De verflixte Strump (1. WA)

zehnte Gemeinschaftsproduktion
1. Wiederaufführung (1.), davor 1954/55 gespielt

DE VERFLIXTE STRUMP

Komödie von Hans Balzer in vier Akten

Inszenierung: Rudolf Plent
Bühnenbildentwurf: Rudolf Plent, Ewald Meine, NB Neuenburg

Regieassistenz/Inspizienz/Requisiten:: Annemarie Penningroth, NB Brake
Produktionsleitung: Manfred Malanowski, NB Neuenburg

Bühenbildbau: W. Fischer, W. Hänecke, H. Hilbners, E. Meine und D. Schweer, alle NB Neueburg
Bühnenmalerei: Willi Egenhoff, NB Neuenburg
Bühnentechnik: K. Decker, H.-W. Horstmann und R. Renken, alle NB Brake
Masken und Frisiuren: K-H. Krämer, Oldenburg, Monika Droste, NB Delmenhorst
Souffleuse: Luzie Piest, NB Delmenhorst

Rollen und Darsteller
Sneewitt - Uta Thormählen, NB Oldenburg
Lafrenz - Rainer Behrends, NB Neuenburg
Gundula - Hilke Zahn, NB Varel
Kasper, Gärtner bei Lafrenz - Gerold Bruns, NB Braken
Sötmund - Werner Droste, NB Delmenhorst

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Damenstrumpf in falscher Männerhand

Der Niederdeutsche Bühnenbund bot ein amüsantes Lustspiel

Von Theodor Murken

Für seine zehnte Gemeinschaftsproduktion hatte der Niederdeutsche Bühnenbund Niedersachsen/Bremen Hans Balzers Lustspiel "De verflixte Strump" ausgewählt, das am Donnerstag, am gestrigen Freitag über die Bühne des Stadttheaters ging, und auch morgen abend auf dem Spielplan steht. In diesem Stück ist ein weißer Damenstrumpf das Corpus delicti, daß ein Schwerenöter die Frau seines Freundes verführt und damit eine mit eben diesem Freund abgeschlossene Wette gewonnen haben soll.

Eine ernste Sache. Hans Balzer aber hat alles komödienhaft in plattdeutscher Sprache verklärt und in die Biedermeierzeit projiziert. Das ergab ein amüsantes Lustspiel. Eine Lust war es auch zu eileben, wie der (Berufs-)Regisseur Rudolf Plent aus Oldenburg das Stück mit Darstellern aus fünf oldenburgisehen niederdeutschen Bühnen und einem fast märchenhaft gestalteten heiteren biedermeierzeitlichen Garten inszeniert hat. Die fünf Darsteller sind die jungverheirateten Lafrenz und Sneewitt, der liebesabenteuerlich beflissene Freund Sötmund, Sneewitts Freundin Gundula und schließlich der Gärtner von Lafrenz. Zu solch einem schönen Garten gehört ja auch ein Gärtner, aber in diesem Stück erschöpft sich seine Tätigkeit nicht damit, daß er den Garten pflegt.

Dieses Fünfgespann wickelt nun in jenem durch Mauer und Tor von der Umwelt getrennten Garten in vier Akten ein Spiel ab, das bei der Premiere im Stadttheater ein fast voll besetztes Haus in ständiger Spannung hielt. Die Aufführung ragte aus denen plattdeutscher Stücke dadurch heraus, daß sie einmal kammerspielartigen Charakter hatte und die Handlung in einem Milieu biedermeierzeitlicher Umgebung und biedermeierzeitlichen Lebensgefühls sich abspielte. Das jungvermählte Paar des Lafrenz, den Rainer Behrens (Bühne Neuenburg) eifrig küsseausteilend spielte, und der Sneewitt von Uta Thormöhlen (Oldenburg). Sie verstand es, die liebende und treu ergebene Ehefrau darzustellen und hätte alles Ungemach vermeiden können, wenn der Ehemann sich nicht in den Kopf gesetzt hätte, seine Frau könnte ihn betrügen.

Lafrenz Freund Sötmund, den Werner Droste (Delmenhorst) als einen mit allen Wassern gewaschenen "Schürzenjäger" sehr überzeugend auf die Bühne stellte, wußte des Mißtrauen des jungen Ehemannes gut auszunutzen. Daß er die Wette dennoch verlor, dafür sorgte Sneewitts Freundin Gundula, als die Hilke Zahn (Varel) sich als tatkräftige und sprechbegabte Partnerin des Sötmund erwies, nicht zuletzt in der Verkleidung als dienender Geist der jungen Familie. Doch alles, was sich in zwei Stunden auf der Bühne abspielte, wäre nicht so abgelaufen, wie es geschah, wenn nicht der Gärtner seine Hand mit im Spiel gehabt hätte. Diesem Gärtner Kaspar gab Gerold Bruns (Bratre) die Züge eines durch Lebenserfahrung gewitzten "plietschen" Mannes, der mit seiner hintergründigen Art alles in das richtige Lot zu bringen versteht. Dafür dankte ihm das Publikum auch mit besonders kräftigem Beifall, den aber auch Hilke Zahn aus Varel in der Rolle der Gundula verdient hatte.

An dem eindrucksvollen Bühnenbild waren außer Rudolf Plent auch der Neuenburger Ewald Meine beteiligt. Letzter hatte mit weiteren Neuenburgern an der Herstellung und der Malerei mitgewirkt. K. H. Krämer und Monika Droste sorgten für biedermeierzeitliche Masken und Frisuren. Natürlich war auch die Bekleidung stilecht. Und das Ganze bot zwei heitere und harmonische Stunden mit Atmosphäre.

Dat Schörengericht (WE)

Oldenburgische Erstaufführung

DAT SCHÖRENGERICHT

(Der zerbrochene Krug)
Lustspiel in zwölf Szenen von Friedrich Hans Schäfer nach Heinrich von Kleist

Inszenierung: Albrecht C. Dennhardt
Bühne: Albrecht C. Dennhardt
Regieassistenz: Willy Meinert

Bühnenbau: Klaus Panka, Erwin Hildebrandt, Karl-Heinz Goldenstein, Walter Borraß, Günter Neverla, Frank Schmidt
Bühnenmaler: Herbert Ulbrich
Beleuchtung: Peter Pfaus
Inspizient: Bernhard Bertram
Souffleuse: Karin Heyel
Requisiten: Marga Goldenstein

Rollen und Darsteller
Gerichtsrat Wolter - Günter Boye
Dörprichter Adam - Klaus Aden
Schriever Lichtwark - Wilfried Pampuch
Fro Martje Krull - Hildegard Steffens
Ehr Dochter Evi - Luise Pampuch
De Buur Stoffel - Friedrich Müller
Sien Söhn Robert - Jürgen Tapken
Fro Brigitte - Helga Lauermann
Een Deener - Ralf-Rüdiger Bayer
Een Büttel - Willy Meinert
De Magd Grete - Frieda Harms
De Magd Lisbeth - Kathrin Schmidt

Lichtwark (Wilfried Pampuch) hat ein Auge auf Lisbeth (Katrin Schmidt) geworfen. Wen er erst Karriere gemacht hat, dann....

Friesicher Hausbote

Niederdeutsche Bühne Wilhelmshaven

"Dat Schörengericht" eine bemerkenswerte Premiere

Wilhelmshaven (RS). Der Dorfrichter Adam sucht die Tochter Efi (Luise Pampuch) seines verstorbenen Freundes zu nächtlicher Stunde auf. Unter dem Vorwand, deren Verlobten (Jürgen Tapken) vor dem drohenden Militärdienst und drohenden Tod in den Kolonien retten zu wollen, macht er sehr eindeutige Annäherungsversuche. Von Robert in der Dunkelheit überrascht, flieht er unerkannt, trägt dabei aber zwei Kopfwunden durch Schläge des Robert davon, verliert seine Perücke und zerbricht einen Krug altes Erbstück der Frau Martje Krull (Hildegard Steffens), der Mutter Efis. Am nächsten Morgen kommt Gerichtsrat Walter (Günter Boye) zur Revision; er soll der schlampigen ländlichen Justiz "op de Teen föhlen". Es ist regulärer Gerichtstag und Frau Martje tritt mit dem zerbrochenen Krug vor Gericht und klagt ihr Recht ein. Als vermeintlicher Missetäter wird Robert angeklagt. Richter Adam versucht durch Kungelei, Manipulation und Rechtsverdrehung seinen Kopf zu retten und den unschuldigen Verlobten Efis zum Justizopfer zu machen.

Klassisches auf platt

Der preußische Verwaltungsjurist und geniale klassische Dichter Heinrich von Kleist hat mit dem Lustspiel eine Satire auf die korrupte Justiz geschrieben, deren Verkörperung der Dorfrichter Adam ist. Seine Gegenspielerin ist die mutige Martje, die konsequent ihr Recht einfordert, ein wenig blind dabei für menschliches Schicksal. Friedrich Hans Schaefer hat den berühmten "zerbrochenen Krug" ins Plattdeutsche übertragen und sich dabei ein paar Freiheiten gegenüber dem Original eingeräumt. Es ist ihm gelungen, die bewundernswert präzise klassische Sprache eines Heinrich von Kleist, die manchem Zeitgenossen etwas fremd klingen würde, volkstümlich zu 'modernisieren. Dabei wahrt Friedrich Hans Schaefer die knappe Kleistsche Form, was sich u.a. in der Anklagerede der Frau Martje zeigt.

Lebensvoller Dorfrichter: Mensch und Schuft

Klaus Aden hat mit dem Dorfrichter eine schwere, aber interessante Rolle übernommen. Erstaunlich viele Gesichter gibt er seinem Dorfrichter: hilf- und ratlos, niedergeschlagen, lauernd, kalt berechnend, Mitleid erregend, autoritär, devot, verschlagen, verbindlich, schmeichelnd, rechtschaffen, verlogen... Mit sparsamen plastischen Gesten, disziplinierter ausdrucksstarker variabler Sprache bringt er eine un-klassische lebensvolle Figur auf die Bühne, einen vielschichtigen Menschen, keinen eindimensionalen Schuft. Selbst in einem Anflug von Karikatur im ersten Auftritt erliegt er nicht der Verlockung zum Klamauk, bleibt souveräner Komödiant. Gut nutzt er die pantomimischen Möglichkeiten, zu denen die schwarze Robe geradezu einlädt: Konzentration auf fein abgestimmte Mimik und Gestik des kahlen Kopfes und der Hände. Insgesamt eine bemerkenswerte Leistung, die die Aufmerksamkeit der Zuschauer immer wieder auf sich zieht. In der Anklagerede vollführt Hildegard Steffens in der Rolle der Frau Martje ein eindrucksvolles Solo. Mit wohldosiertem Pathos, Anflug von Sentimentalität, scheinbar unfreiwilliger Komik wird der Ansatz zu klassischer Stilisierung auch in ihrem Gewand angedeutet wieder gebrochen, die hehre Rede zum dörflich nachbarlichen Snack konkretisiert.

Würde und Unterwürfigkeit

Den Schreiber Lichtwark stellt Wilfried Pampuch nicht als den besseren Amtsvertreter, die heilende Alternative zum Dorfrichter Adam dar. In einer Kombination von Würde und Unterwürfigkeit dienert er sich die berufliche Laufbahn hinauf. Als er die Robe überstreift, steht er nicht da als der juristische Heilbringer.

Günter Boyes Gerichtsrat erhält die treffende Mischung von leerer Würde und aufgesetzter Verbindlichkeit, dem man als Teil einer korrupten Bürokratie einen befreienden Rundumschlag nicht glauben mag. Denn es geht ihm nicht so sehr um das Recht des Individuums, sondern vor allem um das Ansehen der Justiz.

Luise Pampuch stellt Efi nicht als die klassisch edle und reine Frauengestalt dar. Sie bleibt irdisch und lebendig genug, steigert ihre lang unterdrückte Empörung zu überzeugender Anklage Ihr Verlobter Robert (Jürgen Tapken) explodiert diszipliniert, spielt seine Aussage sehr plastisch vor, steigert sich zu glaubhafter Empörung, ja, Verzweiflung, darf ein bißchen Pathos riskieren und hütet sich vor der karikierenden Darstellung eines trotteligen Bauernlümmels. Mit bemerkenswert ausdrucksvoller Stimme und sehr sparsamer Gestik bringt Helga Lauermann die Überraschungszeugin sehr gekonnt auf die Bühne. Als Bauern, Diener und Mägde sorgen Ralf-Rüdiger Bayer, Willy Meinert, Frieda Harms und Katrin Schmidt für zusätzliche Farbe im Spiel und gelegentliche Lacher im Publikum. Dabei spielt Willy Meinert mit bemerkenswerter pantomimischer Komik eine absolut sprachlose Rolle. Das ungewöhnliche Bühnenbild hat der Regisseur Albrecht C. Dennhardt selbst entworfen. Zwei beigefarbene Podeste gliedern die Spielfläche, dienen als Gerichtspodest und als Andeutung einer Scheune, eines Schuppens. In der wohldurchdachten Unordnung von Wagenrädern, Gestühl, Haushaltsgeräten spiegelt sich das Chaos der Justiz wider, sind erdiger Kontrast zum hehren Anspruch der Justiz. Der Bühnenumbau bei offenem Vorhang sorgt für zusätzliche Handlung und Belustigung.

Raum für Phantasie
Regisseur Albrecht C. Dennhardt

Den Dorfrichter Adam hat der Berufsschauspieler Albrecht C. Dennhardt, der von 81 bis 85 an der Landesbühne engagiert war, selbst schon gespielt. "Dat Schörengericht" ist seine fünfte Inszenierung für die Niederdeutsche Bühne Wilhelmshaven. Er kennt die Schauspielerinnen und Schauspieler; das erleichtert die Zusammenarbeit. Er weiß die Aufnahmebereitschaft der Amateure zu schätzen und er nimmt sich Zeit bis hin zu intensiven Einzelproben. Ensemblemitglieder bestätigen seine sensible und konsequente Regie. Sehr zufrieden äußert sich z.B. Luise Pampuch, Dennhardt könne sehr gut motivieren, Rollen anschaulich erklären, Fähigkeiten mobilisieren, Auch der Hauptdarsteller Klaus Aden bestätigt die hervorragende Arbeit mit dem Regisseur. Denn der Lump in der Amtsrobe sei nicht leicht zu spielen, da es sich um einen zwiespältigen Typen handele, zu dem ihn der Regisseur hilfreich hingeführt habe.

Mit seinem Bühnenbild möchte Dennhardt wegkommen von der einengenden Guckkasten Bühne, Weg von dem vielen Kleister und der Pappe. Dafür nützt er den guten Fundus, gliedert die Fläche mit Requisiten. Die Bühne wird genutzt als Raum zum Spielen, ak. Raum für Phantasie. Anspruchsvoll sei das Kleistsche Lustspiel auch in der niederdeut sehen Fassung, obwohl das Hand lungsmilieu für Zuschauer erster Zugang zu dem Spiel verschaffe Niveauvolles Theater lasse sich sehr wohl mit guter Unterhaltung vereinbaren. Das ist Albrecht C. Dennhardt mi seiner Inszenierung von "Dat Schörengericht" offensichtlich gelungen. Viel spontanes Lachen und Szenenapplaus. Langer herz-licher Schlußbeifall. Fast ein Vor- zeige Stück.

Adam (Klaus Aden) beschört Evi (Luise Pampuch) und ihre Mutter Fro Martje (Hildegard Steffens) über die Nacht zu schweigen... weer beter för Di un Dien Brögamm....

JEVERSCHES WOCHENBLATT

Langanhaltener Applaus für "Dat Schörengericht"

Niederdeutsche Bühne begeisterte mit Kleists Lustspiel

(js) Wilhelmshaven. Ein "zerbrochener Krug" war Ausgangspunkt einer Gerichtsverhandlung, die die Niederdeutsche Bühne am Sonntagabend auf ihrer Bühne im Stadttheater abhielt. 60 Minuten lang, in einem "Töörn" wurde das Publikum Zeuge, daß Heinrich von KIeists "Der zerbrochene Krug" nicht nur ein Klassiker ist, sondern auch ein Lustspiel. Als eine Nachdichtung des Lustspiels von Kleist, bezeichnet Friedrich Hans Schaefer seine Übersetzung "Dat Schörengericht". Bei der Textüberarbeitung habe er sich einige Freiheiten genommen, hier und da einiges geändert und den Darstellern eine einfache volkstümliche Sprache gegeben.

"Dat Schörengericht" wurde im Auftrag des Ohnsorg Theaters geschrieben und kam dort im April 1987 zur Urauffühung. Die Kritiker schrieben: "Im Ohnsorg Theater wird klassisch gelacht". Doch so klassisch ist das Stück eigentlich gar nicht und soll es auch gar nicht sein. Es war ein herzerfrischendes plattdeutsches Lachen.

Gelacht wurde auch bei den "Niederdeutschen" am Premiereabend von "Dat Schörengericht" und es wurde vor allem langanhaltend applaudiert, für eine gelungene plattdeutsche Darstellung vom "zerbrochenen Krug". Mit dieser Inszenierung ist die Niederdeutsche Bühne nach dem Ohnsorg Theater, das zweite Theater, die dieses Stück auf dem Spielplan hat. Klaus Aden verkörpert den kahlköpfigen und klumpfüßigen Dorfrichter Adam, der damit beauftragt wird, die Geschehnisse um den "zerbrochenen Krug" aufzuklären. Doch dabei gerät Adam in große Schwierigkeiten, schließlich ist er nicht ganz schuldlos an den "Scherben".

Bei einem spätabendlichen Besuch im Zimmer von Efi Krull (Luise Pampuch) soll ihr Verlobter Robert Stoffel (Jürgen Tapken) den besagten Krug zerbrochen haben. Am anderen Morgen erscheint nun Mutter Martje Krull (Hildegard Steffen) voller Zorn mit Tochter, sowie Robert Stoffel und dessen Vater (Friedrich Müller) beim Dorfrichter und klagt den Verlobten an. Denn da ist nicht irgendein Krug zerbrochen, sondern ein ganz besonderer, was Martje Krull den Dorfrichter in einem langen Vortrag, hervorragend vorgetragen von Hildegard Steffens, zu verstehen gibt. Mit List und Picke versucht Dorfrichter Adam nun bei der Gerichtsverhandlung, von seiner eigenen Taten abzulenken und die Schuld dem Angeklagten förmlich aufzudrängen, wogegen sich Robert mit Händen und Füßen währt.

Aber der Dorfrichter hat Pech, ausgerechnet an diesem Morgen erscheint Gerichtsrat Wolters (Günther Borge) bei ihm und wohnt dieser Verhandlung bei. Allmählich begreift dieser, wer der eigentliche Täter ist und Adam bleibt nur noch die Flucht übrig. Daß Efi und Robert nun doch noch ein Paar werden, haben sie der Frau Brigitte (Helga Lauermann) zu verdanken, die im Schnee vor Mart jes Haus Fußspuren sah, links ein Menschenfuß und rechts ein KIumpfuß, und die führten direkt zum Haus des Dorfrichters. Auch Gerichtsschreiber Lichtwark (Wilfried Pampuch) kommt die Aussage der Frau Brigitte gut zupaß, endlich kann er als Dorfrichter amtieren. Weitere Darsteller bei dieser Aufführung waren ein Büttel (Willy Meinert) und ein Diener (Ralf Rüdiger Bayer) und die beiden Mägde Greta und Lisbeth (Frieda Harms und Katrin Schmidt).

Albrecht C. Dennhardt hat sich nicht nur das Bühnenbild, der Gerichtssaal des Dorfrichters glich eher einer Scheune, für diese Aufführung ausgedacht, er führte auch wieder einmal erfolgreich Regie, so daß dieser Klassiker eine Bereicherung für den Spielplan der Niederdeutschen Bühne geworden ist. Weitere Aufführungen sind geplant am Sonntag, dem 5. 11., um 15.30 und 20 Uhr, Mittwoch, dem 15. 11., um 20 Uhr, Mittwoch, dem 22. 11., um 15.30 und 20 Uhr, Freitag, dem B. 12., und Sonnabend, dem 9. 12., jeweils um 20 Uhr im Stadttheater Wilhelmshaven. Heute abend gastierten die "Niederdeutschen" mit ihrer Aufführung im ev. Gemeindehaus Sande und am Freitag, dem 1. 12., um 20 Uhr in der Aula der Agnes Miegel Schule.

Wolter (Günter Boye) ist über Dörprichter Adam (Klaus Aden) empört, ebenso Robert (Jürgen Tapken), den Evi (Luise Pampuch) knapp bändigen kann. Lichtwark (Wilfried Pampuch) und Fro Brigitte (Helga Lauermann) schauen genüßlich zu, wie sich alles zuspitzt.

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Plattdeutsches Palaver um einen Krug

Erfolgreiche Premiere bei den Nieder-deutschen mit dem "Zerbrochenen Krug"

Die Niederdeutsche Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven erntete mit dem Lustspiel "Das Schörengericht", einer plattdeutschen Übersetzung des "Zerbrochenen Krug" von Heinrich von Kleist, stürmische Begeisterung. Es begann bei verdunkelter Bühne nach einigen sinfonischen Takten mit einem durchdringenden Paukenschlag, und man sah dann den Dorfrichter Adam im Nachthemd am Boden liegen. Heinrich von Kleist hatte sich den Beginn etwas anders gedacht, aber wie die von dem 81jährigen Friedrich Hans Schaefer besorgte plattdeutsche Übersetzung von Kleistens Lustspiel in einigen Stellen abweicht, so war auch dieser Regieeinfall von Albrecht C. Dennhardt ebenso originell wie das von ihm erdachte Bühnenbild, das den Gerichtssaal des Dorfrichters in eine Scheune verlegte mit all ihrem Drum und Dran.

Dann gefiel uns bei der Bearbeitung des plattdeutschen Autors die von ihm neu gefaßte Anklagerede der Frau Martha mit der Schilderung des Kruges. Deren fünffüßige Jamben hat er, wie er sagt, "aufgedröselt". Das gilt auch für die Länge dieser Anklagerede ein gewagtes Unternehmen, aber Dennhardts Regie und die Darstellung der Frau Martha durch die für wortreiche Szenen begabte Hildegard Steffens machte das Ganze zu einem Genuß. So oft man das Lustspiel in der hochdeutschen Fassung auch gesehen hat, "Das Schörengericht" wurde zu einem neuen Theatererlebnis. Klaus Aden hatte sich in die zwielichtige Person des Dorfrichters verwandelt, der gegenüber dem so unerwatet erschienenen Gerichtsrat Wolter (Günther Boye) seine ganze List aufwendet, um von seiner eigenen Schuld abzulenken, bis ihm am Schluß nur noch die Flucht übrig bleibt.

Ein Glück für den Gerichtsschreiber Lichtwark, dessen Rolle Wilfried Pampuch auf den Leib geschrieben schien, der nun in dem Dorf als Richter amtieren wird. Wir brauchen hier nicht zu beschreiben, wie und weshalb der Krug zerbrochen ist und weshalb Frau Marthe mit den Scherben vor den Richter tritt und dabei den jungen Robert Stoffel anklagt. Der soll ihn bei einem spätabendlichen Besuch im Zimmer von Frau Mamhes Tochter Efi zerbrochen haben. So ist denn auch dieses junge, eigentlich schon verlobte Paar die Ursache der Verwicklungen.

Robert steht zunächst auf verlorenem Posten.

In dieser Rolle wußte sich Jürgen Tapken leidenschaftlich zu verteidigen, wobei die aus ihm heraussprudelnden Sätze nicht immer deutlich genug waren. Daß er und die Evi, von Luise Pampuch verkörpern, schließlich doch ungeschoren aus der Sache herauskommen, haben sie der Frau Brigitte zu verdanken, der Helga Lauermann die Züge einer wahrheitsbeflissenen Zeugin gab. Gut stellte sie vor dem Gericht dar, wie sie den Fußspuren eines Mannes gefolgt war, der rechts einen "Menschenfuß", links aber einen Klumpfuß hatte. Sie führten von Evis Fenster in des Dorfrichters Haus, und da gab es für Adam keine Rettung mehr.

Dann gab bei dieser Inszenierung außer einem Büttel (Willy Meinert) und einem Diener (Ralf- Rüdiger Bayer) noch zwei Frauen, die zwar nicht viel zu sprechen hatten, aber doch als dienstbare Geister in ihren Holzschuhen urwüchsige Gestalten abgaben: Frieda Harms als Magd Grete und Katrin Schmidt als Magd Liesbeth. An das Bühnenbild war viel Fleiß aufgewandt worden. Klaus Panka hatte dabei die leitenden Hand. Willy Meinem half bei der Regie. Der Beifall am Schluß hörne erst auf, als auch Dennhardt mit den Darstellern erschienen war.

Mudder is de Beste (WE)

Oldenburgische Erstaufführung

MUDDER IS DE BESTE

(Das Fenster zum Flur)
Volksstück in fünf Bildern von Curth Flatow und Horst Pillau
Niederdeutsch von Fritz Wempner

Inszenierung: Arnold Preuß
Bühne: Arnold Preuß

Bühnenbau: Klaus Panka, Erwin Hildebrandt, Karl-Heinz Goldenstein, Frank Schmidt
Bühnenmaler: Herbert Ulbrich
Beleuchtung: Peter Pfaus
Inspizient: Helga Borraß
Souffleuse: Kathrin Schmidt
Requisiten :Marga Goldenstein

Rollen und Darsteller
Karl Wiese, Stratenbahnfahrer - Horst Jönck
Anni Wiese, sien Fro - Brigitte Halbekath
Herbert, ehr Söhn - Jürgen Tapken
Helen (alias Helene), ehr Dochter - Christine Fein
Inge, ok ehr Dochter - Maike Rosenberg
Dan, de Söhn van Helen - Matthias Welte
Erich Seidel - Claus Miehlke
Adam Kowalski - Günther Jaedeke

Dan (Matthias Welte) und Oma Annie (Brigitte Halbekath) verstehen sich auf Anhieb

Wilhelmshavener Zeitung vom 19. September 1989

Ein toller Start mit "Mudder is de Beste"

Erfolg für Niederdeutsche Bühne

Riesenerfolg für die Niederdeutsche Bühne beim Start in die neue Saison. Sie brachte das von Fritz Wempner vorzüglich ins Niederdeutsche übersetzte Volksstück "Mudder is de Beste" (Das Fenster zum Flur) von Curth Flatow und Horst Pillau heraus. Wer Inge Meysel in der Titelrolle im Fernsehen oder bei einem Gastspiel im Wilhelmshavener Stadttheater gesehen hat, sollte nicht meinen, das sei nun das unerreichte Optimum gewesen. Im Gegenteil. Brigitte Halbekath braucht sich weder hinter Inge Meysel noch hinter Heidi Kabel, die diese Rolle vor mehr als neun Jahren im Ohnsorg Theater spielte, zu verstecken. Ihre Anni Wiese ist so natürlich, so menschlich, so komisch und auch anrührend, so ohne jeden falschen Drücker, daß man meinen könnte: Die Frau wohnt nebenan. In ihrer so angenehm unprätentiösen Darstellung erkennt sicher mancher auch Züge der eigenen Mutter wieder.

Horst Joenck, endlich einmal nicht in einer Bösewichtrolle, spielt mit leisen Tönen Mudders Mann Karl Wiese; fein und ausgewogen. Ein ungemein liebenswerter Mann, der sich Mudders Regiment gern unterordnet. Während Maike Rosenberg als Tochter Inge so richtig schön motzig ihren eigenen Weg sucht und dabei doch ganz Mudders Ebenbild bleibt, zeichnet Christine Fein zurückhaltend die vom Leben im goldenen Amerika enttäuschte Tochter Helen. Jürgen Tapken als Studiosus findet ebenso wie Claus Miehlke als Klempner Erich und Günther Jaedeke als verliebt betrunkener Adam Kowalski genau den richtigen Ton. Erfrischend und erstaunlich sicher erstmals auf der Bühne als Helens Sohn Dan Matthias Welte.

Arnold Preuß, der Speelbaas der Niederdeutschen Bühne, hat das Erfolgsstück angenehm unsentimental und zügig inszeniert. Er hält dabei genau die Waage zwischen Komik und Tragik. Und das Bühnenbild die Wohnküche der Souterrain-Wohnung der Wieses, hat er auch noch entworfen. Beste Unterhaltung das Ganze. Und wer die im Theater sucht, sollte es wirklich einmal mit dieser Aufführung der Niederdeutschen Bühne probieren, auch wenn er nicht Plattdeutsch spricht. Zu verstehen ist dieses anrührende Stück um eine Mutter, die Treppen scheuert, damit es ihre Kinder einmal besser haben sollen, die Schicksal spielt, und damit die Familie fast ins Unglück stürzt, allemal. Das Premierenpublikum am Sonntagabend zeigte sich jedenfalls restlos begeistert und feierte Darsteller, Regisseur und Bühnenbildner sowie alle, die hinter den Kulissen am Gelin gen dieser frischen Aufführung mitarbeiteten, mit langanhaltendem, herzlichem Beifall.

Die beiden Schwestern Wiese (Maike Rosenburg und Christine Fein) haben sich viel zu erzählen, nachdem die ältere Schwester aus den Staaten zurück gekommen ist

JEVERSCHES WOCHENBLATT 20. September 2001

Happy Family und heile Welt Mudder is de Beste

Premiere bei der Niederdeutschen Bühne Wilhelmshaven

Wilhelmshaven (RS). "Gegen Mudder kannst du nich an", stellt Vater Wiese (Horst Jönck) resigniert fest; und er muß es wissen, nach 35 Ehejahren. Sie ist die Seele und der Motor der ganzen Familie. Fleißig, bescheiden, aber äußerst zielstrebig setzt sie (Brigitte Halbekath) alles daran, ihre Familie zusammenzuhalten, etwas aus ihren Kindern zu machen: "Ick will jo ok dat Beste för mien Kinner. Dat kann mi kieneen verdenken." rechtfertigt sie ihre Betriebsamkeit. Ja, sie mischt sich überall ein, kümmert sich mit besten Absichten um alles und jeden. Und der Erfolg hat ihr bislang recht gegeben. Ihr Mann ist immerhin ein rechtschaffender Straßenbahnfahrer.

Ihre Tochter Hellen (Christine Fein) hat angeblich einen Millionär in Amerika geheiratet. Die Karte vom Hochzeitsmenü im New Yorker Waldorf Astoria trägt sie wie eine Trophäe mit sich herum. Immerhin ist Hellen vor der Ehe mit einem Klempner (Claus Miehlke) bewahrt worden. Auch der Sohn Herbert (Jürgen Tapken) soll den sozialen Aufstieg schaffen: Sein Medizinstudium unterstützt die Mutter durch gute Hausmannskost und heimliches Lesen seiner Fachbücher und frühzeitiges Anwerben von zukünftigen Patienten. Und sie wird nicht müde, die ganze Nachbarschaft auf dem Laufenden zu halten über die Erfolge ihrer Muster Familie. Mutter Wiese gerät dabei ins Schwärmen, wenn sie zwischen Hausputz und Abwasch ihre bisherigen Erfolge wohlgefällig betrachtet und wehrt alle Zweifel ab: "Du liest doch keen beten Poesie." Happy Family, heile Welt.

Aber es zeigen sich Risse im kleinen Paradies: Tochter Inge (Maike Rosenberg) ist nur Kellnerin statt Primaballerina bei einem Ballett geworden, und ihre Schwester bewundert sie: "Du hest di dörsett." Zu allem Überfluß verliebt sich Inge in den polnischen Musiker Adam Kowalski (Günter Jaedeke), gegen den Protest ihrer Mutter: "Hier wart keen polnische Wirtschaft inföhrt!" Daß der Sohn Probleme mit dem Sezieren von Leichen und wenig Neigung zum Arztberuf hat, kann die Mutter noch beiseite wischen. Von den zunehmenden Schwierigkeiten ihres Mannes weiß sie noch nichts. Auch kann sie mit unerschütterlichem Optimismus erste Zweifel überspielen, als ihre Tochter Helen mit Sohn Dan (Matthias Welte) unerwartet aus den USA ohne Mann zurückkehrt...

Als sich erste drohende Wolken kommenden Unheils auftürmen und sich das vermeintliche Glück als Schwindel und Lüge zu entpuppen droht, sind sich die übrigen Familienmitglieder einig: "Dat dröff Mudder nie to weeten kreegen. Für sie soll alles bleiben wie ein Märchen. Eine dankbare, aber nicht leichte Rolle für Brigitte Halbekath, diese an sich sympathische, im Grunde ihres Herzens es nur gut meinende Frau zu spielen, der die Tochter Inge aus bitterer Erfahrung aber doch vorwirft: "Du hest'n Zartgeföhl as 'n Dampmaschin." Kontrastierend gedämpft spielt Horst Jönck den Vater, der neben der Frau, deren Stimme durch Beton geht, zwar Familienoberhaupt, keineswegs aber Herr im Hause ist.

Christine Fein in guter Erinnerung aus Brechts 'Puntila' bietet hier eine ganz andere Seite ihre darstellerischen Könnens. Sie bringt eine junge Frau auf die Bühne, die trotz persönlicher Enttäuschungen und in der Erwartung, ihre Mutter zu enttäuschen den Lebensmut nicht verliert. Maike Rosenberg gibt der Tochter Inge, dem schwarzen Schaf der Familie, jugendlichen Elan und Charme. Hin und her gerissen zwischen den Rollen des artigen Sohnes und des desillusionierten Studenten zeichnet Jürgen Tapken differenziert und glaubwürdig den Sohn Herbert. Und auch der Klempner hat sein Dilemma. Zwischen Wohlanständigkeit und dem Wunsch nach Glück, zwischen Biedermann und Liebhaber Claus Miehlke spielt die keineswegs leichte Rolle gut. Schwierig ist auch die Aufgabe für Günter Jaedeke, der den Polen als Außenseiter sensibel darstellen muß ohne die Figur billig zu diskriminieren. Sehr begeistert dabei Matthias Welte als Sohn Helens.

Regisseur Arnold Preuß hat ein qualifiziertes Ensemble zusammengestellt. Sehr behutsam, aber zugleich sehr entschieden arbeitet er an der Inszenierung. Er charakterisiert immer wieder Situationen und Personen, ermutigt die Darstellerinnen und Darsteller zum äußersten Einsatz, lobt gelungene Szenen, macht Mut, achtet auf Spielfluß und Dynamik. Er kann begeistern.

Aufführungstermine: jeweils um 20 Uhr 17., 23., 24., 30.9., 1., 14.10; jeweils um 15.30 Uhr 24.09., 01.10.

Vater und Sohn Wiese bei einem klärenden Gespräch - wer hett hier denn woll de slechten Oogen? (Horst Jönck - Jürgen Tapken)

De Herr Puntila un sien Knecht Matti (NDE)

Niederdeutsche Erstaufführung
Festaufführung anläßlich des Großen Gemeinsamen Bühnentages

DE HERR PUNTILA UN SIEN KNECHT MATTI

(Der Herr Puntila und sein Knecht Matti)
Volksstück von Bertolt Brecht
Niederdeutsch bearbeitet und übersetzt von Arnold Preuß

Inszenierung: Georg Immelmann
Bühne: Ann-Kathrin Hillebrand
Kostüme: Ingrid Lause
Regieassistent: Willy Meinert
Musik: Martin Lingnau

Bühnenbau: Klaus Panka, Bernhard und Peter Bertram, Walter Borraß, Erwin Hildebrandt, Karl-Heinz Goldenstein, Uwe Rozga
Bühnenmaler: Herbert Ulbrich
Beleuchtung: Peter Pfaus
Inspizient: Michael Müller
Souffleuse: Roswitha Bertz
Requisiten: Marga Goldenstein

Rollen und Darsteller
Johannes Puntila, Grootbuur - Klaus Aden
Eva Puntila, sien Dochter - Christine Fein
Matti Altonen, sien Fahrer - Arnold Preuß
De Ober - Michael Müller
Frederik, de Richter - Günter Boye
Eino Silakka, de Attache - Manfred Janßens
De Veehdokter - Horst Karstens
Emma Takinainen, de Smuggleremma - Brigitte Halbekath
Manda, de Afthekerdeern - Karin Heyel
Lisu Jakkara, de Kohdeern - Wilma Welte
Sandra, de Telefonistin - Margot Andrews-Jäkel
Een Arbeitsmann - Claus Miehlke
De Mickrige - Günter Jaedeke
De roode Surkalla - Ralf-Rüdiger Bayer
Laina, de Kööksch - Frieda Harms
Fina, de Stuvendeern - Antje Thomsen
Pekka, de Afkaat - Wilfried Pampuch
Anna, de Pröbstin - Herta Tapken
De Probst - Karl-Heinz Schröder
Kinner - Sandra Gechter, Björn Pampuch, Matthias Welte
Wooldarbeitslüüd - Lüüd van us Technik

Puntila (Klaus Aden) und Matti (Arnold Preuß) beim Besteigen des Hatalmaberges

WILHELMSHAVENER ZEITUNG von 3. April 1989

Das Niederdeutsche gibt Brechts Puntila große Wahrhaftigkeit

Wilhelmshavens Niederdeutsche Bühne setzte neuen Maßstab

von Barbara Schwarz

Sie hat sich an einen hohen Berg gewagt, eine über 20köpfige Seilschaft der Niederdeutschen Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven: die Erstbesteigung des Hatelmaberges des Herrn Puntila. Aber unter Leitung eines erfahrenen Bergführers, Georg Immelmann, hat die niederdeutsche Truppe den Gipfel erreicht. Das von Immelmann angeregte Wagnis, Brechts Volksstück "Herrn Puntila und sein Knecht Matti" ins Plattdeutsche zu übertragen und zu spielen, ist glänzend gelungen. Bei der schwierigen Erstbesteigung ist um im Bild zu bleiben niemand abgestürzt. Im Gegenteil. Das nach der "Dreigroschenoper" meistgespielte Stück Brechts gewinnt im Niederdeutschen an Wahrhaftigkeit.

Der Brechtschen Kunstsprache ist durch die Übertragung ins Niederdeutsche durch Arnold Preuß eine Plastizität und Ausdruckskraft, eine Sprachschönheit und Poesie zugewachsen, die diesem künstlichen Volksstück Authentizität verleiht. Preuß hat mit großer Sprachbegabung und feinem Gefühl für Nuancen hier für die niederdeutschen Bühnen ein Stück erschlossen, das spielbar ist und beim Publikum auch ankommt.

Damit die Aufführung gelingt, bedarf es allerdings der sicheren Hand eines erfahrenen Schauspielregisseurs wie Immelmann, der auch die notwendige dramaturgische Erfahrung mitbringt. So verzichtete Immelmann weise nicht nur auf die finnischen Erzählungen, die auch mancher Profi Truppe schon peinlich daneben gerieten, sondern auch auf den Gesindemarkt, der das Stück unnötig in die Länge zieht. Immelmann konzentriert das Spiel auf die Fabel. Und das bekam der Aufführung sehr.

In betont ruhigem Erzählrhythmus wurde das Stück ausgebreitet und "pralles" Volkstheater auf Teufel komm raus sorgsam vermieden. Puntila und sein Knecht Matti wurden zu wahrhaftigen niederdeutschen Figuren. Klaus Aden gelingt es, die Proportionen zwischen dem betrunkenen liebenswerten Puntila und dem nüchternen bösen so in der Waage zu halten, daß beide Hälften seiner gespaltenen Persönlichkeit glaubhaft erscheinen. Arnold Preuß gibt der Figur des überlegenen Gegenspielers Matti eine in sich ruhende Sicherheit. Er ist nicht der glatte ehrgeizige Aufsteiger, als der Matti heute gern gezeigt wird, sondern ein Mann mit Wurzeln, die fest im Boden stecken und aus denen er seine Kraft zieht. Auch die Kraft, auf Puntilas attraktive Tochter Eva zu verzichten, die Christiane Fein wirklich fein und frisch spielt.

Überzeugend und sehr präsent Wilma Welte, die als Kuhmagd agiert, den Prolog spricht und in den kurzen Umbaupausen das Puntila Lied Paus Dessaus singt (am Piano Martin Lingnau). Es wurde entgegen einer üblich gewordenen Praxis glücklicherweise ebenso wenig gestrichen, wie die Ballade vom Förster und der Gräfin, die Immelmann dem Darsteller des roten Surkkala Ralf Rüdiger Bayer zuteilte. Auch Günter Boye als trunkener Richter, Manfred Janßen als affiger Attache und das Bräute-Quartett außer Wilma Welte noch Brigitte Halbekath als Smuggleremma, Karin Heyel als Afthekerdeern und Margot Andrews Jäkel als Telefonistin überzeugen.

Frieda Harms als wackere Kööksch, Antje Thomsen aus resche Stubendeern, Karl Heinz Schröder und Herta Tapken als spießiges ProbstPaar, Wilfried Pampuch als aalglatter Afkaat, Günter Jaedecke als Mickriger, Michael Müller als Ober, Horst Karstens als Veehdoktor, Klaus Mielke als Arbeitsmann und die Kinder Sandra Gechter, Björn Pampuch und Matthias Welte geben dem Spiel Farbe. Ästhetisch schön und praktisch zugleich das Bühnenbild von Ann Christin Hillbrand mit seinem Birkenwald und den weißen Nesselwänden samt "Brecht Gardine". Ansehnlich die stimmigen Kostüme von Ingrid Lause.

Die Niederdeutsche Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven hat sich mit dieser Aufführung selber neue Maßstabe gesetzt.

Die Pröbstin (Herta Tapken), der Richter (Günter Boye) und Eva (Christine Fein)

NORDWEST-ZEITUNG

Gastgeber setzten Maßstäbe

Niederdeutsche Theatertage in Wilhelmshaven

von Ulrich G. Fischer

Wilhelmshaven. Dreh und Angelpunkt der Niederdeutschen Tage 1989 war die Aufführung der Gastgeber, der Niederdeutschen Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven. Das lag vor allem an der Stückwahl: Die Wilhelmshavener spielten Bertolt Brechts Volksstück "Herr Puntila und sein Knecht Matti''. Das Werk hat einen herausragenden Platz in der europäischen Theaterliteratur. Brecht schrieb 1940 im Exil: "Das Volksstück ist für gewöhnlich krudes und anspruchsloses Theater... ;da gibt es derbe Späße, gemischt mit Rührseligkeiten; da ist hanebüchene Moral und billige Sexualität. Die Bösen werden bestraft, und die Guten werden geheiratet; die Fleißigen machen eine Erbschaft, und die Faulen haben das Nachsehen."

Mit dieser Art Volksstück wollte Brecht gründlich aufräumen. sagte, Volksstücke müßten im Zeitalter der Demokratie, in dem ja das Volk der Souverän ist, allererstes Theater sein. Die Wilhelmshavener haben bewiesen, daß es tatsächlich geht, nicht nur bei den Profis, auch bei den Laien. Arnold Preuß von der Niederdeutschen Bühne Wilhelmshaven hat Brechts Volksstück in prachtvolles Platt übersetzt, und es gibt Augenblicke, in denen die niederdeutsche Aufführung besser ist als hochdeutsche Profiaufführungen, vor allem, wenn Puntila in seinen Anfällen von Nüchternheit, seinen Knecht anherrscht. Das Niederdeutsche ist da so rücksichtslos klar, daß Brecht vermutlich begeistert gewesen wäre, wie die Klassenunterschiede, auf die es ihm ankam, zur Sprache und zur Anschauung kommen. Die Mundart als Volkssprache aufzufassen, liegt ja nahe.

Das sollte man zumindest meinen. Doch die grundlegende dramaturgische Überlegung, welches Stück, welches Personal sich für das Niederdeutsche eignet, ließen alle anderen drei Bühnen, die in Wilhelmshaven gastierten, außer acht. Fast allen Figuren fehlte die innere Notwendigkeit, Niederdeutsch zu sprechen: Das war bei den von der Niederdeutschen Bühne Braunschweig aufgeführten "Valentinen" der Fall, bei "De Weg in'n Paradies" von Ina Nicolai, dem Gastspiel aus Kiel, und im Krimi von Knut Leers und Alfred Mayer, "Well har dar mit rekent?" von der Niederdeutschen Bühne Wiesmoor. Das Personal der letzten beiden Stücke war überwiegend mittelständisch geprägt. Es wirkte völlig unmotiviert, daß solche Bühnenfiguren platt, wahrscheinlicher, daß sie hochdeutsch sprechen. Diese dramaturgische Unbeholfenheit wird flankiert von Regisseuren und Bühnbenbildnern, die ihr Ideal in glatter Oberfläche suchen.

Nur bei den Schauspielern treten Naturtalente hervor. Berendine Niemeyer von der Niederdeutschen Bühne Wiesmoor übrwältigt mit ihrer Begabung fürs Komische und riß das Publikum immer wieder zu Szenenbeifall hin. Angesichts der krassen Leistungsunterschiede ergibt sich ein klares Resümee: Mit der Aufführung von Brechts "Herr Puintila im sien Knecht Matti" hat die Niederdeutsche Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven Maßstäbe gesetzt, die Laientheater in den Küstenländern künftig nicht ignorieren dürften. Es könnte ihnen sonst zu recht vorgeworfen werden, sie fielen hinter einmal erreichte Standards zurück.

Matti (Arnold Preuß) prüft Eva (Christine Fein) - es schauen zu - Karl-Heinz Schröder, Anke Thomsen, Klaus Aden, Frieda Harms, Herta Tapken (verdeckt) und Günter Boye

JEVERSCHES WOCHENBLATT vom 5. April 1989

Brechts "Puntila" wurde ein großer Erfolg

Niederdeutsche Bühne spielte meisterhafte Übersetzung ins Plattdeutsche von A. Preuß

Wilhelmshaven. Als Georg Immelmann, Intendant der Landesbühne Niedersachsen Nord, vor eineinhalb Jahren Bühnenleiter Arnold Preuß von der Niederdeutschen Bühne Wilhelmshaven, den Vorschlag unterbreitete, den "Puntila" von Bertolt Brecht auf Platt zu spielen, hatte Preuß doch einige Zweifel, ob so ein Werk für das Niederdeutsche verwendbar ist.

Nachdem er die Geschichte von "Herrn Puntila und sein Knecht Matti" gelesen hatte, war der Bühnenleiter so begeistert, daß er sich daran machte, dieses Volksstück, das in Finnland entstand und spielt, ins Niederdeutsche übersetzte. Damit vollbrachte Arnold Preuß ein Meisterwerk der Übersetzung und ein Stück für anspruchsvolles Theater.

Und so konnten die Niederdeutschen am Sonnabend abend mit der Uraufführung und der Premiere von "De Herr Puntila un sien Knecht Matti" einen großen Erfolg verbuchen. Mit über 20 Darstellern gelang es der Niederdeutschen Bühne, für sich ganz neue Maßstäbe zu setzen, die weit über das übliche plattdeutsche Theater hinausgehen.

Regisseur Georg Immelmann hat die Geschichte von "Herrn Puntila" in neun Abschnitten inszeniert. Gespielt wird ein Stück, das einen Mann darstellt, der in betrunkenen Zustand sich gleich mit vier Frauen auf einmal verlobt, der seinem Fahrer Matti seine Tochter statt dem Attache zur Frau geben will und der, sobald er wieder nüchtern wird, sich in einen zähzornigen und brutalen Mann verwandelt.

Daß das Stück aus dem Finnischen kommt, merkt man der Übersetzung in keiner Weise an. Preuß' Darstellung der Volkskomödie läßt den Herrn Puntila vollkommen "niederdeutsch" erscheinen.

Für diese erfolgreiche Uraufführung waren aber nicht nur die gelungene Übersetzung und der Regisseur zuständig, sondern vor allem waren es auch die Darsteller mit ihren schauspielerischen Leistungen, die der Aufführung zum Erfolg verhalf. Klaus Adens Darstellung des in seinem Gemüt schwankenden Großbauern Puntila wirkte sehr überzeugend. Ebenso Arnold Preuß,der den Fahrer Matti spielte, beeindruckte in seiner Rolle, in der es darum ging, dem Puntila zu beweisen, daß er nicht mit sich herumspringen läßt wie das andere Gesinde. Die Rolle der PuntilaTochter Eva wurde von Christiane Fein in sehr natürlicher Weise dargestellt. Aber auch Manfred Janßen glänzte in seiner Rolle als hochnäsiger Attacheund ist es wert, aus der großen Schar der Darsteller besonders erwähnt zu werden.

Auch Wilma Welte sollte nicht unbeachtet bleiben, sie spielte die Rolle der Kuhmagd und war nicht nur für den Prolog zuständig, sondern sang während der kurzen Umbaupausen auch das "Puntilalied". Außerdem war sie für den Vorhang zuständig und spielte nebenbei noch die Verlobte von Puntila. Sie war wohl die Meistbeschäftigte bei dieser Aufführung. Der langanhaltende Beifall am Schluß der Aufführung jedoch war für das gesamte Ensemble der Niederdeutsche Bühne. Dies waren Michael Müller, Günter Boye, Horst Karstens, Brigitte Halbekath, Karin Heyel, Margot AndrewsJäkel, Claus Miehlke, Günter Jaedeke, Ralf Rüdiger Bayer, Frieda Harms, Antje Thomsen, Wilfried Pampuch, Karlheinz Schröder. Herta Tapken und die Kinder Sandra Gechter, Björn Pampuch, Matthias Welte. Jeder Einzelne an seinem Platz machte es möglich, daß dem Publikum Literatur in Form eines Volksstückes nahegebracht wurde, das ansonsten nur dem hochdeutschen Theater vorbehalten ist.

Die Bühne, die nach dem Bühnenbild von Ann Cchristin Hillbrand entstand, bot mit den weißen Birken und den vielen weißen Tüchern einen eindrucksvollen Hintergrund für diese Aufführung.


Sie treffen sich heimlich vor der Sauna - Matti (Arnold Preuß) und Eve (Christine Fein)

Goode Nacht, Fro Engel (1. WA)

1. Wiederaufführung (2), davor 1969/70 in anderer Übersetzung als "De Spökenkiekersch" gespielt

GOODE NACHT, FRO ENGEL

(Goodnight, Mrs. Puffin)
Komödie in drei Akten von Arthur Lovegrove
Niederdeutsch bearbeitet und übersetzt von Jürgen Pooch

Inszenierung: Günter Boye
Bühnenbild: Günter Boye

Bühnenbau: Alfred Christoffers, Bernhard und Peter Bertram, Walter Borraß, Karl-Heinz Goldenstein, Uwe Rozga
Bühnenmaler: Herbert Ulbrich
Beleuchtung: Peter Pfaus
Inspizient: Helga Borraß
Souffleuse: Herta Tapken
Requisiten: Marga Goldenstein

Rollen und Darsteller
Heinrich Forster - Horst Jönck
Frau Forster, Forster 2. Ehefrau - Heidi Rausch
Deren Tochter - Luise Pampuch
Auch deren Tochter - Margot Andrews-Jäkel
Deren Sohn Klaus - Thorsten Könnecke
Bella, itl. au pair Mädchen - Maike Rosenberg
Walter Haller - Friedrich Müller
Hans-Uwe Hallter - Günter Jaedeke
Jürn Kaspter, ein Geschäftsfreund - Jürgen Tapken
Clara Engel - Hildegard Steffens

Ein Superauftritt als Fro Engel: Hildegard Steffens

JEVERSCHES WOCHENBLATT

Das zweite Gesicht, der Clara Engel

Großer Erfolg für Hildegard Steffens / Heute 2. Aufführung

Von Jutta Schmidt

Wilhelmshaven Einen riesen Applaus bekam Hildegard Steffens für ihre hervorragende Darstellung der Clara Engel in der Aufführung der Niederdeutschen Bühne "Goode Nacht, Froo Engel". Clara Engel, Hauptperson des Stückes, hat ein zweites Gesicht, wie man sagt. Sie besitzt die besondere Gabe, Er Traum vorauszu latsäch eintreten. Diese Tatsache bringt so einem "Spökenkieker" aber auch viel Arger ein. So wie in der englischen Komödie von Arthur Lovegrove, die von Ohnesorg Mitglied Jürgen Pooch ins Plattdeutsche übersetzt wurde.

Hier träumt Clara Engel von der Familie Förster, deren Tochter Ute in Kürze heiraten will. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren, die Einladungen sind bereits verschickt und das Brautkleid zur Anprobe fertig. Mit der Hochzeit wird auch gleichzeitig eine Firmenfusion stattfinden und alle sind zufrieden. Doch dann, eine Woche vor dem Trauungstermin erscheint Frau Engel bei den Försters. Wie ein Wirbelwind fegt sie durch die Familie und bringt alles durcheinander. Mit einem gewaltigen Redeschwall versucht sie den Forsters ihren Traum, ihre Gabe Ereignisse vorauszusehen, zu erklären. Doch wer glaubt schon einer alten fremdem Frau, die da einfach herkommt und zu einer Braut sagt, die Hochzeit findet nicht statt, entscheide dich für einen anderen!

Hildegard Steffens war eine meisterhafte Clara Engel, sie ging ganz in dieser Rolle auf. Durch ihre Darstellung der "Spökenkiekersch" bekam die Komödie erst den richtigen Schwung. Mit ihrem Temperament und schauspielerischen Können entlockte sie dem Publikum immer wieder Applaus auf offener Szene. Ihre Mitspieler hatten es nicht leicht da mitzuhalten. Aber auch hier hatte Günther Boye gute Mitstreiter auf den Spielplan gesetzt. Unter seiner Regie wurden Horst Jönck und Heidi Rausch das Ehepaar Förster, die es Clara Engel nicht einfach machten, sie von den tatsächlich eintretenden Geschehnissen ihres Traumes zu überzeugen.

Sohn Peter, sehr gut dargestellt von Thorsten Könneke, ist auf Anhieb von Clara Engel begeistert. Ebenso die Töchter Antje und Ute, gespielt von Margot Andrews Jäkel und Luise Pampuch. Auch der Bräutigam Hans Uwe Haller, hervorragend verkörpert von Günter Jaedeke, ist vom Traumausgang der Frau Engel mehr als begeistert und verbündet sich schließlich noch mit ihr. Vater Walter Haller (Friedrich Müller) hat natürlich Angst um die Firmenfusion und schenkt der "Träumerin" keinen Glauben. Jürn Kasper, ein Geschäftsfreund (Jürgen Tapken) und das Hausmädchen Bella (Maike Rosenberg) sind weitere Darsteller dieser überaus amüsanten Komödie.

Die nächste Aufführung ist heute abend um 20 Uhr im Stadttheater Wilhelmshaven. Weiter geht es dann am 4., 5., 12. und 17. März.

Bella, die kleine italienische Haushaltshilfe (Meike Rosenberg) bringt sowohl die Hausherrin (Heidi Rausch) als auch die Tochter (Luise Pampuch) ganz durcheinander

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

So wat van Spökenkiekeree

Hinreißende Hildegard Steffens als Froo Engel

Von Theodor Murken

Die von dem englischen Schauspieler Arthur Lovegrove mit dem Spaß an englischen Spukgeschichten 1950 verfaßte Komödie "Good night, Mrs. Puffin" gehört unter verschiedenen Titeln schon seit gut 20 Jahren zur plattdeutschen Literatur. Jetzt hat die Niederdeutsche Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven das Stück in der neuen Übersetzung des Ohnsorg Bühnen Mitgliedes Jürgen Pooch zum zweiten Mal in den Spielplan mit dem neuen Titel "Goode Nacht, Froo Engel" aufgenommen.

Die "Spökenkiekersch" von Annemarie Beermann aus dem Jahre 1969 erlebte als "Fro Engel" in Hildegard Steffens fröhliche, jedenfalls das Publikum äußerst erheiternde Urständ. Jede Darstellerin gibt solch einer Charakterrolle ihre eigene Note. Hildegard Steffens konnte demonstrieren, daß sie sich in ihrer 40jährigen Bühnenlaufbahn von der jugendlichen Liebhaberin zur gereiften Charakterspielerin entwickelt hat. In der von Günther Boye besorgten Inszenierung der Komödie hatte sie die Aufgabe, eine mit der Gabe des Zweiten Gesichts auf urwüchsig Platt "Spökenkiekeree" belastete Frau darzustellen. Froo Engel kann nicht nur kommende Geschehnisse voraussagen, sondern macht dazu auch noch den Versuch, die Betroffenen von etwas Unabänderlichem zu unterrichten und sie darauf vorzubereiten, was das "Schicksal" mit ihnen vorhat.

Damit richtet sie natürlich allerhand an. Wie Hildegard Steffens das machte, war so echt und überzeugend, daß es schon gar nicht mehr wie "Theater" wirkte. Die "Fro Engel" war mit Leib und Seele in Hildegard Steffens hineingeschlüpft, hatte vollkommen von ihr Besitz ergriffen. Dazu kam dann noch ,daß sie nicht "aufs Maul gefallen" war, also die Gewandtheit ihres Sprechens, so daß sie einfach hinreißend wirkte. Natürlich geht es in dieser Komödie um Liebe und Hochzeit, die an einem zweiten Weihnachtstag stattfinden soll. Das tut sie auch, aber anders, als die Familien zweier Firmeninhaber es sich gedacht hatten.

Deshalb kommt ihnen der Besuch von "Fro Engel" auch äußerst ungelegen, vor allem der Familie der zu verheiratenden Tochter, besonders aber der exaltiert vornehm tuenden Mutter (Heidi Rausch mußte mit dem Gegensatz von deftigem Plattdeutsch und gezierter Vornehmheit fertig werden). Sie ist die zweite Frau von Heinrich Förster (Horst Jönck). Auch er ist darauf bedacht, Froo Engel schnell los zu werden, weil er sehr an der hochzeitlich geschäftlichen Verbindung zweier Firmen interessiert sein muß. Mit den Darstellern seiner drei Kinder (Luise Pampuch als Ute, Margot Andrews Jäkel als Antje, Thorsten Könnecke als Peter) kamen darstellerisch die charakterlichen Unterschiede zur Mutter und zweiten Frau gut zur Geltung.

Den offenbar ebenso an der Verbindung interessierten anderen Firmeninhaber Walter Haller spielte Friedrich Müller, seinen als Heiratsobjekt erwählten Sohn Hans Uwe verkörperte Günter Jaedecke. Wie dieser sehr treffend den jungen Mann abgab, der sich zunächst nicht sonderlich interessiert zeigte, dann aber aus sich herausging und Froo Engel dann noch für seine Ziele einspannte, war eine Meisterleistung der Aufführung und geht sicherlich auch auf das Konto der Regie.

Dank der von Hans Uwe bewerkstelligten Lösung ging denn schließlich auch Jürgen Tapken als der Geschäftsfreund Jürn Kasper als strahlender (neuer) Bräutigam aus dem Spiel hervor, das im Rahmen eines hellen, freundlichen von Günter Boye erdachten, von Marga Goldenstem ausgestatteten Bühnenbildes ablief. Bevor jedoch am Schluß Froo Engel nach ihrem neuen Traum der Untreue ihres Kulle auf die Spur kommen konnte, mußte Hildegard Steffens mit den übrigen Darstellern und Regisseur minutenlang immer wieder vor den Vorhang treten und dem stürmischen Beifall des fast voll besetzten Hauses in Empfang nehmen.


Auf den Schreck.... eine Tasse Tee, wenn´s denn etwas hilft? (v.l. Margot Andrews-Jäkel, Heidi Rausch, Luise Pampuch und Günter Jaedeke)

De möblierte Herr (1. WA)

1. Wiederaufführung (2), davor 1949/50 gespielt

DE MÖBLIERTE HERR

Schwank in drei Akten von Werner Schubert

Inszenierung: Albrecht C. Dennhardt
Bühnenbild: Albrecht C. Dennhardt, Arnold Preuß
Regieassistent Willy Meinert

Bühnenbau: Alfred Christoffers, Bernhard Bertram, Walter Borraß, Karl-Heinz Goldenstein, Erwin Hildebrandt, Uwe Rozga
Bühnenmaler: Herbert Ulbrich
Beleuchtung: Peter Pfaus
Inspizientin: Helga Borraß
Souffleuse: Heidi Rausch
Requisiten: Marga Goldenstein

Rollen und Darsteller
Frau Käselau - Käthe Baumann
August Käselau - Horst Jönck
Fro Wulf - Hanna Christoffers
Mariechen Wulf - Marion Zomerland
Frollein Berta Bliesemann - Helga Lauermann
Joachim Grützkopf - Wilfried Pampuch
Max Kolbe - Arnold Preuß
Mücke - Willy Meinert
Sniedermeistersch Wimm - Rika Jung
Krawuttke - Ralf-Rüdiger Bayer
Olga - Christine Fein

Drei Tratschtanten op´n Dutt: Käte Baumann, Helga Lauermann, Hanna Christoffers

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Niederdeutsche: Gepfeffertes Theater

Erfolgreiche Premiere mit Schwank "De möblierte Herr" / Dennhardt inszenierte

Von Theodor Murken

Ein Schwank bedeutet in einem Theaterspielplan etwa das gleiche wie der Pfeffer in einer Speise. Er bietet die Möglichkeit, menschliche Schwächen nicht nur anzuprangern, sondern auch so auf die Spitze zu treiben, daß die durchschlagende Wirkung nicht ausbleibt. Bedeutende Mimen der Bühne, wie z. B. Max Pallenberg, sind damit berühmt geworden. An versierten Schwank-Dichtern hat es nicht gefehlt.

In der niederdeutschen Literatur gehört Werner Schubert zu ihnen. 1919 in Kiel geboren, nach dem Abitur Musikstudent, hat der Krieg ihm leider zu schnell Dirigentenstab und Feder aus der Hand genommen. Mit 20 Jahren mußte er Soldat werden, seit 1943 ist er vermißt. Er hat nicht einmal der Uraufführung seines Schwanks "De möblierte Herr" 1940 durch die Ohnsorgbühne miterleben können.

Was sich in diesem Schwank alles ereignet, läßt sich kaum erzählen, wenn man es nicht verwässern will: Ein junger Mann mietet sich in einem alten Mietshaus ein Zimmer. Er hat sich nicht nur einen anderen Namen zugelegt, sondern kapselt sich auch gegen die Umwelt ab. Das muß ja seine Gründe haben. Sicher hat er etwas auf dem Kerbholz, meinen die Frauen, seine Vermieterin und ihre geschwätzigen Nachbarn. Frauen gehen solchen Dingen gerne auf den Grund. Nicht nur das sie entwickeln hier solch eine blühende Phantasie, daß einem die Haare zu Berge stehen. Das geschieht im Treppenhaus und auch im Zimmer des möblierten Herrn, in dem die Frauen herumschnüffeln und von einem Schrecken in den anderen fallen. Dieser Übereifer zahlt sich denn auch aus für den möblierten Herrn.

Die Niederdeutsche Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven traf eine kluge Entscheidung, diesen Schwank aus der Kiste herauszuholen. Gut war auch der Einfall, einem "Profi" des Theaters die Regie zu übertragne. Ein echter Schwank braucht das nun einmal. Daß Albrecht C. Dennhardt, unter stützt von Wilma Welte und Bühnenleiter Arnold Preuß, dafür der richtige Mann war, bewies die Premiere.

Dennhardt hatte die Darsteller so gut in seine Zange genommen, daß eine in jeder Beziehung temperamentvolle und straffe Aufführung zustande kam. Das Geschnatter der Frauen mit ihrem Getue, Verdächtigungen und Entdeckungen ging wie ein Schneetreiben auf das Publikum hernieder.

Krawuttke (Ralf-Rüdiger Bayer) passt im Hausflur immer auf alles und jeden auf

Es ist schwer, einen der elf Darsteller besonders hervorzuheben. Wenn wir den am Schluß nicht enden wollenden Beifall zum Maßstab machen sollten (und das können wir wohl), dann waren es ganz besonders Käthe Baumann als die Vermieterin Rosa Käselau, Hanna Christoffers als Nachbarin Fro Wulf und Helga Lauermann als das so hintergründige Frollein Berta Bliesemann, die aus ihren Rollen alles herausholten, was nur möglich war. Die Regie hatte ja auch offensichtlich Bedacht darauf genommen, neben allem Grobschlächtigen an Redeschwall auch manche Feinheiten nicht untergehen zu lassen, die ihre Wirkung denn auch nicht verfehlten. Daß August Käselau, der Mann der in Verdächtigungen sehr aktiven Vermieterin, gewiß nicht nur von den männlichen Zuschauern bedauert werden konnte, das machte Horst Jönck sehr glaubhaft.

Bühnenleiter Arnold Preuß war der möblierte Herr, der sich Max Kolbe nennt und es verstand, nicht nur Opfer zu sein, sondern am Schluß auch noch Sieger. Er wurde seine Olga (Christine Fein) los (was für das Publikum sehr beruhigend war, zumal sie einen anderen bekam) und machte mit Mariechen Wulf (Marion Zomerland) keinen schlechten Tausch. Und Rika Jung als Sniedermeistersche Wimm konnte nicht nur die Beschwipste echt mimen, sondern auch der Käselau noch ihre Meinung sagen.

Dann gab es noch Willi Pampuch als Bliesemanns heimlichen Liebhaber Joachim, Willi Meinert als Kunstmaler Mücke (auch mit seiner Gestalt für die Rolle gut ausgewählt) und Ralf Rüdiger Bayer als Hauswirt Krawuttke, der sich um die alte Sniedermeistersche kümmert. Ein Lob noch für das Bühnenbild nach der Idee von Dennhardt und Preuß, das Alter des Mietshauses durch die Jugendstilscheiben am Treppenhaus andeutend, ausgeführt von geschickten Händen unter der Leitung von Alfred Christoffers.


Im Hausflur ist kräftig was los...

JEVERSCHES WOCHENBLATT

Klatsch und Tratsch amüsierten das Premierenpublikum glänzend

Niederdeutsche Bühne Wilhelmshaven kommt auch nach Sande

Von Jutta Schmidt

Wilhelmshaven. Langanhaltenden Beifall erhielten am 2. Weihnachtstag die Mitglieder der Niederdeutschen Bühne für ihre Aufführung des Schwanks "De möblierte Herr". Zu dieser Premiere ihrer dritten. Inszenierung hatten die Niederdeutschen ein ausverkauftes Haus. Zwei Stunden erlebten die Zuschauer wie turbulent es in einem Treppenhaus zugehen kann, wo Tratsch und Klatsch regieren. Auch wenn der Schwank von Werner Schubert bereits 48 Jahre alt ist, an Aktualität wird er nie verlieren, denn "Sluderee", wo auch immer; wird es geben, so lange sich die Erde dreht. Aber nicht immer wird er so amüsant sein; wie bei der Einstudierung der Niederdeutschen.

Die neun Darsteller im Spiel waren bei der Rollenvergabe gut bedient worden. Ganz vornean standen die drei Nachbarinnen Rosa Käselau .(Käthe Baumann), Frau Wulf (Hanna Christoffers) und Fräulein Bliesemann (Helga Lauermann), die mit ihren Tratsch und Klatsch für allerlei Aufregung und Verwirrung sorgen. Sie. hatten als "tratschende Weiber" die Lacher schnell auf ihrer Seite und Applaus auf offener Szene gab es immer wieder. Seit Tagen schon verschwinden die vor der Tür abgestellten , Brötchen, und die Milch der Frau Käselau. Sie hat natürlich gleich ihren "möblierten Herrn", Max Kolbe (Arnold Preuß), in Verdacht, der sich doch recht mysteriös verhält. Doch Max Kolbe hat nur Augen für die Tochter der Frau Wulf, für Mariechen (Matton Zomerland).

Als , dann auch noch Olga (Christine Fein), die. verflossene von Max Kolbe und sein bester Freund Mücke (Willi Meinet) auftauchen, spitzt sich die Lage in dem alten Mietshaus zu, denn Max wohnt unter falschem Namen bei Frau Käselau, die ihn schließlich für einen Mädchenhändler und Mörder hält. So bleiben turbulente Verwechslungen nicht aus; die dafür sorgen, daß es im Treppenhaus hoch hergeht und das bei Tag und Nacht: Weitere Darsteller bei diene Aufführung waren Ralf-Rüdiger Bayer als Hauswirt und Joachim Grützkopp ' (Wifried Pampuch), als Hausfreund de jungfräulichen Berta Bliese mann. Ihr Auftritt als Sniedermeistersche Wimm war zwar nur kurz, doch Rika Jung war hervorragend. Den Mann von Frau Käselau spielte Hors Jönck. Die Regie bei diesem heiteren Stück führte Albrecht C. Dennhardt. Unter Mithilfe vor Wilma Welte und Arnold Preuß sorgte er wieder einmal dafür, daß die Premiere der Niederdeutschen Bühne ein großer Erfolg wurde. Bravo Rufe und tosender Beifall waren der Lohn des zufriedenen Publikums.

Weitere Aufführungstermine sind am Sonntag, 8. Januar; 15.30 Uhr und 20. Uhr Mittwoch; 11. Januar, Donnerstag, 12: Januar, (ev. Ge meindehaus Sande), Freitag 13. Januar (Agnes Miegel Schule), Freitag, 20. Januar Sonntag, 22. Januar, 15.30 Uh und 20 Uhr sowie Freitag, 27 Januar.


Max Kolbe (Arnold Preuß) ist froh, wenn er Olga (Christine Fein) endlich los wäre..

De Fährkroog (1. WA)

Wiederaufführung

DE FÄHRKROOG

Dramatisches Gleichnis in drei Akten von Hermann Boßdorf

Inszenierung: Arnold Preuß
Bühnenbild: Arnold Preuß
Regieassistent: Willy Meinert

Bühnenbau: Alfred Christoffers, Bernhard Bertram, Walter Borraß,
Karl-Heinz Goldenstein, Erwin Hildebrandt, Uwe Rozga
Bühnenmaler: Herbert Ulbrich
Beleuchtung: Peter Pfaus
Inspizient: Willy Meinert
Souffleuse: Christine Fein
Requisiten: Marga Goldenstein

Rollen und Darsteller
De Kröger - Horst Karstens
De Krögersch - Roswitha Bertz
De Knecht - Manfred Janßen
De Deern - Dagmar Karstens
De Gast - Thorsten Könnecke

Das Eröffnunsbild vom "Fährkroog"

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Beeindruckender Boßdorf Abend

Niederdeutsche Bühne spielte erfolgreich "De Fährkroog"

Von Theodor Murken

Die Niederdeutsche Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven kann die Premiere von Hermann Boßdorfs dramatischem Gleichnis "De Fährkrog" am Sonntag als einen großen Abend verbuchen. Die Aufführung dieses Stückes, das zu den besten der niederdeutschen dramatischen Literatur gehört, stand der glanzvollen ersten Wilhelmshavener Aufführung dieses Stückes im Jahre 1920 mit Dr. Richard Ohnsorg als Kröger kaum nach.

Hermann Boßdorf schrieb dieses Stück im Ersten Weltkrieg und vollendete es 1917 "zwischen Schmerzen und Sorgen". Er, der schon 1921 im Alter von 43 Jahren verstarb, war von schwerem Leiden gezeichnet. Albrecht Janssen, der 1927, als Boßdorf 50 Jahre alt geworden wäre, sein Leben und sein Werk würdigte, schrieb über die Stellung Boßdorfs zum niederdeutschen Drama, er wollte es vom Materialismus befreien, alles Menschliche, alle Höhen und Tiefen ausschöpfen, aber wiederum im Endziel den Weg zur Höhe zeigen. "De Fährkrog" ist dafür das beste Beispiel: Die fünf Personen, die in diesem verrufenen Gasthof irgendwo an einem norddeutschen Fluß ihre Kämpfe miteinander austragen, symbolisieren das Menschenleben.

Die Inszenierung besorgte der Spälbaas der Niederdeutschen Bühne, Arnold Preuß, der auch das Bühnenbild bestimmte, den düsteren Raum des Kruges, um den der Sturm heult. Man erlebte eine straffe Aufführung, die in den oft kurzen Sätzen des Dichters die Handlung in eineinhalb Stunden vorantrieb. Hermann Boßdorf leitet das Stück mit einem Prolog ein. Für ihn schrieb er vor, er solle gesprochen werden bei "düsterer Speldäl, verdüsterten Toschauerraum, so dat man blot de Wöer hört, awer niks to sehn kriggt". Arnold Preuß ließ ihn vor dem Vorhang sprechen im Wechsel durch die fünf Darsteller mit dem Gesicht hinter einer Maske. Das war auch theaterwirksam, hatte aber den Nachteil, daß mancher Satz auch rein aktustisch nicht so intensiv eingehämmert wurde, wie Boßdorf es gewollt hat.

De Knecht (Manfred Janssen) macht sich an De Deern (Dagmar Karstens) ran.

Als der Vorhang sich hob, wurden die Zuschauer sofort in die unheimliche Atmosphäre des Fährkrogs versetzt durch die dunkle Szene, in die das "lütt schu Mädchen" (die Seele des Menschen verkörpernd) eintritt und, die Lampe entzündend, erschreckend den auf einem Stuhl sitzenden Knecht erblickt. Dieser bedeutet den Tod. Die Darstellerin des Mädchens, Dagmar Karstens, wurde ihrer ersten tragenden Rolle in jeder Weise gerecht, besonders in der Auseinandersetzung mit dem Knecht. Dieser Knecht von Manfred Janssen war wirklich der leibhaftige Tod, lang, knochig, mit kalkweißem Gesicht und harter drohender Stimme, dazu mit einer eindringlich wirkenden Aussprache des Plattdeutschen.

Der trinkwütige Kröger und die listige Krögersch als "Symbole" von Gier und allen niederen menschlichen Eigenschaften, wurden von Horst Karstens (der vielleicht für die nächsten Aufführungen das fehlerlose Sprechen noch etwas einübt) und, alle Küste der Verführung ausnutzend, von Roswitha Bertz verkörpert. Thorsten Könnecke hatte als der spät abends in den Fährkrog eintretende Gast als Mensch wie als Darsteller keinen leichten Stand. Er gefiel uns am besten im dritten Akt. Die Frühstückszene mit dem Knecht und die Auseinandersetzung um das Mädchen waren zweifellos auch darstellerisch Höhepunkte der Aufführung.

JEVERSCHES WOCHENBLATT

"En rug' Stück Wohrheit in en bunte Schal"

Boßdorfs spannendes Gleichnis von der Niederdeutschen Bühne erfolgreich aufgeführt

Von Jutta Schmidt

Wilhelmshaven. Als Hermann Boßdorf 1913 einen gesundheitlichen Zusammenbruch erlitt und der Arzt ihn bereits aufgegeben hatte, fühlte der Dichter selbst, daß seine Zeit für ihn noch nicht gekommen war. "Ich muß noch ein Drama schreiben", sagte Boßdorf, "über das die Welt die Augen aufreißen soll:' Und so entstand 1818 sein Meisterwerk "De Fährkroog". Die Niederdeutsche Bühne Wilhelmshaven führte dieses spannende Schauspiel als zweite Inszenierung am Sonntagabend mit Erfolg auf: Doch "De Fährkroog" ist nicht nur ein spannendes Niederderdeutsches Schauspiel, sondern auch ein Gleichnis. Ein Spiegelbild unseres Lebens. Denn die Darsteller symboliesieren ein Menschenleben.

Der raffgierige Wirt (Horst Karstens) und die lasterhafte Wirtin (Roswitha Bertz) in ihrem Element

Und so heißt es in dem Prolog von Hermann Boßdorf: "Keen Bang ' du Minschenkind, dat wi di quälen. Mit wiese Lehr un billige Moral, Un di dien Tied mit frame Döntjes stehlen, Bi de di aewel ward, slukst du jem dal: En Glieknis blot un Bispiel wölt wi spelen. En rug' Stück Wohrheit in en bunte Schal. Und de dat faten kann, de mag dat faten; Un de dat nich kann, mag't ok bliwen laten! Fünf Darsteller brauchte Arnold Preuß, um dieses Gleichnis darzustellen. Einen für die Gier, einen für die Leidenschaft, einen für den Tod, einen für die Seele und einen für uns selbst. Denn der Fährkroog stellt unser Leben dar. Der Gast darin, das sind wir selbst. Die Menschen in dem Krug, die uns das Leben schwer machen, das sind der Wirt, der die Habgier verkörpert, und die Wirtin als die Leidenschaft. Der Knecht, das ist der Tod und die Seele erscheint als junges Mädchen.

Ein junger Mann, der für viel Geld Haus und Hof verkauft hat, kommt in den Fährkroog. Er will auf die andere Seite, den Zug noch erreichen der nach Hamburg führt, sein Ziel ist Amerika. Doch der Sturm läßt ein Übersetzen nicht zu. Er muß eine Nacht im Fährkrobg bleiben. Eine Nacht in der er nicht weiß, ob erträumt oder wacht. Der trinksüchtige und gierige Wirt versucht als erster an das Geld zu gelangen. Fast scheint es so, als würde es ihm gelingen, doch da erscheint die Magd (Seele). Sie warnt den Gast vor dem Wirt. Und dann versucht es die herrschsüchtige und triebhafte Wirtin. Aber auch der Knecht, der Tod, streckt seine Hand nach dem jungen Mann aus. Aber weder die Gier, noch die Leidenschaft oder gar der Tod kommen an ihr Ziel. Denn der Gast hört up ehr Stimm, de Deern de is sien Seel!

Die Darstellung der Leidenschaft verkörperte Roswitha Bertz hervorragend. Sie spielte eine triebhafte Wirtin, die alles getan hätte für eine Nacht mit dem jungen Mann. Manfred Janßen als der Tod war kaum wiederzuerkennen.Seine Verwandlung als glatzköpfiger Sensemann ist beeindruckend wie seine schauspielerische Leistung dieser Rolle. Horst Karstens' Auftritt als gieriger versoffener Wirt machte ebenso Eindruck auf das Publikum wie Dagmar Karstens und Thörsten Könnecke, die als Magd und Gast ihre Rolle mit Bravour meisterten. Langanhaltender Applaus war der Dank des Publikums für dieses außergewöhnliche Niederdeutsche Schauspiel, daß von den Mitgliedern der Niederdeutschen Bühne eindrucksvoll und meisterhaft vorgetragen wurde.

Weitere Aufführungstermine sind am 6., 12., 19., 20. und 27. November jeweils um 20 Uhr im Stadttheater. Außerdem am 3. 11. im Ev. Gemeindehaus Sande und am 25. 11. in der Aula der Agnes Miegel Schule.

De Gast (Thorsten Könnecke) muss sich mit dem gefährlichen Knecht/Dood (Manfred Janssen) auseinander setzen

De roode Ünnerrock (WE)

Wilhelmshavener Erstaufführung

DE ROODE ÜNNERROCK

Volkskomödie in fünf Akten von Hermann Boßdorf

Inszenierung: Horst Jönck
Bühnenbildentwurf und -maler: Herbert Ulbrich

Bühnenbau: Bernhard Bertram, Walter Borraß, Karl-Heinz Goldenstein,  Erwin Hildebrandt, Uwe Rozga, Klaus Panka,
Beleuchtung: Peter Pfaus
Inspizientin: Annchen Warrings-Konken
Souffleuse: Karin Heyel
Requisiten: Marga Goldenstein, Helga Borraß

Rollen und Darsteller
Bohle Rickmers, twee Bröder - Wilfried Pampuch
Jülf Rickmers, op de Hallig - Arnold Preuß
Wessel Wessels, ehr Ohm Buur - Karl-Heinz Schröder
Maike Harder, een Wittfro - Wilma Welte
De Halligpaster - Claus Miehlke


Ohm Buur Wessels (Karl-Heinz Schröder) besucht Bohle (Wilfried Pampuch) und Jülf (Arnold Preuß) - nicht ganz ohne Hintergedanken

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Was ein roter Unterrock anrichten kann

Gelungener Auftakt der Niederdeutschen mit Boßdorfs "De rode Unnerrock"

Von Barbara Schwarz

Was so ein roter Unterrock alles anrichten kann, "dat is'n Büx!" So hätte es jedenfalls Jülf Rickmers ausgedrückt, der jüngste der Brüder Rickmers von der Hallig Lüttjeoog. Der Onkel der beiden Rickmers-Jungs packt den roten Unterrock unmittelbar nach dem Tod seiner Schwester, der Mutter von Bohle und Jülf, auf den Tisch und Hermann Boßdorf entwickelt um das provozierende Kleidungsstück herum eine hübsche Komödie. Uraufgeführt wurde sie am 26. November 1921 im Altonaer Stadttheater von der dortigen Niederdeutschen Bühne unter Leitung von Richard Ohnsorg.

Die Niederdeutsche Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven brachte die inzwischen klassisch gewordene Komödie "De rode Unnerrock" jetzt zum Auftakt der neuen Spielzeit in einer sorgfältigen Inszenierung von Horst Jönck heraus. Das Premierenpublikum nahm die Aufführung mit viel Beifall auf.

Jönck gibt gleich in der ersten Szene den "twee unbedarften Walroßküken" Bohle und Jülf, Raum. Wilfried Pampuch in der Rolle des Ältesten, Bohle Rickmers, und Arnold Preuß als um ein Jahr jüngerer Bruder Jülf, können die wortkarge, langsambedächtige Art und Denkweise der Brüder so richtig schön ausspielen. Die beiden, so meint man, kann überhaupt nichts erschüttern. Nach langen sinnigen Überlegungen über den Tod der Mutter, gelangen die beiden schließlich zu der Erkenntnis: Es muß wieder eine Frau ins Haus.

Ihr Ohm Bur Wessel Wessels, Mutters einziger Verwitweter Bruder, hat aber bereits weiter gedacht. Die Neffen brauchen eine Frau im Haus auf der Hallig, er selber aber auch einen Erben. Der rote Unterrock sorgt schließlich trotz aller gegenteiligen Bemühungen des Halligpastors dafür, daß der, der das Geld hat, die Braut bekommt. Und noch etwas dazu. Da erinnert Hermann Boßdorfs Volksstück dann ein wenig an Marcel Pagnols 1931 entstandenes Volksstück "Fanny": Auch hier verschwindet der geliebte Mann für unbestimmte Zeit auf See und der Alte nimmt die verlassene Schwangere auf.

Bei Boßdorf ist der Fall allerdings etwas heikler; denn der dreimal durch alle Ohren geschlitzte Ohm Bur spielt im Grunde ja ein ganz böses Spiel mit seinen Neffen und der jungen Wittfro Maike Harder. Daß man ihm das als Zuschauer nicht übelnimmt, liegt an der herzlichen Schlitzorigkeit, mit der Karl Heinz Schröder den Ohm Bur zeichnet, aber auch an der etwas öligen Scheinheiligkeit, mit der Claus Miehlke den Halligpastor ausstattet und eben an den beiden Walroßküken.

Sie entzweien sich über die junge Frau, die ihnen der Ohm ins Haus bringt, völlig. Bohle und das macht Wilfried Pampuch glänzend kehrt den Hallig Herren heraus. Der sensiblere Jülf und das zeigt Arnold Preuß überzeugend zerbricht beinah daran und an der Liebe. Maike Harder, dem Jüngsten, Jülf, durchaus am ehesten zugeneigt, sieht mit ihm keine Zukunft; denn Jülf hat kein Geld. Wilma Welte gelingt die Darstellung der durchaus nicht unberechnenden jungen Wittfroo Maike Harder als differenzierte Charakterdarstellung. Sie verleiht ihr nicht nur sympatische Züge, so daß der mit Jülf mitleidende Zuschauer am Ende dann doch für ihn die See als die bessere Lösung ansieht.

Kein Stück, bei dem sich der Zuschauer auf die Schenkel schlagen kann, sondern ein Volksstück im Pagnol'schen Sinn, mit Humor, Herz und Schmerz. Das Ganze spielt in der guten Stube des Rickmerschen Hallighauses mit Blick aus dem Fenster in die weite Wattenlandschaft. Das ansehnliche Bühnenbild hat Herbert Ulbrich entworfen und unter Klaus Pankas Leitung haben es Bernhard Bertram, Walter Boraß, Erwin Hildebrandt, Karl Heinz Goldenstein und Uwe Rozga gebaut.

Der langanhaltende Beifall des Premierenpublikums galt allen an der Produktion Beteiligten, voran den Darstellern und Regisseur Horst Jönck.

Eine Frau im Haus (Wilma Welte) und schon gerät die sonst so heile Welt zwischen den Brüdern (Wilfried Pampuch und Arnold Preuß) gewaltig aus den Fugen

JEVERSCHES WOCHENBLATT

Ein unerwartetes Ende bei "De rode Unnerrock"

Niederdeutsche Bühne hatte einen hervorragenden Saisonstart

(js) Wilhelmshaven. Einen hervorragenden Saisonstart hatte die Niederdeutsche Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven mit "De rode Unnerrock". Mit langanhaltendem Beifall entlohnte das Publikum die Darsteller und Organisatoren für ihre gelungene Aufführung der Komödie von Hermann Boßdorf. "De rode Unnerrock", niederdeutsche Volkskomödie, wer das hört, erwartet zunächst ein unbeschwertes Lustspiel, vielleicht sogar einen Schwank. Wer denkt da nicht an ein delikates Corpus delicti, das, im Hotelzimmer versehentlich liegengelassen, von einer eifersüchtigen Ehefrau entdeckt, zum Angelpunkt einer turbulenten Verwechslungsgeschichte französischen Einschlags wird? Weit gefehlt.

Als Boßdorf seine Komödie plante, hatte er am Anfang nur den Titel "De rode Unnerrock". Dies Kleidungsstück sollte darin aber eine ganz andere Rolle spielen als in der jetzt vorliegenden Hallig Komödie; es sollte geradezu ein treibender Faktor der Handlung sein. Der Dichter wollte eine Dorfklatschgeschichte in den Mittelpunkt stellen. Doch dann kam ihm eines Tages, "wie ein Blitz" die Idee: "Vier Männchen, ein Weibchen. Halligdöns." Und es entstand eine Komödie, die eine gewisse Spannung beinhaltet und einen Schluß parat hält, der für viele Zuschauer überraschend verläuft.

Das Stück führt uns in eine Welt, die der Dichter aus eigener Anschauung nicht kannte. Einsam und allein wohnen die beiden Brüder Rickmers auf einer Hallig. Draußen ist diesiges Wetter. Sie sitzen in der Stube und sprechen in abgerissenen Sätzen von der toten, guten Mutter. Und schließlich bekennen beide gleichzeitig: es muß wieder eine Frau auf die Hallig. Während sie noch reden, kommt ihr Ohm, der reiche Bauer Wessels, ein noch stattlicher Witwer von allerdings schon sechzig Jahren. Er hat den beiden "Walroßküken" allerlei mitgebracht: vor allen Dingen guten Rum und einen roten Unterrock. Für dieses Kleidungsstück haben die beiden aber keinerlei Verwendung; jedoch beim Grog klärt er die Jungen auf: er hat eine Haushälterin bestellt, und die soll den Rock als Geschenk haben. Allerdings schildert er diese Person als ein altes, häßliches, puckeliges, schielendes Weib, das schon vier Männer zu Tode geärgert hat.

Und so erscheint die junge Witwe Maike Harder, meisterhaft gespielt von Wilma Weite, auf der kleinen Hallig. Sie verwirrt nicht nur die beiden Rickmers Brüder Bohle und Jülf, ebenso hervorragend gespielt von Wilfried Pampuch und Arnold Preuß, sondern auch dem Halligpaster (Clans Miehlke) den Kopf. Aber auch der reiche Bauer Wessels (Karl Heinz Schröder) führt irgendetwas im Schilde. Die Ereignisse auf dem Eiland spitzen sich zu. Schier unerträglich wird die Situation auf der Hallig, als Maike ein Kind erwartet. Doch wer ist der Vater? Bohle, der ohne sie nicht mehr leben kann, oder Jülf der fast vor Liebe nach ihr vergeht. Vielleicht ist es auch der Paster, der bereits sechs Kinder hat und Witwer ist. Und da ist noch Ohm Bauer Wessels, der dringend einen Erben braucht für seinen Hof. Die Spannung bleibt bis zuletzt, dank der hervorragenden schauspielerischen Leistungen der Darsteller, bestehen. Die Aufführung hat ein Ende, das keiner erwartet!

Auch der Halligpastor (Claus Miehlke) macht Maike (Wilma Welte) Avancen

Stratenmusik (3. WA)

3. Wiederaufführung (4), davor 1932, 1953/54 und 1967/68 gespielt

STRATENMUSIK

Komödie in drei Akten von Paul Schurek

Inszenierung: Georg Immelmann a.G.
Bühnenbild: August Ahlers a.G.
Regieassistent: Jürgen Tapken
Musikeinspielung: Kuno Armbrust, Petra Biller, Georg Rector
vom Turn- und Musikverein Wilhelmshaven e.V.

Bühnenbau: Bernhard Bertram, Walter Borraß, Karl-Heinz Goldenstein, Erwin Hildebrandt, Norbert Ungermann, Klaus Panka
Bühnenmaler: Herbert Ulbrich
Beleuchtung: Peter Pfaus
Inspizientin: Helga Borraß
Souffleuse: Hanna Christoffers
Requisiten: Marga Goldenstein

Rollen und Darsteller
Jan Lünk, erste Trompete - Arnold Preuß
Emil Spittel, zweite Trompete - Günter Boye
Hein Dickback, Baß - Klaus Aden
Greten Witt, Haushälterin - Marion Zomerland
Katrin, Nachbarin - Margot Andrews-Jäkel
Godemann, Gastwirt - Horst Jönck

Sie sind das Trio, dass schon im Foyer für gute Stimmung sorgt (Günter Boye, Arnold Preuß, Klaus Aden)

JEVERSCHES WOCHENBLATT vom 28. März 1988

Das Spiel begann schon im Foyer

"Stratenmusik" beendete die Spielzeit der Niederdeutschen Bühne im Stadttheater

(js) Wilhelmshaven. Mit der Komödie "Stratenmusik", die am Donnerstag Premiere hatte, beendet die Niederdeutsche Bühne am Stadttheater ihre erfolgreiche Spielzeit 1987/88. Bereits im Foyer erhielt das Publikum eine Kostprobe der "Stratenmusik". Die drei Straßenmusikanten des Theaterstücks empfingen ihr Publikum mit Musik. "Stratenmusik" ein Spiel voller Sehnsucht, eine Komödie voller Humor und tiefdenkenden Passagen, aber auch ein Märchen, in dem am Ende natürlich das Gute siegt. Ein Märchen, geschrieben am Anfang der 20er Jahre, als Straßenmusik noch ein Broterwerb war, der einen Musiker ernähren konnte.'In Paul Schureks Komödie ist es ein Trio, das sich mit "Stratenmusik" seinen Lebensunterhalt verdienen muß. Drei Menschen, die von Grund auf verschieden sind.

Da ist Jan Lünk, Trompeter, ein Menschen, der immer das haben möchte, was er gerade nicht besitzt. Voller Sehnen nach einem besseren Leben. Mit sich und seiner Umwelt unzufrieden. Oder der besinnliche Philosoph Emil Spittel, der die zweite Trompete spielt. Ihm geht alles viel zu schnell, der Verkehr auf den Straßen, die Politik, das ganze Leben. Und dem Dritten im Trio, dem Baßspieler Hein Dickback, ist eigentlich alles egal. Hauptsache er hat eine Kornflasche in der Tasche.

Die kleine Gemeinschaft, wird jäh auseinandergerissen, als Hein Dickback eine Schmuckkassette findet. Jan Lünk geriet außer sich, endlich kann seine Sehnsucht nach einem besseren Leben gestillt werden. Hein Dickback träumt von großen Mengen Alkohol, und nur der Philosoph will vom großen Glück nichts wissen.

Die Drei geraten für kurze Zeit von ihrem vorbestimmten Weg ab. Die Gemeinschaft droht zu zerbrechen. Jan Lünk läßt seine einst große Liebe Greten Witt, die den Straßenmusikanten den Haushalt führt, laufen. Sein Sehnen gilt der Nachbarin Katrin. Es kommt soweit, daß Lünk Greten aus dem Hause weist. Erst als er die Nachbarin endlich erobert hat, merkt er, was er an Greten verlor. Ihr Verlust ist schmerzlicher für ihn, als der Verlust der Schmuckkassette. Er muß Greten wiederhaben und bekommt sie auch. Und Greten schubst ihren Jan Lünk und seine beiden Mitspielerwieder "rin in dat lütt Stück Welt, dat die tometen is. Grot or lütt wat deit dat? Wenn wi dat man got makt, denn is dat got."

Mal schauen, wieviel sie eingespielt haben - Klaus Aden, Arnold Preuß und Günter Boye

Mit langanhaltendem Applaus dankte das Publikum den sechs Darstellern für ihre "Stratenmusik". Mit den leisen und lauten Tönen, die vielleicht bei den einen oder anderen etwas nachklangen, denn wer kennt es nicht das Sehnen nach etwas Besserem. Arnold Preuß's Darstellung als Jan Lünk war ebenso hervorragend wie Günter Boye als Emil Spittel. Ihm maß das Publikum besonderen Beifall zu. Aber auch Klaus Aden als Hein Dickback und Marion Zomerland als Greten Witt waren eine gute Besetzung für diese Rollen. Und mit Margot Andrews-Jäkel als Nachbarin Katrin und Horst Jönck als Handelsmann Godeman hatte Georg Immelman Schureks "Stratenmusik" eindrucksvoll inszeniert.

Weitere Aufführungstermine sind der 8., 13., 24. un 29. April ab 20 Uhr im Stadttheater. In Sande spielt das Ensemble am 21. April und in Fedderwardergroden am 2. April jeweils um 20 Uhr.


Greten Witt is as de Mudder för us - sagen die drei - v.l. Klaus Aden, Arnold Preuß, Marion Zomerland, Günter Boye

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Bravo Rufe für Günter Boye

Ein heiter melancholisches Märchen: Stratenmusik

Von Barbara Schwarz

Ein paar Groschen extra einstecken sollten sich die Freunde der Niederdeutschen Bühne, wenn sie jetzt zum Ende der Spielzeit Paul Schureks Komödie "Stratenmusik" besuchen; denn schon vor der Vorstellung spielen im Foyer des Stadttheaters die Straßenmusikanten auf: Jan Lünk (Arnold Preuß), der erste Trompeter, Emil Spiddel (Günter Boye), der zweite Trompeter, und Hein Dickback (Klaus Aden) mit dem Baß. "Ich hab' das Fräulein Helen baden sehn, das war schön..." und viele andere Melodien aus den goldenen Zwanzigern, in denen Paul Schurek seine märchenhafte Komödie um drei Straßenmusikanten und ihre kluge Hushollersch Greten Witt schrieb. Ein heiter besinnliches Spiel, einkleines Welttheater, ein wenig verwandt mit Molnars "Liliom" und Barlachs "Armem Vetter".

Georg Immelmann, Intendant der Landesbühne, erstmals als Regisseur bei der Niederdeutschen, blättert Schureks Bilderbogen mit sehr viel Sinn für liebevolle Details sorgsam auf, so daß die heitere Melancholie des Spiels voll erklingt. Eine Zeit wird lebendig, in der die Menschen in diesem Land die Erschütterungen des ersten großen Weltkrieges verdauen und mit Wenigem auskommen mußten. Den einen zerreißt es fast, der andere fügt sich in sein Schicksal und der dritte versucht Vergessen im Suff.

Den es zerreißt, den jungen Trompeter Jan Lünk, spielt Arnold Preuß. Er trifft genau den Nerv dieses Suchers, der sich nach Großem sehnt und mit dem kleinen Glück nicht bescheiden mag. Wie einfach scheint dagegen Hein Dickback angelegt zu sein. Für ihn besteht das Glück der Welt offensichtlich darin, sich vollaufen zu lassen. Klaus Aden läßt in seiner Darstellung neben aller Naivität auch etwas von der fast kindlichen Verzweiflung dieses Straßenmusikanten spüren. Emil Spiddel scheint der Weise zu sein, der große Philosoph, der mit dem Leben fertig wird, ihm die heitere Seite abzugewinnen versteht. Günter Boye zeigt h seiner hervorragenden Darstellung dieses alten Straßenmusikanten, daß Emil Spiddel sich dem Leben vor lauter Ängstlichkeit erst gar nicht stellt und sich mit seiner Philosophie ein Lebensgebäude zurechtgezimmert hat, in dem er existieren kann. Eine hinreißende schauspielerische Leistung, der mit Recht die Bravo Rufe des Premierenpublikums galten.

Greten (Marion Zomerland) und Katrin (Margot Andrews-Jäkel) Freundinnen werden sie nie

Marion Zomerland ist den Straßenmusikanten, ihren drei großen Kindern, eine liebevolle Hushollersch. Sie führt sie mal am sanften, mal an staffem Zügel. Margot Andrews Jäkel als Nachbarin Katrin verdreht Jan Lünk vorübergehend den Kopf und Horst Jönck wieselt als auf seinen Vorteil bedachter Hannelsmann Godemann durchs Spiel, für das August Ahlers wieder das Bühnenbild eine Wohnküche mit Möbeln aus den Zwanzigern und altem Küchenherd entwarf. Unter Immelmanns Regie hat die Niederdeutsche Bührie Schureks Klassiker in einer dichten, sehenswerten Inszenierung herausgebracht. Ein feinsinniges Märchen für groß und klein. Musikalisch unterstützt wurden die Niederdeutschen übrigens von Musikern des Turn- und Musikvereins Wilhelmshaven.

Laat us Lögen vertellen (WE)

Wilhelmshavener Erstaufführung

LAAT US LÖGEN VERTELLEN

Kriminalkomödie in zwei Akten von Alfonso Paso
Niederdeutsch von Dietrich Klassen

Inszenierung: Horst Jönck
B
ühnenbild: August Ahlers

Bühnenbildbau: Klaus Panka, Alfred Christoffers, Bernhard Bertram, Karl-Heinz Goldenstein, Erwin Hildebrandt, Uwe Rozga, Norbert Ungermann
Bühnenmaler: Herbert Ulbrich

Beleuchtung: Peter Pfaus

Inspizient:
Michael Müller
Souffleuse: Helga Lauermann

Requisiten: Marga Goldenstein

Rollen und Darsteller
Hella Canisius, eine leidgeprüfte Dame - Annchen Warrings-Konken
Karl-August Canisius, ihr leidgeprüfter Mann - Wilfried Pampuch
Lüder Grobeck, ein Freund - Ralf-Rüdiger Bayer
Lisa - Berta Brinkhoff
Jan, ein Dieb - Jürgen Tapken
Lüder Behrmann, sein als Pastor verkleideter Komplize - Willy Meinert
Frau von Hohenstein, eine Nachbarin - Rika Jung
Ein Man, welcher von der Polizei ist - Manfred Janßen
Zwei katholische Schwester, welche in Wirklichkeit Gauner sind - Günter Jaedeke, Michael Müller

Hella (Annchen Warrings-Konken) Lüder (Ralf-Rüdiger Bayer) und Karl-August (Wilfried Pampuch) erleben einen wirklich turbulenten Abend voller Überraschungen

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Niederdeutsche:  Nicks as Lögen

Spanische Kriminalkomödie der Niederdeutschen

Von Theodor Murken

Als sich bei der jüngsten Premiere der Niederdeutschen Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven der Vorhang öffnete, sah man, wie in einem "gutbürgerlichen" Kaminzimmer die junge Frau des Hauses sich für einen festlichen Rosenmontagsabend zurechtmachte. Ihr war das Hausmädchen dabei behilflich.

Deren Rat, den teuren Schmuck doch lieber zu Hause zu lassen, erschien der Frau klug. Er war es auch, nämlich klug überlegt. Denn kaum war die Frau aus dem Hause, entpuppte sich das bescheidene und stille Hausmädchen als Komplizin eines Diebes.

Nun entwickelte sich, was in dem von Dietrich Klaassen mit dem Titel "Laat us Lögen vertellen" ins Plattdeutsche übersetzte Boulevard Stück des spanischen Dichters Alfonso Paso (1926-1978) zu einer Kriminalkomödie geworden ist. Darin spielt die Frau eines Strafverteidigers als "phantasievolle Dame" mit ihrer endlosen Folge von Lügen und lügenhaften Wahrheiten die dominierende Rolle. Zu erzählen, was in diesem Stück alles abläuft, wäre hier verfehlt, weil man kriminelle Dinge nicht ausplaudern sollte.

Der Gangster Jan (Jürgen Tapken) hat Lüder (Ralf-Rüdiger Bayer) in die Mangel genommen

Horst Jönck hatte als einer der neugebackenen Regisseure der Niederdeutschen Bühne zum dritten Mal die Aufgabe erhalten, ein Stück zu inszenieren, das ebenso als Komödie, mit der weisen Lehre, lieber nicht zu lügen, auch als Schwank angesehen werden kann. Die Aufführung mit lokalem Kolorit machte beides deutlich, das eine vor allem in dem harmonischen Ausklang des Stükkes, das andere in der fast unaufhaltsamen und flüssig verlaufenden Turbulenz mit allerhand Situationskomik.

Dabei hatten sowohl Annchen Warrings Konken als die lögenhafte Hella Canisius wie auch deren Hausmädchen auf der Bühne eine schwere Aufgabe zu bewältigen, Bertha Brinkhoff allerdings als das vom Dieb vermeintlich getötete Hausmädchen mehr dadurch, daß sie immer wieder hastig unter das Sofa geschoben, wieder hervorgeholt, heraus und hineingeschleppt werden mußte. Annchen Warrings Konken hatte sich im Gewirr von Lügen und unglaublichen Wahrheiten im Wechsel von List, Vorsicht und Verzweiflung zu behaupten. Daß ihr das gut gelang, bewies der Beifall, der gerade ihr zuteil wurde.

Neben diesen tragenden (und getragenen) Personen der Aufführung konnten sich aber auch die anderen Darsteller behaupten: Der leidgeprüfte Ehemann Canisius (Wilfried Pampuch) und sein nicht weniger geprüfter Freund Lüder Grobeck (Ralf Rüdiger Bayer). Natürlich auch Jürgen Tapken als der Dieb mit Namen Jan, grob, listig und flink wie ein Wiesel, und Willy Meinert als sein Komplize im Talar eines Pastors, den Jan wegen seiner Unschlüssigkeit auch noch außer Kraft setzen und hinwegschleppen muß.

Dass nur Frau von Hohenstein (Rika Jung) nichts merkt, denn unter dem Sofa liegt ja die Leiche des Hausmädchens (Berta Brinkhoff), Lüder (Ralf-Rüdiger Bayer) und Ernst - August (Wilfried Pampuch) mühen sich redlich, die Harmlosen zu spielen

Von den anderen vier Darstellern waren Rika Jung als Nachbarin Frau von Hohenstein, und Manfred Janßen als "Mann, welcher von der Polizei ist", noch an dem Geschehen mit beteiligt, während Günther Jaedeke und Michael Müller in ihrer Verkleidung als katholische Schwestern als letzte in die Falle liefen.

Das Bühnenbild von August Ahlers war unter der Leitung von Klaus Panka heiter ausgestattet. Und so dramatisch auch manche Szene der Aufführung dargestellt wurde, so heiter wurde doch oft Schlag auf Schlag das zahlreiche Publikum bewegt, und es feierte sogar stürmisch den Regisseur. Es sah dabei noch über einige Unebenheiten und Unsicherheiten zu Beginn der Aufführung hinweg, die sich bei den nächsten neun Aufführungen sicherlich ausgleichen werden.

Kiek mal wedder in (WE)

Wilhelmshavener Erstaufführung

KIEK MAL WEDDER IN

Musical von Heinz Wunderlich
Musik von Charly Niessen
Plattdeutsch Lore Moor

Inszenierung: Arnold Preuß
Bühnenbild: August Ahlers
Tanzeinstudierung: Ingrid und Norbert Kolbenstetter

Bühnenbildbau: Alfred Christoffers, Bernhard Bertram, Walter Borraß, Karl-Heinz Goldenstein, Erwin Hildebrandt, Norbert Ungermann,
Bühnenmaler: Herbert Ulbrich
Beleuchtung: Peter Pfaus
Inspizientin :Annchen Warrings-Konken
Souffleuse: Frieda Harms
Requisiten: Marga Goldenstein

Rollen und Darsteller
Fro Carola - Brigitte Halbekath
Gesche - Christine Fein
Nelly - Wilma Welte
Pum - Margot Andrews-Jäkel
Reni, Nichte von Carola - Marion Zomerland
Mylita Kastel, een Schriftstellersch - Roswitha Bertz
Alfons Kühn, van´t Finanzamt - Günter Boye
Dr. Evers, van´t Boamt - Jürgen Tapken
Kamin, van´t Bezirksamt Nord - Horst Jönck
Wilke, van de Verkehrsplanung - Wilfried Pampuch
Below, van´t Ordnungsamt - Friedrich Müller
Fro Kamin - Karin Heyel
Fro Below - Hanna Christoffers
Tamme - Horst Karstens
Jonny - Claus Miehlke
Betty, Servierfrollein - Maie Rosenberg
Mandus, Klaverspeler - Martin Lingnau


WILHEMSHAVENER ZEITUNG

Trubel und Jubel bei Niederdeutschen

Weihnachtspremiere war ein voller Erfolg

Von Theodor Murken

Das Niederdeutsche Theater geht mit der Zeit. Nach Drama, Schauspiel, Komödie und "lustig Spill" hat es sich seit einigen Jahren auch dem Musical verschrieben.

Das stellt besondere Ansprüche an das Ensemble, vor allem musikalisch. Die Darsteller müssen nicht nur spielen und sprechen, sondern auch tanzen und singen können. Heinz Wunderlich, 1907 in Leipzig geboren, hat sich nach dem Kriege zu einem versierten anfangs hoch, dann auch plattdeutschen Textautor für das Musical entwickelt.

Das erste plattdeutsche Musical "Kiek mal wedder in" führte nun die "Niederdeutsche Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven" in der Wilhelmshavener Erstaufführung auf, nachdem ihm 1985 schon Wunderlichs "De schönste Mann von de Reeperbahn" voraufgegangen war. Anlaß war der 80. Geburtstag Wunderlichs.

Zu dem Text und den Liedern schrieb Charly Nießen die Musik. Die Liedertexte stammen von Benno Strandt und von Heinz Wunderlich selbst. Die plattdeutsche Bearbeitung übernahm Lotte Moor.

Im Tingeltangel "Kiek mal wedder in" dar is echt wat los

"Kiek mal wedder in" ist der Name eines Tingel Tangel Lokals. Es nennt sich "Kabarett", doch wird die Szene beherrscht von einigen "söten Deerns", die sich "Facharbeiterinnen in'n Alldeel Zärtlichkeit" nennen und für alle da sind "för den Millionär und ok för den Volontär". Daß diesem Lokal das Ende droht, indem das alte Haus am Hafen abgebrochen und einem Parkplatz weichen soll, gab dem Autor den Stoff, ein leidiges Kapitel der Gegenwart, den drohenden Abbruch schöner alter Häuser, zu verarbeiten.

Das Haus wird gerettet, indem es unter Denkmalschutz gestellt wird, und modernisiert, ohne daß es zu vieler Menschen Freude seinen Charakter verliert. So manche plattdeutsche Laienbühne wird kaum die Möglichkeit haben, ein Musical aufzuführen. Die Wilhelmshavener Niederdeutsche Bühne aber hat sich gerade in letzter Zeit so gut entwickelt, daß sie dieses Risiko wagen kann.

"Seeelbaas" Arnold Preuß hat es als Regisseur verstanden, alte und junge Mitglieder seines Ensembles so zusammenzuschweißen, daß er am 2. Weihnachtsfeiertag ein voll besetztes Haus gute zwei Stunden lang mit einer schmissigen Premiere und einem mitreißenden Trubel in einen wahren Jubel versetzen konnte.

Carola (Brigitte Halbekath) und Kühn (Günter Boye) kommen sich rasch näher

Brigitte Halbekath überzeugte als handfeste Wirtin

17 Darsteller standen auf der Bühne. Zeitweise füllten sie alle das zünftige und bunte Bühnenbild aus, nämlich jenes "Kabarett" mit dem einladenden Namen. August Ahlers hatte das Bühnenbild wieder entworfen und sechs Bühnenmitglieder unter der Leitung von Alfred Christoffers wendeten zu seiner Verwirklichung viel Fleiß und Liebe auf. Marga Goldmann stellte die Requisiten zusammen. Glaubhaft waren die Leistungen der einzelnen Darsteller, was vor allem von Brigitte Halbekathals handfester Wirtin Carola und von Christine Fein, Wilma Welte und Margot AndrewsJäkel roden Rollen der drei "säten Deerns"zusagen ist.

Roswitha Bertz spielte eine Schriftstellerin, die studienhalber in das Lokal kommt, während es sich bei den männlichen Gästen des Amüsierlokals um Beamte handelt, ausgerechnet aus Ämtern, die über das Schicksal des Hauses mit zu bestimmen hatten. Friedrich Müller, Wilfried Pampuch, Horst Jönck und Jürgen Tapken verstanden ihren Part auch gut und deutlich zu singen.

Die Taschen der Beamten sind leer

Dem Finanzbeamten Kühn, der so erfolgreich gegen den Abbruch des Hauses Sturm läuft, verleiht Günther Boye recht eindrucksvoll komödiantische Züge. Das Stück hat aber auch ein "Happy End". Der Baubeamte Dr. Evers (Jürgen Tapken) und die Studentin Reni, der Wirtin Nichte, finden zusammen und in der Rolle der Reni gab Marion Zomerland auch darstellerisch eine gute Figur ab.

Dann wirkten noch Karin Heyel und Hanna Christoffers als Beamtenfrauen, Horst Karstens und Claus Miehlke als recht lustige Originale, Maike RosenBerg als Serviererin und schließlich Martin Lingnau, der als Klavierspieler ein umfangreiches Pensum absolvieren mußte.

Es wurde frisch gesungen und getanzt, wobei Ingrid und Norbert Kolbenstetter für die Tänze verantwortlich zeichneten. Und wenn im Sprechen und Singen dies und jenes noch nicht so vollkommen war, so lag das wohl am "Premierenfieber" und tat der Gesamtinszenierung kaum Abbruch. Der Abend klang in 20minütigen Wiederholungen der Lieder aus.

Wenn nichts los ist, wird eben gestrickt - wer weiß, wofür (Wilma Welte, Margot Andrews-Jäkel, Christine Fein)

Schipp ahn Haben (WE)

Niedersächsische Erstaufführung

SCHIPP AHN HABEN

Schauspiel in drei Akten von Konrad Hansen

Inszenierung: Albrecht C. Dennhardt und Arnold Preuß
Bühnenbild Albrecht C. Dennhardt

Bühnenbildbau: Bernhard Bertram, Walter Borraß, Karl-Heinz Goldenstein,
Erwin Hildebrandt, Norbert Ungermann, Klaus Panka
Beleuchtung: Peter Pfaus
Inspizient: Günter Jaedeke
Souffleuse: Berta Brinkhoff
Requisiten: Marga Goldenstein

Rollen und Darsteller
Koptein Brockmann - Klaus Aden
Sien Fro Else - Heidi Rausch
1. Offizier Ahlers - Claus Miehlke
Matroos Janßen - Horst Karstens
Matroos Kruse - Günter Boye
Matroos Kröger - Ralf-Rüdiger Bayer
Matroos Behrens - Manfred Janßen
Matroos Heuer - Günter Jaedeke
Schippsjung Kalli - Thorsten Könnecke
Oberinspektor Lorenzen - Karl-Heinz Schröder
Reporter Kallenbach - Willy Meinert

Brockmann (Klaus Aden) steht vor einer schweren Entscheidung. Ahlers (Claus Miehlke) kann wenig helfen

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Ein Stück um Autorität und Macht

Eine hervorragende Inszenierung der Niederdeutschen Bühne mit "Schipp ahn Haben"

Von Theodor Murken

Die Aufführung des Schauspiels "Schipp ahn Haben" von Konrad Hansen darf das Prädikat für sich in Anspruch nehmen, als eine der besten Inszenierungen der Niederdeutschen Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven bezeichnet zu werden.

Was Albrecht C. Dennhardt a. G. und Bühnenleiter Arnold Preuß auf die Bühne brachten, war nicht nur spannungsgeladen, sondern auch in der Darstellung durch die Mitglieder der Bühne bis ins letzte ausgefeilt und eines guten plattdeutschen Theaters würdig.

Bei der Handlung des Schauspiels geht es um ein brisantes Thema. Einem mit 28 000 in Beton angeblich abgesicherten Nervengasgranaten beladenen Dampfer wird die Durchfahrt durch den Nord Ostsee Kanal und der Aufenthalt in einem Hafen verwehrt. Die Besatzung ist von der Gefährlichkeit der Ladung nicht unterrichtet worden. Es kommt zu einem offenen Konflikt mit dem Kapitän.

Ein Matrose droht, das Schiff in die Luft zu sprengen, stellt ein Ultimatum. Der. Kapitän will seine Autorität bewahren, auch seine Frau kann ihn nicht umstimmen. Wie man sieht, ein ganz "dicker Hund". Konrad Hansen treibt das Geschehen dramatisch auf die Spitze, läßt es aber nicht zu einem Drama kommen. Dennoch läßt die Genehmigung ist inzwischen gekommen der Kapitän das Schiff erst eine Minute nach Ablauf der ultimativen Frist in die Schleuse laufen. So bewahrt er seine Autorität, verliert aber seine Frau, die an der Holtenauer Schleuse von Bord geht und ihn verläßt.

Es dreht sich also in dem Stück um die Frage von Autorität und Macht. Konrad Hansen löst sie nicht, aber er will, wie im Programmheft zu lesen ist, auch nur zum Nachdenken anregen. Das tut er zweifellos. Wenn wir die Inszenierung lobten, ist aber auch festzustellen, daß alle Dartsteller ihr Bestes hergaben. Das läßt sich besonders auch von dem "Moses" der Bühne, einem der jungen Nachwuchsspieler sagen. Thorsten Könnecke spielte als seine erste Rolle den Schiffsjungen (Moses) Kalli und verstand es, der Angst eines jungen Menschen vor dem tödlichen Nervengas Ausdruck zu geben.

Klaus Aden war die schwere Aufgabe zugefallen, den Kapitän Brockmann in der starren Konsequenz seines Autoritätsanspruches wiederzugeben. Auch seiner Frau gegenüber, der Heidi Rausch die Züge des Menschlichen verlieh. Außer dem Schiffsjungen Kalli sind es fünf Matrosen, von denen jeder auf seine Art an der dramatischen Zuspitzung beteiligt ist, allen voran der von Horst Kassens dargestellte Matrose Janssen, der in seinem ausgezeichnet gespielten kämpfersichen Elan den Konflikt auf die Spitze treibt.

Kalli, der Schiffsjunge (Thorsten Könnecke) hat Angst, der Matrose (Günter Boye) auch?

Bühnenbild von Albrecht C. Dennhardt

Ein wirkungsvoller Gegensatz zu ihm Günther Boye als der trotz seiner inneren Angst ruhige und bedachtsame Matrose Kruse. Zwischen ihnen, als erster zu nennen, Manfred Janßen als Matrose Kröger, der die Erregung zu dämpfen und die Tat des Matrosen Janssen gemeinsam mit den Matrosen Kröger (Ralf Rüdiger Bayer) und Heuer (Günter Jaedeke) zu verhindern versucht. Darum bemüht sich auch der Erste Offizier Ahlers (Claus Miehlke), indem er den Kapitän von seiner starren Haltung abbringen will, aber auf harte Ablehnung stößt. Dann gehören zu den Darstellern noch Karl Heinz Schröder, der als Oberinspektor beim Wasser und Schiffahrtsamt Kiel im ersten Akt zu denen gehört, die das dramatische Geschehen gleichsam einleiten, wie auch Wilfried Meinert als Reporter Kallenbach bei seinen Recherchen hart mit dem Kapitän zusammenstößt.

Alles Geschehen spielt sich ab .vor einem von Albrecht C. Dennhardt entworfenen, von einem Team unter Leitung von Klaus Panke gefertigten Bühnenbild, für das Marga Goldenstein die zu einem Schiff gehörenden Requisiten zusammen stellte. Der Beifall am Schluß war hörbarer Ausdruck des starken Eindrucks, dieser Aufführung.


Brockmann glaubt alles im Griff zu haben.... (v.l. Heidi Rausch, Klaus Aden, Claus Miehlke, Karl-Heinz Schröder, Willy Meinert

Jeversches Wochenblatt

"De op een Pulverfatt sitt, schall nich mit de Zündschnuur spelen"

Niederdeutsche Bühne begeistert mit Schauspiel "Schipp ahn Haben"

von Jutta Schmidt

Wilhelmshaven. An einem außergewöhnlichen Tag eine außergewöhnliche Aufführung versprach die Niederdeutsche Bühne am Montagabend im Stadttheater Wilhelmshaven und hielt Wort. Mit ihrer zweiten Inszenierung "Schipp ahn Haben" stand ein ernstes Schauspiel auf dem Progranun. Ein Stück, das zum Nachdenken anregen sollte, der Inhalt ein Thema, das uns alle angeht.

Ein Schiff liegt in der Kieler Förde vor Anker. Eine Weiterfahrt wurde von der Behörde untersagt, und das Einlaufen in den Hafen verboten. Die Besatzung weiß nicht, warum das Schiff vor Anker liegt. Der Kapitän weicht ihren Fragen aus, denn unten im Laderaum des Schiffes haust der Tod

28 000 Nervengasgranaten aus dem zweiten Weltkrieg, einzementiert in dicken Beton, sollen im Atlantik versenkt werden. Eine Ladung, die ganz Kiel und Umgebung vernichten könnte, und der Kapitän schweigt. Doch dann komrrit der Reporter Kallenbach (Wilfried Meinert) an Bord, und Schiffsjunge Kalli erfährt die schreckliche Wahrheit. Und schließlich kommt es zum Konflikt innerhalb der Mannschaft und mit dem Kapitän.

"De op een Pulverfatt sitt, schall nich mit de Zündschnuur spelen nich mal in Gedanken, sagt Matrose Kruse am Anfang des zweiten Aktes, als der Mannschaft langsambewußt wird,welcher tödlichen Gefahr sie ausgesetzt ist. Nachdem sie den Kapitän vergebens darum bitten von Bord gehen zu dürfen, und Matrose Janßen dann eine Zündschnur in den Händen hat, erhält das Schauspiel seinen dramatischen Höhepunkt.

Das ganze Schauspiel hier ausführlich zu berichten, würde der Aufführung die ganze Spannung nehmen, die vom Anfang bis zum Ende wie eine drückende Last im Zuschauerraum schwebt. Allen voran ist es die Neubesetzung Thorsten Könnecke, der durch seine hervorragende schauspielerische Darstellung die Angste des Schiffsjungen Kalli meisterhaft dem Publikum nahe bringt. In seiner jugendlichen Verzweifelung greift er den Altmatrosen Kruse (Günter Boye) an, Kruse hätte doch seine besten Jahre hinter sich, aber er sei doch noch zu jung zu sterben. Kiese wehrt sich gegen diese Behauptung. Seine besten Jahre, wann waren die? Im Krieg, oder später in den Aufbaujahren oder hat er sie noch vor sich? Die Hoffnung, die dürfe man nie aufgeben. Gespenster meint Kruse. Gespenster, fragt Kalli, Achtuntwintigdusen Nervengasgranaten, sünd dat Gespenster . . .?

Und die ganze Hoffnung liegt bei Kapitän Brockmann, würdevoll dargestellt von Klaus Aden, der stur auf seine Sicherheitsvorschriften pocht und an die er sich hält, Punkt für Punkt. Er weicht keinen Schritt zur Seite. Menschliche Gefühle sind für ihn ein Fremdwort, selbst dann, als das Leben von Tausenden von Menschen in seinen Händen liegt. Seine Autorität verbietet ihn nachzugeben.

Atemlose Stille liegt nach dem Schlußvorhang im Zuschauerraum, bis schließlich langanhaltender Beifall die Stille zerreißt. Beifall für eine Aufführung, die von der Niederdeutschen Bühne hervorragend gemeistert wurde. Deren Spannung und menschlische Reaktionen in einer fast ausweglosen Lage den Zuschauer beeindruckte. Aber auch Beifall für die hervorragenden schauspielerischen Leistungen der Darsteller, für Heidi Rausch als Frau Brockmann, für Claus Miehlke als Erster Offizier, für Horst Karstens als Matrose Janßen, für Ralf Rüdiger Bayer als Matrose Kröger, für Günter Jaedeke als Matrose Heuer, für Manfred Janßen als Matrose Behrens und Karl Heinz Schröder als Oberinspektor Lorenzen.

Mit dieser Aufführung bewirbt sich die Niederdeutsche Bühne um den 1988 zu vergebenen Preis der Lübecker Nachrichten. Verdient hätten sie ihn, was das Publikum mit seinen langanhalten den Applaus bewies. Die nächsten Aufführunge dieses spannenden Schauspie' sind am 8., 13., 15. und 22. November, sowie am 5. Dezember um 20 Uhr im Stadttheater, und am 12. November in Sande.

Explosive Stimmung auch in den Mannschaftsquatieren - v.l. Claus Miehlke, Günter Boye, Horst Karstens, Manfred Janssen, Klaus Aden, Ralf-Rüdiger Beyer

...un baven wahnen Engel (1.WA)

1. Wiederaufführung (2), davor 1966/67 gespielt

....UN BAVEN WAHNEN ENGEL

Lustspiel in drei Akten von Jens Exler

Inszenierung: Wilma Welte
Bühnenbild und - maler: Herbert Ulbrich

Bühnenbildbau: Bernhard Bertram, Walter Borraß, Karl-Heinz Goldenstein,  Erwin Hildebrandt, Norbert Ungermann, Klaus Panka
Beleuchtung: Peter Pfaus, Erwin Telgmann
Inspizientin: Helga Borraß
Souffleuse: Annchen Warrings-Konken
Requisiten: Marga Goldenstein

Rollen und Darsteller
Helene Engel - Käthe Baumann
Elvira Engel - Herta Tapken
Klaus, ihr Neffe - Jürgen Tapken
Herr Schlüter, ein Nachbar - Karl-Heinz Schröder
Karen, seine Tochter - Luise Pampuch
Alma Fritsche, eine Nachbarin - Frieda Harms
Herr Babbel, Hauswirt - Horst Karstens

Ein herrliches Paar - die Geschwister Engel - Käte Baumann, Herta Tapken

JEVERSCHES WOCHENBLATT

Das psychologische Klopfen der beiden Engel

Gelungener Saisonstart der Niederdeutschen mit "...un baben wahnen Engels"

Von Jutta Schmidt

Wilhelmshaven. Eine Dachgeschoßwohnung, wie sie in vielen Mehrfamilienhäusern zu finden ist: Eingerichtet mit Möbeln, die jedes Antiquitäten-Liebhaberherz höher schlagen läßt und wie sooft viel zu klein. Hier wohnen Helene und Elvira Engel, zwei ältliche, vom Schicksal etwas stiefmüterlich behandelte Schwestern. Ihr Ziel ist es, die eine Treppe tiefergelegene Wohnung zu bekommen. Mit jeder möglichen List.

Weil Hauswirt Babbel (Horst Karstens) die Wohnung wieder einmal anderweitig vermietet hat, kümmern sich die Schwestern persönlich um das Freiwerden dieser Räumlichkeiten. Und so sitzen sie sich Tag für Tag gegenüber, die keineswegs fromme Helene (Käthe Baumann) und ihre von ihr unterjochte Schwester Elvira (Herta Tapken), mit einer Bibel in der Hand und schlagen auf den Tisch. Immer schön abwechselnd, Schlag für Schlag im Rhythmus, wegen der psychologischen Wirkung. Alle zehn Minuten dröhnt nun dieses monotone "Bumsen" durch das Haus. Allmählich werden die Mitbewohner nervös. Wo kommt bloß das Klopfen her?

Außerdem schlägt Helene Elvira vor, den Neffen Klaus bei sich aufzunehmen, damit eine größere Wohnung erforderlich wird. Klaus (Jürgen Tapken) von diesem Vorhaben seiner beiden, eher knauserigen Tanten überrascht, nimmt das Angebot an. Denn schnell merkt er, das irgendetwas nicht stimmt in der Dachgeschoßwohnung. Als er schließlich im Haus seine Jugendfreundin Karen (Luise Pampuch) wiederfindet, die mit ihrem Vater Herrn Schlüter (Karl Heinz Schröder) die Wohnung eine Treppe tiefer bewohnt, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Und immer mittendrin steht die "Schludersche" Alma Fritsche (Frieda Harms), die alles weiß, alles macht und im Grunde doch ein Teufel ist. Vom Kohlenklau bis zum Raubmord reicht die Palette der Geschehnisse in der kleinen Dachgeschoßwohnung, doch schon bald stellt sich heraus, "dat ünnen de Düwel haust un baven wahnen Engels".

Jens Exler, der im März dieses Jahres 72jährig starb, schrieb dieses spukhafte, turbulente Lustspiel bereits im Jahre 1963. Als Direktor einer großen Wohnungsbaugesellschaft hatte er oft genug die Gelegenheit, das Leben aus der Mieter-Perspektive zu betrachten. Schon vor 20 Jahren wurde, wie am Donnerstagabend erneut, ". . . un baven wahnen Engels" mit Erfolg von der Niederdeutschen Bühne Wilhelmshaven aufgeführt. Diesmal ist es sicher auch noch einer anderen Tatsache zu verdanken, daß das Stück wieder ein Erfolg wurde. Denn zum erstenmal in der Geschichte der Niederdeutschen hat eine Frau am Regiepult Platz genommen. Wilma Welte, selbst seit 20 Jahren als Darstellerin dem Millieu vertraut, nahm die Inszenierung dieses Stücks in die Hand.

Eine glückliche Hand hatte sie schon bei der Auswahl der Darsteller. Käthe Baumann und Herta Tapken waren die ideale Verkörperung der Engel Schwestern. Mit ihrem psychologischen Klopfen, auf Plüsch-Sessel sitzend im schwarzbunten Kleid mit Spitzenkragen waren sie in nichts zu überbieten. Genau so hervorragend war Frieda Harms als "Schludersche" Alma Fritsche. Ihr Auftritt war stets wie ein Wirbelwind in der verstaubten Dachgeschoßwohnung, der sich wie ein Leitfaden durch das Geschehen schlengelte. Mit den weiteren Darstellern Jürgen Tapken, Karl Heinz Schröder, Luise Pampuch und Horst Karstens konnte Wilma Welte einen gelungenen Saisonauftakt verbuchen. Das Publikum dankte den Akteuren mit langanhaltendem Applaus.

Weitere Vorführungen sind in Wilhelmshaven am 20. und 26. September, 3., 4. und 11. Oktober im Stadttheater. Am 9. Oktober in der Agnes-Miegel-Schule und am 8. Oktober im Ev. Gemeindehaus Sande, jeweils um 20 Uhr:

Alma Fritsche (Frieda Harms) schludert gern, das wissen aber Karen (Luise Pampuch) und Klaus (JürgenTapken)

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Großer Erfolg für Premiere: .....un baven wahnen de Engel

Regisseurin Wilma Welte gab der Inszenierung Tempo

Von Theodor Murken

"baven wahnen de Engel" wo sollten sie auch sonst wohnen als im Himmel? Zumal sie auch noch Engel heißen. Nur mit dem Unterschied, daß die kleine Dachwohnung, in der sie ihr bescheidenes Leben führen, für sie alles andere als ein Himmel ist und sie dazu auch noch anderen Bewohnern unter ihnen das Leben schwer machen.

Aber was wäre schon die Welt, wenn wir alle Engel wären? Jens Exler, der verstorbene Flensburger Komödiant und Autor, hätte, wie schon viele plattdeutsche Stücke, auch dieses Lustspiel nicht schreiben können, um wieder einmal die Kanaille im Menschen und alle seine vielen Schwächen zu entlarven. Was es mit den "Engeln" auf sich hat, was sie treiben. was sie anrichten. das sollte hier nicht verraten werden. Jens Exler weiß mit seinen Personen umzuspringen, und das in diesem Stück so geschickt. daß es im letzten Akt so recht "dicke kommt" und mancher der Hörer in der Premierenvorstellung im Stadttheater sich gefragt haben mag: Wie soll das alles noch enden? Aber es endet.

Dafür sorgte schon das flotte Spiel der sieben Darsteller der Niederdeutschen Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven. Bei den Niederdeutschen weht ein frischer Wind. Das wies schon das Programm aus. Zum ersten Mal hatte auch ein Mitglied der Bühne das Bühnenbild entworfen. Herbert Ulrich: das Wohnzimmer zweier alter Tanten (jene mit Namen Engel) mit altertümlichen "Vertikov" und Sofa von fünf Bühnenbildnern unter Leitung von Klaus Pauka ausgeführt. Die Regie hatte zum ersten Mal eine Frau: Wilma Welte, seit 10 Jahren Mitglied der Bühne, aus vielen Rollen bekannt. In den letzten Jahren war sie auch Regieassistentin und in Regie-Lehrgängen des Niederdeutschen Bühnenbundes sowie durch Regisseure der Landesbühne wurde sie auf ihre neue Aufgabe vorbereitet.

Nun zeigte sie, was sie gelernt hat, zeigte dabei aber auch gleich, daß Lernen allein noch nicht ausreicht. Es gehört auch eine Portion Theaterblut dazu. Daß sie darüber verfügt, bewies die Premiere. Wilma Welte bewältigte ihre nicht leichte Aufgabe, alle die widerstrebenden Kräfte des Stückes zusammenzuschweißen. Der Inszenierung gab sie nicht nur Schmiß und Tempo, sondern auch manche Feinheit und Nuance, die ihre Handschrift verriet. Allen Darstellern schien ihre Rolle auf den Leib geschrieben zu sein. Käthe Baumann als eine (scheinbar) so fromme Helene und Herta Tapken als ihre Schwester Elvira Engel hatten es wirklich "dick hinter den Ohren". Frieda Harms als die Nabersch Anna Fritsche übertraf die beiden "Engel" nur noch in ihrem großartig gemeisterten Redeschwall und ihrer Hintergründigkeit.

Daß das Maschinengewehrfeuer ihrer Worte vor allem auf den Hauswirt Babbel herabprasselte. stellte Horst Karsten vor die nicht leichte Aufgabe, alles mit Zorn und Resignation hinzunehmen. Vor allem war aber der Nachbar Schlüter das Ziel jener Attakke der beiden "Engel" und Karl Heinz Schröder mußte zeigen wie ihn schließlich deren Treiben zu zermürben drohte.

Aber alles hat ja einmal ein Ende, auch der ganze" Spuk" im Hause und Jürgen Tapken als der beiden "Engel" Neffe und Luise Pampuch als Schlüters Tochter Karen (natürlich ineinander verliebt) haben ihren großen Anteil daran, daß die Engel zwar ramponiert, aber ungeschoren davon kommen. Und vor allem: Das fastvollbesetzte Haus hatte großen Spaß an dem dramatisch lustigen Spiel.

Wo kommen bloß diese verdammten Klopfgeräusche her - fragen sich v.l. Herta Tapken, Horst Karstens, Karl-Heinz Schröder, Käte Baumann und Frieda Harms

Oma ward verköfft (WE)

Niedersächsische Erstaufführung

OMA WARD VERKÖFFT

(Opa ward verköfft)
Schwank in drei Akten von Franz Streicher (Anton Hamik), Bearbeitung Dr. Ulf-Thomas Lesle

Inszenierung: Horst Jönck
Bühnenbild: August Ahlers

Beleuchtung: Peter Pfaus, Erwin Telgmann
Souffleuse: Frieda Harms
Requisiten: Marga Goldenstein
Inspizientin:: Annchen Warrings-Konken
Bühnenbildbau: Klaus Panka, Karl-Heinz Goldenstein, Walter Borraß,
Erwin Hildebrandt, Bernhard Bertram, Norbert Ungermann u.a
Bühnenmaler: Herbert Ulbrich

Rollen und Darsteller:
Hannes Kulenkamp, Buur - Klaus Aden
Schorsch, sien Söhn - Jürgen Tapken
Oma - Rika Jung
Katrin, Magd - Helga Lauermann
Peter Fiesebarg, Buur - Friedrich Müller
Hanni, sien Fro - Käthe Baumann
Evi, ehr Dochter - Marion Zomerland
August, Knecht - Manfred Janßen

Evi (Marion Zomerland) erfährt so einige Neuigkeiten von Oma (Rika Jung)

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Bravo für Rika Jung als Oma

Niederdeutsche präsentieren frisch einen alten Schwank

Von Barbara Schwarz

Einen Schwank aus der guten alten Zeit, ein Märchen mit Happy End, präsentiert die Niederdeutsche Bühne ihren Zuschauern im Wilhelmshavener Stadttheater zum Abschluß der Spielzeit 1986/87: "Oma ward verköfft" von Franz Streicher.

Als es für die Landwirtschaft noch keine Subventionen in Milliardenhöhe gab allerdings auch noch kein den Tatendrang der Landwirte einengendes Korsett aus Brüsseler Richtlinien und Quoten, war ein Landwirt schon arm dran, dem 1000 Mark an Barem fehlten. Wenn er dann noch ein Rumpelstilzchen von Oma im Hause hatte, das nur Unfug anrichtete, wie sollte er da schon das Angebot des reichen Nachbarn ausschlagen, der die Oma gegen Bares kaufen will?

Daß Oma nicht zum Schleuderpreis verköfft ward, dafür sorgt sie selber: "Ik laß mi doch nich verramschen. Oma is'n Luxusartikel, 1000 Mark op'n Tisch!" Oma läßt sich willig verkaufen, denn sie hat so einiges im Sinn und dreht im Laufe der hübschen Geschichte schlitzohrig noch manches Ding. Ein wahres Glück für die Niederdeutsche Bühne und Regisseur Horst Jönck, der Franz Streichers Schwank so ansehnlich und frisch in Szene setzte, ist Rika Jung.

Der Seniorin des Ensembles der Niederdeutschen Bühne ist diese Rolle wie auf den Leib geschneidert. Rika Jung hat etwas von einem nordischen Troll, der den Menschen immer gern einen Schabernack spielt. Hintersinnig und pfiffig spinnt sie als Oma ihre Fäden und läßt die Puppen, besonders den geldgierigen Buer Fiesebarg un sien Fro Hanni, tanzen und stiftet mit Geschick das absehbare Glück des jungen Paares. Dabei wieselt sie flink über die Bühne und erfüllt die Rolle mit leiser, drolliger Komik. Bravo für sie bei der Premiere.

Klaus Aden, dessen unvergessener verstorbener Vater Heino Aden in den 70er Jahren als Opa verköfft ward, spielt Omas etwas schwerfällig tumben Schwiegersohn. Klaus Aden zeichnet den Buer Hannes Kulenkamp als zwar gutmütigen, aber nicht eben mit Geistesgaben gesegneten Landmann, der den Intrigen des Buern Fiesebarg diesem Namen macht Friedrich Müller in seiner Darstellung Ehrenicht gewachsen ist.

Käthe Baumann stellt einen Drachen von Buersfro dar, der sich, wenn's um den eigenen Vorteil geht, gut verstellen kann. Sie wird ihrer Rolle als Hanni Fiesebarg ebenso gerecht wie Helga Lauermann der energischen Magd Katrin und Manfred Janßen dem temperamentvollen Knecht August. Marion Zomerland als Fiesebargs sympathische Tochter Evi und Jürgen Tapken als Kulenkamps unternehmungslustiger Sohn Schorsch spielen mit Lust und Laune das verliebte junge Paar.

Damit das ganze auch optisch rund wurde, hat August Ahlers sich wieder zwei hübsche Bühnenbilder ausklamüstert eine etwas ärmliche und eine den bäuerlichen Wohlstand vorzeigende gute Stube, die das Ausstattungsteam der Niederdeutschen fein hergestellt hat. Eine rundherum gelungene Produktion der Niederdeutschen Bühne, die man sich schon wegen Rika Jung als Oma nicht entgehen lassen sollte.

August (Manfred Janssen) und Schorsch (Jürgen Tapken) verstehen sich

JEVERSCHES WOCHENBLATT

Oma ist so richtig "plietsch"

Rika Jung erhielt bei der "Niederdeutschen" Beifall auf offener Szene

Von Jutta Schmidt

Wilhelmshaven. Vom ersten Augenblick an, wo sie mit einer Schippe auf der Schulter auf der Bühne erschien, war sie der absolute Star der Vorstellung. In dem Schwank "Oma ward verköfft", begeisterte Rika Jung, die Seniorin der Niederdeutschen Bühne anläßlich der Premiere am Wochenende, als pfiffige Oma, die es faustdick hinter den Ohren hat, das Publikum. Immer wieder entlockte sie den Zuschauern Applaus auf offener Szene für ihre hervorragende Oma Darstellung.

Rika Jung, vielen sicherlich noch in Erinnerung aus der letzten Spielzeit, wo sie als "de olle Fischfroo" großen Erfolg hatte. Spielte sie damals eine vom harten Leben alt und krank gewordene Frau, steht sie diesmal als "plietsche" Großmutter auf der Bühne. Eine Oma wie man sich eben nur eine Oma vorstellen kann. Klein und rundlich, immer ein verschmitztes Lächeln auf den Lippen und den Kopf voller Dummheiten. Und ihre Streiche sind es, die dazu führen, daß "Oma verköfft ward".

"Oma is een Luxusgägenstand", verteidigt sie sich, als sie von ihrem Verkauf durch Horchen an der Tür erfährt, und ihren Kaufpreis in die Höhe treibt Und so kommt Oma für 1000 Mark vom ärmlichen Bauer Kulenkamp (Klaus Aden) zum reichen Fiesebarg (Friedrich Müller).

Fiesebarg gibt vor, ein Herz für Oma zu haben und verspricht ihr einen gemütlichen Lebensabend. Der eigentliche Grund sind jedoch die beiden Häuser, die die alte Frau besitzt, und die will Bauer Fiesebarg haben. Im Haus Fiesebargs angekommen macht Oma sich das im Lehnstuhl kommodig, verlangt nach Steak und Weinbrand und läßt sich vom Bauern die Pantoffeln anziehen. Mit dem Charme einer schrulligen alten Frau besteht sie auf die Erfüllung ihrer immer anspruchsvolleren Wünsche, als wären es Selbstverständlichkeiten. Und doch ist es nur ein hinterlistiges Spiel was sie treibt, um herauszufinden, wie weit sie gehen kann, bis die anderen die Geduld verlieren und ihr wahres Gesicht zeigen. Denn schon nach kurzer Zeit durchschaut sie die Absichten des Bauern.

Die Freundlichkeiten der Bäuerin (Käthe Baumann) sind ihr längst ein Dorn im Auge. Als sie dann noch das Notizbuch von dem Knecht Karl (Manfred Janßen) in die Hände bekommt, der sich sämtliche Schandtaten von Fiesebarg notiert hat, nimmt Oma das weitere Geschehen selbst in die Hand. In dem Schwank, das nach der Vorlage des österreichischen Volksstücks "Der verkaufte Großvater" aus der Feder von Anton Hamik von Horst Jönck inszeniert wurde, hat auch die Liebe ihren festen Platz. Schorsch, Bauer Kulenkamps Sohn (Jürgen Tapken), soll Evi (Marion Zomerland), die Tochter von Fiesebarg, heiraten, die er noch gar nicht kennt. Als er dann Evi kennerlernt, findet er nicht nur die große Liebe im Hause Fiesebarg, sondern auch seine Oma, die Kulenkamp angeblich ins Altersheim gebracht hat und die Magd Katrin (Helga Lauermann), die Oma vom Hof Kulenkamp geekelt hatte.

Als Bauer Fiesebarg schließlich erfährt, daß Oma keine Häuser besitzt, ist es aus mit dem gemütlichen Leben. Doch nun spielt Oma ihre Trümpfe aus... Weitere Aufführungen von "Oma ward verköfft" sind am 8., 15., 26, und 30. April jeweils um 20 Uhr, am 26. April auch um 15.30 Uhr im Stadttheater. Außerdem spielt die Niederdeutsche Bühne dieses letzte Stück der Theatersaison am 23. April um 20 Uhr in Sande und am 24. April um 20 Uhr in Feddeivrardergroden.


Am Ende ist alles wieder glücklich vereint - das Ensemble - Marion Zomerland, Jürgen Tapken, Manfred Janssen, Helga Lauermann, Rika Jung, Klaus Aden, Friedrich Müller, Käte Baumann

Dwaarslopers (UA)

neunte Gemeinschaftsproduktion
Uraufführung

DWAARSLOPERS

Science-Fiction Stück in drei Akten von Christof Wehking

Inszenierung: Hans Peter Renz
Bühnenbild: Wolfgang Kleinpeter

Bühnenbildbau: NB Wiesmoor
Technik: NB Neuenburg
Masken: Karl-Heinz Krämer, Oldenburg, Willy Ochsendorf, NB Neuenburg
Regieassistenz Alfred Meyer, NB Wiesmoor
Inspizient: Edith Gleibs, Werner Klattenberg, NB Wiesmoor

Rollen und Darsteller:
Grete Eilers - Brigitte Halbekath, NB Wilhelmshaven
Frauke Benninga - Brigitte Hermann, NB Aurich
Hans Eilers - Rudolf Wolf, NB Emden
Gerd Eilers - Werner Nörtker, NB Emden
Jan Eilers - Reinhold Wirmann, NB Aurich
Dr. Kramer - Rolf Jaspers, NB Emden
Radiostimmen - Hajo Freitag, NB Oldenburg,
Manfred Malanowski, NB Neuenburg

Das Ensemble von den "Dwaarslopers" (v.l. Rudi Wolf, Brigitte Hermann, Reinhold Wirmann, Werner Nörtker, Brigitte Halbekath, Rolf Jaspers

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Spannung durch mörderische Riesen Dwarslöpers

Starker Eindruck der Gemeinschaftsproduktion des Niederdeutschen Bühnenbundes

Von Theodor Murken

Dwarslöper sagen die Ostfriesen zu jenen Meerestieren, die wir auf hochdeutsch als Taschenkrebse bezeichnen, die sich vorranbewegen, indem sie quer (dwars) laufen. Sie werden etwa handgroß. Wenn wir sie als Jungen vom Strand mit nach Hause brachten und unsere Mutter sie in heißes Wasser warf, wo ihre Panzer sich verfärbten, dann genossen wir ihr Fleisch als Delikatesse ein Hummer hätte uns nicht besser schmecken können.

Der 1924 in Norden geborene Christof Wehking läßt diese Krebse in seinem Schauspiel "Dwarslopers" nun unter dem Einfluß der Umweltverschmutzung phantasievoll ins Riesenhafte wachsen. Sie werden wagenradgroß und vermehren sich derart, daß sie zwischen Emden und Bensersiel in Massen die Küste angreifen, Häuser zerstören, Menschen töten, sie auf jeden Fall in Verwirrung bringen. Schon 1975 schrieb Wehking ein Hörspiel, das diese Zukunftsvision kompakt schilderte.

In seinem dreiaktigen Schauspiel versteht er es, die Zuschauer gleichfalls ständig in Spannung zu halten; denn in dem von den Dwarslöpers bedrohten Haus Eilers, in dem eine Mutter ihre drei Söhne in Schach zu halten versucht, und die Braut des einen Sohnes als lästigen Eindringling betrachtet und behandelt, knistert es. Die Gegensätze spitzen sich dramatisch zu, je näher die Riesenkrebse sich dem Haus nähern.

Die Wilhelmshavener Aufführung dieser sechsten Gemeinschaftsinzenierung des Niederdeutschen Bühnenbundes Niedersachsen und Bremen im Stadttheater kann man als beispielhaft bezeichnen. Sie fand Sonntag abend bei fast vollem Hause statt. Den Besuchern empfingen beim Betreten des Theaters schon sofort unheimliche Geräusche von der Bühne her. Man klatschte Beifall, als sie für einen Augenblick verstummten, aber dann ging es erst richtig los, zwei Stunden hindurch. Riesenkrebse, die auf See sogar mit Bomben bekämpft wurden, hielten das Haus in ständiger Spannung.

Hans Peter Renz aus Westrittrum führte mit fester Hand die Regie. Im Rahmen des Bühnenbildes von Wolfgang Kleinpeter aus Oldenburg brachte Renz das Geschehen bis zum dramatischen Höhepunkt: Die bedrohlichen Zangen der Riesenkrebse zeigten sich am Fenster des Hauses, Scheiben klirrten und...

Eine führende Rolle war Brigitte Halbekath von der Niederdeutschen Bühne Wilhelmshaven als Grete Eilers zugefallen. Die in schwieriger Ehe hart gewordene friesischen Frau bleibt auch in schwerster Not kompromißlos. Die Darstellerin hatte sich in ihre Rolle förmlich eingelebt und bot eine in jeder Beziehung abgerundete Leistung.

Ihre drei Söhne Jan, Gerd und der an einen Rollstuhl gefesselte Hans, gespielt von Reinhold Wirmann, Norden, und den beiden Emdern Werner Nörtker und Rudolf Wolf, entsprachen der ihnen vom Autor gegebenen Charakterisierung. Bei Reinhold Wirmann als Jan konnte das Zusammenspiel mit seiner Braut, der Seemannstochter Frauke Benninga (Brigitte Herrmann aus Aurich), besonders beeindrucken.

Am Spiel sind acht Personen beteiligt, davon Hajo Freitag (Oldenburg) und Manfred Malanowski (Neuenburg) als Sprecher, dessen klare Stimme man im Rundfunkgerät hörte, um das Geschehen draußen zu verdeutlichen; Rolf Jaspers (Emden) als Dr. Kramer der nicht nur als Arzt versucht, im Familienzwist eine Wendung herbeizuführen. Bühnenbau und Ausstattung besorgte die Niederdeutsche Bühne Wiesmoor, die technische Betreuung und Beleuchtung die Niederdeutsche Bühne Neuenburg, die Masken Karl-Heinz Krämer (Oldenburg) und Willy Ochsendorf (Neuenburg). Die Leitung hatte Manfred Malanowski (Neuenburg), während die Auricher Niederdeutsche Bühne noch in Edith Gleibs und Werner Klattenberg die Inspizienten stellte.

Auch diese sechste der Gemeinschaftsinzenierungen erwies, daß eine auf diese Weise erzielte Gemeinsamkeit ein wesentlicher Beitrag zur Vertiefung schauspielerischer Leistungen bei den Niederdeutschen Bühnen ist.

De Pageluuns (WE)

Niedersächsische Erstaufführung

DE PAGELUUNS

Komödie in drei Akten von Dieter Jorschick

Inszenierung: Günter Boye
Bühnenbild: August Ahlers

Beleuchtung: Peter Pfaus, Erwin Telgmann
Souffleuse: Christine Fein
Requisiten: Marga Goldenstein
Inspizient:: Willy Meinert
Bühnenbildbau: Klaus Panka, Karl-Heinz Goldenstein, Walter Borraß,
Erwin Hildebrandt, Alfred Christoffers u.a.
Bühnenmaler: Herbert Ulbrich

Rollen und Darsteller:
Erich Paul Pagels - Wilfried Pampuch
Herbert Kruthoff - Horst Jönck
Elsbeth Kruthoff - Karin Heyel
Kalle Wurster - Michael Müller
Alwine Sonnenschein - Roswitha Bertz
Senatsrat Dr. Julius Schmitz-Bergheim - Ralf-Rüdiger Bayer
Winfried Rotermund - Willy Meinert
König Tahowubúhoa van Mabujug - Horst Karstens
Kellner - Claus Miehlke
Pastor - Klaus Panka
Börgermeister - Karl-Heinz Goldenstein

Kalle und Erich sind Meisterköche (Michael Müller und Wilfried Pampuch)

JEVERSCHES WOCHENBLATT

Erfolg vor leider nur halbvollem Haus

Premiere von "De Pageluuns" mit der Niederdeutschen Bühne in der Jadestadt

von Jutta Schmidt

Wilhelmshaven. Das Premieren recht unterschiedlich vom Publikum aufgenommen werden, erlebte die Niederdeutsche Bühne am Donnerstagabend. War ihre letzte Premiere "De vergnögte Tankstell" bereits ausverkauft, so mußte das Ensemble ihre vierte Inszenierung "De Pageluuns" vor einem halbbesetzten Haus aufführen. Trotzdem wurde es wieder ein großer Erfolg für die Niederdeutschen.

"De Pageluuns" Erstlingswerk von Dieter Jorschik. wurde vom Publikum begeistert aufgenommen. So war es auch nicht verwunderlich, daß der ehemalige Berufsschauspieler und jetzige Lektor des Theaterverlages Mahnke, am Schluß der Aufführung stolz auf die Bühne kam. Hatte er doch während der Vorstellung im Zuschauerraum gesessen und praktisch den Erfolg hautnah miterlebt.

Jorschik ist durch viele Rollen und insbesondere durch viele Inszenierungen am Niederdeutschen Theater Bremen bekannt geworden. Aber äuch in Wilhelmshaven ist der Autor kein Unbekannter. Er inszenierte 1980/81 das Stück "Cowboys, Quiddjes und Matrosen" und 1981/82 "Klävemann spielt Lebemann". Doch es .war nicht allein Jorschiks Verdienst, das die Premiere mit langanhaltendem Applaus belohnt wurde. Ebenso daran beteiligt waren die Darsteller der Niederdeutschen Bühne mit ihren schauspielerischen Leistungen. Unter der Regie von Günter Boye hatten sie diese Komödie einstudiert.

Horst Karstens überzeugt in der Rolle des Königs von Mabujog

Auf der Bühne, die nach einem Bühnenbild von August Ahlers und von Mitarbeitern des Theater in eine einfache Küche einer Landgaststätte verwandelt war. ging es recht hektisch und verwirrend zu. Wo sonst nur Gerichte wie Pommes mit Schnitzel oder Kartoffelsalat mit Würstchen über den Thresen gingen, sollte auf einmal königlich gekocht werden. Der Grund ist der Besuch des Königs Tahowub'uhoa von Mabujug (Horst Karstens). Sein Interesse gilt besonders den Pfauen auf plattdeutsch "De Pageluuns", die im Park der Gaststätte herumstolzieren!

Wilfried Pampuch, als Erich Paul Pagels, sieht seine große Chance gekommen, um endlich zu zeigen, was für ein hervorragender Koch er ist. Als er endlich sein Menü in sechs Gängen fertiggestellt hat, überschlagen sich die Ereignisse in der kleinen Küche, die Schauplatz der verrücktesten Szenen wird. Ein Kuddelmuddel entsteht, bei dem es an nichts fehlt. Und das nur, weil Gastwirt Kruthoff (Horst Jönck) seinem Koch verschweigt, daß der König kein Kaviar ißt und das Pfauen im Lande Mabujug heilig sind und ihre kulinarische Zubereitung ein Sakrileg ist. Und gerade diese "Pageluuns" sind es, die Pagels zu Taten hinreißen läßt, die schwere Folgen haben.

Mit vielen amüsanten Szenen, mit schlagfertigen Antworten und viel Wortwitz wird diese Komödie, deren Inhalt wir bereits in der Vorankündigung ausführlich beschrieben haben aufgeführt. Mit Karin Heyel, Michael Müller, Roswitha Bertz, Ralf Rüdiger Bayer, Willy Meinert, Klaus Miehlke, Klaus Panka und Karl Heinz Goldenstein waren weitere Darsteller auf der Bühne, die es verstanden haben, ihre Rolle so auszufüllen, daß sie dem Puplikum Applaus auf offener Szene entlocken konnten.

Weitere Aufführungen gibt es am 15.,18. und 25. Februar sowie am 4. und 8. März im Stadttheater Wilhelmshaven. Eine weitere Vorstellung gibt es am 27. Februar in Fedderwarden.

Erich Pagels (Wilfried Pampuch) duldet niemand an seinen Töpfen, auch nicht den Lehrer Rotermund (Wilfried Meinert)

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Pageluuns lecker zubereitet

Niederdeutsche Bühne hob firsche Komödie aus der Taufe

Von Barbara Schwarz

Pageluuns sind ein Genuß. Jedenfalls so, wie Speelbaas Günter Boye und alle seine Mitstreiter von der Niederdeutschen Bühne sie jetzt nach Dieter Jorschiks Rezept im Stadttheater servieren. Der Bratenduft steigt dem Zuschauer wirklich in die Nase. Dieter Jorschiks Erstlingswerk "De Pageluuns" Hochdeutsch: Die Pfauen erweist sich als ebenso unterhaltsam wie spannend. Auch wenn man die Katastrophe kommen sieht und meint, nun sei alles aus, schlägt Jorschik gewitzt einen Haken und beendet sein Spiel ganz anders, als er den Zuschauer zunächst glauben macht.

Der Erfolg einer Aufführung von Jorschiks "Pageluuns" hängt vor allem davon ab, daß die Hauptfigur, Koch Pagels, stark und überzeugend wirkt. In Wilfried Pampuch hat die Niederdeutsche Bühne Wilhelmshaven einen Koch, der in seinen Küchenreich souverän herrscht. Pampuch steht hinter dem riesigen, die ganze Bühnenmitte einnehmenden blauweißen Herd aus Uromas Zeiten souverän wie Tommy Gottschalk hinter dem seines Küchenstudios. Die Attitude stimmt hundertprozentig, die Küchengriffe sitzen wie gelernt. Pampuch macht auch all den Kummer eines Küchenmeisters glaubwürdig deutlich, der seinen Gästen immer nur Pommes mit Schnitzel oder Kartoffelsalat mit Kotelett oder Würsten in geringer Qualität zubereiten muß und dabei von der Haute Cuisine, vor allem von gebratenen Pageluuns im Federkleid träumt

Seinen Küchenjungen Kalle vermag Pagels mit seinen Träumen allerdings ebensowenig einzufangen, wie seine aufs Geld bedachte energische Krögersche Elsbeth, deren Mann sich an Pagels Braut Alwine heranmacht, als dieser nur noch das Festmahl für den König von Mabujug im Kopf hat. Als Küchenjunge Kalle, erstmals in größerer Rolle auf der Bühne Nachwuchsspieler Michael Müller, erstaunlich sicher und frisch.

Karin Heyel als Krögersche zeigt sich als schlagkräftiger Drachen mit einer zarten Schwäche für Pagels. Horst Jönck als angeheirateter Kröger darf mit Verständnis rechnen, wenn er bei dieser Frau öfter zur Flasche greift und an Alwine Klimmzüge macht. Roswitha Bertz ist ihm als Alwine eine ideale und komische Partnerin.

Ralf Rüdiger Bayer bringt das gestelzte Bürokratendeutsch des Senatsrats prächtig. Willy Meinert, als beduselter Schoolmester erstmals auf der Bühne, macht seine Sache ebenso gut, wie Claus Miehlke als Kellner sowie Klaus Panka und KarlHeinz Goldenstein in den stummen Rollen des Pastors und Börgermesters.

Horst Karstens merkt man den Spaß an, den ihm seine Rolle als farbiger Südseekönig bereitet. Günter Boye, der Speelbaas, hat mit Sinn für hintergründigen Humor Jorscheks Pageluuns richtig schön gar gebruzzelt. Ihm und auch dem anwesenden Autor galt auch der herzliche Beifall des Premierenpublikums. Und Lob verdienen ebenso alle, die August Ahlers schmucken Küchenentwurf gebaut und die prächtigen Pfauenattrappen angefertigt haben. Sie trugen auch dazu bei, daß die Pageluuns so gut mundeten.

Der Senatsrat Dr. Schmitz-Bergheim (Ralf-Rüdiger Beyer) möchte alles perfekt haben, Wirt Kruthoff (Horst Jönck)  ist davon überzeugt, dass der Abend für ihn ein Erfolg wird.

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