter Lauxtermann als ein an Schlafstörungen leidender, von Sex Masseusen bedrängter Revisor quittieren dabei am Ende die stärksten Streicheleinheiten des Publikums. Jürgen Tapken als ge- und zerquälter Jungehemann und Luise Pampuch als dessen Biggi stecken wie die meisten anderen Akteure das Feld einer unfreiwillig heraufbeschworenen "Schändlichkeit" ab, die sich im gnädig selbstgefälligen Rückblick auf Irrungen und Wirrungen der 60er Jahre als relativ harmlos verrückt ausnimmt. Denn selbst die drei höchst ansehnlichen, aber überwiegend nett artig agierenden Masseusinnen sparen letztlich alles aus, was als "Igittigit" Anstoß erregen könnte.

Alles in allem genommen: Ein Super "Schöller". Kein Paradestück niederdeutscher Bühnenkultur, aber trotz weithin fehlender Charakterkomik ein komödiantisch würzig angereicherter Schmalzkuchen. (Erlaubt ist, was gefällt . . . oder?).

Selbst vor dem gestrengen Chef Gonzelmann (Karl-Heinz Schröder) muss Martin alles verstecken, was es zu verstecken gibt. Nur schade, dass seine Mutter Grete (Karin Heyel) so viel Gefallen an Gonzelmann findet. Da kann man nur noch abwarten, was Luise Pampuch und Claus Miehlke in ihren Rollen tun müssen

FRIESISCHER HAUSBOTE

Niederdeutsche Bühne Wilhelmshaven

To'n Düvel mit'n Sex Ein absoluter Publikumsrenner

Wilhelmshaven. Sparkassenleiter Martin Kruse und Brigitte, seine Frau, sind jung vermählt, glücklich und verliebt. Die Zukunft liegt strahlend vor ihnen. Doch dann ereignen sich Katastrophen serienweise. Um sich ein Zubrot zu verdienen, hat Brigitte auf eine Anzeige geschrieben. Und nun bekommt sie statt erhoffter Gläser und Bestecke pornografische Bilder aus Skandinavien. Wo Anfang der 60er Jahre Sex noch verpönt war, um wieviel sträflicher war in jenen Zeiten noch Pornografie.

Unfreiwilliger und oft unbeholfener Helfer, bei den Versuchen die heiße Ware loszuwerden, wird ihr Freund Paul Brandes. Statt die Bilder zu vergraben, wirft er sie in den Hafen und sorgt so ungewollt für deren Verbreitung und löst eine polizeiliche Fahndung nach dem Phantom Pornografen aus.

Pornos und Masseusen

Weitere Porno Sendungen folgen: Bücher und Filme. Und das alles wäre nur halb so schlimm, wenn nicht Martins gestrenge Frau Mutter zu Gast wäre, die zudem den sittenstrengen Robert Gonzelmann Chef von Martin immer wie der als ihren persönlichen Gast ins Haus einlädt. Vor ihnen muß das unfreiwillige schändliche Treiben der jungen Leute verborgen bleiben. Und die höchste Stufe der Komplikationen wird schließlich erreicht, als jene Porno Firma auch noch drei aufreizend attraktive Masseusen ins Haus schickt, wo auch der pingelig prüde Revisor Niklas für die Nacht Unterschlupf gefunden hat, ehe er am folgenden Tag Martins Sparkassen Filiale prüfen kann. Nur gut daß er noch nicht ahnt, daß Martin zu allem Überfluß einen Kundenscheck über 30 000 DM an jene PornoFirma geschickt hat.

Martin, Brigitte und Paul müssen mit immer wieder neuen improvisierten Einfällen verdächtige Spuren verwischen und falsche Fährten legen. Ganz klar, daß sich daraus ein turbulentes komödiantisches Spiel voller Verwicklungen und Verwirrungen ergibt. Ein Gag löst den anderen ab. Wortwitz, Situationskomik und das herrliche Komödianten Trio Jürgen Tapken, Luise Pampuch und Clans Miehlke animieren die Zuschauer zu immer neuem Juchzen, Lachen und Applaudieren. Locker leichtes BoulevardTheater irrbesten Sinne bietet die Inszenierung von Arnold Preuß. Und die Zuschauer sind stets auf der Lauer nach der nächsten Überraschung, der nächsten Katastrophe mit Pfiff.

Klasse Komödianten Trio

Sehr gekonnt stürzt sich Jürgen Tapken als Martin Kruse in die Wechselbäder der Stimmungen und Verhaltensweisen. Mal verliebt zufrieden, mal ohnmächtig wütend, mal überkorrekt höflich, mal ironisch augenzwinkernd. Mit ungeheurer Energie und überzeugend vielfarbigem Spiel gestaltet erden Sparkassenleiter, der aus einer spießigen Biederkeit herauskatapultiert wird, der immer neue Masken der Rechtschaffenheit aufsetzen und immer neue Fassaden der Wohlanständigkeit errichten muß. Und ihm zur Seite Brigitte, die unbeabsichtigt Ursache all der bedrohlichen Turbulenzen geworden ist. Luise Pampuch reißt die Zuschauer mit bei dem komödiantischen Paarlauf, den sie mit Jürgen Tapken durch das Lustspiel mit immer neuen spaßigen und witzigen Figuren manchmal atemberaubend durchhält.

Kontrapunkt und Ergänzung und dritter Komödiant im Bunde ist Clans Miehlke, der den drögen und etwas unbeholfenen, aber stets hilfsbereiten Freund Paul Brandes spielt. Ein ausgezeichnetes Trio, daß die Handlung vorantreibt, zusammenhält und ihm die komödiantische Würze gibt.

Horst Jönck macht die Nebenrolle des Revisors Niklas, dieses scheinheilig lüsternen Spießers, zu einem Genuß. Rolf Peter Lauxtermann als Polizist Albert Rust imponiert allein schon durch seine Statur. Hildegard Steffens gelingt die nervig neugierige, mütterlich bevormundende Mutter/ Schwiegermutter recht gut. Karl Heinz Schröder spielt den scheinheilig biederen Chef Robert Gonzelmann. Annegret Lauxtermann, Alexandra Janßen und Petra Looschen treiben leicht aufreizend ihr Spiel als Masseusen. Und nicht unerwähnt sei der kurze Auftritt von Klaus Panka als Bote.

Publikumswirksam

Mit der Inszenierung dieses englischen Lustspiels 'No sex we're British' hat Arnold Preuß gezeigt, daß Niederdeutsches Theater ganz einfach lustig, unterhaltsam und pfiffig sein kann, ja sein sollte. Und er hat gezeigt, wie müßig all jene Diskussionen sind: Ob denn Niederdeutsches Theater heiter, beschwingt und ganz einfach publikumswirksam sein darf. Für wen denn sonst sollte Theater gespielt werden als fürs Publikum?l Und das Publikum sorgt für immer neue Kassen Rekorde. Erstmalig wird die Niederdeutsche Bühne Wilhelmshaven sogar Zusatztermine anbieten, um die große Nachfrage zu befriedigen. Viel Spaß.

Schon in den Nachrichten wird es gebracht, Pornobilder überschwemmen den Banter See - v.l. Claus Miehlke, Jürgen Tapken, Luise Pampuch

Tööv, dat dat düster ward (NDE)

Niederdeutsche Erstaufführung (am 1.11.1991)

TÖÖV, DAT DAT DÜSTER WARD

(Wait - until dark, Warte, bis es dunkel ist)
Kriminalspiel von Frederick Knott
Deutsch von Wolfgang Menge
Niederdeutsch von Lore Moor

Inszenierung: Albrecht C. Dennhardt
Bühnenbild Albrecht C. Dennhardt
Regieassistenz Christine Fein

Bühnenbildbau: Walter Borraß, Karl-Heinz Goldenstein, Erwin Hildebrandt, Günter Newerla, Frank Schmidt, Gesienus Thomas und Klaus Panka
Bühnenmaler: Herbert Ulbrich
Beleuchtung: Peter Pfaus, Uwe Freiberg
Souffleuse: Karin Heyel
Requisiten: Marga Goldenstein
Inspizientin: Helga Borraß

Rollen und Darsteller
Meik Dalmann - Manfred Janßen
Carlino, gen, Schandarm Kalli - Horst Karstens
Harry Roth - Wilfried Pampuch
Susi Hendrix - Helga Lauermann
Sammi Hendrix - Heinz Zomerland
Gloria - Katrin Schmidt

Sammi (Heinz Zomerland) beruhigt Susi (Helga Lauermann)

NORD-WEST-ZEITUNG

Eine Puppe, die's in sich hat

Uraufführung: "Tööv, dat dat Düster warrt"

Von Ernst Goetsch

Wilhelmshaven. Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett. Ob nun Mimi oder Jimmy viel Zeitgenossen genießen vor dem Schlafengehen einen Thriller im Pantoffelkino. Das hat sich auch bei den Mundartbühnen herumgesprochen, die nichts unversucht lassen, Mimi und Jimmy und möglichst viele andere "aus dem Häuschen zu bringen", ins Theater zu locken. Der jüngste Lockruf dieser Art heißt "Tööv, dat dat Düster warrt". Um zu sehen, wie "das Dunkel wird" (kommt), kamen am Freitag abend die Wilhelmshavener in hellen Scharen ins Stadttheater, zur Uraufführung des von Lore Moor ins Niederdeutsche übertragenen Reißers "Wait, until dark", den Routinier Frederick Knott ausgekocht und in der englischen Originalfassung mit Audrey Hepburn weltweit zum Filmhit getrieben hat.

Im Mittelpunkt dieses Vierakters steht eine Puppe, die's in sich hat. Heroin steckt in ihr; Rauschgift, das auf dem Luftweg eingeschmuggelt und in der Kellerwohnung eines Berufsfotografen versteckt wurde. Ein hochkarätiger Gangster und zwei halbherzig mitlaufende Gelegenheitsganoven versuchen dieser Puppe auf die Spur zu kommen. Nein, das ist kein puppenlustiges Spiel! Das ist Horror, zumal sich die Jagd nach dem weißen Gift rund um die junge blinde Susi, die Frau des meistens abwesenden "Hausherrn" Hendrix, vollzieht. Psychologisches Licht in das Krimi Dunkel aber bringt letztlich eben diese Blinde, die von seltsamen, verdächtigen "Gästen" bedrängt ihre Wahrnehmungskraft schärft, bis sie Freund und Feind richtig zu "orten" weiß, bis sie erkennt, was gespielt und wie ihr mitgespielt wird.

"Harry Roth", der eiskalte Anführer des Trios, scheint unbeirrbar, doch seine Spießgesellen gedrungen, erpreßt sind offenbar nicht frei von Skrupeln. Erwächst daraus ein Fünkchen Hoffnung für die bedrohte Susi? (Ein Rezensent, der weiter aus der Kiste plaudert, muß sich einen Verräter" und Stimmungsmörder schelten lassen. Bitte nicht!)

Regisseur Albrecht C. Dennhardt, Schauspieler am Oldenburgischen Staatstheater, vordem Akteur an der Wilhelmshavener Landesbühne versucht aus dem Knott Thriller herauszukitzeln, was herauszukitzeln ist. Und das ist nicht wenig . .

Doch Dialogführung gestaltet sich schwierig, wo komplizierte Zusammenhänge mit diversen dicken Krimi Knoten zu erklaren sind. Da erweist sich strekkenweise die niederdeutsche Sprache als etwas sperrig. Dennhardt gleicht das aus, indem er um so kräftiger unterschiedliche Charakterstrukturen ausformen läßt (in dieser Beziehung bietet das "Platt", wie sich erweist, eine Vielfalt an bestechenden Ausdrucksformen). Überdies versteht es Dennhardt, als Bühnenbildner die Angstwelt der Susi in einen Rahmen zu zwingen, der Umzingeltsein und scheinbare Ausweglosigkeit signalisiert.

Am Ende satter Applaus vor allem für die als Susi höchst flexibel und sensibel agierende Helga Lauermann, aber auch , für das "Besetzer Trio" (Wilfried Pampuch der rigorose Boß; Manfred Jarißen und Horst Karstens die weniger ruchlosen Mitläufer), für die widerborstige junge Hausbesorgerin (Katrin Schmidt) und den ahnungslosen, meist abwesenden Hausherrn (Heinz Zomerland)

Gewiß, das ist alles andere als ein arteigen niederdeutsches Werk. Doch neue brauchbare Beiträge zeitgenössischer Mundartautoren lassen sich fast an den Fingern einer Hand abzählen. Wer will's da den Wilhelmshavenern übelnehmen, daß sie als nächste Produktion abermals einen Import planen: "To'n Düvel mit'n Sex" im Original "No Sex, we're British!" von Marriot und Foot. Alsdann!

Kalli (Horst Karstens) und Maik (Manfred Janssen)  verabreden Übles - Susi (Helga Lauermann) ahnt etwas....

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Krimi mit knisternder Spannung

Mitreißende Uraufführung der Niederdeutschen Bühne

Von Theodor Murken

Wilhelmshaven. Das Kriminalstück beginnt mit einem schlichten, wenn auch etwas fragwürdigen "Hallo" und endet nach etwa zwei Stunden mit "Mord und Totschlag", aber ein Mord ist schon passiert, bevor das ganze Theater begonnen hat. So war es bei der neuen Premiere der Niederdeutschen Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven mit der Uraufführung eines Kriminalstückes von Friedrich Knott, das Lore Moor nun in die plattdeutsche Sprache mit dem Titel "Tööv, dat dat Düster warrt".

Man kann darunter mancherlei erahnen, war aber davon so beeindruckt, daß es das voll besetzte Haus zur Begeisterung hinriß. Wohl nicht ohne Hintergedanken hatte das Programmheft der Bühne Sätze des Berliner Theaterkritikers Alfred Kerr vorangestellt: "Das Publikum wird ethisch gebessert insofern, als der Schuft allemal sein Fett kriegt"! In diesem Stück sind es deren gleich drei. Diese sind nämlich hinter eine "Popp" her, einer Puppe, die mehr als nur eine Spieldose in ihrem Innern verbirgt. Dazu kam noch, daß die Inszenierung mit Regie und Bühnenbild von dem Gast Regisseur Alfred C. Dennhardt besorgt wurde, der dabei auf alles bedacht war, was einen solchen Krimi zur vollen Wirkung verhalf und eine geschliffene Aufführung herausbrachte.

Christine Fein bewährte sich als Regieassistentin. Im ganzen Geschehen steht eine blinde Frau im Mittelpunkt für die die Puppe bestimmt ist und bei der die drei Ganoven sie vermuten. Helga Lauermann verstand es, recht überzeugend, in der Rolle als Susi, eine Blinde darzustellen, die sich am Schluß gar nicht als so hilflos erweist, wie man anfangs vermuten konnte. Die zweite weibliche Darstellerin Katrin Schmidt als Gloria stand ihr nicht nur als Einkäuferin in verschiedenen Szenen kräftig zur Seite und verdiente sich dabei besondere Lorbeeren. Aber als sie am Schluß mit Susis Ehemann, den Heinz Zomerland verkörperte, wieder auf der Bildfläche erschien, war alles glücklich gelaufen.

Die übrigen drei Darsteller gaben die Halunken. Zu ihnen gehörte einmal Manfred Janßen als Meik Dalmann, der sich glänzend auf den Wechsel zwischen Ganove und Biedermann verstand. Wie er wirklichkeitsecht erstochen und tot die Treppe hinunterfällt so etwas muß vorher gut geübt werden. Da hatte es Horst Karstens als Carlino, genannt Schutzmann Kalli, leichter, auch wohl mit dem Tod seiner Figur.

Nur der dritte der Ganoven machte als Anstifter kein Hehl aus seinen bösen Absichten. Diesem Harry Roth gab Wilfried Pampuch die Züge eines abgefeimten Burschen, der vor Mord nicht zurückschreckt, der blinden Susi hart zusetzt und schließlich den Kürzeren ziehen muß. Der Beifall war stark.

Ein herrlich gruseliges Gangstertrio (Horst Karstens, Manfred Janssen, Wilfried Pampuch)

GRODEN POST

"Niederdeutsche Bühne begeisterte F`grodener Publikum"

Eine Blinde gegen drei ausgekochte Ganoven

von Ernst Richter

Das Kriminalstück "Tööv, dat dat düster warrt" beginnt mit einem schlichten "Hallo" und endet nach rund zwei Stunden mit "Mord und Totschlag". Dennoch ist die Inszenierung der Niederdeutschen Bühne alles andere als ein Brutalo Krimi, sondern ein Spiel auf Leben und Tod, in dem die blinde Susi (Helga Lauermann) es mit drei ausgekochten Ganoven zu tun hat.

Und das kommt so: Der Fotograf Sammi Hendrix wird zum ahnungslosen Heroin Kurier, als er von seinem letzten Auslandsaufenthalt aus reiner Gefälligkeit eine Puppe für ein angeblich krankes Kind mitnimmt. Auf der Jagd nach der Puppe, in der Stoff im Wert von rund 300 000 DM versteckt sind, wirbeln die drei Ganoven Harry Roth, Meik Dalmann und Carlino alias Schandarm Kalli den Haushalt und das Leben von Sammis blinder Ehefrau Susi durcheinander.

Die Schurken schlüpfen in die unterschiedlichsten Rollen, um an das wertvolle Heroin zu kommen: Mal taucht einer als Sammis alter Freund auf, Carlino gibt sich als Polizist aus und Harry mimt den gehörnten Ehemänn des vermeintlich untreuen Sammi. Natürlich soll die Blinde nichts von deren wahren Absichten erfahren, und so versucht das düstere Trio mit allerhand Tricks das Versteck der Puppe ausfindig zu machen. Dabei gehen die Gangster sogar über Leichen. Zwei Morde geschehen auf offener Bühne. Scheinbar chancenlos steht die blinde Susi den drei kaltblütigen Verbrechern gegenüber.

Doch am Schluß erweist sich Susi als gar nicht so hilflos, wie man anfangs vermuten konnte. Als Harry Roth in der Wohnung der jungen Frau Benzin ausschüttet, überlegt Susi nicht lange, dreht das Licht aus und läßt den Ganoven im Dunkeln stehen. Sie weiß sich in ihrer Wohnung zwischen Tisch, Sofa, Kühlschrank und Waschmaschine besser zurechtzutasten und setzt den Gangster mit den Mordabsichten raffiniert außer gefecht.

Überzeugende schauspielerische Leistungen boten alle Akteure. Helga Lauermanns Spiel als Blinde, die leicht naiv und gutgläubig im Gewirr aus Lügen und Bedrohungen orientiert, Edel Ganove Maik Dalmann (Manfred Janßen), der die Unschuldige mit einem fiesen Doppel Spiel ans Messer liefert, Horst Karstens, der als Carlinm direkt zur Sache kommt und der abgefeimte Harry (Wilfried Parnpuch), der auch vor Mord nicht zurückschreckt.

Auch Gloria (Karin Schmidt), der locker flippige Teenager, der Susi im Haushalt zur Hand geht und deren Schlüsselrolle erst am Schluß des dramatischen Spiels offenbar wird und Heinz Zomerland, der den sympathischen AllerweltsEhemann verkörpert, haben sich wie alle anderen Akteure ihre Lorbeeren redlich verdient.

Und mit dem Bühnenbild hat Albrecht C. Dennhardt einen konzentrierten Rahmen für die fantastisch verwickelte Geschichte geschaffen, für die es von den über 250 Zuschauern in der Aula der Agnes Miegel Schule am Ende langanhaltenden Beifall gab.

Und Bühnenleiter Arnold Preuß ist stolz, daß der traditionelle Spielort F'groden beim Publikum wieder ankommt, nachdem die Theaterfreude der F'grodener in den vergangenen Spielzeiten deutlich nachgelassen hatte. Der nächste Termin der Niederdeutschen Bühne in der Agnes Miegel Schule ist der 17. Januar 1992. Dann gibt's den Schwank mit dem eindeutig zweideutigen Titel "To'n Düvel mit'n Sex" zu sehen. Unbedingt vormerken!

Gloria (Katrin Schmidt) beobachtet für Susi (Helga Lauermann) was auf der Straße passiert

FRIESICHER HAUSBOTE

Tööv, dat dat düster warrt

Niederdeutsche Bühne WilhelmshavenKnisternde Spannung bei den Niederdeutschen

Wilhelmshaven. Eine Blinde gegen drei ausgekochte Gangster. Ein Spiel auf Leben und Tod. Aber kein Brutalo Krimi, sondern spannende Unterhaltung, eine Handlung voll Überraschungen, eine ständige Einladung an die Zuschauer mitzukombinieren.Fotograf Sammi Hendrix wird zum ahnungslosen Heroin Kurier, als er aus Gegfälligkeit eine harmlos aussehende Puppe aus Amsterdam mitnimmt....Auf der Jagd nach der Puppe, in der Stoff im Wert von über 300 000 DM versteckt ist, wirbeln die drei Ganoven Harry Roth (jun. und sen.), Meik Dalmann und Carlino in Sammis Abwesenheit den Haushalt und Alltag seiner blinden Frau Susi durcheinander.

Sie schlüpfen in die unterschiedlichsten Rollen: Meik als alter Freund Sammis, Carlino als polizeilicher Freund und Helfer, Harry als gehörnter Ehemann, und Opfer des angeblich untreuen Sammi. Natürlich soll die Blinde nichts von ihrem schmutzigen Spiel merken. So versucht das düstere Trio möglichst ohne Gewalt, aber mit zynischen Tricks das Versteck der Puppe ausfindig zu machen. Dennoch geschehen drei Morde im Spiel zwei auf offener Bühne.Wird die blinde Susi den ungleichen Kampf mit der Unterwelt überleben? Alle Chancen stehen gegen sie. Und die Antwort? Tööv, dat dat düster warrt...

Tödliche Falle

Eine bemerkenswerte schauspielerische Leistung vollbringt Helga Lauermann als Susi Hendrix. Überzeugend schon ihr Spiel als Blinde. Behindert in einer vertrauten Umgebung. Sie die Naive, leicht launisch Gutgläubige muß sich in einem Gewirr von Lügen, Bedrohungen, Widersprüchlichkeiten tatsächlich wie eine Blinde im Nebel orientieren. Aber es ist kein Spiel, die Vorstellung, die drei Ganoven geben. Es ist todernst. Und Helga Lauermann entwickelt diszipliniert und ausdrucksstark die Wandlung dieser Frau zu einer ernstzunehmenden Gegenspielerin von drei kaltblütigen sehenden skrupellosen Verbrechern.

Sie vermeidet Hast und Panik, macht aber die ungeheure dramatische Spannung dieser Figur sichtbar, ja, fühlbar. Harry Roth, der kalt kalkulierende, nie impulsiv agierende, von ungeheurer kirmineller Energie angetriebene, zu allem entschlossene Gangster. Der große Unbekannte. Der Drahtzieher. Der Banden Chef. Sieger Typ. Der unmittelbare Gegner dieser scheinbar so schwachen, unbeholfenen, fast unbedarften Susi Hendrix. Wilfried Pampuch spielt ihn schmierig brutal bis sadistisch in der Schluß Szene.

Er steigt locker in die verschiedenen Rollen des beredten Italieners, des gebrechlichen eigenen Vaters, des verschlagenen Verbrechers. Eine schillernde Figur Wilfried Pampuch meistert sie, setzt dramatische Kontraste. Meik Dalmann ein wenig Edel Ganove, kaputter Typ mit einem Rest Gewissen, trügerisch sympathisch liefert mit fiesem Doppel Spiel die unschuldige Susi Hendrix ans Messer. Schleicht sich ein ins Vertfauen der Blinden. Manfred Janßen bringt sehr viel rüber von dieser zwielichtigen, zynischen Gestalt.

Horst Karstens' Carlino da dafür direkter, derber, volkstümlicher sein. Er schusselt un wurstelt sich durch die übelste Korruption und das kälteste Verbrechen. Gewissenloser Befehlsempfänger. Blanker Egoismus. Ein leichter tragikomischer Zug kommt durch ihn in diesen spannungsreichen Krimi. Gloria, der locker flippige Teenager, der Susi Hendrix im Haushalt und beim Einkaufen zur Hand geht und sie gelegentlich ein wenig ärgert Katrin Schmidt spielt diesen harmlosen Alltagsmenschen, der flockig oberflächlich durchs Leben gleitet, mit Engagement. Keine leichte Aufgabe. Doch diese scheinbare Nebenrolle wird zum daramatischen Ende zu einer der Schlüsselrollen. Heinz Zomerland ist der sympathische Allerwelts Ehemann, der seiner Frau scheinbar so überlegen ist. Kein leichter Einstieg in eine Bühnenlaufbahn.

Spannend unterhaltsam

Mit seinem Bühnenbild hat Albrecht C. Dennhardt einen konzentrierten Rahmen für die fantastisch verwickelte Verbrecher Story geschaffen. Spannend unterhaltsam entwickell er Handlung und psychische Situationen der Figuren, die einmal Täter einmal Opfer sind. Und er vermeidet alle plakativen Schwarz Weiß Malereien, treibt die komplexe Geschichte mit Drive voran. Kein Abschlaffen des Ensembles. Kein Ermüden des Publikums.

Und 'Abi' Dennhardt wie ihn das Ensemble respektvoll freundschaftlich nennt schafft es, daß die beiden Gegenspieler Sust und Harry den absoluten dramatischen Höhepunkt in der Schlußszene diszipliniert bis ins Detail ausspielen und dabei jedes platt billig makabere Vergnügen verhindern. Die Niederdeutsche Bühne Wilhelmshaven bietet ein mutiginteressantes Stück und bleibt ihrem Ruf experimentierfreudig zu sein treu. Und die Zuschauer machen mit. Der Premieren Applaus bewies das wieder einmal: 'Tja, op us Publikum sünd wi bannig stolt.' So Bühnenleiter Arnold Preuß.

JEVERSCHES WOCHENLATT

Theater um gefüllte Puppe

Plattdeutsches Stück der Niederdeutschen Bühne

Von Christian Erdmann

Wilhelmshaven. Die Niederdeutsche Bühne führt derzeit als zweites Stück der laufenden Spielzeit mit dem Krimi "Tööv, dat dat düster warrt" einen spannenden Krimi auf, der zum ersten Mal als plattdeutsche Version zu sehen ist. Der Originaltitel ,.Wait, until dark" stammt von Frederik Knott und der Stoff dürfte treuen Fernsehzuschauern aus der Verfilmung mit Audrey Hepburn bekannt sein.

Kernstück der Handlung ist eine Puppe, die der Fotograf Sammi Hendrix (Heinz Zomcrland) auf dem Heimflug von Lisa entgegennimmt, um diese für deren Tochter mitzunehmen. Einige Tage später erscheint Lisa bei Sammi, um die Puppe abzuholen. Was Sammi nicht weiß in der Puppe ist neben einer Spieluhr 800 Gramm reines Heroin. An diesem Heroin sind nun auch drei Schurken interessiert, und daraus entwickelt sich eine spannende Kriminalgeschichte.

Die Inszenierung durch Albrecht C. Dennhardt sorgte für eine wirkungsvolle Darstellung des Stoffes und führte die Zuschauer in die sich immer bedrohlicher gestaltende Handlung hinein. Die Zuschauer waren umso mehr gefesselt, weil die im Mittelpunkt stehende Frau von Sammi Hendrix, Susi (Helga Lauermann), blind ist und daher den drei Schurken bei ihrem Treiben recht hilflos ausgeliefert zu sein scheint. Sie spielt diese Rolle überzeugend, wenn sie sich zwischen Kühlschrank, Tisch und Sofa zurechttastet. In einer weiteren Rolle ist Katrin Schmidt als Gloria zu sehen. Wenn sie zunächst nur Susi bei den Hausarbeiten zur Hand geht, entwickelt sich ihre Rolle zu einem wichtigen Mosaikstein in der Handlung. Doch ein Krimi ist kein Krimi, wenn keine Schurken vorkommen, und davon gibt es in diesem Stück wie gesagt drei, die gemeinsam die Puppe an sich bringen wollen.

Zunächst ist Meik Dalmann (Manfred Janßen) zu nennen, der eine Vertrauensbasis zu Susi herstellen soll, um auf diesem Wege herauszubekommen, wo sich die besagte Puppe befindet. Sein dramatischer Bühnenabgang tut dem Zuschauer beinahe leid. Horst Karstens spielte den Carlino, genannt Schandarm Kalli, der als vermeintlicher Kriminalbeamter das Täuschungsspiel der drei Ganoven verstärkte. Als wahrer Bösewicht schälte sich ,jedoch Wilfried Pampuch als Harry Roth heraus, der im Gegensatz zu den beiden anderen Burschen auch vor Gewalt nicht. zurückschreckte, um zu seinem Ziel zu kommen. Das Publikum belohnte die Darsteller mit starkem Beifall.

Weitere Aufführungen: Sonntag, 17. November, um 15.30 und 20 Uhi', 26. November, um 20 Uhr, 30. November, um 20 Uhr im Stadttheater Wilhelmshaven. Am 28. November um 20 Uhr im Ev. Gemeindehaus Sande und am 29. November um 20 Uhr in der Agnes Miegel Schule.

Flitterweken (1. WA)

1. Wiederaufführung (2.), davor 1972/73 gespielt

FLITTERWEKEN

(Flitterwochen)
Lustspiel in drei Akten von Paul Helwig
Niederdeutsche Bearbeitung von Hans-Jürgen Ott

Inszenierung: Michael Herrmann a.G.
Regieassistenz: Roswitha Wunderlich
Bühnenbild Michael Hermann

Bühnenbildbau: Walter Borraß, Karl-Heinz Goldenstein, Erwin Hildebrandt, Günter Newerla, Frank Schmidt und Klaus Panka
Bühnenmaler: Herbert Ulbrich
Beleuchtung: Peter Pfaus, Uwe Freiberg
Souffleuse: Petra Loschen, Alexandra Janßen
Requisiten: Marga Goldenstein
Inspizientin: Anne Hillers

Rollen und Darsteller
Ulla Witte, Pressefotografin - Marion Zomerland
Erich Stiebel - Arnold Preuß
Willi Helbrich, Architekt - Günter Jaedeke
Tina, Haushälterin - Roswitha Wunderlich
Sabine Senden, Innenarchitektin - Nina Nickel
Frau Senden - Annchen Warrings-Konken

Das Ensemble von "Flitterweken" (v.l. Arnold Preuß, Marion Zomerland, Nina Nickel, Günter Jaedeke, Roswitha Wunderlich, Annchen Warrings-Konken

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Erfolg mit flotten "Flitterweken"

Niederdeutsche Bühne eröffnete die neue Spielzeit

von Theodor Murken

Wenn eine Tochter ohne Wissen ihrer Mutter heiratet und dazu noch einen Mann, der dieser verhaßt ist, und wenn die Tochter der Mutter einen anderen als ihren Mann vorstellt, kann das eine böse Sache werden. Warum aber alles so ernst nehmen? Der 1893 in Lübeck geborene und 1963 verstorbene Schriftsteller Paul Helwig hat ein Lustspiel daraus gemacht: "Flitterweken". Hans Jürgen Ott hat es ins Plattdeutsche übersetzt. Ein junger Regisseur, Michael Herrmann, inszenierte es für die Niederdeutsche Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven in komödiantischer Manier und errang so vor dem vollbesetzten Haus einen durchschlagenden Erfolg.

Mit "Flitterweken" eröffnete die Niederdeutsche Bühne die neue Spielzeit. Es war einiges neu: Das Bühnenbild von Michael Herrmann, ein Zimmer in grauer Farbe und mit großen Würfeln als Sitzmöbel. Eine junge Debütantin in einer Hauptrolle. Eine auch sonst mit netten Regieeinfällen gespickte Posse, mehr als ein "lüstig Spill", auf jeden Fall sehr theaterwirksam.

Sechs Personen agieren in den unterschiedlichsten Rollen. Fangen wir bei der letzten des Theaterzettels an: Roswitha Wunderlich als die dienstbare Tina entwickelte mit einem großen Hund auf dem Arm unwiderstehliche Komik auch dann, wenn sie ebenso schwieg wir ihr Hund. Nina Nickel, debütierte bei der Bühne in der Rolle jener Tochter Sabine, die heimlich heiratet. Sie spielte frisch und unbefangen und gab damit einen hoffnungsvollen "Einstand".

Man mußte gespannt sein auf den Augenblick, da der echte junge Ehemann (den Günter Jaedeke zu spielen hatte) der Mutter Sabines (Annchen WarringsKonken) gegenübertrat. Das geschieht erst im letzten Akt, nachdem im zweiten Akt die Mutter den falschen Schwiegersohn schon in ihre Arme genommen hatte. Interessant, zu sehen, wie schnell der Haß der Mutter verflog. Große Ansprüche stellt das Stück aber an zwei Darsteller, von denen der eine den falschen Ehemann Erich Stiebel verkörpern muß, und die andere, die als Ulla Witte und Freundin der Sabine den Erich Stiebel kennen lernt. Beide, Arnold Preuß als Erich Stiebel, und Marion Zomerland als Ulla Witte, beherrschen während aller drei Akte, weitgehend die Szene in allen Phasen komödiantischer Kunst, Liebe und Haß, Verzweiflung und Zerknirschung, auch in Zuneigung und Naivität.

Wir wollen nicht verraten, wie die ganze Sache ausgeht. Zu aller Verwunderung hebt sich im dritten Akt plötzlich eine Wand des Raumes, und es scheint so, daß die Flitterweken immer noch nicht zuende sind, ja, nun erst richtig beginnen. Mit dieser Premiere nahm die Spielzeit der Niederdeutschen einen wirkungsvollen Anfang. Ein besonderes Lob verdienten die Bühnenbauer unter Leitung von Klaus Panka und der Bühnenmaler Herbert Ulbrich, nicht zuletzt für die schön bemalten Würfel, wenn sie sicher auf die Dauer keine bequemen Stühle sind aber: Hochmut mutt Pien lieden . . .

Erich Stiebel (Arnold Preuß) versucht Frau Senden zu beeindrucken, Sabine (Nina Nickel) und Ulla Witte (Marion Zomerland) sind da eher skeptisch

Groden Post

F´groden in den "Flitterweeken"

300 Theaterfreunde erlebten Premiere in der Agnes-Miegel-Schule

Flitterwochen so steht es schwarz auf weiß im schweren Konversationslexikon sind die ersten Wochen eines jungen Ehepaares. Und weiter heißt es: "Flitterwochen" kommt vom althochdeutschen "flitarezzen", heißt soviel wie "liebkosen", und stammt auch vom mittelhochdeutschen Wort "Gevlitter" ab, was soviel wie "heimliches Lachen" bedeutet. Ganz und gar nicht heimlich, sondern schallend lachten rund 300 Theaterfreunde in der Aula der Agnes Miegel Schule, die sich bei der Premiere des neuen Stückes "Flitterweken" der Niederdeutschen Bühne die Lachtränen aus den Augen wischen mußten und bei den kuriosen und Verwicklungen auf der Bühne köstlich amüsierten

"Flitterweken" ist die Geschichte von Willi, Sabine, Ulla und Erich. Beinahe die wichtigste Rolle in einem Lustspiel: die der Mutter und Schwiegermutter. Die fehlte natürlich auch nicht in den "Flitterweken". Annchen Warrings Konken alias Frau Senden war als besorgte Mutter und nörgelnde Schwiegermutter neinahe der Drehund Angelpunkt der Geschichte. Was war passiert? Während eines gemeinsamen Urlaub mit ihrer Tochter kriegt sich Mutter Senden bei einem abendlichen Konzertbesuch mit einem jungen Mann in die Haare. Tochter Sabine (Nina Nickel) ist die ganze Sache peinlich, sie entschuldigt sich noch am selben Abend bei Willi Helbrich (Günter Jaedeke) für das Betragen der Mutter und verliebt sich in den jungen Mann. Auch der hat die Ohrfeige der rabiaten Konzertnachbarin längst vergessen und ist von Sabine ganz hin gerissen. Während eines Kuraufenthalts der Mutter heiraten die beiden heimlich.

"Doch eine Mutter will nicht nur glauben, daß es ihrem Kind gutgeht, sie will es wissen." Deshalb will sie ihren Schwiegersohn natürlich unbedingt kennenlernen. Anstatt der Mutter den symathischen Lümmel aus dem Urlaub als ihren Ehemann vorzustellen, gibt Sabine einen locker befreundeten Psychologen und Philosophen - Erich Striebel - als ihren Angetrauten aus, der nebenbei als Zeitungszusteller jobbt.

Um die Verwicklung komplett zu machen: Sabines Freundin Ulla (Marion Zomerland) verliebt sich in den Hilfs-Ehemann, Erich nimmt seine Aufgabe als "Göttergatte" etwas zu genau und verdirbt es sich nicht nur mit Tarn-Ehefrau Sabine, sondern auch mit seiner tatsächlichen Liebsten: Ulla. Als auch noch Sabines richtiger Ehemann Willi auftaucht, fliegt die ganze Geschichte natürlich auf.

Kein Lustspiel ohne Happy End: alle Pärchen kriegen sich, die Mutter ist versöhnt und es kann endlich richtig Hochzeit gefeiert werden. Warum nicht gleich so? Das Publikum ist begeistert und spendet lang anhaltenden Beifall. Bühnenleiter Arnold Preuß in der Rolle des Erich Striebel und natürlich auch die anderen Akteure vor und hinter den Kulissen freuten sich über den "Superstart" der neuen Spieltzeit der Niederdeutschen Bühne in F'groden. Arnold Preuß: "In der Vergangenheit hatten wir im Stadtnorden immer Probleme, genügend Menschen für das Theater zu begeistern. Heute bin ich rundum glücklich, so ein großes und begeistert mitgehendes Puplikum hatten wir hier schon lange nicht mehr." Hoffentlich setzt sich dieser positive Trend fort. Am Freitag, 29. November, sind die Niederdeutschen wieder in F'groden. Dann mit einem Krimi: "Tööv, dat dat düster warrt". Unbedingt vormerken.

Ulla (Marion Zomerland) denkt, ist er nun so bekloppt oder tut er nur so, der Erich Stiebel (Arnold Preuß)

Friesischer Hausbote

Publikumserfolg: Flitterweken

Wilhelmshaven. Liebe Leserin einmal Hand aufs Herz: Während du arglos Kurlaub machst, nutzt deine einzige heißgeliebte Tochter deine Abwesenheit zu einer gräßlichen Nacht und Nebel Aktion: Sie heiratet in aller Stille. Ihr Angetrauter ist eben jener Typ, der dich während eures letzten gemeinsamen Urlaubs zutiefst gekränkt hat. Nun noch cool? Verständnisvoll gar für das eigene Kind? Gemach es kommt noch schlimmer. Du erhälst einen Brief, in dem sie ihre heimliche Heirat beichtet und dich mit dem Foto ihres Mannes beglückt. Du willst sie gerührt in die Arme schließen? Bist gar ein wenig stolz auf den prächtigen Schwiegersohn? Deine Tochter also doch ein Abbild von dir? Ja du hast Recht. Denn sie hat dich noch einmal hereingelegt und dir ein falsches Foto gesandt. Das nun ist der Stoff, aus dem die Komödie 'Flitterweken, dem großen Publikumserfolg bei der NDB Wilhelmshaven, gemacht ist.

Turbulente und heitere Verwirrungen und Verwicklungen garantieren schon für sich zwei Stunden köstlicher Unterhaltung. Doch es kommt noch besser: Herrlich witzige Episoden und spritzig komödiantische Typen locker um die drei Hauptpersonen herum garniert sorgen für einen sprudelnden Unterhaltungs Cocktail.

Tina (Roswitha Wunderlich) ist schon etwas verwundert über Erich (Arnold Preuß), Ulla (Marion Zomerland) wundert sich überhaupt nicht mehr

Niederdeutsche Bühne Wilhelmshaven:

Turbulent und heiter in die neue Saison

Wilhelmshaven. Mit dem Lustspiel 'Flitterweken' von Paul Helwig (niederdeutsch: HansJürgen Ott) hat die Niederdeutsche Bühne einen witzig unterhaltsamen Start in die neue Saison gewählt. Und der Erfolg dürfte fast programmiert sein. Denn dieses Stück ist schon einmal vor fast zwanzig Jahren beim Publikum sehr gut angekommen.

Worum geht's bei dieser Komödie? Natürlich um Liebe. Und natürlich wird sie happy enden. Aber bis dahin gibt es turbulente Verwirrungen und Verwicklungen, gewürzt mit Notlügen und Eifersucht. Und der Zuschauer weiß immer ein bißchen mehr als die Personen auf der Bühne. Und das bringt zusätzliches Vergnügen. Zur Sache Schätzchen: Frau Senden (Annchen Warrings Konken) ist mit ihrer Tochter Sabine (Nina Nickel) in den Urlaub gefahren. Und beim Kurkonzert 'knallt's'. Mutter Senden fühlt sich zutiefst gekränkt durch Willi Helbrich (Günther Jaedeke). Und Tochter Sabine? Sie hat sich unsterblich verliebt in eben diesen Mann. Wie sag ich's meiner Mutter? Am besten (zunächst) gar nicht. Während diese ahnungslos zur Kur fährt, heiraten Sabine und Willi. Und die Mutter erfährt ein bißchen Wahrheit: Per Brief, in dem das Foto eines anderen Mannes liegt. Und da sich die Mutter ein falsches Bild von ihrem Schwiegersohn machen muß, kommt das Verwirrspiel nun erst richtig auf Touren. Zum Vergnügen des Zuschauers.

In weiteren Rollen sorgen Marion Zomerland, Arnold Preuß und Roswitha Wunderlich dafür, daß Mißverständnisse und Verwechslungen den witzig spritzigen Unterhaltungscocktail zum Sprudeln bringen. Auch bei der Niederdeutschen Bühne können Sie in der ersten Reihe sitzen. Und schließlich weiß Bühnenleiter Arnold Preuß: Plattdeutsch versteht jeden

Hein Butendörp sien Bestmann (WE)

Wilhelmshavener Erstaufführung

HEIN BUTENDÖRP SIEN BESTMANN

(Frauen an Bord)
Fischerkomödie in vier Akten von Ferdinand Oesau

Inszenierung Wilma Welte
Bühnenbild Wilma Welte

Bühnenbildbau: Erwin Hildebrandt, Karl-Heinz Goldenstein, Günter Newerla, Frank Schmidt, Klaus Panka
Bühnenmaler: Herbert Ulbrich
Beleuchtung: Peter Pfaus, Uwe Freiberg
Inspizientin: Helga Borraß
Requisiten: Marga Goldenstein, Klaus Aden
Souffleuse: Hildegard Steffens

Rollen und Darsteller
Hein Butendörp, Seefischer - Jürgen Tapken
Alma, sien Fro - Marion Zomerland
Jochen Fattholt, sien Swiegervadder - Horst Jönck
Trina Fattholt, sien Swiegermudder - Karin Heyel
Peter Fley, sien Bestmann - Horst Karstens
Rieke Stulp, sien Deenstdeern - Margot Andrews-Jäkel

Hein (Jürgen Tapken) geht groß aus mit seiner Schwiegermutter (Karin Heyel)

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Fröhlicher Ausklang bei den Niederdeutschen

Mit der Fischerkomödie "Hein Butendörp sien Bestmann" brachten sie Heiterkeit ins Theater

Von Theodor Murken

Die Liebe allein ist noch kein Garant für eine Ehe von Dauer. Es gehört noch einiges mehr dazu. So besonders eine geordnete Hauswirtschaft. Bei dem Fischer Hein Butendörp sieht es damit nicht gut aus. Er hat eine liebe Frau aus der Stadt geheiratet, aber im Haushalt geht alles drunter und drüber.

Das war Stoff für ein Bühnenwerk des 1866 an der Elbe geborenen und bis zu seinem Tode im Jahre 1955 seßhaften Ferdinand Oesau, die Komödie "Hein Butendörp sien Bestmann". Vor genau 60 Jahren brachte es Dr. Ohnsorg auf die Bühne. In neuer Überarbeitung wurde es nun von der Niederdeutschen Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven zum Abschluß der Spielzeit von Wilma Welte inszeniert. Das bedeutet: sie hauchte dem Stück neues Leben ein. Das glückte ihr bestens.

Von den sechs Personen der Komödie spielen die drei Frauen eine dominierende Rolle. So war es nur klug, daß Spälbaas Arnold Preuß die Regie auch einer Frau übertrug. Wilma Welte verstand es denn auch, die weiblichen Charaktere so wirkungsvoll herauszustellen, daß ihr Eindruck auf die Männer nicht ohne Wirkung bleiben mußte.

Das Geschehen in der Küche des Butendörpschen Hauses lief in raschem Tempo ab. Nette Einfälle der Regie waren nicht zu übersehen. Köstlich war z. B. die Szene, in der die beiden Fischer Hein Butendörp, den Jürgen Tapken spielte, und sein Bestmann Peter Fley von Horst Karstens wie die Katze um den heißen Brei, das mit Grog gefüllte Glas umschlichen. Ausgerechnet die Schwiegermutter hatte es vorsorglich dem Fischer auf den Tisch gestellt, obwohl sich beide doch spinnefeind waren.

Sollte sie Gift hineingetan haben? Keineswegs. Diese Schwiegermutter, die Karin Heyel als resolute Hausfrau mit Herz und Klugheit verkörperte, hatte, von ihrer in Not geratenen Tochter herbeigerufen, schnell erkannt, daß die Ehe durch das hauswirtschaftliche Versagen ihrer Tochter vor dem Abgrund stand. Natürlich hatte sie auch ihren Mann im Griff, Horst Joenck war diese Rolle des Schwiegervaters zu gefallen, der so blindlings seine Tochter verteidigte, daß er dafür auch noch die Schelte seiner Frau einstecken mußte.

Alles drehte sich schließlich um diese Tochter und deren Mann Hein Bütendörp, der sie so sehr liebt, daß er nicht erkennt, wie der Haushalt in die Brüche zugehen droht. In Marion Zomerland besitzt die Bühne eine Darstellerin, die in jeder ihrer noch so unterschiedlichen Rollen aufgeht. Sie war eigentlich keine Schlampe" im gewöhnlichen Sinne, sie war mehr in Ihr Verhängnis hineingeschliddert, hatte "zu früh" geheiratet (was ja heute besonders beliebt ist). Man glaubte ihr die Ängste, ihr Mann könnte davon erfahren. Dafür, daß sie ein Dienstmädchen benötigte und eine Waschfrau, war ja noch der "liebende Gatte" verantwortlich.

Diese "Deenstdeern" hatte in Margot Andrews-Jäkel eine Darstellerin erhalten, der die Rolle auf den Leib geschrieben war. Sie hat in der Komödie mit "ihrem" Peter dem Bestmann, mancherlei zu überstehen, was beide veranlaßte, dem Haus den Rücken zuzukehren und ihr eigenes Glück zu suchen.

Die Frage blieb, was Hein Butendörp nun ohne Bestmann machen sollte. Schwiegermutter und Schwiegervater boten sich an doch auch seine (nun geläuterte) Frau. Hein Butendörps Entscheidung konnte nicht schwer sein aber die Schwiegermutter bleibt ihm als Lotse und der Schwiegervater immerhin noch zum Kartoffelschälen. Kein Wunder, daß das Premierenpublikum Darsteller und Regie stürmischen Beifall zollten.


Das verwöhnte Töchterlein (Marion Zomerland) bekommt die Beine nicht in die Gänge, also kann sie auch nicht arbeiten im Haushalt. Das sieht die Mutter (Karin Heyel) ja ganz anders.

JEVERSCHES WOCHENBLATT

Hein Butendörp sien Bestmann

Letzte Premiere dieser Spielzeit der Niederdeutschen Bühne

von Christian Erdmann

Wilhelmshaven. Die Niederdeutschen aus Wilhelmshaven führten das letzte Stück der laufenden Spielzeit 1990/91 auf. Mit der Komödie "Hein Butendörp sien Bestmann" von Ferdinand Oesau gelang der Bühne ein guter Griff "in die Kiste", um die Saison erfolgreich abzuschließen. Regie führte Wilma Welte, die sich auch das Bühnenbild ausgedacht hat.

Das Stück spielt im Schiffermilieu an der Küste, wo Hein Butendörp (Jürgen Tapken) als Seefischer arbeitet. Seine Frau Alma (Marion Zomerland), die aus besseren Kreisen stammt, geht die Hausarbeit nicht so recht von der Hand sie ist offensichtlich mit den ganzen Dingen überfordert. Insbesondere die Haushaltskasse hat nicht die Dimension, die nötig wäre, um ihren Ansprüchen gerecht zu weden. Zum Glück ist da noch Rieke Stulp (Margot AndrewsJäkel), die Alma im Haushalt ein wenig zur Hand geht soweit ihr Peter Fley (Horst Karstens), der Bestmann Hein Butendörps, dazu Gelegenheit gibt. Als die Probleme für Alma so groß werden, daß neben leeren Schränken, einem kalten Ofen auch noch der Gerichtsvollzieher offene Rechnungen eintreiben will, ruft Alma nach ihren Eltern, die auch prompt erscheinen. Jochen Pattholt (Horst Jönck) als Vater und Frau Trina (Karin Heyel) wollen sich nun den ungeliebten Schwiegersohn 'mal ordentlich zu Brust nehmen. Und so nimmt die kurzweilige Handlung ihren Lauf und es sei nicht mehr verraten, als daß es ordentlich etwas zu lachen gibt.

Jürgen Tapken spielt den fleißigen Seefischer, der seine Frau so sehr liebt, daß es ihm selbstverständlich erscheint, daß diese aufsteht, wann sie möchte während er morgens um fünf zur Arbeit muß. Marion Zomerland spieler die Rolle der hoffnungslos mit der Hausarbeit überforderten Ehefrau so überzeugend und liebenswürdig, daß man über ihre Ansichten allenfalls schmunzeln kann böse sein kann man ihr nicht.

Eine Paraderolle hat wieder Horst Karstens als Bestmann Fley übernommen. Daß er sich im Seemannsmilieu bestens auskennt, konnten die Zuschauer schon in "Rund um Kap Horn" sehen. Wenn man ihn auf der Bühne sieht, könnte man meinen, er sei mit dem Kutter zum Theater gefahren. Und die Art seines Spiels sorgte für die richtige Stimmung auf der Bühne ob er sich als "Vorkoster" für einen vermeintlich vergifteten Grog "opfert" oder abenteuerliche Pläne schmiedet, wie man die ungeliebte Schwiegermutter wieder nach Hause befördern kann. Aber Margot Andrews Jäkel zieht auch die richtigen Register, um sich gegen ihren Verehrer zur Wehr zu setzen.

Horst Jönck spielt seine Rolle als Schwiegervater genauso, wie man es bei dieser Tochter erwarten mußte er verhätschelt sein "Almchen" und erkennt nach einigen "Nachhilfestunden" seiner resoluten Ehefrau, wie die Dinge tatsächlich stehen. Die Szenen mit Karin Heysel sind geradezu köstlich, wenn der Zuschauer merkt, wer da die Hosen anhat spätestens, wenn das Kartoffelschälmesser verteilt wird.

Das Premierenpublikum bedankte sich bei allen Darstellern mit herzlichem lang anhaltendem Applaus. Das sehenswerte Stück wird am 7., 13., 14., 21., 25. April im Stadttheater Wilhelmshaven, am 18. April im Ev. Gemeindehaus Sande und am 19. April in der Agnes Miegel Schule Wilhelmshaven aufgeführt.

Auch ein Paar was gut zusammenpasst (Horst Karstens und Margot Andrews-Jäkel)

Tulipantjes (1. WA)

1. Gemeinschaftsproduktion mit Niederdeutsche Bühne Neuenburg
1. Wiederaufführung (2.), davor 1959/60 gespielt

TULIPANTJES

Komödie in drei Akten von Paul Schureck

Inszenierung Arnold Preuß
Bühnenbild Ewald Meine, Neuenburg
Kostüme: Ursula Halter a. G.

Bühnenbildbau: Wolfgang Fischer, Werner Haenecke, Erich Grönke, Gerd Langediers, Manfred Mittelstädt alle Neuenburg, Erwin Hildebrandt, Karl-Heinz Goldenstein, Günter Newerla, Frank Schmidt, alle Wilhelmshaven
Beleuchtung: Peter Pfaus, Uwe Freiberg
Maske: Willy Ochsendorf, Neuenburg
Inspizientin: Angela Janßen, Neuenburg
Requisiten: Gertrud Hilbers, Angela Janßen, Neuenburg
Souffleuse: Bernhardine Ochsendorf, Neuenburg

Rollen und Darsteller
Adrian Schellhammer, Hannelsmann för Tulipantjes - Wilfried Pampuch, Wilhelmshaven
Pieter Zevenhagen, sien Garner - Horst Jönck, Wilhelmshaven
Antje, Peter sien Dochter - Gudrun Oeltjen-Hinrichs, Neuenburg
Til van Horn, een reisen Maler - Jürgen Tapken, Wilhelmshaven
Pottebacker, Handwarksmester - Hermann Hinrichs, Neuenburg
Beerstraten, Handwarksmester - Güner Diers, Neuenburg
Bramm, Handwarksmeseter - Friedrich Lohmeyer, Neuenburg
Flora Pottebacker, sien Fro - Mariechen Goosmann, Neuenburg
Appelmann, Utroper - Claus Miehlke, Wilhelmshaven
Krögersch - Christine Fein, Wilhelmshaven
Jacob de Groot, Hannelsmann för Tulipantjes - Karl-Heinz Schröder, Wilhelmshaven
Ramp, Schellhammers Schriever - Peter Egenhoff, Neuenburg

Das Ensemble der 1. Gemeinschaftsproduktion Neuenburg - Wilhelmshaven

JEVERSCHES WOCHENBLATT

Tulipantjes als Spekulationsobjekt

Gelungene Gemeinschaftsaufführung der Niederdeutschen Bühnen

von Christian Erdmann

Wilhelmshaven. Die Tulpe - oder auf plattdeutsch "Tulipantjes" ist das Herzstück der Gemeinschaftsaufführung der Niederdeutschen Bühnen von Wilhelmshaven und Neuenburg. Das Stück spielt im 17. Jahrhundert in Holland in einer Zeit, wo jeder mit Tulpen, jener aus der Türkei eingeführten Wunderblume, aus der über 300 Sorten gezüchtet wurden, handelte. Die neuen "Kreationen" wurden große Modeblumen und daher zu Spekulationsobjekten. Aber auch hier kam es nach kurzer Zeit zu einem "Börsenkrach" und die Preise fielen ebenso rasch, wie sie zuvor gestiegen waren. Und so wurde so mancher Besitzer einer kostbaren Zwiebel über Nacht bettelarm.

In diesem Rahmen spielt die Kommödie von Paul Schurek inszeniert von Bühnenleiter Arnold Preuß ausgestattet mit Ensemblemitgliedern beider Bühnen. Herauszustellen sind vor allem Horst Jönck als Gärtner und Hermann Hinrichs als Pottebacker (Schornsteinfeger). Während Jönck den gelassenen, am Spekulationsgeschäft nicht interessierten Tulpenfachmann spielte, hatte Hermann Hinrichs die Rolle des gewinnriechenden, aber sachunkundigen Pottebacker zu spielen, der für 1000 Gulden eine vermeintlich wertvolle Zwiebel kaufte, deren Wert aber infolge des Börsenkrachs in beängstigende Tiefen rauschte. Bei allem Mitleid für seine traurige Situation mußte man doch ständig schmunzeln, wie er versuchte, das Unglücksding wieder loszuwerden, schließlich aber einpflanzen mußte.

Wilfried Pampuch spielte den Tulpenhändler Andrian Schellhammer, der als wortgewaltiger Spekulant vor keinem Wagnis zurückschreckte, am Ende jedoch das Nachsehen hat. Und dann war da noch Jürgen Tapken als Til van Horn, der als Reisender beim Gärtner Zevenhagen unterkommt und sich wie sollte es anders sein in Antje (Gudrun Oeltjen Hinrichs), die Tochter des Gärtners verliebte. In weiteren Rollen sind Günter Diers als Beerstraten, Friedrich Lohmeyer als Bramm, Mariechen Goesmann als arg geforderte Ehefrau des Pottebacker, Klaus Mielke als Appelmann, Karl Heinz Schröder als Tulpenhändler Jacob de Groot, Peter Egenhoff als Ramp und last but not least Christine Fein als Krögersch.

Ein Lob sei noch dem Bühnenbild von Ewald Meine ausgesprochen, bei dem man sich wirklich um zwei Jahrhunderte zurückversetzt fühlte. Dazu trugen aber auch die zeitgemäßen Kostüme von Ursula Halter bei. Alles in allem eine sehenswerte Aufführung, an deren Ende die Gerechtigkeit siegt und die Liebe dem Geld einen Haken schlägt.

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Als man um Tulipantjes wild spekulierte

Gemeinschaftsaufführung der Niederdeutschen Wilhelmshaven und Neuenburg

Von Theodor Murken

"Tulipantjes" ist der Titel einer Komödie von Paul Schurek vom Konkurrenzkampf. den holländische Tulpenhändler im 17. Jahrhundert ausgefochten haben. Man spekulierte mit dem, was Tulpenzüchter mit Kopf und Hand aus der Tulpe gemacht hatten, hielt Börsen ab. versuchte, viel Geld herauszuschlagen. Wie in seiner Komödie "Stratenmusik", die Schurek in die erste Reihe der niederdeutschen Bühnenautoren stellte, zeigte der Dichter auch hier auf, daß Geld nur Unheil anrichten kann. Der Gärtner will als Tulpenzüchter die "blaue Tulpe", die er erhofft, nicht zum Spielball der Spekulation werden lassen. will sie verschenken. Schon entbrennt sich ein Kampf um diese neue Tulpe. bevor sie erblüht ist. Und dann hat ihr die Natur doch nicht die blaue Farbe gegeben. Und das erweist sich als ein Segen.

Im Rahmen der Gemeinschaftsproduktionen innerhalb des Niederdeutschen Bühnenbundes haben sich die Niederdeutschen Bühnen von Wilhelmshaven und Neuenburg zusammengetan, Schureks Stück auf die Bühne zu bringen. Von den 12 Darstellern übenahm jede Bühne die Hälfte. Der Wilhelmshavener Arnold Preuß übernahm die Regie. Er hatte das Glück. daß beide Bühnen über geeignete Darsteller verfügen, denen ihre Rollen geradezu auf den Leib geschrieben waren. Das gilt besonders für die beiden konkurierenden Tulpenhändler in seiner eigenen Bühne: Wilfried Pampuch war für den Adrian Schellhammer der temperamentvolle Spekulant. der vor keinem Wagnis zurückschreckt und am Ende doch den kürzeren zieht. Dagegen war Karl Heinz Schröder als Amsterdammer Handelsmann Jacob de Groot als der durch Erfahrungen gereifte. weise gewordene Widerpart, der Schellhammer in seine Schranken verweist.

Auch die Rolle des Gärtners Peter Zevenhagen hatte ein Wilhelmshavener übernommen Horst Jönck gab ihm die echten Züge eines Mannes, der mit Klugheit und Bedacht den Tulpen ihre farblichen Schönheiten verleiht. Seine Tochter Antje soll der neuen Tulpe ihren Namen geben. Sie wurde von der Neuenburgerin Gudrun Oeltjen Hinrichs mit mädchenhaftem Reiz gespielt, so daß es mehr als glaubhaft wurde, daß Jürgen Tapken (Wilhelmshaven) als reisender Til van Horn von ihr bezaubert wurde (und sie von ihm) und sich auch als der richtige Gärtnerlehrling erwies. Und dann war da noch Schellhammers Schreiber Ramp, der seine Unterwürfigkeit, wenn auch etwas stark komödiantisch, so doch drastisch zum Ausdruck brachte und der am Schluß seinem Herrn, als dieser unterlegen war. mit stolz geschwellter Brust voranging und von der Bühne abtrat. Auch er (Peter Egenhoff) kommt aus der Neuenburger Bühne.

Einen starken Anteil an der Ausgewogenheit der darstellerischen Leistungen haben auch die Neuenburger Mariechen Goesmann und Hermann Hinrichs als die Eheleute Pottebacker. Den Mann, einen Schornsteinfegermeister, lockt auch die Spekulation mit den Tulpen, seine Frau beschwört ihn vergeblich. Von mehr als 1000 Gulden, die er für seine Tulpe bezahlt und dabei auch seine Frau mit in Zahlung gibt, bleiben ihm am Ende drei Gulden, die die Obrigkeit als amtlichen Preis verkündet, aber seine Frau bleibt ihm erhalten. Die Krögersche (Christine Fein, Wilhelmshaven) muß den Zechschulden nachtrauern, an denen die Neuenburger Günter Diers und Friedrich Lohmeyer als Handwerksmeister mit beteilitgt sind. Klaus Mielke als Utroper vervollständig die Reihe der Wilhelmshavener Darsteller. Wenn am Schluß das Publikum die Darsteller stürmisch feiert, waren außer dem Regisseur auch Ewald Meine als Bühnenbildner und Ursula Halter für die schönen historischen Kostüme daran beteiligt

Belinda (WE)

Niedersächsische Erstaufführung

BELINDA

(Belinda)
Schauspiel von Elmer Harris
Deutsch von Walter Firner
Niederdeutsch von Jürgen Pooch

Inszenierung: Michael Hermann a.G.
Bühnenbild und Kostüme: Barbara Kainer a.G.
Regieassistenz: Roswitha Bertz

Bühnenbildbau: Walter Borraß, Karl-Heinz Goldenstein, Erwin Hidlebrandt, Günter Newerla, Peter Bertram, Frank Schmidt, Klaus Panka
Bühnenmaler: Herbert Ulbrich
Beleuchtung: Peter Pfaus, Uwe Freiberg

Rollen und Darsteller
Belinda Prüß - Marion Zomerland
Karl Prüß, Belindas Vater- Günter Boye
Doktor Jan Röding - Arnold Preuß
Grete Prüß, Karl´s Schwester - Hanna Christoffers
Fritz Doormann - Manfred Janßen
Hein Thomsen - Günter Jaedeke
Fiet Harksen - Friedrich Müller
Gerda Peters - Annchen Warrings-Konken
Traute Hansen - Wilma Welte
Ursula Peters - Kathrin Schmidt
Pastor Assmussen - Karl-Heinz Schröder
Alma Lutz - Berta Brinkhoff
Kaufmann Hartmann - Ralf-Rüdiger Bayer
Hans und Peter Jensen (Doppelrolle) - Michael Hillers
Amtsdiener - Rolf-Peter Lauxtermann


Röding (Arnold Preuß) lehrt Belinda (Marion Zomerland) die Zeichensprache

NORD-WEST-ZEITUNG vom 12. Februar 1991

Stumm sein heißt nicht stumpf sein

Der Fall "Belinda" niederdeutsch interpretiert

von Ernst Goetsch

Wilhelmshaven. Ernste Töne sind in der niederdeutschen Theaterszene wieder gefragt. Wenn es dazu noch eines Beweises bedurfte, so wurde er am Freitagabend im Wilhelmshavener Stadttheater erbracht bei der nordwestdeutschen Erstaufführung der Mundart-Version des Schauspiels "Belinda" von Elmer Harris: Das Premierenpublikum folgt, nahezu atemlos, den neun Bildern vom Schicksal einer jungen Taubstummen, die in der geistigen Enge einer unaufgeklärten dörflichen Gemeinschaft vielfältiger Mißachtung wie brutalem männlichem Zugriff ausgeliefert ist. Am Ende wenn Belinda durch die einfühlsame Hilfe eines jungen Arztes zu eigenem Ausdruck aufbricht ist die Zustimmung zum Werk und zu dessen Interpretation einhellig stark. Belinda hat, die Zeichensprache erlernend, Zeichen gesetzt, und das Publikum bekundet, daß es diese mahnend aufrüttelnden Zeichen verstanden hat.

Wie so manches andere Stück, das derzeit über niederdeutsche Bühnenbretter geht, ist auch dieses ein "Import". Schon kurz nach dem Ende des zweiten Weltkrieges kam "Beinda" in deutsche Kinos. Jane Wyman (frühe Lebensgefährtin Ronald Reagans) wußte in der Titelrolle durch verhaltene, tiefgreifende Darstellung den peinich schwülstigen Titel der leutschen Synchronisation ,Schweigende Lippen" (!) zu bannen, bot Lernprozeß, wo Rührstück-Effekt vorgegeben zu sein schien. Ein paar Jahre später richtete Routinier Walter Firner, vom US Autor Harris autorisiert, die Szenenfolge für hochdeutsche Bühnen ein, und der Rest an Hollywood Touch wich, als Jürgen Pooch (Schauspieler des Ohnsorg Theaters) "Belinda" ins Niederdeutsche umsetzte.

Diese Mundart Fassung, zuvor nur in Flensburg und Hamburg vermittelt, erscheint in der Wilhelmshavener Inszenierung durch Gastregisseur Michael Herrmann als Konzentrat, das lokale oder regionale Bindung überspringend den jederzeit und überall wahrzunehmenden Kern der Handlung betont, den Appell zur Stützung jener, die als Behinderte nicht Mitleid, sondern verständnisvolle Begleitung brauchen. Herrmann, der 1959 in Oldenburg geborene, vom dortigen Theaterstudio geschulte, unterstreicht bei seiner Wilhelmshavener Aufgabe überzeugend, daß er die leisen Töne bevorzugt. Der ehemalige Elektriker, Bundeswehr Soldat und Justizangestellte treibt als freier Regisseur alle Darsteller zu einer dem Stück angemessenen, der Wirkung dienlichen Dämpfung von Charakterstrukturen selbst dort, wo sich (wie im Fall des Belinda vergewaltigenden Nachbarn Fritz) spektakulär dramatische Steigerungen anzubieten scheinen.

Die Bühnenbildnerin Barbara Kainer ist auf diesen Stil trefflich eingestimmt: Sie gibt (beim Einstieg) durch eine symbolhaft anmutende, nur schwach eingefärbte Schwarz Weiß Landschaft Belindas Isolierung stilvoll stückgerecht vor und bringt danach, maßvoll reduzierend, ein knapp den Spielrahmen stützendes Kulissen Gefüge, das optische Ablenkung vom bedeutsamen (weithin durch Gebärden bestimmten) "Dialog" ausklammert.

Marion Zomerland ist eine Belinda, die es versteht, glaubhaft zu machen, daß Stummsein nicht Stumpfsein bedeutet, Arnold Preuß ein Arzt, der gleichermaßen "gebändigt" seinen Part ausspielend Verständnis artikuliert, und Günter Boye weiß, den weiten Bogen zu spannen, wenn er als Müller (Belindas Vater) allmählich "wach" wird, die zuvor allzu leichtfertig gleichgültig verkannten Möglichkeiten der Tochter entdeckt. Auch allen anderen nicht zuletzt Manfred Janßen in der Rolle des ,unbefriedigten" zu schonungsloser Gewalt aufbrechenden jungen Nachbarn Fritz ist zu attestieren, daß sie differenziert Persönlichkeit formen. Nur im neunten Bild, in dem Belinda sich wegen Totschlags im Effekt (an Fritz) zu verantworten hat, gab es einen Knick, einen vermeidbaren Spannungsabfall. Dessen ungeachtet, alles in allem betrachtet: Ein respekterheischender Theaterabend, nichts verklärend, nicht oberlehrerhaft, sondern behutsam wegweisend. Laßt Stumme "sprechen"!

Mit Spannung wird das Ende der Gerichtsverhandlung erwartet (v.l. Friedrich Müller, Annchen Warrings-Konken, Karl-Heinz Schröder, Berta Brinkhoff)

WILHELMSHAVENER ZEITUNG und ANZEIGER FÜR DAS HARLINGER LAND

Wortlos das Publikum in den Bann gezogen

"Belinda" an Niederdeutscher Bühne

von Ernst Richter

Ins Rampenlicht tritt eine junge Frau. Sie begrüßt das Publikum in der Gebärdensprache der Taubstummen. Dann dreht sie sich um. Der Vorhang öffnet sich, gibt den Blick frei auf einen Platz mit Fenstern wie Augen mit flüsternden Mündern. Dörflicher Alltag mit Klatsch und Tratsch, mit den täglichen Sorgen und Freuden. Die Niederdeutsche Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven bewies Mut, als drittes plattdeutsches Theater, nach dem Ohnsorg Theater Hamburg und der Nedderdüütschen Bühne Flensburg, dieses handlungsstarke Schauspiel in den Spielplan aufzunehmen. Autor ist Elmar Harris, Deutsch von Walter Firner und ins Niederdeutsche übertragen von Jürgen Pooch.

Marion Zomerland verkörpert im wahrsten Sinn des Wortes die Wilhelmshavener Belinda, dieses geschundene, von Geburt an taubstumme Mädchen, das in dem Dorfarzt Dr. Jan Röding, dargestellt von Arnold Preuß, einen echten Freund findet. Er lehrt der "Stummen", wie Belinda im Dorf so genannt wird, die Gebärdensprache der Taubstummen. Das Mädchen blüht auf, gewinnt Freude am Leben. Bis zu dem Tag, als der brutale Fritz Doormann, gespielt von Manfred Janßen, Belinda Gewalt antut. Die junge Frau läßt nicht erkennen, wer der Vater ihres Kindes ist. Die Dörfler zereißen sich ihre Mäuler: "Wer könnte es sein? Vielleicht der Doktor, der sich doch so sehr um die ,Stumme` kümmert? Die Folge: Seine Praxis bleibt leer. Er muß zurück in die Stadt, um Geld zu verdienen.

Das tragische Geschehen nimmt seinen Lauf. Karl Prüß, Belindas ballerbülliige Vater, hat eine Wandlung durchgemacht. Er steht zu seiner Tochter, verteidigt sie. Dann stürzt er eine Klippe hinab und kommt dabei um. Fritz Doormann, in den Augen der Dorfgemeinschaft ein "guter Mann", will nun das Kind adoptieren, weil seine Ehe Kinderlos geblieben ist. Und der Dorfpastor Asmussen, die Rolle übernahm Karl Heinz Schröder, gibt den Segen dazu, "damit das Kind in gute Hände kommt . Schließlich gesteht Fritz seiner Frau Traute, daß er der leibliche Vater des Kindes ist. Vor Gericht klärt sich alles auf.

Als Gastregisseur hat Michael Herrmann den Handlungsablauf zusammengezogen. Aphorismenhaft die Szenenfolge. Andere Bühnen hätten vermutlich den Vergewaltigungsakt möglichst realistisch und voller Brutalität dargestellt. Hier wurde er angedeutet, das Publikum verstand, und die Handlungsdichte blieb bestehen. So lief eine äußerst spannende wie sozialkritische und von keinen Längen unterbrochene Handlung ab, in der Marion Zomerland als taubstumme Belinda einen großen Part überzeugend ausfüllte.

Marion Zomerland findet in Arnold Preuß als Dr. Röding und Günter Boye als Vater zwei spielfreudige Partner, die den tragischen Ernst der Handlung zu transformieren verstehen. Auch der unmittelbar betroffene Personenkreis wird von Hanna Christoffers in der Rolle der Schwester des Müllermeisters sowie Wilma Welte und Manfred Janßen als Adoptivpaar. Friedrich Müller als Schlachter Fiete Harksen, Karl Heinz Schröder als Pastor Asmussen und Rolf-Peter Lauxtermann als Amtsdiener beifällig dargestellt.

Natürlich fehlen auch nicht die Klatsch und Tratschtanten. personifiziert von Annchen Warrings Konken und Katrin Schmidt. In den weiteren Rollen runden Berta Brinkhoff. Ralf-Rüdiger Beyer. Michael Hillers und Günter Jaedeke das Ensemble ab. Das Bühnenbild. Straßenszene, Mühle und Gerichtsgebäude. wurde von Barbara Keiner (als Gast) teils gegenständlich. teils stilisiert und unterstützt von eingeblendeten Bildreflexionen entworfen. Es paßte szenisch zu den neun Bildern dieser sehr gelungenen Aufführung. Das Ensemble wurde von dem Publikum mit herzlichem Beifall verabschiedet.

Vadder Prüß (Günter Boye) ist mit der Erziehung seiner Tochter Belinda (Marion Zomerland) überfordert

JEVERSCHES WOCHENBLATT

Ergreifendes Stück um eine Taubstumme

Niederdeutsche Bühne hatte mit "Belinda" in der Fassung von Jürgen Pooch Premiere

(ce) Wilhelmshaven. Wer bisher mit plattdeutschem Theater Komödien gleichsetzte, sollte sich Elmer Harris's Stück "Belinda", das von der Niederdeutschen Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven in der Fassung von Jürgen Pooch aufgeführt wurde, unbedingt ansehen. Das Schauspiel schildert die Geschichte der taubstummen Belinda Prüß (Marion Zomerland), die in harter, z. T. spießig kleinbürgerlicher Umgebung, die wenig Rücksicht auf sie und die besonderen Umstände nimmt, aufwächst. Von allen nur "die Stumme" genannt, lebt sie geistig völlig vereinsamt und fern der Zivilisation. Man hält sie in ihrer Umgebung für dumm, obwohl der Vater Karl Prüß (Günter Boye) weiß, daß seine Tochter alles andere als das ist. Die bedrückende Situation ändert sich für Belinda erst, als sich Dr. Jan Röding (Arnold Preuß) ihrer annimmt und sie in der Zeichensprache unterrichtet, mit der Belinda lernt, sich ihrer Umwelt verständlich zu machen.

Der Regisseur Michael Herrmann und das Ensemble verstehen es, die Anteilnahme am Schicksal des tauben Mädchens zu wecken. Zunächst wirken die wortarmen Passagen des Dr. Röding mit Belinda etwas fremd, aber nach kurzer Zeit nimmt der Zuschauer teil an der Zeichensprache, die die einzig mögliche Kommunikation für einen Taubstummen darstellt. Zeitweise ist das Publikum so gefaßt von den "Dialogen" auf der Bühne, daß man die sprichwörtliche Stecknadel hätte fallen hören können. Und das ist wohl auch das Besondere dieses Schauspiels; der Zuschauer gewinnt Verständnis für die nichthörenden Menschen, denen die Anteilnahme am "normalen" Leben so unvorstellbar erschwert ist.

Marion Zomerland spielt ihre Rolle als Belinda sehr ergreifend. Die Schwierigkeit, den Charakter einer Perso ohne ein einziges Wort darzustellen, ist sehr groß, kann sich doch nur mit Gebärde und Mimik die Rolle spielen. Gerade in den Szenen mit Arnold Preuß als einfühlsamen Dr. Röding, der sich trotz des Widerstandes aller nicht von seinem Ziel abbringen läßt, wird der besondere Reiz dieser Aufgabe deutlich.

Günte Boye überzeugt in der Rolle als Vater von Belinda, der anfangs nichts von der "neuen Sprache" seiner Tochter hält aber zunehmend davon ergriffen wird. In weiteren Rolle: sind Berta Brinkhoff, Hanna Christoffers, Kathrin Schmidt, Annchen Warrings-Konken, Wilma Welte, Ralf-Rüdiger Bayer, Michael Hillers, Manfred Janßen, Günter Jaedeke, Rolf-Peter Lauxtermann, Friedrich Müller und Karl- Heinz Schröder zu sehen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß die Niederdeutschen nach dem Ohnsorg Theater und der Niederdeutsehen Bühne Flensburg die Dritten sind, die dieses wunderbare Schauspiel in ihrem Spielplan haben.

Dr. Röding (Arnold Preuß) kann Belinda (Marion Zomerland)  beruhigen, das Kind kann hören

Fro Pieper läävt gefährlich (1. WA)

1. Wiederaufführung (2), davor 1970/71 gespielt

FRO PIEPER LÄÄVT GEFÄHRLICH

(Busy-Body - Keine Leiche ohne Lily)
Kriminalkomödie von Jack Popplewell
Niederdeutsch von Hans-Jürgen Ott
Wilhelmshavener Fassung von Arnold Preuß

Inszenierung Günter Boye
Bühnenbild Günter Boye

Bühnenbildbau: Walter Borraß, Karl-Heinz Goldenstein, Erwin Hidlebrandt, Günter Newerla, Peter Bertram, Frank Schmidt, Klaus Panka
Bühnenmaler: Herbert Ulbrich
Beleuchtung: Peter Pfaus, Uwe Freiberg
Inspizientin: Helga Borraß
Requisiten: Marga Goldenstein, Klaus Aden
Souffleuse: Roswitha Bertz

Rollen und Darsteller
Fro Pieper - Heidi Rausch
Brockmann, Kommissar - Klaus Aden
Schulz, Kriminalassistent - Michael Hillers
Ingeborg Henning - Luise Pampuch
Ulla Gerdes - Helga Lauermann
Robert Westphal - Manfred Janßen
Erika Reinhold - Katrin Schmidt
Richard Henning - Ralf-Rüdiger Bayer

Heidi Rausch ist Erna Pieper

Wilhelmshavener Zeitung

Wenn plötzlich eine Leiche wieder das Büro betritt und einfach lebt

Niederdeutsche spielten Komödie / Publikum war begeistert

(ce) Wilhelmshaven. Am zweiten Weihnachtstag fand traditionell die dritte Premiere der Niederdeutschen Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven statt. Mit der Kriminalkomödie "Fro Pieper läävt gefährlich" von Jack Popplewell inszenierte Günter Boye eine schwungvolle und spannende Kriminalgeschichte, die auch in der deutschen Fassung von Christian Wölffer als "Keine Leiche ohne Lilly" bekannt geworden ist. Die plattdeutsche Fassung stammt von Hans Jürgen Ott, wobei die Niederdeutschen das Stück in einer speziellen Fassung von Bühnenleiter Arnold Preuß vor ausverkauften Hause darboten.

Doch nun zum Inhalt: Wenn beim Aufräumen im Büro plötzlich eine Leiche auf dem Boden liegt, wäre das wahrscheinlich für jeden ein gehöriger Schrecken. Nicht jedoch für Erna Pieper (überzeugend gespielt von Heidi Rausch), die resolute Putzfrau der Firma Henning Schiffsmaklerei. Ob das daran liegt, daß es sich bei dem Toten um den allseits unbeliebten Firmenchef Richard Henning handelt, mag dahingestellt bleiben. Schwierig wird es für Fro Pieper jedoch, als der Tote beginnt, mit einem Messer im Rücken das Büro zu wechseln, um dann gänzlich zu verschwinden.

Die eingeleiteten Ermittlungen der Polizei gestalten sich unter Leitung des korrekten Kommissars Willi Brockmann (Klaus Aden) äußerst schwierig, kann und will dieser doch ohne Leiche nicht an einen Mord glauben. Die Überraschung ist perfekt, als der vermeindlich Tote wieder lebt und sein Büro betritt. Doch wer nun glaubte, der Fall sei für Fro Pieper erledigt, der täuschte sich gewaltig. Mit gespitztem kriminalistischem Sachverstand geht sie den Dingen auf den Grund und bringt Detail für Detail an das Tageslicht aber mehr sei hier nicht verraten.

Mit Heidi Rausch ist die Rolle der Erna Pieper ideal besetzt. Sie versteht es, alle Register zu ziehen und spielt eine herrlich vorlaute, vor allem aber scharfsinnige Amateurdetektivin, die nach MissMarple Manier immer einen Schritt weiter ist als die Polizei. Und obwohl das Stück auf diese Rolle zugeschnitten ist, läßt Heidi Rausch ihren Mitspielern noch genügend Raum zur Entfaltung. Trotzdem hat es Klaus Aden in der Rolle des Kommissars Willy Brockmann schon schwer, die Fäden der Ermittlung in der Hand zu halten, zumal Erna Pieper eine alte Jugendfreundin ist und "ihrem Willi" die richtigen Hinweise nur bröckchenweise zuteilt. So kommt es, daß der Zuschauer gar nicht erst versucht, den Täter selbst zu entlarven, sondern gespannt darauf wartet, welches Beweismaterial Erna Pieper als nächstes aus dem Unterrock zaubert.

In weiteren Rollen spielen Michael Hillers (Kriminalass. Schulz), Luise Pampuch (Ingeborg Henning), Ralf Rüdiger Bayer (Richard Henning), Manfred Janßen (Robert Westphal), Helga Lauermann (Ulla Gerdes) und Katrin Schmidt (Erika Reinhold).

Ob Schimanski im Vergleich zu den Vorfällen in der Firma Henning das Sandmännchen ist, sollte jeder für sich selbst entscheiden. Den Zuschauern an diesem Abend hätte man diese Frage nicht stellen dürfen. Und so bedankte sich ein begeistertes Premierenpublikum mit langanhaltendem Applaus bei allen Darstellern, vor allem aber bei Heidi Rausch, "seiner" Fro Pieper.

Brockmann (Klaus Aden) verdächtigt alle und jeden (v.l. Helga Lauermann, Katrin Schmidt, Luise Pampuch und Heidi Rausch)

Wilhelmshavener Zeitung

Eine plattdeutsche Miß Marple

Viele Vorhänge für "Fro Pieper läävt gefährlich"

Von Theodor Murken

Welch ein "Zustand" auf der Bühne des Stadttheaters bei der neuen Premiere der Niederdeutschen Bühne, vielversprechend mit einer Leiche, die plötzlich nicht mehr vorhanden ist und doch fast zwei Stunden lang für Aufregung sorgt, bis sich schließlich noch in letzter Minute alles aufklärt! Daß diese Aufklärung einer schlichten Putzfrau gelingt, die selbst beinahe ein Opfer des Mörders wird, ist der eigentliche Clou dieser Kriminalkomödie, die der Engländer Jack Popplewell schrieb, Christian Wölffer ins Deutsche, Hans Jürgen Ott ins Plattdeutsche übersetzten und Spälbaas Arnold Preuß für die Wilhelmshavener einrichtete. Preuß hat seine Fassung nicht irgendwo in England, sondern in einem Büro an der Badestraße angesiedelt, und die Leiche wird im Heppenser Groden gefunden.

Die Anregung zu diesem Kriminalstück erhielt der Verfasser in einer englischen Stadt, in der ein zu großer englischer Bus in einer für ihn zu niedrigen Eisen bahnüberführung festklemmte. Was Experten ratlos machte, löste der "gesunde Menschenverstand" einer Putzfrau, nämlich mit dem Vorschlag, einfach die Luft aus den Reifenzulassen. So entstand denn das Stück "Keine Leiche ohne Lily". In der plattdeutschen Übersetzung ist aus Lily Piper eine Erna Pieper geworden. Sie findet früh morgens die Leiche und meldet das der Polizei, die aber keine vorfindet. Was dann folgt, ist von einer Turbulenz, die noch dadurch ihren besonderen "Pfiff" bekommt, daß Putzfrau und Kriminalkommissar sich als Jugendgespiele kennen und Erna Pieper ihn duzt und Willy nennt. Das bringt zu aller Verwirrung noch manche Würze mit in den Ablauf der Handlung.

Erna Pieper aber verfolgt durch Beobachtung und Verstand gleich Miß Marple die kriminalpolizeiliche Ermittlung, und sie entlarvt den Mörder. Das alles machte Heidi Rausch so überzeugend und beeindrukkend, daß sie vom vollbesetzten Haus den stärksten Beifall bekam und einen großen Anteil hatte an den vielen "Vorhängen", den die acht Darsteller bekamen. Die Regie von Günter Boye gab der Aufführung neben ihrem flotten Tempo noch so manche Feinheit und Szenen von durchschlagender Spannung. Dafür, daß es mancherlei Übertreibungen gab, war alles j a auch eine Komödie, und auch darin standen alle ihren Mann, wenn auch die "Topustersche" noch höllisch aufpassen mußte.

Klaus Aden als so herrlich verschnupfter Kriminalkommissar Brockmann und Michael Hillers als sein Assistent, Ralf Rüdiger Bayer als Firmenchef Richard Henning sowie Luise Pampuch als angeblich ungetreue Ehefrau, Helga Lauermann, Katrin Schmidt als die weiblichen, Manfred Janßen als den männlichen Angestellten der Firma. Der Chef, seine Frau und seine Angestellten mußten alle des Mordes verdächtig sein und der Chef sogar noch als der zunächst unbekannte Tote. Das führte zu allerlei Verwirrungen, ehe klar wird, wer von den Verdächtigen nun tatsächlich der Mörder war. Es lohnt sich, das spannende Spiel anzuschauen.


Ist Westphal (Manfred Janssen) der Gangster? (v.l. Michael Hillers, Ralf-Rüdiger Bayer)

Dat Spill um een Schaap, een Koh un söss braadt´e Eier (1. WA)

1. Wiederaufführung (2.), davor 1959/60 gespielt

DAT SPILL UM EEN SCHAAP, EEN KOH UN SÖSS BRAADT´E EIER

Märchenspiel in dreizehn Bildern von Paul Jessen

Inszenierung: Arnold Preuß
Bühnenbild: Arnold Preuß

Beleuchtung: Peter Pfaus
Bühnenbildbau: Walter Borraß, Karl-Heinz Goldenstein, Erwin Hildebrandt, Günter Newerla, Frank Schmidt und Klaus Panka
Bühnenmaler: Herbert Ulbrich
Inspizientin: Helga Borraß
Requisiten: Marga Goldenstein
Souffleuse: Herta Tapken

Rollen und Darsteller
De Verteller - Arnold Preuß
De Amtmann - Horst Jönck
De Kröger - Horst Karstens
De Schriever - Günter Jaedeke
De Paster - Claus Miehlke
Hans Hinnerk - Wilfried Pampuch
Lisa, sien Fro - Helga Lauermann

Aus 6 Stühlen eine Kutsche machen, das geht nur im Märchen (v.l. Wilfried Pampuch, Horst Karstens)

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Das Märchen und das Leben

Voller Erfolg: Die neue Premiere der Niederdeutschen Bühne

Von Theodor Murken

Daß ein Wirt für eine Mahlzeit von sechs gebratenen Eiern seinem Gast soviel Geld abnehmen will, wie eine Kuh kostet, müßte man als reinen Wucher bezeichnen. Der fünsche Wirt weiß aber, weshalb er das tut. Aber wie das so im Alltagsleben geht, muß das Gericht darüber befinden, ob er dazu im Recht war. Darum geht es in dem "Spill van een Schaap,een Koh und söß brat'ne Eier" von Paul Jessen. Das Ganze ist natürlich ein Märchen. Aber aus Märchen kann man viel lernen. Vor allem hat es der Autor verstanden, der Sache nicht nur einen menschlichen, sondern auch einen kriminalistischen Untergrund zu geben.

Bühnenbaas Arnold Preuß hatte das Stück inszeniert und auch das Bühnenbild entworfen; für den ersten Teil mit dem Hintergrund eines heiteren Landschaftsbildes, für den zweiten Teil mit einer Gerichtsverhandlung trotz mancher lustiger Szene mit ernster Note. Nach einer kurzen musikalischen Einleitung ließ Arnold Preuß aus einem großen Buch die Darsteller auf die Bühne treten, um die Personen, die sie dazustellen hatten, vorzustellen. Arnold Preuß hatte auch die Rolle des "Verteilers" übernommen, und er ließ das Geschehen in diesem "märkerhaftig Speel" nicht nur flott ablaufen, es gab dazu noch manche Feinheiten, woran auch die Technik ihren Anteil hatte.

de Schriever (Günter Jaedeke), de rieke Nawer (Horst Karstens), de Amtmann (Horst Jönck)

Wir erinnern uns noch daran, daß die Niederdeutsche Bühne diese Stück schon Ende der 50er Jahre aufgeführt hat. Damals hatte Rudolf Sang die Regie, Willi Minauf spielte den Amtmann. Die Inszenierung von Arnold Preuß gab dem ganzen Stück eine neue Nuance. Sie stellte besonders deutlich heraus, worüber die Zuschauer nachdenken sollen: Wo hört dat Märken up, wo fangt dat Leben an?

Es geht ja darum, wer von drei Parteien in dem Prozeß um eine Kuh, ein Schaf und den Preis für sechs gebratene Eier Recht bekommen soll. Darum streiten sich der kleine Schafsbauer Hans Hinnerk, dessen Rolle Wilfried Pampuch zugedacht worden ist, der reiche Bauer und Kröger, dem Horst Karstens die Gestalt eines "Rechthabers" verlieh, und der Pastor, der in Claus Mahnke einen würdigen Vertreter fand.

Bei dem armen Schafsbauern und seiner Frau, die beide nicht lesen und schreiben können, dafür aber die Worte des Pastors über jene Bibelworte Wer Bedürftigen beschenkt, dem wird "tausendfach" mit göttlicher Gabe gelohnt sehr wörtlich nehmen, konnte man an Grimms Märchen von dem Fischer un siner Fru denken.

Helga Lauermann überzeugte in ihrer Rolle von Hans Hinnerks Frau durch ihre lebenswahre Darstellung. Horst Jönck hatte als Amtmann darüber zu entscheiden, auf welcher Seite in dem Prozeß der Rest steht. Das erweist sich als nicht so einfach und hat einige Haken. Horst Jöncke meisterte es nach Gestalt und Auftreten mit Bravour.

Wenn wir allgemein feststellen, daß sich das Ensemble der Niederdeutschen Bühne gerade in den letzten Jahren zu einer versierten Theatertruppe entwickelt hat, dann gehört auch Günter Jaedecke dazu, der als Schreiber des Gerichts mit einem Zug ins Karikaturhafte einen heiteren Tupfer in die Gerichtsverhandlung warf. Es fehlte also nichts, daß die Premiere wieder zu einem vollen Erfolg führte. Möchte das Publikum über allem Spaß auch das Nachdenkliche in sich aufgenommen haben, das der Autor, der 1977 verstorbene Schleswig Holsteiner Paul Jassen dem Stück mitgab.

De Amtmann (Horst Jönck) und der Verteller (und Regisseur Arnold Preuß)

Een Överraschen is to minn (UA)

Uraufführung

EEN ÖVERRASCHEN IS TO MINN

(Eine Überraschung ist zu wenig)
Eine Gaunerkomödie in zwei Akten von Peter Buchholz
Niederdeutsche Fassung von Arnold Preuß

Inszenierung: Horst Jönck
Bühnenbild: Horst Jönck

Beleuchtung: Peter Pfaus
Requisiten: Marga Goldenstein
Inspizientin. Helga Borraß
Souffleuse: Karin Heyel
Bühnenbildbau: Walter Borraß, Erwin Hildebrandt, Karl-Heinz Goldenstein, Frank Schmidt, Günter Neverla, Klaus Panka
Bühnenmaler: Herbert Ulbrich

Rollen und Darsteller
Henriette Loose, alias Ivonne - Brigitte Halbekath
Max, ihr Neffe - Jürgen Tapken
Sylvia - Christine Fein
Frau Treff - Hildegard Steffens
Caligari - Günter Boye
Frank Neumann - Rolf-Peter Lauxtermann

Ein Mitbringsel aus der Zirkunszeit von Ivonne (Brigitte Halbekath)

JEVERSCHES WOCHENBLATT vom 11. September 1990

Viele turbulente Höhepunkte

Premiere der Niederdeutschen Bühne: "Een Överraschen is to minn"

(st) Wilhelmshaven. Ein homosexueller Hund und eine kleptomane Tante wohl selten haben diese beiden Themen in einem Theaterstück Einzug gehalten. Bei der Komödie "Een Överraschen is to minn" (eine Überraschung ist zu wenig) der Niederdeutschen Bühne Wilhelmshaven, sorgen sie für witzige und turbulente Unterhaltung. Wer allerdings erwartet hatte, den Hund "Sir Archiebald" bei seinem Treiben auf der Bühne beobachten zu können, der sah sich getäuscht. Durchaus geschmackvoll wird "Sir Archiebalds" Liebesleben dem Zuschauer nur durch die Erzählungen der Darsteller mitgeteilt. Wenn er sich nicht gerade am Nachbarhund "Rudi" vergreift, plündert der adelige Vierbeiner mit Vorliebe Fischläden aus und sorgt damit bei seinem Besitzer Max für tiefe Sorgenfalten auf der Stirn und tiefe Einschnitte auf dem Konto.

Max, gespielt von Jürgen Tapken, ist Werbetexter und als solcher stets auf der Suche nach guten Werbesprüchen, die er verschiedenen Firmen anbietet. Richtigen Erfolg kann er allerdings nicht verzeichnen und sieht sich deshalb steten finanziellen Sorgen ausgesetzt. Sorgen macht ihm auch das Verhalten seiner Tante Henriette, die den Versuchungen in Kaufhäusern und Geschäften nicht widerstehen kann und immer wieder ihrer kleptomanen Veranlagung anheim fällt. Durch den Diebstahl eines Videorecorders wird sie der Kriminalpolizei auffällig und bei einem Hausbesuch der ermittelnden Kriminalbeamtin Sylvia (Christine Fein) verliebt sich Max in die junge Frau.

Während dessen sorgt Tante Henriette, hervorragend besetzt und gespielt durch Brigitte Halbekath, für weitere Verwicklungen. Als ehemalige Zirkusartistin unter dem Künstlernamen Ivonne, nimmt sie Verbindung mit ihrem alten Kollegen, dem großen "Caligari", auf. Zusammen mit dem ehemaligen Zauberkünstler, dargestellt durch Günter Boye, will sie das wertvolle Perlencollier einer bekannten Sängerin verschwinden lassen und bedient sich dabei auch ungeniert der Hilfe ihrer Nachbarin Frau Treff (Hildegard Steffens). Der Diebstahl gelingt und ruft die Kriminalpolizei auf den Plan. Aus dieser Situation heraus entwickeln sich amüsante und turbulente Szenen, die alle ein "Happy End" haben und in deren Folge auch Max endlich einen seiner Werbesprüche an den hünenhaften Frank Neumann (Rolf Peter Lauxtermann) verkaufen kann.

Der Autor dieser unterhaltsamen Komödie ist Peter Buchholz, bekannt aus vielen Fernseh und Rundfunkproduktionen. Ihm ist es gelungen, eine flüssige Story zu schreiben, der es an witzigen und turbulenten Höhepunkten nicht mangelt. Wohltuend ist auch, daß die Spieldauer des Stückes nicht über zwei Stunden hinausgeht und damit eine angemessene Spielzeit für ein Theaterstück eingehalten wurde. Kurzweilige und spannende Unterhaltung so könnte das Fazit für dieses im Wilhelmshavener Stadttheater uraufgeführte Stück lauten. Ein Verdienst gebührt auch Arnold Preuß, der das Stück ins Plattdeutsche übertragen hat. Unter der Regie von Horst Jönck ist es dem gesamten Team der Niederdeutschen Bühne gelungen, ein unterhaltsames Theaterstück zu inszenieren. Gemessen am langanhaltenden Beifall hat es auch dem Publikum gefallen.

Zwischen den Kuscheltieren bahn sich ein Kuschelverhältnis an (v.l. Jürgen Tapken, Christine Fein)

WILHEMSHAVENER ZEITUNG vom 11. September1990

Niederdeutsche beeindruckte mit heiterer Diebesgeschichte

"Een Överraschen is to minn" Sonntag uraufgeführt

Von Theodor Murken

"Een Överraschen is to minn", eine Gaunerkomödie des Westfalen Peter Buchholz, aus dem Hochdeutschen ins Plattdeutsche übertragen von Arnold Preuß, dem Leiter der Niederdeutschen Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven, fand bei der Uraufführung im Stadttheater eine stürmische Zustimmung. Zum zweiten Male hatte Arnold Preuß ein hochdeutsches Stück übersetzt, nachdem er mit Bertold Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti" guten Erfolg gehabt hat. Hochdeutsche Stücke in die plattdeutsche Sprache zu übersetzen ist zwar kein neues Unterfangen (vor 60 Jahren sahen wir schon Hebbels "Maria Magdalena" in plattdeutscher Fassung), es hat sich aber in letzter Zeit stärker verbreitet. Wir sehen darin einen Gewinn für das niederdeutsche Theater, doch sollten auch die niederdeutschen Autoren nicht nachlassen, die Qualität ihrer Stücke zu verbessern.

Die Gaunerkomödie von Buchholz/Preuß erwies sich als bühnenwirksamer Schwank, in dem es tatsächlich an "Överraschungen" nicht fehlte. Überraschend war vor allem, was aus einer Kaufhausdiebin alles werden kann. Es war sehr erheiternd, wie sich das alles unter Mitwirkung einer schlauen Kriminalbeamtin entwickelte.

Horst Jönck hatte das als Regisseur und Bühnenbildner zugleich alles aufs beste eingerichtet, mit ansteigender Spannung, mit kluger Dosierung der Komik, mit flüssigem Ablauf des Geschehens. Auch hatte er daran gedacht, dem Mumiensarg, der in dem Stück eine eigentümliche Rolle spielt, die richtige Größe zu geben, damit die fast hünenhafte Gestalt von Rolf Peter Lauxtermann als am ganzen heiteren Spiel ahnungslos beteiligter Franz Neumann in ihm zum Verschwinden gebracht werden konnte.

Die Hauptperson bei allem war Brigitte Halbekath in der Rolle der Diebin Ivonne. Sie heißt eigentlich Henriette Lose, aber als Ivonne war sie einmal im Zirkus die Partnerin eines Zauberkünstlers, der als Caligari (von Günter Boye gut als "Mann von Welt" verkörpert) in Erscheinung tritt und den die Ivonne nun zu ihrem großen "Schlag" benötigt. Daß Brigitte Halbekath, die der Bühne über 20 Jahre angehört, schon von ihrer Großmutter her Theaterblut in den Adern hat, zeigte sie gleich zu Beginn der Aufführung, als sie die von ihr "besorgten" Spielsachen mit diebischer Freude auf dem Fußboden ausbreitete, laufen und tanzen ließ. Sie sorgt nebenbei auch für ihren Neffen Max (Jürgen Tapken), von Beruf Werbetexter. Dem fiel am Schluß noch der beste Reim ein.

Und dann Hildegard Steffens. Anfangs noch eine gesprächige, einfache Nachbarin Frau Treff, die um ihren Hund Rudi bangte, der "schlechten Umgang" mit dem Hund Ivonnes namens "Sir Archibald" habe. Dann aber diktierte ihr die Gaunerin eine Rolle zu, die sie als Weihnachtsmann aus dem Mumiensarg heraustreten ließ, um mit verstellter Stimme zu den Kindern zu sprechen. Das meisterte Hildegard Steffens so gut, daß sie die "Överraschungen" vergrößern half. Und schließlich ist Christine Fein zu nennen als die Kriminalbeamtin mit dem Vornamen Sylvia, die kriminalistische Schläue mit Charme verband. Von ihrem Charme ließ sich der Neffe Max verzaubern und mit ihrem kriminalistischen Feingefühl brachte sie alles zu einem heiteren Ende. Eine siebente Figur des Stükkes kam erst nach Schluß auf die Bühne, als der Beifall des vollbesetzten Hauses die Darsteller vor den Vorhang rief (mit ihnen auch Horst Jönck sowie die beiden Autoren Peter Buchholz und Arnold Preuß). Dieser siebente war "Sir Archibald", der herumstromernde Hund, mit seiner Vorliebe für Fische eines Fischgeschäfts. Ihm war der Beifall unbehaglich und Caligari mußte ihn fest an der Leine halten.

Frank Neumann (Rolf - Peter Lauxtermann hadert mit der Kette. Woher hat er sie - wissen die anderen etwas (v.l. Günter Boye, Brigitte Halbekath, Christine Fein, Jürgen Tapken)

NORDWEST-ZEITUNG vom 11. September 1990

Lange Finger, lange Pfoten

Uraufführung: "Feen Överraschen is to minn"

von Ernst Goetsch

Wilhelmshaven. Guter Zweck heiligt die Mittel - alle ? Peter Buchholz scheint es zu glauben. "Eine Überraschung ist zu wenig", dachte er sich, und so schrieb er denn ein Gaunerstückchen, das Überraschungen gleich serienweise auftischt. Doch keine hochdeutsche Bühne mochte darauf anbeißen. Aber dann kam Arnold Preuß seines Zeichens Leiter der Niederdeutschen Bühne Wilhelmshaven. Der führte sich den deftig gewürzten Zweiakter des westfälischen Enddreißigers zu Gemüte, witterte einen "satten Braten" und übersetzte den Schwank, der sich Komödie nennt, gewitzt in mundgerechte Mundart.

Das Ergebnis: Eine Uraufführung, die (urig komisch) auf Anhieb einschlug Sonntagabend im Stadttheater der Stadt an der Jade. Es sollte gelacht werden, und es wurde lauthals gelacht, immer wieder, obwohl doch nicht zu verkennen war, daß die Logik der Buchholz Story nicht weniger Löcher hat als ein Schweizer Käse. Das Publikum fand diesen frischen Käse "einfach dufte", das närrisch überdrehte Spiel von einer kleptomanisch veranlagten alten Dame und einem aus der Art geschlagenen Hund namens Sir Achibald "ganz schön verrückt". entsprechend satt fiel der Schlußbeifall aus (quasi ein Garantieschein für den Erfolg der im Stadttheater angekündigten sieben Wiederholungen).

Dreistes Manöver
Erlaubt ist, was gefällt... Das Buchholz Stück überfällt die Zuschauer förmlich mit Einfällen (ein paar weniger wären mehr gewesen): Tante Henriette, die liebenswert komische Alte, "organisiert" ein bißchen aber nur aus Gründen der Wohltätigkeit(!). Sir Archibald verleibt sich kostenträchtig Kaviar und Fischfilets vom Feinsten ein, und zwischen beiden seufzt und leidet Henriettes solider Neffe Max. Der versucht sich und die Seinen mit Werbetexten für eine Diebstahlversi
cherung und für Abführmittel über Wasser zu halten. Das Wasser würde ihm jedoch längst bis zum Hals stehen, wenn da nicht Sylvia wäre die von ihm vergötterte Kriminalbeamtin, die Herz über Pflicht stellt und Tantchens Ausrutscher zurechtzubiegen trachtet. Zum Beispiel auch Henriettes Coup mit ihrem ehemaligen "Meister", dem Zirkus Trickdieb a. D. Caligari alias Schmidt. Zum Beispiel auch Henriettes tolldreistes Manöver mit einer arglos naiven Nachbarin namens Treff, die eigentlich nur den Engel eines Wohltätigkeitsbasares spielen wollte, aber widerstrebend den Weihnachtsmann mimen muß, damit das sündhaft teure Collier einer promienten Sängerin "weggezaubert" werden kann in einen Mumiensarg.

Eine Klamotte? Eine niederdeutsche Millowitsch Variante.. ? Ja, beides! Aber wenn so etwas so "nett gemacht" wird, wie in diesem Fall durch die von Horst Jönck auf Tempo gebrachte, über alle Ungereimtheiten flott hinwegführende Regie, dann zählt Kritikasterei nicht mehr zumal mit Brigitte Halbekath als Henriette eine so überaus quirlig temperamentvolle, unwiderstehlich "herzige" Hauptakteurin auf der Bühne steht. Flankiert wird sie trefflich durch den tapsig wehrlosen Ton des Neffen (Jürgen Tapken), durch den charmentkühlen "Biß" des Ex Magiers Caligari (Günter Boye) und die entwaffnende Passivität der Nachbarin Frau Treff (Hildegard Steffens). Mit am Erfolg beteiligt: Christine Fein, die die Figur einer völlig untypischen Kriminalbeamtin mild veredelt, auch durch Rolf Peter Lauxtermann, der als entgeisterter Werbeagentur Chef klaglos in einen schrankhohen Mumiensarg flüchten muß.

Autor Buchholz ein vielseitig routinierter Spielmacher (Schauspieler, Regisseur im Kino, im Hör und Fernsehspiel) durft sich am Ende vor der Rampe. sonnen. Er sollte das dem Übersetzter Preuß und dem Regisseur J önck gutschreiben; denn die beiden außer der umwerfend komischen Brigitte Halbekath haben es geschafft, seiner vielfach überfrachteten Diebsstory die besten Seiten abzugewinnen

Valentinaden (1. WA)

1. Wiederaufführung (2.), davor 1990/91 gespielt

VALENTINADEN

10 Szenen von Karl Valentin
Plattdeutsch von Fritz Wempner und Arnold Preuß

Inszenierung und Bühnenbild: Jürgen Tapken

Darsteller
Barri Brinkhoff
Frieda Harms
Herta Tapken
Annchen Warrings-Konken
Michael Hillers
Claus Miehlke
Rolf-Peter Lauxtermann
Horst Karstens
Heinz Zomerland

Valentinaden (WE)

Oldenburgische Erstaufführung

VALENTINADEN

10 Szenen von Karl Valentin
Plattdeutsch von Fritz Wempner und Arnold Preuß

Inszenierung und Bühnenbild: Jürgen Tapken

Darsteller

Barri Brinkhoff
Frieda Harms
Herta Tapken
Annchen Warrings-Konken
Michael Hillers
Claus Miehlke
Rolf-Peter Lauxtermann
Horst Karstens
Heinz Zomerland

Sie spielten alle in 10 verschiedenen Szenen mit (Annchen Warrings-Konken, Heinz Zomeland, Claus Miehlke, Rolf-Peter Lauxtermann, Barry Brinkhoff, Michael Hillers, Horst Karstens, Herta Tapken, Frieda Harms)

WILHELMSHAVENER ZEITUNG vom 1. September 1990

Valentin auf Platt nicht platt

Niederdeutsche Bühne eröffnete Spielzeit in F'groden

Von Barbara Schwarz

Mit Valentinaden, Spielszenen des genialen Volkskomikers Karl Valentin (1882 1948), eröffnete die Niederdeutsche Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven am Donnerstagabend die neue Spielzeit. Ausnahmsweise nicht im Stadttheater, sondern aus Anlaß des 50. Geburtstages des Stadtteils Fedderwardergroden in der Aula der Agnes Miegel Schule, in der die Niederdeutschen auch sonst regelmäßig mit ihren Produktionen gastieren.

Zehn Szenen hatte Bühnenleiter Arnold Preuß ausgesucht. Jürgen Tapken versuchte sich erstmals als Regisseur. Man spürte, man sah, daß Tapken Valentin verehrt und versteht. Nicht Nachahmung des Linksdenkers Valentin und seiner ebenso lieben, wie gescheiten und witzigen Partnerin Liesl Karlstadt war sein Anliegen, sondern aus dem Material wurden ganz eigenständige, typisch niederdeutsche Kabinettstückchen mit tiefsinnigem Humor. Fein ausklamüsert und keinesfalls derb anbiedernd und schenkelklopfend. In der Apotheke versuchte Claus Miehlke mit zunehmender Verzweiflung als Doktor einem Kunden Michael Hillers eine Medizin für sein schreiendes Baby zu verkaufen. Im Schirmladen brachte Rolf Lauxtermann als Kunde Annchen Warrings Konken, die Ladnerin, zur Verzweiflung, weil er sich nicht entscheiden konnte, ob er denn nun seinen Fetzen von Regenschirm vom Regenschirmreparaturmeister repariert haben wollte.

Auf dem Bahnhof verpaßte Herta Tapken den Zug nach Italien und fand dafür ihren einst nach Südamerika entwichenen Mann wieder. "Wo ist meine Brille?" fragte Horst Kartens verzweifelt seine Teure, der er zuvor einen Brief an einen verfeindeten Freund diktierte. Im Hutladen wurde Kunde Heinz Zomerland von der Putzmacherin Frieda Harms darauf gebracht, daß es Mode ist, ohne Hut zu gehen. Vor Gericht brachte Rolf Lauxtermann die Richterin dazu, eine Verbalinjurie auszustoßen. Der Theaterbesuch von Horst Karstens und Barry Brinkhof ein Kabinettstückchen des Scheiterns. Daß Ohrfeigen teuer zu stehen kommen wann sie nicht den Richtigen treffen, führten Claus Miehlke und Rolf Lauxtermann vor.

Über das "n" in den berühmten Semmel(n)knödeln gerieten sich Heinz Zomerland und Annchen Warrings Konken in die Haare, und über die zu heiße Suppe und den verschmorten Hasenbraten Frieda Harms und Horst Karstens. Musikalisch umrahmt und verbunden mit Walzern und Polkas auf dem Schifferklavier wurden die Szenen von Konny Efferts und Gaby Fritz.Viel Beifall für einen kurzweiligen Abend, der in seinen besten Momenten Valentins Wortklauberei und seinen grüblerischen Humor durchblitzen ließ. Hübsch auch der Einfall, die Szenen mittels weniger Möbel und mit farbigen Rollbildern zu illustrieren.

Swieg still, Jung! (WE)

Wilhelmshavener Erstaufführung

SWIEG STILL, JUNG!

(Schweig Bub!)
Volksstück in fünf Akten von Fitzgerald Kusz
Niederdeutsche Übersetzung Walter A. Kreye

Inszenierung: Arnold Preuß
Bühnenbild: Arnold Preuß, Klaus Panka

Beleuchtung: Peter Pfaus
Requisiten: Marga Goldenstein
Inspizient: Bernhard Bertram
Souffleuse: Katrin Schmidt
Bühnenbildbau: Walter Borraß, Erwin Hildebrandt, Karl-Heinz Goldenstein, Frank Schmidt, Günter Neverla, Klaus Panka
Bühnenmaler: Herbert Ulbrich

Rollen und Darsteller
Fritz, der Konfirmand - Thorsten Könnecke
Grete, sien Mudder - Heidi Rausch
Hans, sien Vadder - Ralf-Rüdiger Bayer
Unkel Willi - Horst Jönck
Tante Anna - Karin Heyel
Gerda, een Bekannte - Margot Andrews-Jäkel
Manfred, ehr Mann - Manfred Janßen
Hannelore, een Kusien - Roswitha Bertz

Thorsten Könnecke is de Jung de egalweg sien Swiegstill hollen schall

FRIESIESCHER HAUSBOTE

Volksstück und Erfolgsstück

Swieg still ,Jung' in Wilhelmshaven

Wilhelmshaven (N). Wie Weihnachten bricht die Konfirmationszeit über die Familien herein. Ein feierlich festlicher Anlaß ursprünglich zur Aufnahme der jungen Christen als mündige Glieder in die Glaubensgemeinschaft. Vorwand und Nebensache ist inzwischen der kirchliche Teil der Konfirmation geworden. Und so fühlen sich die zunehmend von der Eß und Trinkzur Saufund Freßgesellschaft werdenden Verwandten und Bekannten durch die mögliche Ankunft des Herrn 'Paster' geradezu bedroht und nehmen in Erwartung seines Auftauchens hastig feierliche Haltung an. Doch das Warten auf den 'Paster' ist ein wenig wie das ' Warten auf Godot'.

Abgesehen von solchen gelegentlichen Störungen der Bierund Weinseligkeit geben sich die Versammelten zunehmend unbekümmert menschlich und ißt, trinkt und streitet sich dem Höhepunkt entgegen, wo man endlich 'dat Swien' rauslassen kann. Erwachsene unter sich, wie wir es alle kennen. Wäre da nicht noch der jungendliche Konfirmand Fritz. Das mütterliche Gebot "Swieg still, Jung" und die Androhung des väterlichen Machtworts weisen ihm die (fast) stumme Hauptrolle auf seiner eigenen Konfirmantionsfeier zu, bis er dann endlich frühzeitig ins Bett geschickt werden kann und die Erwachsenen keine Rücksichten mehr zu nehmen brauchen. "Frag nich so veel, Jung. Ick habb vandag gor keen Tiet för di." Dieses Mutterwort charakterisiert treffend die Feiersituation.

Kaum hat sich das Gespräch der Erwachsenen einmal zu Konfirmationssprüchen hin verirrt und der Konfirmand mit seiner Prüfungsaufgabe über das Sakrament der Taufe zu Wort kommen darf, weist ihn der Vater wegen der Störung des Sauf und Freßgelages ungehalten zurecht: "Nu hol doch endlich mal dien Sabbel; wi sünd doch nich in de Bibelstund." Ungestört können sich die Erwachsenen dem Eß und Trinkritual hingeben. "Just hebb wi to Middag eeten un denn Koffie drunken un nu gifft all wedder wat... Ick bin an Platzen."

Gaumenfreude und Augenweide

Und das Publikum nimmt daran lebhaft Anteil. "Die sitzen da immer noch. Die sind immer noch am Essen. Das gibt's doch gar nicht." Wie amüsant es sein kann, anderen beim Essen und Trinken zuzusehen, dazu gibt Arnold Preuß' Inszenierung von 'Swieg still, Jung', dem Volksstück von Fitzgerald Kusz in der Übersetzung von Walter. A. Kreye vergnüglich viel Gelegenheit. Ein wenig an das berühmte 'Abendmahl' von Leonardo da Vinci erinnernd steht mitten auf der Bühne eine mächtige Festtafel; dahinter aufgereiht die Festgemeinde. Synchron und gegeneinder versetzt löffelnd, vielstimmig schlürfend, mimisch ausdrucksvoll kauend, das Besteck spalierähnlich zum Empfang des 'Paster' erhebend, werden die Gaumenfreuden auf der Bühne zur Augenweide im Zuschauerraum. Und die immer von neuem üppig eingedeckte Festtafel und die Eß und Trinkleistungen des Ensemble sind allemal gut für Lachen und Szenenapplaus. Nicht zu vergessen der gekonnte Rülpser des Konfirmanden am Ende des ersten Aktes.

Heißer Strip

Zwischen Essen und Trinken bleibt noch Zeit zum Reden. "Soveel ward anners dat ganze Johr bi us nich snackt", stellt die Mutter recht erschöpft fest. Natürlich drehen sich die Gespräche um Essen und Trinken und Rezepte. Auch ein wenig um die Kirche. Und wo ein paar Männer beisammen sind da geht es natürlich auch um die Frauen. Und über Ausland und Urlaub landet man ganz elegant bei Darminfektionen und Problemen mit dem Stuhlgang. Beruf und Bildung, Krieg, Nazis und Gefangenschaft und Emanzipation dürfen nicht fehlen. Bis hin zum handfesten Ehestreit. Über 'schätterige' Witze steigert es sich zum heißen Strip auf der Festtafel.

Komödiantisch bis clownesque

Erwachsene in ihrer unbeweglichen Hilflosigkeit, mit ihren Verletztheiten und Aggressionen, mit ihrer Sprachlosigkeit bei all der vielen Rederei. Ein anrührend traurig komisches Stück. Großartig komödiantisch bis diszipliniert clownesque Horst Jöncks Unkel Willi. Oft derb dumm, doch immer sympathisch zeichnet er diese zentrale Figur gekonnt und überzeugend. Selbst in der Volltrunkenheit und im zur Zwangsjacke umfunktionierten Mantel. Auf sein Spiel gut abgestimmte Partnerin Karin Heyel mit ihrer Tant Anna. Mit kräftigem, aber differenziertem Spiel, die Deftigkeit der Tant Anna genießend, ergänzt und kontrastiert sie Horst Jöncks prächtiges Spiel. Randfigur, sprachlos fast so beginnt Roswitha Bertz die Hannelore. Gut dosiert steigert sie ihr Spiel und verwandelt ihre Figur vom schüchternen Aschenputtel zum wachgeküßten, fast männermordenden, mondänen Dornröschen. Heftig affektiert in Sprache, Gestik und Mimik zeichnet Margot Andrews Jäkel Gerd die 'Möchte gern Gebildete' Nach dem Motto: Das Hoch- deutsch hat mir so gepackt, das läßt mir gar nicht mehr los. Hochzivilisiert ist der Manfred Janßen. Ein wenig wie aus einer anderen Welt des Bildungsbürgertums, bis er dann gedämpft menschlich zu werden wagt, unter dem Einfluß des Alkohols und der weiblichen Reize der Hannelore.

Konfirmantion oder Karneval

Chauvi, autoritärer Vater und Spießer ist Hans, der Vater des Konfirmanden. Ralf Rüdiger Bayer gelingt es diese Figur deutlich herauszuspielen, ohne sie zu überzeichnen. Fleißig bescheidene Hausfrau auf Harmonie bedachte Ehefra verschämt stolze Mutter und dennoch ein wenig verunsichert eitel modische Frau verkörpert Heidi Rausch Grete die Mutter. Und schließlich Fritz, der Konfirmand. Thorsten Könneke hat es nicht leicht. Die meiste Zeit muß er schweigen, entsprechend dem Titel des Stückes. Aber pantomimisch bleibt er stets präsent spielt mit, und er bekommt verdienten Szenenapplaus beim Rezitieren des Sakraments der Heiligen Taufe. Ein betont schlichtes Bühnenbild, das das Spiel der krampfig verlogenen Gesellschaft unterstützt. Amold Preuß hat mit seiner Inszenierung beachtliche Akzente gesetzt. Wenn Tante Anne auch mehrfach warnt: "Hier is Kon firmatschon un kien Kamival.", so wird sich der Zuschauer bei dem vergnüglich hintersinnigen Volksstück von Fitzgerald Kusz nach zwei unterhaltsamen Stunden seine eigene Meinung bilden können, auf welcher Art Veranstaltung er denn nun war.

Es geht hoch her bei der Konfirmation, die meisten sind duun oder schlafen (v.l. Karin Heyel, Heidi Rausch, Ralf-Rüdiger Bayer, Roswitha Bertz, Horst Jönck)

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Der Konfirmand muß schweigen

Niederdeutsche Bühne brachte plattdeutsches Zeitstück

Von Theodor Murken

Fritz ist konfirmiert. Die kirchliche Feier hat ihn, wie man gelegentlich erfährt, tief beeindruckt. Nun sitzt die Familie mit Anhang am Eßtisch: Die Eltern, Onkel und Tante, eine Kusine, zwei Bekannte, vier Frauen, vier Männer. Für den Pastor, den man eingeladen hat, ist noch ein Stuhl frei. Alle Löffeln die Suppe.So weit ist alles gut und schön. Es hat Geschenke gegeben und viele Blumen. Beim Braten kommt die Unterhaltung richtig in Gang. Es kann nicht verborgen bleiben: Sie strotzt von Trivialität. Zwischendurch will auch der Konfirmand etwas sagen: "Swieg still, Jung", fahren ihn seine Eltern an.

"Swieg still Jung" so hat Walter A. Kreye in seiner plattdeutschen Übersetzung das Volksstück betitelt, das 1976 der 1944 in Nürnberg geborene Lyriker und Stückeschreiber Fitzgerald Kusz unter dem Titel "Schweig Bub" verfaßt hat. Es hat in den verschiedensten deutschen Mundarten, berlinisch, bayerisch, rheinländisch, hessisch und schließlich auch in der plattdeutschen Sprache die Bühne erobert.

Volksstücke müssen ja nicht unbedingt vulgär sein, aber hier ist es wohl eine Ausnahme. Das ergibt sich aus der Situation. Selbst, wenn einmal andeutungsweise von Religion und Kirche die Rede ist, geht das schnell unter. Der Pastor wäre sich sein Stuhl blieb leer verloren vorgekommen.

Die Niederdeutsche Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven hat das Stück als letztes der Spielzeit, gerade rechtzeitig vor den Konfirmationsterminen herausgebracht, und wenigstens im (lobenswerten) Programmheft Beispiele gegeben, wie man eine Konfirmationsfeier gestalten kann. Der Bühnenleiter Arnold Preuß inszenierte das Stück. Alles spielt sich in einem schlicht gehaltenen Bühnenbild ab mit weißem Hindergrund. Den Darstellern wird allerhand abverlangt. Wenn der Konfirmand auch zu schweigen hat, so hat er darstellerisch doch einiges zu bewältigen, und das machte Thorsten Könnecke als Fritz ausgezeichnet.

Die Männer (Ralf Rüdiger Bayer als der polternde Vadder, Horst Jönck als der überschlaue Onkel, Manfred Janßen als Bekannter, der vor allem beim Skat seinen Mann stand) kamen in Form, je zunehmender sie die Betrunkenen zu spielen hatten.

Von den Frauen hatte die Kusine Hannelore auch zu tief ins Glas geguckt. Roswitha Benz mußte in dieser Rolle einige Szenen zum Besten geben, die schauspielerische Kunst forderten. Karin Heyel verstand sich als Tante Anna in dem Geschick, immer das Wort zu behalten, was der Konfirmand zu wenig, sprach sie zuviel. Margot Andrews Jäkel war die Aufgabe zugefallen, hochdeutsch nicht nur geziert, sondern auch falsch zu sprechen.

Wie das bei solchen Familienfeiern so ist, hatte die Mutter des Konfirmanden die meiste Arbeit und die größte Last, in diesem Stück aber auch den größten Ärger durch ihren Mann, der aus dem Volksstück fast ein Drama machte. Diese Rolle lag bei Heide Rausch in besten Händen, als ein ruhender Pol im bewegenden Ablauf des Essens, Trinkens. Das fast vollbesetzte Haus nahm das Stück, mit dem der Autor den Menschen einen Spiegel vorhält, mehr als Burleske auf, viele amüsierten sich auch da, wo es nichts mehr zu lachen gab, eher ein Anlaß zum Traurigsein war. Doch ist anzunehmen, daß so mancher auch nachdenklich nach Hause gegangen ist.

Sie philosophieren über Gott und die Welt (Ralf-Rüdiger Bayer, Roswitha Bertz, Horst Jönck)

JEVERSCHES WOCHENBLATT

Eingeladen macht nicht dick sagte sie und aß

Niederdeutsche Bühne erhielt tosenden Beifall für das Stück "Swieg still, Jung`

(js) Wilhelmshaven. Als sich am Sonntagabend bei der Niederdeutschen Bühne Wilhelmshaven zum fünften und letzten Mal in der Spielzeit 1989/90 der Premierevorhang hob, hörte man nur ein lautes Schlürfen. Im Dunkeln konnte man zuerst nur die Umrisse einer kleinen Gesellschaft erkennen, die um einen großen runden Tisch saßen und speisten. Allmählich wurde es auf der Bühne heller, das Schlürfen nahm zu und zum Vorschein kamen acht Personen, die eine Konfirmation feierten und genüßlich, die ach so gut schmeckende "Klütensuppe" löffelten. "Wann heff wi dat letztmol, so'n lekker Klütensopp hat", fragt die geladene Tante Anna ihren Mann Onkel Willi und eröffnet damit eine Gesprächsrunde, die es in sich hat. "Eingeladen macht nicht dick", meint sie lakonisch weiter, als man zum Thema Abnehmen gelangt und läßt sich den Braten schmecken.

Vom Mittagessen bis zum nächtlichen Mahl wird hier eine Konfirmationsfeier dargestellt, wie sie hier und da, vielleicht bei manch' einem im Saal sitzenden Zuschauer, wenn auch nur Auszugsweise, zugetragen hat. Wenn einem zu Beginn der Vorstellung auch kurz der Gedanke aufkam, nun zwei Stunden lang ein langweilig satirisches Wortgeplänkel über Gott und die Welt über sich ergehen lassen zu müssen, mußte bereits nach dem ersten Akt den Darstellern Abbitte tun. Denn was die Niederdeutschen mit ihrem Volksstück "Swieg still, Jung" dem Publikum darbot, war etwas Einzigartiges, das immer wieder mit Beifall auf offener Szene und einem tosenden Schlußapplaus bedacht wurde.

"Der Konfirmand kommt ja gar nicht zu Wort! Auf den wird nur so eingesprudelt. Als Konfirmandwird man abgeschoben irgendwie, wenn die Verwandten zusammen sitzen, eigentlich sollte er ja im Mittelpunkt stehen! Konfirmand Jahrgang 1979", so steht es unter "Erinnerungen an die Konfirmation" im Programmheft. Und so ergeht es auch dem Konfirmanden Fritz in dem Volksstück von Fitzgerald Kusz. Da sitzt er nun an der großen Tafel zwischen Onkel und Tante, einer Kusine, seinen Eltern und einem befreundeten Ehepaar. Und die reden und reden und essen und trinken und reden und sagt er etwas, heißt es nur "Swieg still, Jung". Kein Thema wird ausgelassen, die Gesprächspalette reicht vom Abnehmen über Dallas bis zum Kirchengeld und schließlich kommt man zum Thema Nr. 1 dem "Sex". Deftige Witze bleiben nicht aus, der Ehekrach ist vorprogrammiert und dem Alkohol mächtig zugesprochen, kommt es als Höhepunkt in den Nachtstunden noch zu einem "Striptease" und das alles auf einer Feier, die einem 14jährigen gewidmet ist, aber der ist ja schon längst im Bett.

Dem Regisseur Arnold Preuß ist es wieder einmal gelungen, ein bereits in vielen Mundarten erfolgreiches Stück, dem niederdeutschen Publikum näherzubringen. Das von Walter A. Kreye ins Plattdeutsche übersetzte Volksstück ist reich an Wortgeplänkel, teils humorvoll, teils vulgär und auch nachdenklich stimmend. Es lebt durch die hervorragende Darstellung der einzelnen Festteilnehmer. Thorsten Könnecke als Konfirmand Fritz, hatte zwar nicht viel zu sagen, doch seine Darstellung des fast "Schweigsamen" war hervorragend. Seine Tante Anna, ausgezeichnet interpretiert von Karin Heyel, war das krasse Gegenteil, ihr Mundwerk stand nicht still, immer brachte sie Stimmung in die Unterhaltung. Margot Andrews Jäkel spielte die Bekannte Gerda, die immer vom Abnehmen sprach, aber eine Salzstange nach der anderen genüßlich knapperte. Roswitha Bertz als Kusine Hannelore, hatte die betrogene Ehefrau zu spielen, was ihr auch gut gelang. Mit ihrem Spriptease brachte sie die "Fete" ganz schön auf Touren. Die Rolle der Hausfrau und Mutter meisterte Heidi Rausch. Immer wieder sorgt sie dafür, daß alle genug zu Essen und Trinken haben und hat dadurch die größte Last des Tages zu tragen. Der von ihr und ihrem Mann Hans (Ralf Rüdiger Bayer) inszenierte Ehekrach gab dem Volksstück einen Hauch von Dramatik. Bleibt nur noch Onkel Willi (Horst Jönck) und den Bekannten Manfred (Manfred Janßen) zu erwähnen, die gemeinsam mit Vater Hans ausgiebig den Alkohol zusprachen und nicht ganz schuldlos daran waren, daß die Festlichkeit allmählich außer Kontrolle geiet.

Mudder Mews (WE)

2. Platz beim Willy - Beutz - Schauspielpreis

Wilhelmshavener Erstaufführung

MUDDER MEWS

Schauspiel in fünf Akten von Fritz Stavenhagen
Bearbeitung von Günther Siegmund

Inszenierung: Horst Jönck
Bühnenbild: Horst Jönck

Beleuchtung: Peter Pfaus
Requisiten: Marga Goldenstein
Inspizientin: Helga Borraß
Souffleuse: Annchen Warrings-Konken
Bühnenbildbau: Walter Borraß, Erwin Hildebrandt, Karl-Heinz Goldenstein, Frank Schmidt, Günter Neverla, Klaus Panka
Bühnenmaler: Herbert Ulbrich

Rollen und Darsteller
Mudder Mews - Rika Jung
Willem Mews, Seefischer - Wilfried Pampuch
Hugo Mews, Fischerknecht - Jürgen Tapken
Lisbeth Nibbe geb. Mews - Wilma Welte
Elsbe Mews - Marion Zomerland
Lütt Hein - Björn Pampuch
Kinner - Bianka Vogt, Karin Gerdes,
Heike Lauermann, Kai Lauermann, Britta Pampuch, Matthias Welte und Meike Zomerland.

Mudder Mews - hartherzig, aber ausdrucksstark (Rika Jung in der Titelrolle)

JEVERSCHES WOCHENBLATT

Begeisterter Applaus für die Niederdeutschen

Rika Jung und Marion Zomerland hervorragende Darsteller bei "Mudder Mews"

von Jutta Schmidt

Wilhelmshaven. Eine eindrucksvolle und zu Herzen gehende Aufführung sahen am Freitagabend die Zuschauer der Niederdeutschen Bühne Wilhelmshaven. Für eine hervorragende Darstellung des Dramas "Mudder Mews" erhielten die Niederdeutschen langanhaltenden Schlußapplaus. Neben einer ausgezeichneten Rika Jung als Mudder Mews erlebte das Publikum eine beeindruckende Marion Zomerland in der Rolle der Elsbe.

Als Fritz Stavenhagen "Mudder Mews" zu Papier brachte, schrieb man das Jahr 1903. Die Tragödie in fünf Akten ist ganz und gar realistisch, denn die Finkenwarder Umwelt war dem Dichter von seinem früheren Aufenthalt auf der Elbinsel vertraut. Die Figur der Mudder Mews hatte er dort selber erlebt. Auch Mutter und Schwester haben dem Dichter mit den kleinen häuslichen Streitigkeiten bei diesem hochkarätigen Schauspiel Modell gestanden.

Als am 10. Dezember 1904 die Uraufführung von "Mudder Mews" stattfand, war der Autor bereits schwer krank. Das Stück wurde zwar kein großer Erfolg, brachte dem Schreiber aber doch einen materiellen Gewinn und lange Zeitungsberichte machten Stavenhagen berühmt. Man forderte mehr von ihm, das Blatt schien sich zu wenden. Zu spät. Am 9. Mai 1906 starb Fritz Stavenhagen im Alter von 29 Jahren. Was er zurück läßt sind nur ein paar wenige Stücke und das wohl beste Niederdeutsche Drama, das spannende Schauspiel "Mudder Mews".

Auch heute, 85 Jahre nach der Uraufführung, ist das Thema des Stückes noch so aktuell wie zur Zeit der Entstehung. Jung und alt unter einem Dach, daß verträgt sich nicht, sagt man und der heutige Wohlstand macht es auch fast nicht mehr erforderlich. Doch früher war es ganz normal, daß die Alten und die Jungen zusammenlebten, was nicht ohne Reibereien blieb. Besonders schwer hatten es dann die jungen Frauen mit ihren Schwiegermüttern.

Elsbe ist eine dieser Frauen, die mit ihrer Schwiegermutter zusammen leben muß, während ihr Mann Willem und dessen Bruder Hugo, der auch bei ihnen wohnt, die meiste Zeit auf See sind. So sind Elsbe und ihre Kinder den Schikanen der vom Schicksal verbitterten "Mudder Mews" schutzlos ausgeliefert. Still erleidet Elsbe ihr Los bis "Mudder Mews" auch noch ihre Ehre angreift und behauptet, ihre Kinder seien nicht von Willem. Verzweifelt kämpft Elsbe gegen ihre Schwiegermutter und.verliert, weil ihr Mann das ganze Ausmaß der Tragödie nicht begreift. Immer wieder nimmt er seine Mutter in Schutz, bis Elsbe ihn vor die Wahl stellt: entweder Mutter oder sie. Doch Willem bleibt bei seinem Entschluß, Mutter bleibt. Und so gibt es für Elsbe nur einen einzigen Ausweg.

Wie sehr sich die Darsteller mit den einzelnen Rollen auseindersetzten und wie stark sie die spielenden Personen verkörperten, konnte man am Schluß der Aufführung sehen. Ihre Gesichter wirkten erschöpft von der zweifellos anspruchsvollen Aufführung. Die Traumrolle der "Mudder Mews" wurde von Rika Jung in hervorragender Weise dargestellt. Obwohl es schwer ist, die sonst so humorvolle Spielerin, mit einer so verbitterten Frau zu identifizieren, meisterte Rika Jung die durch diese Rolle an sie gestellten Anforderungen mit großem schauspielerischem Talent. Die Rolle förmlich auf den Leib geschrieben wurde Marion Zomerland. Sie spielte die leidende von der Schwiegermutter tyrannisierte Elsbe mit einer solchen Perfektion, daß man förmlich mit ihr litt. Ihre verzweifelten Kämpfe um den Fortgang der Mudder Mews aus dem Hause ihres Mannes forderten von Marion Zomerland viel Kraft für diese Rolle.

Mit Jürgen Tapken als Schwager Hugo Mews hatte sie einen ebenso eindrucksvollen Partner an ihrer Seite, der sie nicht nur heimlich liebt, sondern von der Mutter ebenso abwertend behandelt wird. Der einzige, der Elsbe hätte helfen können, wäre ihr Mann Willem, verkörpert von Wilfried Pampuch. Doch der sieht nicht wie Elsbe leidet, versteht nicht warum sie so verstört ist bis es schließlich zur Tragödie kommt. Weitere Darsteller waren Lisbeth Mews (Wilma Welte) als temperamentvolle Schwester von W llem und Hugo sowie Lütt Hein (Björn Papuch) als Sohn von Elsbe und Willem und die Kinder Bianka Vogt, Karin Gerdes, Heike Lauermann, Kai Lauermann, Britta Papmuch, Matthias Welte.

Elsbe (Marion Zomerland) wurde von Hugo (Jügen Tapken)  aus dem Wasser gezogen, Willem (Wilfried Pampuch) ist stumm vor Entsetzen

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Ein altes Drama wurde wiedererweckt

Die Niederdeutsche Bühne brachte erstmalig Stavenhagens "Mudder Mews"

Von Theodor Murken

Horst Jönck inszenierte für die Niederdeutsche Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven zum ersten Male in ihrer fast 60jährigen Geschichte das Drama "Mudder Mews" von Fritz Stavenhagen. 1903 geschrieben, 1905 uraufgeführt, 1920 von Hamburgs Niederdeutschen Bühne Dr. Richard Ohnsorgs erstmals, 1922 von einer plattdeutschen Berufsbühne nochmals in Wilhelmshaven gespielt, hat das Stück in der Bearbeitung von Günther Siegmund nun jetzt eine eindrucksvolle Auferstehung erlebt. Fritz Stavenhagen, 1876 in Hamburg geboren, in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen und schon 1906 im Alter von 29 Jahren einem ererbeten Gallenleiden erlegen, schrieb dieses, sein bestes Stück, in der Zeit des "konsequenten Naturalismus". Gerhart Hauptmann, Hermann Sudermann, Henrik Ibsen, August Strindberg waren die Favoriten des Theaters. Stavenhagen war der erste der niederdeutschen Dichter, der sich hier einreihte.

Das dramatische Geschehen in einem Finkenwärder Fischerhaus, das er in "Mudder Mews" mit äußerster Konzentration und suggestiver Kraft ablaufen läßt, ist nicht das Wesentliche des Stückes. Viel mehr ist es die Zeichnung der Menschen, ihrer Charaktere, ihres Denkens und Fühlens. Tiefgreifend sind die Konflikte in der Fischerfamilie mit der durch hartes Leben verbitterten alten Frau, die nach ihren Worten "so vööl dörmaken" mußte und durch ihre ständige Kritik, Sticheleien und Nörgeleien bis hin zu schweren Verdächtigungen gegenüber ihrer als Hausfrau allerdings nachlässigen Schwiegertochter große Schuld aufhäuft, in die auch der Ehemann verstrickt wird.

Die sechs Darsteller standen. vor einer schweren Aufgabe. Horst Jönck brachte als Speelbas alles in das rechte Lot. Rika Jung gab der Titelrolle der alten Frau nicht nur die richtige Statur, sondern machte auch ihre tiefe Tragik deutlich. Auch Marion Zomerland hatte sich in die Rolle der jungen Schwiegertochter Elsbe hineingelebt. Sie zerbricht unter den gegen sie anstürmenden Anschuldigungen und sucht den Tod. Schuld allein empfinden die beiden Brüder Willem und Hugo Mews. Den Seefischer Willem Mews, dem Wilfried Pampuch echte Züge gab, hat seine Schwäche schuldig gemacht. Er stellte sich nicht schützend vor seine junge Frau. Daß Willems jüngerer Bruder Hugo durch den Tod seiner von ihm verehrten Schwägerin zum Trinker wird und innerlich zerbrechen mußte, konnte Jürgen Tapken recht lebensecht verkörpern.

Im Ablauf des dramatischen Geschehens gibt es auch einige erheiternde Szenen. Dabei steckte z. B. Wilma Welte in der Rolle der Lisbeth Nigge, geborenen Mews. Plattdeutsch aufgewachsen, ist sie in Hamburg verstädtert und spricht nur noch hier fremdartig wirkendes Hochdeutsch. Das macht sie meisterhaft, es gleicht einem unermüdlich plätschernden Wasserfall. Zu den Darstellern zählen schließlich noch sieben linder, die am Martinstag singend von Tür zu Tür ziehen. Mit ihnen auch Björn Pampuch als LüttHein, der seine Rolle recht unbefangen spielte. Das zünftig ausgestattete Bühnenbild mit dem Blick auf die Elbe erhellte ein weinig die "Hebbelsche Düsternis" des Geschehens.

Lisbeth (Wilma Welte), die einzige, die sich aus den Klauen der Mutter befreien konnte, oder doch nicht???

Rund um Kap Hoorn (3. WA)

3. Wiederaufführung (4), davor 1952/53, 1959/60 und 1971/72 gespielt

RUND UM KAP HOORN

Lustspiel in drei Akten von Fritz Wempner
Musik Paul Gerlach

Inszenierung: Uwe Schmidt a.G.
Bühnenbild: Herbert Ulbrich, Klaus Panka
Musikanten: Cornelia Efferts, Gaby Fritz

Beleuchtung: Peter Pfaus
Requisiten: Marga Goldenstein
Bühnenbildbau: Walter Borraß, Erwin Hildebrandt, Karl-Heinz Goldenstein, Frank Schmidt, Günter Neverla, Klaus Panka

Rollen und Darsteller
Karl Nass, Kapitän - Horst Karstens
Jonny Tetens, Steuermann - Arnold Preuß
Walter Christiansen, Reeder - Karl-Heinz Schröder
Irmgard, seine Tochter - Maike Rosenberg
Falkenoog, Detektiv - Manfred Janßen
Mollich I und II, Detektive - Willy Meiner, Rolf-Peter Lauxtermann
Mia Brinkmann, Privatsekretärin - Heidi Rausch
Jette Preßkopp, Zeitungsfrau - Hanna Christoffers
Gäste in der Kneipe - Teile des Männergesangvereins "Nordsee"
Eduard Funk - Michael Hillers

Rund 20 Mitglieder des Männergesangvereins Nordsee waren belebendes Element auf der Bühne

WILHEMSHAVENER ZEITUNG

Weihnachtsüberraschung der Niederdeutschen

Glanzvolle Premiere mit dem Lustspiel "Rund um Kap Horn"

Von Theodor Murken

Zum vierten Male in 40 Jahren spielte die Niederdeutsche Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven das Lustspiel "Rund um Kap Horn" des Flensburgers Fritz Wempner. Nach dem unvergeßlichen Willi Minauf in den 50er Jahren, dem Stadttheater Rudolf Sang 59/60 dem Landesbühnenmitglied Gerhard Erfurt gab nun Uwe Schmidt von der Landesbühne dem lustigen mit Musik und Lied von Gerhard Gerlach ausgestatteten Spiel neues frisches Leben. Mit den Darstellern war es nicht zuletzt das bunte Volk der mehr als 20 sangesfroher Kneipenbesucher, die zu einer von Anfang an fröhlichen Premiere am zweiten Weihnachtsabend beitrugen. Das vollbesetzte Haus war mehr als zwei Stunden von heiterer Stimmung erfüllt. Dabei ist das, was sich auf der Bühne in der St. Pauli Kellerkneipe "Kap Horn" zuträgt, gar nicht immer so heiter.

Es ist ja kaum zum Lachen, wenn ein Kapitän und ein Steuermann eine Kellerkneipe aufmachen müssen, weil sie keine Arbeit haben, und ein Kümo-Reeder der seiner Existenzerhaltung wegen seine Tochter zwingen will, einen reichen Mann zu heiraten, was sie partout nicht will. Deshalb verläßt sie das Haus und sucht Zuflucht bei ihren Jugendgespielen, den Kapitän, der nun Kneipenwirt geworden ist. Das gibt einen ordentlichen Spektakel in der Kellerkneipe ab. Es scheint vieles in die Brüche zu gehen. Die Sache sieht am Schluß gar nicht gut aus, aber plötzlich lösen sich alle Probleme.

Die Premierenaufführung hatte, wenn sich einige Male auch Premierenfieber bemerkbar machte, Schwung und Tempo. Sie entbehrte nicht mancher komödiantischer Einfälle, die auch dem Ernst eine heitere Seite abgewannen. Die Rolle der Reederstochter Irmgard Christiansen schien Maike Rosenberg auf den Leib geschrieben zu sein. Sie mußte sich, in den Keller geflüchtet, unkenntlich machen. Ihre Verwandlung von hübscher Jugendlichkeit in eine häßliche und dümmliche Köksch war so meisterhaft, daß selbst der Vater sie nicht wieder erkennen konnte.

Diesem, von Karl Heinz Schröder dargestellt, sah man an, daß er wohl zum ersten Male eine Kellerkneipe in St. Pauli aufsuchte, dazu noch in Begleitung seiner "Privatsekretärin" mit dem verdächtigen Vornamen Mia, bunt aufgeputzt, frech und dreist den Männer gegenüber, kein Prunkstück für den biederen Reeder, der auch frohsein konnte, daß sie Ersatz bei einem Generaldirektor fand. Heidi Rausch hatte die Aufgabe, dieser zwielichtigen Dame überzeugende Gestalt zu verleihen.

Die beiden Wirtsleute der Kneipe, Horst Karstens als Kaptein Korl Nass und Arnold Preuß als Stürmann Jonny Tetens, mußten in ihrem Lokal alle Stürme und Wetter über sich ergehen lassen. Das gab ihnen Gelegenheit, alle Register ihres Könnes zu ziehen. Besonders Horst Janßen verstand es, als Komödiant zu glänzen. Es gab einige Szenen, wo sich beide Seeleute in einer Haltung gegenüberstanden, die ihnen starken Beifall einbrachten.

Hanna Christoffers war als Zeitungsfrau Jette Preßkopp wieder redegewandt. Durch List konnte sie sich den Kaptain ergattern. Manfred Janßen, Willy Meinert und Rolf Lauxtermann waren als Detektive Falkenoog, Mollich I und Mollich fI köstlich auf und gegeneinander abgestimmte "Spürhunde" und Michael Hillers fügte sich in alles Geschehen als Rundfunkreporter Eduard Funk stilecht ein. Und stilecht war auch das Bühnenbild von Herbert Ulbrich und Klaus Panka; zur Einrichtung hatte das Jeversche Brauhaus beigetragen. Es fehlten nicht einmal die Positionslichter rot und grün. Daß es in "Kap Horn" manches Mal kräftig zwischen Steuerbord und Backbord hin und her schwankte, konnte man sich unschwer vorstellen.

Kleine Schaumschlacht zwischen Jonny und Karl (Arnold Preuß und Horst Karstens v.r.)

FRIESISCHER HAUSBOTE

Rund geht's bei der Niederdeutschen Bühne Wilhelmshaven zu

Weihnachtspremiere der Komödie 'Rund um Kap Horn'

Wilhelmshaven (RS). Korl Nass, Kapitän, und Jonny Tetens, Steuermann, sitzen auf dem Trockenen. Sie warten darauf, daß Walter Christiansen seine ContainerSchiff Neubauten fertiggestellt kriegt, um wieder auf Fahrt zu gehen. Vorübergehend haben sie eine Hafenkneipe 'Kap Horn' übernommen und sind als Wirtsleute vor Anker gegangen. Johnny hat aus enttäuschter Liebe zu der Lebedame Mia Probleme mit Frauen, besonders solchen, die gut aussehen. Da erscheint eines Tages die hübsche Tochter ihres Reeders, Irmgard, auf der Flucht vor der Ehe mit einem ungeliebten Kapitalisten. Ihr Vater, Walter Christiansen, will sie in diese Ehe zwingen, um sich einen Kapitalgeber für die Finanzierung seiner Container Schiff Neubauten zu sichern und seine Tochter standesgemäß zu verheiraten, obwohl oder gerade weil er selbst sich aus einfachen Verhältnissen hochgearbeitet hat.

Korl Nass, der Irmgard seit deren Kindheit kennt, nimmt die Eheflüchtige auf, nachdem sie sich ein pottenhäßliches Aussehen als Tarnung angeschminkt und angezogen hat. Von Zeitung, Detektiven und dem eigenen Vater gesucht und verfolgt, entgeht sie zunächst in ihrer Verkleidung und mit gut gespielter Begriffsstutzigkeit, ja, Dummheit den Verfolgern, nicht aber der Liebe.

Spiellust und Seemannsgarn ein Selbstgänger

Fritz Wemper hat mit der Musik von Gerhard Gerlach mit seinem musikalischen Lustspiel "Rund um Kap Horn" eine flotte, lockere Komödie im vielfarbigen Hafenmilieu geschaffen, das viele unterschiedliche, gut definierte und spielbare Typen in Aktion versetzt. Ein Stück, wie geschaffen, Spiellust in Gang zu setzen, pfiffige Regie Einfälle zu verwirklichen. Und es stört nicht im Gegenteil: es beschwingt, daß nach vielen Verwirrungen und witziger Situationskomik alles auf das Happy End zusteuert,. wo aus dem 'häßlichen Vogel' wieder der 'strahlend schöne weiße Schwan' wird und einen der Seelords ... Aber das sollte man sich viel besser im Theater flockig locker vorspielen lassen. Besser gesagt: vorgaukeln lassen. Denn dieses Lustspiel von seiner Anlage her ein 'Selbstgänger' darf man gar nicht erzählen. Es verlangt die gut geführten heiteren Komödianten und das entspannte Publikum. Augenzwinkern auf beiden Seiten bei flott serviertem Seemannsgarn. Und die Erst Regie von Uwe Schmidt (Landesbühne) ist auf genau dem richtigen Weg. Hier wird ein kein pseudo realistisches Melodram konstruiert. Nein, eine Abfolge traumhaft leichter verwirrender, spaßiger Situationen wirbelt bei eingängiger, spritziger Musik über die Bühne. Theater, das unterhält und Spaß macht, ja, verzaubert, in eine leichte Welt der Illusionen entführt.

Gestandene Mannsbilder und "doofe Nöt"

Und die Besetzung der Rollen am Niederdeutschen Theater Wilhelmshaven ist optimal. Denn spielen kann das Stück praktisch jede Bühne. Und "Rund um Kap Horn" ist aus dem Repertoire der Bühnen nicht mehr wegzudenken. Aber ein Genuß wird erst daraus, wenn es richtig besetzt ist. Und das ist den Wilhelmshavenem gelungen. Horst Karstens ist das kräftige und etwas füllige Mannsbild, das den Kapitän Korl Nass auf die Bühne bringt. Der typische Seebär, noch ein richtiger Mann und väterlicher Freund. Ihm zur Seite Johnny Tetens, den Arnold Preuß gut mit dem wendigen und zupackenden Freund Korl kontrastiert. Und der Frauenverachter darf sich auf der Bühne zum verliebten Verlobten entfalten. Eine Rolle, die Spaß macht. Maike Rosenberg hat mit der Reederstochtr Irmgard eine tolle Rolle übernommen. Sie darf die elegante Irmgard in die pottenhäßliche "doofe Nöt" verwandeln, sie darf eine herrlich lockere Komödie mit vielen Originalen im Hafenmilieu entfesseln sie spielt ein doppeltes Spiel. Und auf jeden Fall spielt sie gutes Theater. Eine Idealrolle.

Spiel mit dem Publikum

Ihren Vater, Walter Christiansen, stellt Karl Heinz Schröder auf die Wilhelmshavener Bühne. Sympathisch, aber keineswegs ohne menschliche, allzu menschliche Schwächen. Und dann die Zeitungsfrau Hette mit ihrem losen Mundwerk hier kann sich Hanna Christoffers, das 'Publikumspferd', so richtig ausspielen. Diese Rolle braucht Publikum, das Spiel mit dem Publikum, das Spiel zwischen Publikum und Bühne. Die zwei Karikaturen von Detektiven Falkenog (Manfred Jantzen) und Mollich (Willy Meinert) haben toller Einfall der Regie einen 'dritten Mann' in dem zweiten im Text nicht vorgesehen Mollich (Rolf Lauxtermann) bekommen. So lassen sich die witzigen Dümmlichkeiten noch mehr akzentuieren, läßt sich diese Paraderolle ein bißchen im Sinne von 'Dick und Doof' mit dem Trio noch mehr auskosten.

Mia Brinkmann, die aus den Niederungen der Halbwelt zur Dame aufgestiegene verflossene Liebe des Jonny, braucht die rauchig verrucht dunkle Stimme von Heidi Rausch. Und Michael Hillers erhält mit dem Rundfunkreporter Eduard Funk einen guten Einstieg in seine Bühnenlaufbahn. Leichte Kost mit viel Spielfreude, Spielwitz und einfallreicher Regie ein ganzer Männerchor wird sich auf der Bühne produzieren serviert, das garantiert beste Unterhaltung. Theater, das zwei Stunden lang Spaß macht. Und das alles live. Kein Wunder, daß der Vorverkauf schon auf vollen Touren läuft. Mach dir ein paar schöne Stunden. geh ins Niederdeutsche Theater Wilhelmshaven.

Die Detektive Mollich I + II (Rolf-Peter Lauxtermann, Wilfried Meinert) sowie Falkenoog (Manfred Janssen) sind großen Kriminalfällen auf der Spur

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