De kloke Anna (1. WA)

achte Gemeinschaftsproduktion
1. Wiederaufführung, davor 1961/62 gespielt

DE KLOKE ANNA

Komödie in elf Bildern von Paul Schureck

Inszenierung: Rudolf Plent a.G.
Bühnenbild: August Ahlers a.G.
Regieassistentin: Inge Bott, Jever
Produktionsleitung: Manfred Malanowski, Neuenburg

Souffleuse: Edda Malanowski, Neuenburg
Bühnenbildbau: Friedrich Decker, Gustav Weyerts, Jever
Bühenmalerei: Willy Egenhoff, Neuenburg
Bühnentechnik: Henry Sachtje, Heinrich Piest, Johann Moikow, Delmenhorst
Requisiten/Inspektion: Inge Bott, Jever und Hans-Georg Frers, Neuenburg
Maske: Karl-Heinz Krämer, Oldenburg und Harro Albers, Delmenhorst
Musik: Die Tütelüten, Horumersiel
Beleuchtung: Peter Pfaus, Erwin Telgmann

Rollen und Darsteller
Klaas - Peter Blohm, Brake
Anna - Inge Sachtje, Delmenhorst
De Herr Graf - Arnold Preuß, Wilhelmshaven
Jörn - Hans-Georg Frers, Neuenburg
Fiete - Harro Albers, Delmenhorst

Inge Sachtje aus Delmehorst ist die liebreizende, kloke Anna

DELMENHORSTER KREISBLATT

Prächtiges Schauspiel auf die Bühne gebracht

"De kloke Anna" feierte im Kleinen Haus Premiere

(me). Der niederdeutsche Dichter Paul Schurek (1890 1982) hat einem alten schönen Volksmärchen Licht und Gestalt gegeben, er hat es mit der scharfsichtigen Schläue der sogenannten einfachen Leute, mit ihrem Witz und ihrem rechtmäßigen Empfinden für Gut und Böse gewürzt, und er hat die Tiefgründigkeit des Märchens in die Erfahrung der Wirklichkeit umgesetzt. Mit Gespür und Kenntnis, daß das Märchen im Volk geboren und von ihm weitergegeben wird, daß es in ihm lebt, weil es aus ihm entstanden ist, konnte Paul Schurek auch die Geschichte der klugen Bauerntochter ohne Mühe auf die niederdeutsche Mundart übertragen und ein prächtiges Schauspiel auf die Bühne den Kleinen Hauses bringen.

In der bewährten Tradition einer Gemeinschaftsproduktion des Niederdeutschen Bühnenbundes Niedersachsen und Bremen, die übrigens von Willy Beutz, Wilhelmshaven, 1969 ins Leben gerufen wurde, entstand jetzt "De kloke Anna" mit Peter Blohm, Brake; Inge Sachtje, Delmenhorst; Arnold Preuß, Wilhelmshaven; Hans Georg Frers, Neuenburg, und Harro Albers, Delmenhorst. Unter der Produktionsleitung von Manfred Malanowski, Neuenburg, und der Profi Regie des Oldenburger Schauspielers und Regisseurs Rudolf Plent, ist eine der kostbarsten Aufführungen entstanden. Kostbar zum einen, weil die Perle aus der Märchenmuschel meisterlich herausgeschält wird, und kostbar zum anderen, weil die Darsteller sowohl schauspielerisch als auch dramaturgisch mit großem Arbeitseinsatz wertvolle Kenntnisse hinzugewonnen haben.

Denn auch dieses ist eines der Anliegen einer derartigen zeitlich und persönlich äußerst aufwendigen Inszenierung: Alle Akteure werden durch die praktische Arbeit am Stück intensiv geschult, damit sie das nötige Rüstzeug in ihrer Eigenschaft und Aufgabe als Amateur Regisseure an ihren eigenen Bühnen erhalten. Auch Bühnenbild und Bühnenbau, Technik, Inspektion und Requisiten, Maske und Musik tragen die dem Deutschen Bühnenbund angeschlossenen Bühnen gemeinsam. Bei dieser Aufführung übernimmt Delmenhorst die Betreuung während der Gastspiele bei den übrigen Bühnen, und auch die letzten Proben sowie die Generalprobe und die ersten vier übrigens ausverkauften Aufführungen finden in Delmenhorst statt.

Arnold Preuß' Graf ist ein wundervoller Falstaffabkömmling, deftig und durchtrieben, willkürlich und unberechenbar, jeder Zoll ein Herrschender, jeder Atemzug ein Mann. Denn hier wird durch die Kunst des Dichters, zweierlei Herrschaft und Unterdrückung aufzuzeigen, deutlich: die des Mächtigen gegen die bäuerlichen Untertanen, die des Mannes gegen das weibliche Geschlecht. Mag der Graf auch noch so schäumen und wüten gegen die fröhliche Sanftmut und die liebreizende Klugheit seiner Anna bleibt er letztlich der Unterlegene.

Inge Sachtje als Gegenpol männlichen Größenwahns und gräflicher Unfehlbarkeit vertraut zu Recht weiblicher Anmut und listiger Rechtschaffenheit. Ihr grundehrlicher Derwisch von Vater, den Mut und Stolz des friesischen Bauern auszeichnen, wird von Peter Blohm gespielt. Der vierte in diesem Bühnenbunde ist Jörn, in den Diensten des Grafen stehender Lakai und Landwirt. Hans Georg Frers weiß gut die dümmliche Partitur des Untertan zu klimpern, wobei auch hier sich scheinbare Naivität mit Schläue paart. Stummer Lakai bis zur Pause Harro Albers, der im zweiten Teil des Stücks in einem zwar nur kleinen Part seine ganze Komödiantenkunst hervorzaubert.

Die Anna (Inge Sachtje) verzaubert auch den polternden Grafen (Arnold Preuß)

NORDWEST-ZEITUNG

Märchenhaft wahr: "De kloke Anna"

Niederdeutsches Gemeinschaftswerk

Von Ernst Goetsch

Delmenhorst. Es war einmal ein junger Graf; der langweilte sich sehr. Und weil er sich langweilte, quälte er seine Diener mit Rätseln, die sie nicht zu lösen wußten. Aber dann geriet der Graf an einen gewitzten Landpächter, der die Rätselnüsse zu knacken wußte mit Hilfe seiner klugen Tochter, wie sich bald herausstellte. Und da freite der Graf die Kluge. Doch dann bekam er von ihr Nüsse zu knacken, noch härtere, und da wurde der Graf sehr, sehr ärgerlich...

Dieses Märchen, 1959 von Paul Schurek geschrieben, hat es in sich. Da wird nicht nur heiter am Lack hochherrschaftlicher Selbstgefälligkeit gekratzt; da wird auch schon ein Stückchen Emanzipation geboten. Denn Anna, "de kloke Anna", will nicht gelten lassen, daß der Kopf einer Frau nur so denken darf, wie ein Mann denkt.

Schurek hat das humorvoll in elf Bilder gebracht, die auf den ersten Blick zwar naiv märchenhaft erscheinen, bei näherer Betrachtung jedoch zeitlos wahre Verhältnisse einspiegeln. Rudolf Plent, Regisseur des Oldenburgischen Staatstheaters, nahm sich dieser klugen Anna an im Auftrag des Niederdeutschen Bühnenbundes Niedersachsen und Bremen, bei einer Gemeinschaftsproduktion, die in den kommenden Monaten mindestens vierzigmal in niedersächsischen Städten und Gemeinden zu sehen sein wird.

Premiere war am Mittwoch im Kleinen Haus Delmenhorst, und was man dort sah und hörte, (das war nicht nur wohl abgerundetes, solides Amateurspiel; das war mehr. Das war Zeugnis unverfälschter niederdeutscher Bühnenliteratur, demonstriert am Beispiel eines Stückes, das die Fülle und den Reichtum farbig poetischer Mundartdichtung überzeugend ausweist.

Plents Inszenierung unterstrich das diese wohltuende Distanz vom Platten, vom vordergründig Ulkigen. Plents Regie setzt Tupfer, wo sie hingehören; sie sichert der sprachliche Qualität dieser Komödie ihren Rang, und sie weiß Schureks Komik den ihr eigenen Doppelsinn beizuebnen. Daß im siebenten Bild (unmittelbar vor der Pause) und im elften, dem letzten Bild ein bißchen Spieltempo fehlt, mag als Folge der Premieren Nervosität schon bald vergessen sein.

Stimulierend in seiner Schlichtheit wirkt das Bühnenbild August Ahlers': Nur das absolut Notwendige an Requisiten von den "dienenden" Akteuren zeremoniell abgeräumt und wieder neu aufgebaut steht da (Denn: "Je weniger man sieht, desto mehr kann man sich einbilden". Richtig!). Aber dahinter, auch sehr geschickt eingebracht, sieht man zwei große Wendetafeln, von denen eine grau bleibt, während die andere jeweils den Schauplatz markiert: Schloß des Grafen oder Kate des Pächters.

Von den fünf Schauspielern überzeugte besonders Peter Blohm (Brake) als der um Pachterlaß kämpfende Kätner Klaas. Ein handfester, sich seiner Unzulänglichkeit, aber auch der Gewitztheit seiner Tochter bewußter "kleiner Mann" sicher im Ausdruck, sprachlich akkurat und selbst in der kleinsten Geste maßvoll abgezirkelt. Und neben ihm Inge Sachtje (Delmenhorst) = eine Frau, die weiß, was sie will. Ungeziert, vital, ursprünglich, echt. Arnold Preuß (Wilhelmshaven) gab einen Grafen, der sich nicht scheut, seinen Überdruß an Solo Genuß an praller Tafel rülpsend preiszugeben, aber auch einer, der Betroffenheit über vermeintliche Unbotmäßigkeit der zunächst bewunderten, dann gefürchteten Anna grotesk fiebrig einbringt. Und schließlich die Diener: HansGeorg Frers (Neuenburg) als oft gescholtener Jörn von Szene zu Szene sich steigernd bis zu rundum leiser und weiser Komik "von unten her". Neben ihm Harro Albers (Delmenhorst) als plietscher und hintersinniger Fiete: Ein im Herrschaftsbereich Angepaßter, aber unterhalb der gräflichen Ebene (privat) außerordentlich pfiffig bauernschlauer Egoist.

Langer herzlicher Beifall für alle Beteiligten. Ein Spaß mit Pfiff. Ein Spiel mit Gewinn weil aus Schureks Märchenspiegel vielfarbig funkelnd Wahrheit blinkt.

Die Vermittlungsversuche von Klaas (Peter Blohm, Brake) scheitern, Anna (Inge Sachtje, Delmenhorst) und Graf (Arnold Preuß, Wilhelmshaven) haben beide einen echten Dickkopf

KREISZEITUNG WESERMARSCH

Am eindrucksvollsten Bühnenbild und Streit

Gemeinschaftsinszenierung "De kloke Anna"

Von Jutta Graeve

Brake. Das Bühnenbild und die Streitszene waren das Eindrucksvollste bei "De kloke Anna", der Gemeinschaftsinszenierung des Niederdeutschen Bühnenbundes, die am Donnerstagabend im BBZ Forum gespielt wurde. Eine der Hauptrollen, die des Bauern Klaas, hatte Peter Blohm von der Braker Bühne übernommen. Es ist bezeichnend für die Regie von Rudolf Plent, daß er viel Sorgfalt in die Gestaltung der Details legte.

"Eure Phantasie, liebe Zuschauer, soll auch etwas zu tun bekommen", meinte Bauer Klaas zu Beginn des Spiels, als der Vorhang aufging und nur ein "schwarzes Loch" als Bühne zu sehen war. Dieses Märchenspiel in elf Bildern von Paul Schurek spielte an zwei Orten, sie wurden symbolisiert durch große Wandbilder und durch die Decke des Tisches und die Stühle. Dabei zeigten insbesondere Hans Georg Frers aus Neuenburg als Jörn und Harro Albers, Delmenhorst, als Fiete, daß man allein aus dem Auswechseln der Utensilien eine kleine Kommödie machen kann.

Peter Blohm's gutes Spiel ist in Brake bekannt, er war hier so recht in seinem Element, sparsam in Gesten und Mimik, doch dafür in der Aussage besonders intensiv, wußte er, den Bauern Klaas zu gestalten, der immer versuchte, das beste aus jeder Situation zu machen. Pfiff verbunden mit viel Charme, das war die kloke Anna, wie'sie Inge Sachtje, Delmenhorst, wie auf den Leib geschrieben schien.

Neben ihr fiel es Arnold Preuß, Wilhelmshaven, schwer, seinem "Grafen" Profil 'zu geben. Doch gerade dieses "Wüten' um sein Ansehen, dieses hoffnungslose Unterliegen gegenüber weiblicher Klugheit und der damit verbundenen Überlegenheit weiblichen Liebreizes, waren ja der Kern des Stückes. Somit wurde er seiner Rolle voll gerecht.

Ein wahres Meisterstück allerdings vollbrachte Harro Albers bei der Streitszene, wo es um ein Fohlen ging. Ein Feuerwerk von Text brauste über die Zuschauer hin, die Pointen jagten sich, es mußte schnell mitgedacht werden, um die Köstlichkeit dieses Kabinettstückchens zu erfassen. Hans Georg Frers war ein würdiger "Gegner".

"De kloke Anna" war das Theaterstück, das die Niederdeutsche Bühne Brake selbst zu ihrem vierzigjährigen Jubiläum 1972 in eigener Regie mit Rudi Plent als Regisseur aufführte. Damals war es seine erste niederdeutsche Inszenierung. Auch das Datum stimmte, an einem 23. Februar wurde vor 51 Jahren die Niederdeutsche Bühne Brake gegründet. Rudi Plent führt auch Regie in der nächsten Inszenierung der Braker Bühne "Een Handvull Minsch", die Premiere ist am 29. März.

Der ' Bühnenbildentwurf stammt von August Ahlers, Oldenburg, die Ausführung übernahmen Friedrich Decker und Gustav Weyerts, beide Jever und die beiden hübschen Bühnenbilder gestaltete Willy Eggenhoff, Neuenburg." De kloke Anna" ist im Braker BBZ Forum noch eimal am Donnerstag, 1. März um 20 Uhr zusehen.

Anna (Inge Sachtje) amüsiert sich über den lospolternden Grafen (Arnold Preuß)

Wenn man Meyer heet (WE)

Wilhelmshavener Erstaufführung
Wiedereröffnung des Stadttheaters Wilhelmshaven

WENN MAN MEYER HEET

Lustspiel in drei Akten von Wilfried Wroost

Inszenierung: Karl-Heinz Herpel
Bühnenbild: August Ahlers

Bühnenbildbau: Klaus Panka, Alfred Christoffers u.a.
Beleuchtung: Peter Pfaus, Erwin Telgmann
Inspizient: Berta Herpel
Requisiten: Marga Goldenstein
Souffleuse: Berta Brinkhoff

Rollen und Darsteller:
Magnus Matthäus Meyer - Klaus Aden
Therese Stutenbring - Roswitha Bertz
G.E. Hennepedder - Horst Jönck
Horst Lüttjohann - Jürgen Tapken
Monika Meyer - Margot Andrews-Jäkel
Ingrid Jensen - Heidi Rausch
Willi Pundsack - Horst Karstens
Luise, geb. Meyer - Käthe Baumann
een Eilboten - Michael Müller
een Blumendeern - Berta Brinkhoff

Das Ensemble von "Wenn man Meyer heet" stellt sich zum Schlußbild auf

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Bei der Niederdeutschen geht's um die Meyers

Mit dem heiteren Spiel "Wenn man Meyer heet" eröffnete sie erfolgreich die neue Spielzeit

Wenn man Meyer (Meier, Mayer, Maier) heet, kann man wat beleven: heet för umsünst in't fast nee Stadttheater gahn und een moi Spill sehn över anner Lü, de Meyer heet. Ne ganze Meierei. De enn heet Meyer, de anner is een Dochter von eem, de Meyer heet. Een darten hett'n Meierei und een Fro, de ne geborne Meyer wer. Das ganze heißt "Wenn man Meyer heet", ist ein lustiges Spiel in drei Akten von Wilfried Wroost (1889 1959) und spielt in den Jahren, die jetzt in Zeiten der Wende nostalgisch verklärt werden den 50ern.

Damals schossen die Milchbars auch in Wilhelmshaven wie Pilze aus dem Boden. Oft sogar in Form eines Pilzes. Kein Wunder, wenn der aus Südamerika heimgekehrte Magnus Matthäus Meyer auch hofft, mit einer Milchbar eine neue, gesunde Existenz finden zu können. Die Milchbar bringt ihn in eine finanzielle Klemme, die aber überhaupt noch nichts ist, gegen die, in welche er sich hineinmanövrierte, als er in Südamerika von einem sterbenden Landsmann Meyer dessen Vorname Magnus Matthäus Meyer übernahm.

Mit diesen beiden neuen Vornamen glaubt Meyer in Deutschland wieder unbehelligt leben, zu können, nachdem er das Land 17 Jahre zuvor fluchtartig verlassen hat in der Annanhme, in seiner Hochzeitsnacht den (vermeintlichen) Liebhaber seiner Frau aus dem 2. Stock in den Tod gestürzt zu haben. Aber da taucht plötzlich nicht nur eine, sondern auch noch eine zweite Tochter auf. Und noch nicht genug auch Schwester und Schwager des selig unseligen Magnus Matthäus erscheinen.

Wie sich der falsche Magnus Matthäus nun aus der Affäre zieht, sei hier nicht verraten. Jedenfalls "swindelt er för Deutschland". Verraten sei nur soviel: Ohne siene Huushollersch Therese Stutenbring ("ik bün Witwe und min Mann is dood") hätte er sich nicht so gut aus all den Verwicklungen lösen können.

Roswitha Bertz, im Prinzip zu jung und zu hübsch für eine komische Alte, kann in dieser Rolle mit Mut zur Vogelscheuche und Selbstveräppelung ihr komödiantisches Talent voll ausleben. Sie bringt die Zuschauer immer wieder zum Lachen. Klaus Aden, begabt mit dem schauspielerischen Talent seines im vergangenen Jahr verstorbenen, von den Freunden der Niederdeutschen unvergessenen Heino Aden, läßt den Meyer in Nöten sympathisch und ein wenig hilflos erscheinen. Horst Jönck ist mit dem für die Rolle gelichteten Haar und Narbe auf dem Kopf kaum wiederzuerkennen. Er schlüpft diesmal spielfreudig in die Rolle eines Maklers, der glücklich ist, nicht vergiftet worden zu sein.

Jürgen Tapken als Mixer und Margot Andrews Jäkel als Serviererin spielen frisch einjunges Paar, das sich am Ende kriegt. Käthe Baumann ist eine rabiat raffgierige Meyer Schwester und Horst Karstens ihr ebenso raffiger Mann. Heidi Rausch sehnt sich als eine Meyer Tochter nach ihrem Vater. Michael Müller und Berta Brinkhoff mischen als Eilbote und Blumenbinderin mit. Karl Heinz Herpel, der neue Speelbaas der Niederdeutschen Bühne, hat Wroost etwas unwahrscheinliche Geschichte munter auf die Bühne gebracht. August Ahlers (Oldenburg) hat sich ein hübsches Bühnenbild ausklamüsert, das Mitglieder der Niederdeutschen Bühne wieder gemeinsam herstellten.

Die Premierenbesucher spendeten allen Mitwirkenden der Aufführung viel Beifall für zwei Stunden unbeschwerte Unterhaltung. Und wer Meyer heißt, kann auch die folgenden neun Aufführungen dieses Spiels im Stadttheater, in der Agnes Miegel Schule und im ev. Gemeindehaus Sande kostenlos besuchen, wenn er seinen Personalausweis mitbringt. Mehr als ein Dutzend Meyers haben die Premiere miterlebt. Ein weiteres Dutzend hat sich schon gemeldet. Aber auch allen übrigen ruft die Niederdeutsche Bühne zu: "Platt is in kiek doch mal rin!"

Brand-Stiftung - Brandstiftung (WE)

Wilhelmshavener Erstaufführung

BRAND-STIFTUNG - BRANDSTIFTUNG

(Mit EM op du un du)
Komödie in drei Akten von Günther Siegmund

Inszenierung: Karl-Heinz Herpel
Bühnenbild August Ahlers

Bühnenbildbau: Alfred, Bodo und Wilfried Christoffers, Karl-Heinz Goldenstein, Klaus Panka, Klaus Standhardt, Michael Müller
Beleuchtung: Heinz Bartelt
Inspizient: Berta Herpel
Souffleuse: Annchen Warrings-Konken
Requisiten: Marga Goldenstein

Rollen und Darsteller:
Pastor Brand - Kurt Röthel
Meta, seine Haushälterin - Karin Heyel
Frau Lacklamm - Hildegard Steffens
Jan, ihr Sohn - Arnold Preuß
Dreyer; Kaufmann - Friedrich Müller
Lieschen, seine Tochter - Hedwig Müller
Ahrens, Bürgermeister - Horst Jönck
Tiedke, Bürgermeister - Heino Aden (Karl-Heinz Schröder)
Meinke, Brandinspektor - Klaus Aden
Franco Benamati, ital. Gastarbeiter - Günter Jaedeke

Der Bürgermeister Ahrens (Horst Jönck) hat alles unter Kontrolle, die Brandgeschädigten (v.l. Günter Jaedeke, Karin Heyel und Kurt Röthel) müssen sich nun erst einmal gedulden...

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Heiter besinnliche Komödie zum Schluß

Niederdeutsche Bühne brachte Günther Siegmunds "Brand-Stiftung" erfolgreich heraus

Von Theodor Murken

Die Niederdeutsche Bühne Wilhelmshaven beendet ihre Spielzeit in der Käthe-Kollwitz-Schule mit der Komödie "Brand-Stiftung" von Günther Siegmund, die 1973 mit dem "Fritz Stavenhagen Preis" ausgezeichnet wurde und die sich um die "christliche Nächstenliebe" dreht. Es ist also nach den turbulenten Schwänken ein heiter besinnliches Stück, das auch ein wenig zum Nachdenken anregt.

Mit der "Brand-Stiftung" hat es seine eigene Bewandnis. Wenn der Pfarrer Brand heißt, dessen Haus bei einem Gewitter abbrennt, und dieser Brand gar nicht durch Blitz, sondern Brandstiftung entstand, der Pastor die ihm zukommenden Hilfen in Geld und Sachen anderen stiftet, dann ist das sicher ein origineller Stoff, nicht allein wegen des Wortspiels "Brandstiftung und Brand-Stiftung".

Günther Siegmund zeigt sich wie in seinen anderen Stücken als theater- und bühnenerfahrener Autor. Er weiß denn auch dieser Komödie eine kriminelle Nuance zu geben. Es knistert in den drei Akten gleichsam ständig nach Brand (im weitesten Sinne). Die Titelfigur hat der im vergangenen Jahr verstorbene Autor mit einer gesunden Mischung aus Seelsorger, Eulenspiegel und Don Camillo ausgestattet: Pfarrer Brand nimmt freudig alle ihm zugedachten Spenden an, um sie denen zukommen zu lassen, die sie nötiger haben und von den Spendern geflissentlich übersehen werden.

Es geht natürlich auch darum, wer das Haus des Pfarrers angezündet hat. Es war abbruchreif und nicht versichert. Da gibt es Beweisstücke und sogar einen Augenzeugen, aber es wird höchst unsicher sein, ob der findige Brandinspektor den Täter jemals wird ermitteln können. Der weiß, wie er sich da heraushält.

Die Regie von Karl Heinz Herpel war wieder bestimmt von Herpels Gespür für die Originalität der handelnden Personen und für die innere Spannung, die durch das Stück geht. Es fesselt ja gleich in der ersten Szene, in der der Bürgermeister der Gemeinde mit übertriebener Diensteifrigkeit den Pfarrer und seine Haushälterin in eine neueingerichtete Wohnung in einer zwar alten Kate "einweist" und mit großem Redeschwall die weiteren Dienste der Gemeinde anbietet. Dabei nimmt er kaum Kenntnis, daß die in der gleichen Nacht abgebrannte arme Witwe Facklam doch der Hilfe viel bedürftiger ist.

Pastor Brand (Kurt Röthel) redet ein ernstes Wort mit Jan Facklamm (Arnold Preuß)

Brandinspektor: Falsche Spur

Darum geht es ja auch in der ganzen Komödie. Die Aufführung zeigte, daß alle Rollen in den richtigen Händen lagen. Kurt Röthel war der Pfarrer Brand, der eine kleine Charakterstudie eines Pastors abgab, der aus seinem Herzen keine Mördergrube macht. Das tat Hildegard Steffens als die Witwe Facklam nun auch nicht. Sie entwickelte das nötige Temperament, um mit Worten ihrer Armut Geltung zu verschaffen und gab der Aufführung allerhand Pfeffer.

Klaus Aden als Brandinspektor, der so tatkräftig dem Brandstifter auf der (falschen) Spur ist, zeigte, daß er von seinem jüngst verstorbenen Vater dessen Art für Spitzfindigkeit ererbt zu haben scheint. Und dann die beiden Bürgermeister, die der Autor in seinem Stück gegenüber gestellt hat: Dem Bürgermeister der Amtsgemeinde mit seinem auf den Pfarrer niederströmenden Redeschwall gab Horst Jönck den richtigen Zug an übertriebener Dienstbeflissenheit. Als Bürgermeister der Nachbargemeinde, der mit großem Scheck und einem Lastwagen voller Möbel auch in persona erscheint, sahen wir ein neues Mitglied der Niederdeutschen Bühne, KarlHeinz Schröder. Die Rolle war ihm geradezu auf den Leib geschrieben, und er hatte als Darsteller damit ein glückliches Debut,

Dann waren da noch Karin Heyel als Haushälterin des Pfarrers, Arnold Preuß als der Witwe Facklam Sohn, der in den Verdacht der Brandstiftung gerät weil er die Nacht mit des Dorfkaufmanns Dreyer Tochter Lieschen in der priesterlichen Laube verbracht hatte. Zu ihrer Rolle hatte Hedwig Müller dem Pfarrer ihr Herz auszuschütten.

Der Kaufmann Dreyer von Friedrich Müller muß sich am Ende damit abfinden, daß er gegen seinen Willen nun doch mit der Facklam verwandt wird. Schließlich spielen auch Gastarbeiter in der Komödie eine Rolle. Günter Jaedecke vertritt sie als Italiener Franco Menamati, der dem Pfarrer ebenfalls eine Spende bringt und ihm seine Beobachtungen als Augenzeuge mitteilt er hat sich zwar nicht gerade geirrt, aber den richtigen Brandstifter hat er nicht gesehen. Und das war am Ende auch gut so...

Die Aufführung spielt sich ab in der neuen Katenwohnung des Pfarrers, die nach dem Bühnenbildentwurf von August Ahlers (Oldenburg) von der Gemeinschaft der sieben Bühnenbauer hergestellt worden ist. Das gut besetzte Haus folgte recht aufgeschlossen dem Geschehen auf der Bühne und war höchst befriedigt.

Am Ende klärt sich alles auf! Frau Facklamm (Hildegard Steffens) ist froh, dass ihr Sohn Jan (Arnold Preuß) nichts damit zu tun hat. Weitere Beteiligte: v.l. Klaus Aden, Friedirch Müller und Hedwig Müller

Mamsell Betty (WE)

Wilhelmshavener Erstaufführung

MAMSELL BETTY

Heiteres Volksstück in sechs Bildern von Hans Herzog
Plattdeutsch von Heide Tietjen

Inszenierung: Günter Boye
Bühnenbild: August Ahlers

Bühnenbild-Bau: Alfred Christoffers, Bodo und Wilfried Christoffers, Karl-Heinz Goldenstein, Michael Müller, Klaus Panka, Klaus Standhart
Beleuchtung: Heinz Bartelt
Inspektion: Herta Tapken
Souffleuse: Margot Andrews
Requisiten: Marga Goldenstein

Rollen und Darsteller
Betty Johannsen, Köchin bei Clausen - Rika Jung
Hein, ihr Neffe, Ausrufer bei der Hafenrundfahrt - Jürgen Tapken
Wanda Blohm, Dienstmädchen bei Clausen,
weitläufig mit Betty verwandt - Wilma Welte
Claus W. Clausen, ehemaliger Kapitän - Horst Jönck
Charlotte, seine Frau, Tochter eines Klein-Reeders - Hanna Christoffers
Oscar, Kutscher bei Friedrichs - Manfred Janßen
Jochen Friedrichs, verbummelter Student - Arnold Preuß

Regisseur Günter Boye als akteverbindender Moritatensänger

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Ein heiteres Volksstück um eine Mamsell

Premiere der Niederdeutschen Bühne fand beim Publikum herzliche Aufnahme

Von Theodor Murken

Die Niederdeutsche Bühne brachte als vierte Inszenierung dieser Spielzeit ein heiter- besinnliches Volksstück auf die Bühne: "Mamsell Betty" von Hans Herzog in der plattdeutschen Übersetzung von Heide Tietjen. Ein ursprünglich hochdeutsches Stück also, dessen handelnde Personen aber niederdeutsch sind. Es spielt um das Jahr 1910 in Hamburg und ist damit eine Rückerinnerung an eine vergangene Ära. Eine in jeder Beziehung saubere Inszenierung fand beim Publikum herzlichen Beifall.

Ein reizvoller Auftakt: Ein Orgeldreher kam vor den Vorhang und leitete die Aufführung und weiterhin auch jedes der sechs Bilder mit einem Lied nach Moritatensängerart ein. Als Lustspiel mit einer Mischung von Heiterem und Ernstem enthält das Stück einen gehörigen Schuß zeitkritischer Beleuchtung gesellschaftlicher Verhältnisse um die Jahrhundertwende.


Die Mamsell (Rika Jung) ist die gute Seele des Hauses, das wissen auch der Hausherr selbst (Horst Jönck) und natürlich der Kutscher (Manfred Janssen)

Der Autor Hans Herzog, ein versierter Stückeschreiber, ist zunächst unter seinem wirklichen Namen Rolf Schulz durch Filme und Fernsehstücke bekannt geworden, um sich dann "mit viel Engagement" dem Volksstück zuzuwenden. Er beherrscht sein "Handwerk" und hat auch Ideen, die Gestaltung seines Lustspiels "Mamsell Betty" macht ihn durchaus sympathisch. Die Handlung spielt sich im Hause eines Hamburger Kapitäns ab, das in einem vornehmen Hamburger Stadtviertel liegt. In der Küche wirkt Mamsell Betty als Köchin, ein "Dienstmädchen vom Lande" kommt hinzu, und der von der Mamsell als Neffe bezeichnete Hein, dessen Urwüchsigkeit der Autor den lackierten verbummelten Studenten als Mädchenjäger kontrastreich gegenüberstellt.

Schließlich gehören zu den handelnden Personen außer einem treuherzigen, leider alkoholsüchtigen Kutscher noch der Herr des Hauses, der Kapitän, sowie dessen Frau, deren Eltern zwar noch Fische verkauft haben auf dem Hamburger Fischmarkt, die aber dennoch zu den "besseren Leuten" im Sinne jener zeit (sich) zählt und im "Sittlichkeitsverein" wirkt.

Für Hein (Jürgen Tapken) und Wanda (Wilma Welte) könnte es so schön aussehen, aber Mamsell Betty (Rika Jung) hat große Sorgen, daß da der Student Jochen Friedrichs dazwischen kommt.

Günter Boye als Regisseur und August Ahlers (Oldenburg) als Bühnenbildner gemeinsam mit sieben am Bau des Bühnenbildes beteiligten Mitgliedern der Bühne haben viel Liebe auf die Inszenierung des Stücks verwendet, ihm inneren Schliff und einen sauberen äußeren Rahmen gegeben. Bei der Gestaltung der Küche, dem "Reich der Mamsell", fehlte sogar der früher gebräuchliche Kohlenherd nicht, und was die Mamsell auf den Tisch brachte, schien auch in jeder Beziehung echt zu sein.

Die Mamsell nun, Betty Johannsen,war nicht nur dem Namen nach tragende Person der Aufführung. Rika Jung gab ihr meisterhaft die Züge einer Frau, die über 30 Jahre ihrer Herrschaft treu gedient und sich ihre menschliche Würde mit einer Portion von Resolutheit und Selbständigkeit bewahrt hat. Es strahlte auch viel Mütterlichkeitvon ihr aus, nicht nur gegenüber ihrem "Nenn-Neffen" Hein, sondern auch gegenüber dem ins Haus kommenden Dienstmädchen Wanda, deren Rolle in Wilma Weite eine Darstellerin gefunden hat, die sofort das Publikum fesselte, als sie aus kinderreicher Familie mit ärmlicher Wohnung in das vornehme Haus kommt, zaghaft und verwundert, zurückhaltend und ergeben, bis sie schließlich durch den Neffen Hein, dem Jürgen Tapken überzeugende Gestalt gab, aus dieser Sphäre herausgehoben wird.

Horst Jönck hat in der Rolle des Kapitäns bei allem das Nachsehen, wo er sich doch auch nur um das Mädchen "kümmern" wollte, weil er mit seiner Frau nicht recht harmonisiert und wohl auch besser seine jetzige Köchin, bei der er sich heimlich sattessen kann, geheiratet hätte; mit ihr war er in seiner Jugend befreundet.

Die "gnädige Frau", von Hanna Christoffers mit gewollter Halb-Vornehmheit einer "aufgestiegenen" Frau dargestellt, ist nun aber auch der "Drache" des Hauses und muß am Ende doch sehr in sich gehen. Manfred Janßen oblag die Aufgabe, den Kutscher zu spielen, der den bei der Mamsell ergatterten Branntwein nicht nur (oder überhaupt?) gegen das Rheuma seiner Liese verwendet, und Arnold Preuß hatte dem verbummelten Studenten in vollem Wichs mit Band und Schmiß den forsch-herrischen Ton eines Sohnes aus "gutem Hause" zu verleihen, der schließlich genötigt ist, freiwillig "die Gosse" zu räumen. Das alles war, ein wenig dick aufgetragen, gut gekonnt, und die Statur hatte Preuß ja dazu.

 

Er mag wohl nur die Dame des Hauses (Hanna Christoffers) beeindrucken, Mamsell Betty (Rika Jung) hat den Schleimer Friedrich (Arnold Preuß) längst erkannt

De lüttje Wippsteert (2. WA)

2. Wiederaufführung (3), davor 1957/58 und 1967/68 gespielt

DE LÜTTJE WIPPSTEERT

(Die spanische Fliege)
Schwank von Franz Arnold und Ernst Bach, Plattdeutsch von Erich Schiff

Inszenierung: Karl-Heinz Herpel
Bühnenbild: August Ahlers

Bühnenbildbau: Alfred Christoffers, Bode und Wilfried Christoffers, Michael Müller, Klaus Panka, Klaus Standhart
Beleuchtung: Heinz Barthelt
Inspizientin: Berta Herpel
Souffleur: Manfred Janßen
Requisiten: Marga Goldenstein

Rollen und Darsteller
Willem Cordes, Kolonialwaren - Kurt Röthel
Meta, seine Frau - Brigitte Halbekath
Lene, beider Tochter - Margot Andrews
Eduard Stint, Schulmeister - Horst Jönck
Thilde, seine Tochter - Heidi Rausch
Christian Krey, Polizeidiener a.G. - Wilhem Pick (Premiere: Karl-Heinz Herpel)
Gerd Bruns, Assessor - Arnold Preuß
Anton Stüring, Kichdiener - Friedrich Müller
Otto Gemeiner, Viehhändler - Horst Karstens

Liese, seine Frau - Helene Schneider

Heinrich, beider Sohn - Jürgen Tapken

Adeline, Dienstmädchen - Herta Tapken

Assessor Bruns (Arnold Preuß) will seine Lene (Margot Andrews) und die Eltern sind ziemlich pikiert: Meta (Brigitte Halbekath und Willem Cordes (Kurt Röthel)

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Viel Spaß mit "De lüttje Wippsteert"

Glänzende Premiere der Niederdeutschen Bühne in ausverkaufter Käthe-Kollwitz-Schule

Von Theodor Murken

Als drittes Stück in dieser Spielzeit brachte die Niederdeutsche Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven am Abend des 2. Weihnachtstages in der Aula der Käthe-Kollwitz-Schule vor vollbesetztem Haus den Schwank "De lüttje Wippsteert" heraus, eine freie niederdeutsche Bearbeitung des bekannten Schwanks "Die spanische Fliege", den vor Zeiten Franz Arnold und Ernst Bach geschrieben haben und dem der Oldenburger Erich Schiff nun in plattdeutscher Sprache neues Leben eingehaucht hat.

Für die Premierenbesucher war es ein vergnüglicher Abend, für die Bühne ging ihm schon eine Turbulenz voraus, da einen der Darsteller die Krankheit erwischt hatte und Regisseur Karl Heinz Herpel nun in letzter Minute diese Rolle selbst übernehmen mußte. Wer den Schwank in hochdeutscher Fassung nun schon einige Male gesehen hatte; er war für die Theater schon immer ein "Kassenmagnet"; konnte mit besonderem Interesse verfolgen, was Erich Schiff daraus gemacht hat.

Als der Herr Gemeiner (Horst Karstens) mit seinem Sohn Otto (Jürgen Tapken) ankommt, wird die Situaton für Stüring (Friedrich Müller, li.) und Cordes (Kurt Röthel, re.) brenzlig

Aus der Großstadtsphäre verlagerte er das Geschehen in eine niederdeutsche Kleinstadt. Mostrich-Fabrikant Klinke wurde zum schlichten Kaufmann Willem Cordes, für den es aber bei dem in diesem Stück herumgeisternden Prozeß auch nur um Senf geht. Der Reichstagsabgeordnete ist in einen Schulmeister verwandelt und der Rechtsanwalt will hier als Assessor erst noch einer werden. Auch sonst ist Erich Schiff bei der Gestaltung der wirklich recht turbulenten Handlung ein wenig vom Pfade abgewichen und hat dem Stück neue Lichter aufgesetzt auch in der sprachlichen Umdichtung. So wurde aus dem Berliner ein echter niederdeutsch plattdeutscher Schwank.

Was hier alles passiert? "Dor is dat Enn' van weg", könnte man sagen. Es hier zu verraten, wäre verfehlt. Die Inszenierung durch KarlHeinz Herpel, den neuen Bühnenleiter, verriet, daß er in seinem (Theater )Fach zu Hause ist. Er konnte sogar noch für den erkrankten Wilhelm Pick eine der Hauptrollen übernehmen. Das Geschehen auf der von August Ahlers (Oldenburg) liebevoll ausgestatteten Bühne hatte den gehörigen Schwung. Wichtig für die Wirkung des Schwanks ist die Darstellung der mit Senf handelnden Hauptfigur, in der im alten Berlin die Star Komiker zu glänzen pflegten.

Eine völlig verfahrene Situation (wie wir sie in Schwänken ja aber lieben, da es am Ende immer einen Ausweg gibt) - von links Margot Andrwes, Heidi Rausch, Jürgen Tapken, Helene Schneider, Horst Karstens, Brigitte Halbekath

Kurt Röthel hatte hier als Willem Cordes keinen leichten Stand, kam aber doch gut zurecht in der Rolle des kleinen Kolonialwarenhändlers, der plötzlich durch den "Lüttjen Wippsteert ` in arge Bedrängnis gerät, die der Komik nicht entbehrt.

Brigitte Halbekath in der Rolle seiner Frau Meta heizte ihm als Sittlichkeitsapostel noch gehörig ein und war durch das ganze Stück ein Pol der Beständigkeit in all den einander ablösenden Verwicklungen.

Dann gab es noch einige Rollen, die für besondere Komik sorgten und das mit Bravour besorgten: Jürgen Tapken als werbender Jüngling, dem Arnold Preuß als Anwaltsassessor erst beibringen muß, wie man um ein Mädchen wirbt, das man heiraten soll (und will). Friedrich Müller als Kirchdiener Anton Stüring, der durch manche gutgemeinte Ungeschicklichkeit nicht wenig zu all der Turbulenz beiträgt.

Ermunterndes Lob für die Neuen

Was die Titelfigur betrifft, den "lütten Wippsteert" nämlich, einstmals eine Tänzerin in irgendeinem Tingeltangel, so ist sie zwar die Ursache aller Verwicklungen, aber erst im dritten Akt nimmt sie Gestalt an, doch gar nicht mehr als schlanke Tänzerin, sondern als die stattliche, von Helene Schneider dargestellte Frau eines Viehhändlers (Horst Karstens), um die Verwirrungen nun vor dem endlichen versöhnlichen Ausklang des Geschehens auf den Höhepunkt zu führen.

Es gab viel Beifall am Schluß, der einer abgerundeten Ausführung galt, an der außer den oben genannten Darstellern noch Margot Andrews als heiratsfähige Kaufmannstochter, Horst Jönck als Schulmeister, Heidi Rausch als dessen Tochter und Herta Tapken als Dienstmädchen Adeline mitwirkten. Den drei "Neulingen" Margot Andrews, Heidi Rausch und Horst Karstens, die zum ersten Male auf der Bühne standen, darf ein ermutigendes Lob mit auf den Weg gegeben werden, wie denn auch Alfred Christoffers, Bodo und Wilfried Christoffers, Michael Müller, Klaus Panka und Klaus Standhart, die dem Bühnenbild Entwurf von August Ahlers den harmonischen Inhalt gaben, nicht vergessen werden sollen.

Der Assessor (Arnold Preuß) nimmt sich ja doch ziemlich viel heraus bei seinem Schwiegervater in spe (Kurt Röthel), seine Tochter (Margot Andrews) und seine Frau (Brigitte Halbekath) sowie Stint (Horst Jönck) blicken ja noch etwas skeptisch

Blickschaden (WE)

Wilhelmshavener Erstaufführung

BLICKSCHADEN

(Blechschaden)
Schwank in drei Akten von Hans Gnant

Plattdeutsch Arthur Speck

Inszenierung: Arnold Preuß
Bühnenbild: August Ahlers a.G.

Bühnenbau: Enno Buß, Alfred Christoffers, Karl-Heinz Goldenstein
Beleuchtung: Peter Pfaus, Heinz Barthelt
Inspektion: Herta Tapken
Souffleuse: Karin Heyel
Requisiten: Marga Goldenstein

Rollen und Darsteller
Tedje Roggenkamp, wohlhabender Bauer - Enno Buß
Hille Roggenkamp, seine Frau - Hanna Christoffers
Bernd Roggenkamp, beider Sohn - Jürgen Tapken
Gesine Flierboom, Hilles Schwester - Käte Baumann
Carsten Glüsung, Inhaber des Dorfkruges - Kurt Röthel
Lüder Bloom, Besitzer einer Karosseriewerkstatt - Klaus Aden
Cornelia Kranz, ein ortsfremdes junges Mädchen - Roswitha Bertz

v.l. Kurt Röthel, Hanna Christoffers, Enno Buß

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Premiere: Ein gelungener "Bleckschaden"

Mit einem Schwank begeisterte die Niederdeutsche Bühne

Von Theodor Murken

Einen durchschlagenden Erfolg errang die Niederdeutsche Bühne Wilhelmshaven in der Premiere des von Arthur Speck ins Plattdeutsche übersetzten Schwanks "Bleckschaden" von Hans Gnant durch eine Aufführung, die in der Aula der Käthe- Kollwitz-Schule das Publikum zu wahren Lachsalven hinriß. Was die Schwankfabrikanten wie Kadelburg, Arnold und Bach für die Bühne so gut wie unsterblich gemacht hat, war ihre Fähigkeit in der Erfindung turbulenter Szenen mit witzigen Einfällen und einer nicht abreißenden Kette von Verwicklungen.

Neuerdings haben einige plattdeutsche Autoren hochdeutsche Schwänke, u. a. auch von Arnold und Bach, ins Plattdeutsche übersetzt. So verlockend das natürlich ist, mag man es dennoch bedauern, und es wäre gut, wenn sich doch bald ein umfangreicheres Repertoire "geeigneter Arbeiten" finden würde.

Immerhin: Der Schwank von Hans Gnant weist in seiner Übersetzung durch Arthur Speck genügend Bodenständigkeit auf, seine Handlung paßt in unsere Zeit. Wie der Titel besagt, geht es hier um den Blechschaden, aus dem plattdeutsch ein "Bleckschaden" geworden ist (Statt mit ch mit ck, so einfach ist das). In drei Akten erleben wir, was sich aus solch einem Vorfall entwickeln kann an dramatischen und aufregenden Dingen, um schließlich doch zu einem glanzvollen Happy End zu kommen. Alles vollzieht sich mit so vielen Komplikationen, daß man sich wundern muß, wie schließlich wieder "allens in de Reeg kummt".

Roswitha Bertz als Tramperin

Unter der Regie von Arnold Preuß erlebte man eine Aufführung, die mit dem für einen Schwank notwendigen Tempo das Publikum nicht zur Ruhe kommen ließ. Dabei stellte sich heraus; daß für die Rolle des Bauern Teedje Roggenkamp, mit der das ganze Stück "steht und fällt", der Darsteller Enno Buß geradezu geboren zu sein scheint. Wie er in seinen Immerhin schon vorgeschrittenen Jahren die Rolle zu einem komödiantischen Meisterstück machte, in gleicher weise nämlich in Bewegung, Sprache und Mienenspiel, erheischt größtes Lob.

Die Rolle seiner Frau Hille fand in Hanna Christoffers eine in ihrer Darstellung würdige Partnerin, und wenn wir hier gleich Käthe Baumann in der Rolle von Hilles Schwester erwähnen, so, weil beide Frauen es so gut verstanden, in einer der aufregenden Szenen wahre "Krokodilstränen" zu vergießen. Dann war da noch ein junges Paar, das so gar nicht zusammenzupassen schien: Jürgen Tapken als Bauernsohn und Roswitha Bertz als das "ortsfremde junge Mädchen" Cornelia, das so großartig aufgetakelt die Szene betrat, weil sie ihren Eltern ausgerissen war, um einmal zu erleben, wie das so ist wenn man auf Trampfahrt (natürlich per Anhalter) geht.

Im Sprechen mußte sie sich als plattdeutsche Darstellerin an ihre hochdeutsche Sprechrolle noch gewöhnen, und Jürgen Tapken, der sie so nett unter seine Fittiche nimmt, hätte ihr eigentlich gar nicht erst sagen müssen, daß sie "erst einmal" plattdeutsch sprechen lernen muß. Schließlich müssen von den Darstellern noch Kurt Röthel, des Bauern Kumpan und Spießgeselle, und Klaus Aden, der mehr als nur den Blechschaden zu reparieren hat, genannt werden, um von all denen, die im Bühnenbild von August Ahlers (Oldenburg) zwei vergnügliche Stunden bereiten, niemanden auszulassen, weil sie alle eine solch einheitliche Aufführung boten.

"Uns" Enno Buß - jümmer een Genuß

Jeppe in´t Paradies (2. WA)

Festaufführung zum 50jährigen Bühnenjubiläum

2. Wiederaufführung (3), davor 1955/56 und 1966/67 gespielt

JEPPE IN´T PARADIES

Komödie in drei Akten von Paul Schurek für die Niederdeutsche Bühne Wilhelmshaven bearbeitet und eingerichtet von Rudolf Plent

Inszenierung: Rudolf Plent a.G.
Bühnenbild: August Ahlers a.G.
Regieassistenz: Arnold Preuß

Bühnenbildbau: Alfred Christoffers, Karl-Heinz Goldenstein, Bernd Kaßdorf u.a.
Souffleuse: Hanna Christoffers
Requisiten: Marga Goldenstein
Inspizientin Bertha Herpel

Rollen und Darsteller
Jeppe, ein kleiner Bauer - Karl-Heinz Herpel
Mieke, seine Frau - Hildegard Steffens
De Herr Baron - Günter Boye
De Herr Inspektor - Kurt Röthel
Hein, Kammerdiener - Horst Jönck
Anna, Kammerzofe - Wilma Welte
Der Wirt - Wilhelm Pick


Jeppe in´t Paradies - gespielt in der Aula der Käthe-Kollwitz-Schule (v.l. Hildegard Steffens, Karl-Heinz Herpel)

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Heiter nachdenkliches Märchen von einem frühen "Aussteiger"

zum 50. Geburtstag der Niederdeutschen: "Jeppe in´t Paradies"

Von Barbara Schwarz

Ein heiter nachdenkliches Märchen mit Happy End hat die Niederdeutsche Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven jetzt zu ihrem 50. Geburtstag herausgebracht: "Jeppe in't Paradies" von Paul Schurek. Die geladenen Geburtstagsgäste aus Stadt und Land, über 300 an der Zahl, sahen die 1955 in Oldenburg uraufgeführte Komödie mit sichtlichem Vergnügen.

Rudolf Plent, Regisseur vom Staatstheater Oldenburg, hat Schureks Komödie für die Niederdeutsche Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven inszeniert und neu bearbeitet. Jeppe ist nicht wie in zwei früheren Inszenierungen nur ein fauler Kleinbauer, der sich in eine Phantasiewelt zurückzieht, lieber säuft als arbeitet, ein Versager, sondern eher ein früher Aussteiger, der meint: "De Minsch is op de Erd um sik to högen" oder "een Nichtsnutz het eben so veel Recht op Erd as'n Veelnutz" oder "ik bün nich fuul, ik do bloots nich geern wat" oder "denken is manchmal beter as doon".

Jeppe, der liebenswerte philosophierende Liedermacher träumt davon, nicht länger schuftender Kleinbauer, sondern Musikus zu sein. Ein wenig näher kommt er seinem Traum nur im Uhlenkrog; denn beim Kröger findet er nicht nur ein Instrument, die Haromika, sondern auch Publikum für seinen Gesang und sein Spiel. Und im Rausch vergißt er die Wirklichkeit. Singend und spielend fühlt er sich wie im Paradies.

Jeppe (Karl-Heinz Herpel) erwacht im königlichen Bett und trifft auf die liebreizene Anna (Wilma Welte)

Mieke, seine Frau, hat zwar ihre Not mit Jeppe, aber ihre einfühlsame Liebe läßt sie Jeppe verstehen und seine Qualitäten erkennen. Lieber schuftet sie für zwei, als Jeppe zu etwas zu zwingen, das seiner Natur nicht entspricht. Die kluge Mieke schafft es auch am Ende eines Spiels, das der Baron, sein Inspektor, Kammerdiener Hein und Zofe Anna mit Jeppe trieben Deppe die Stellung zu verschaffen, von der er träumt: er wird Musikus des Barons.

Es zeigt sich bei dieser Inszenierung von Schureks feinsinniger Komödie um die Fragwürdigkeit von Größe und Macht und andererseits die innerliche Selbstverwirklichung, daß die Niederdeutsche Bühne über hervorragende Spieler verfügt. Karl Heinz Herpel weiß dem Jeppe ebensoviel liebenswertweise wie witzig pfiffige Töne abzugewinnen. Er macht auch das Entsetzen eines Menschen glaubwürdig deutlich, der plötzlich mit seiner dunklen Seite konfrontiert wird und erkennen muß, wie sehr auch er in Gefahr ist, Macht zu mißbrauchen wenn er sie hat. Eine ganz hervorragende Leistung.

Hildegard Steffens ist als Jeppes Frau Mieke nicht minder überzeugend. Sie trifft genau den richtigen Ton zwischen verständnisvoll mütterlicher Liebe und resoluter Tatkraft. Wie eine Löwenmutter ihr Junges, verteidigt sie ihren Jeppe. Wilhelm Pick als geschäftstüchtiger, den armen Jeppe immer wieder verlockender Kröger stattet die Figur mit der notwendigen hintergründigen Gerissenheit aus.

Günther Boye zeichnet den Baron nobel, weise und menschlich. Wilma Welte ist eine muntere Zofe Anna, Kurt Röthel ein selbstgerecht dickbramsiger Inspektor, Horst Jönck ein pfiffigkomischer Kammerdiener. Nach einem Entwurf von August Ahlers haben die technischen Mitarbeiter der Niederdeutschen Bühne Alfred Christoffers, Karl Heinz Goldenstein und Bernd Kaßdorf zwei bunte Märchen Bühnenbilder gemalt und gebaut. Auf die bäuerlichen Requisiten wurde besondere Sorgfalt verwendet. Und mit dabei war schließlich auch ein Hund bzw. Hündin Anka; kein Windspiel, wie es Barone normalerweise an der Leine zu führen pflegten, sondern eher ein deftig niederdeutsche Tier, ein Boxer.

Viel Beifalls gab's für alle an dieser rundherum gelungenen Festaufführung Beteiligten; Beifall, in den sich für Hildegard Steffens und Karl Heinz Herpel sogar verdiente Bravo Rufe mischten. Die nächste Aufführung findet am kommenden Sonnabend um 20 Uhr in der Käthe Kollwitz Schule statt.

Jeppe wird auf die Probe gestellt

QUICKBORN

von Karl Veit Riedel

Jeppe in'n Paradies. Komödie in drei Akten von Paul Schurek. Niederdeutsche Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven (Premiere 25.9.1982, Aufführung 16.10. 1982).

Die Niederdeutsche Bühne Wilhelmshaven wählte als Festaufführung zu ihrem 50jährigen Jubiläum das vielfach variierte Spiel vom Königstraum. Für die wegen des Umbaus des Wilhelmshavener Stadttheaters bezogene, vorzüglich geeignete Ausweichspielstätte in der Käthe-Kollwitz-Schule schufen nach den Entwürfen von August Ahlers/Oldenburg Alfred Christoffers und seine rührigen Mitarbeiter ein niedliches, kinderbuchlustiges, farblich ansprechendes, gut geeignetes Bühnenbild und passende, prächtige Kostüme.

In diesem Ausstattungsrahmen führte der Regisseur, der das Spiel auch für Wilhelmshaven neu bearbeitete und einrichtete (Rudolf Plent a.G.), die Darsteller mühelos, verzahnte die Dialoge bruchlos und ausdrucksvoll, erspielte freilich den Bühnenraum nicht immer vorteilhaft und bewegt, vor allem im 2. Akt, wo die Fixierung des Jeppe im freiherrlichen Bett schon vorn Stück her die Variationsmöglichkeiten einengt. Das Ensemble spiegelte harmonisch und bewährt, wie es sich für ein Bühnenjubiläum geziemt, gute Tradition. Der Jeppe (Karl Heinz Herpel) war kräftig; robust und doch mit vielen herzlichen Momenten, so recht der unschuldige "Lütte Bur", der soviel trinkt, weil er sich lieber am Gesang der Vögel freut, musiziert und riemelt als "arbeitet", und die Mieke (Hildegard Steffens) seine fleißige, fürsorgliche Frau, die dem Herrn Baron wegen des fragwürdigen Spaßes mit einem Menschen Verweis erteilt und konsequent und einfallsreich in allen Situationen aus Liebe zu ihrem Mann steht.

Es ist bemerkenswert, daß in der Inszenierung die Partien, in denen Schurek von der dänischen Vorlage, Holbergs 1722 uraufgeführten Komödie "Jeppe vom Berge", mit der Anerkennung der menschlichen Schwächen und der menschlichen Würde abweicht, am stärksten sind und am meisten anrühren, nicht nur bei dem Bauernpaar, sondern auch bei den Hofleuten, dem Baron (Günther Boye), dem Inspektor (Kurt Röthel) und dem Diener Hein (Horst Jönck), die sich im übrigen differenzierter hätten abstufen lassen. Die Zofe Anna (Wilma Weite) hätte etwas mehr Kammerkätzchen Flinkheit vorhalten können; sie war, wie auch die Regie insgesamt, im 1. Akt am lebendigsten. Der Kröger schließlich (Wilhelm Pick) wurde durchgehend ausgewogen als lustig listige "Type" geboten.

Zusammengefaßt: die Wilhelmshavener Bühne, die im Laufe ihres 50jährigen Bestehens manchen Schwierigkeiten (etwa im Dritten Reich, im Nachkriegsaufbau und in der gegenwärtigen Rezession) zum Trotz solide niederdeutsche Theaterarbeit bot, lieferte eine nahtlose Jubiläumsaufführung; die Wiedergabe durch das Fernsehen ist ihr sicher und damit die Teilhabe, die sie bei ihrem Publikum im Jaderaum erspielt, im größeren Rahmen der Fernsehzuschauer.

Mieke (Hildegard Steffens, re) sucht ihren Jeppe - der Inspektor (Kurt Röthel, re), die Kammerzofe Anna (Wilma Welte, Hein der Kammerdiener (Horst Jönck) und der Baron (Günter Boye) tun so, als wüssten Sie von nichts

Die FERNSEHKRITIK

Trauriges Beispiel

Die Komödie "Jeppe in´t Paradies" im Dritten

Eine Komödie von Paul Schurek aus der Niederdeutschen Bühne Wilhelmshaven bekomme man jetzt zu sehen, verkündete die Ansagerin. Punkt. Kein Wort darüber, daß der eigentliche Verfasser des Stücks der dänische Nationaldichter Ludwig Holberg ist und daß es seine Uraufführung schon 1722 hatte. Schurek, gestorben 1962, einer der erfolgreichsten plattdeutschen Autoren hat es in den fünfziger Jahren lediglich bearbeitet und die Art, wie es geschah, sowie die Tatsache, daß das Stück heute noch aufgeführt wird, wirft ein bezeichnendes Licht auf den noch immer traurigen Zustand der niederdeutschen Bühnenliteratur.

Holberg hat seinerzeit eine konservative Satire geschrieben, die in der Warnung vor der Tyrannei gipfelte, die die Bauern errichten würden, kämen sie einmal an die Macht. Unbearbeitet gilt das Stück als heute kaum mehr aufführbar. Schurek aber hat das fragwürdige Kunststück fertiggebracht, es durch Verharmlosung in seiner reaktionären Tendenz noch zu bestätigen. Jeppe, der bei Holberg aus dumpfer Verzweiflung säuft, ist bei ihm "een vergneugten Kerl, de gern een supt".

Seine prügelnde Alte schimpft hier bloß ein bißchen. Als Baron erwacht der trunkene Jeppe nicht, weil sich die Adelsgesellschaft einen Scherz mit ihm machen will, sondern weil ihm durch den Schreck das Saufen abgewöhnt werden soll.

Was bei Holberg noch drin war an Information über das grausam harte Bauernleben zu Anfang des 18. Jahrhunderts, das ist von Schurek zielstrebig zur harmlosen Dorfidylle verniedlicht worden. Der Adelsobrigkeit, ebenfalls platt sprechend für diese Zeit eine unsinnige Vorstellung, wird bestätigt, daß sie ihre Autorität zu Recht ausübt, denn sie weiß wirklich alles besser und hat immer einen Schritt weiter gedacht als die Bauern.

Dazu hat Schurek noch Szenen eingefügt, in denen Jeppe klargemacht wird, daß es sich nicht lohnt, nach Dingen zu greifen, für die ein Bauer nicht geboren ist. Fazit: Der Mensch diene da, wo ihn das Schicksal hingestellt hat, und mucke nicht dagegen auf. Die Pflege von Mundarten ist heute wieder in Schwung gekommen, weil erkannt worden ist, daß die Menschen in ihr Dinge, die sie ganz persönlich betreffen, die zu ihrem engeren Lebenskreis gehören, auch unmittelbarer ausdrücken können als in der zur Abstraktion neigenden Hochsprache.

Dazu gehört ja vieles: Familie, Arbeit, Einsamkeit, Suche nach der Heimat oder ähnliches. In den oberdeutschen Dialekten ist da auch manches geschrieben worden, was etwas über unsere heutige Welt aussagt und darüber hinaus noch literarischen Ansprüchen standhält. Die niederdeutschen Bühnen jedoch scheinen sich nur in seltenen Sternstunden einmal aus den Niederungen primitiver Dorf und Hinterhofklamotten erheben zu können. Schade für die Wilhelmshavener Schauspieler, denn handwerklich war die Aufführung ganz ordentlich. edb.

Hein (Horst Jönck) als Doktor, versucht Jeppe (Karl-Heinz Herpel) zu kurieren...ob´s gelingt?

Us Moder ward´n Diva (WE)

Wilhelmshavener Erstaufführung

US MODER WARD´N DIVA

(Meine Mutter tut das nicht)
Lustspiel in fünf Akten von Folker Bohnet und Gunther Beth
Plattdeutsch von Hans-Jürgen Ott

Inszenierung: Arnold Preuß
Bühnenbild: August Ahlers a.G.

Bühnenbau: Enno Buß, Alfred Christoffers, Karl-Heinz Goldenstein
Beleuchtung: Erwin Telgmann, Peter Pfaus
Inspizientin: Roswitha Bertz
Souffleuse: Heidi Rausch
Requisiten: Marga Goldenstein

Rollen und Darsteller
Gerda Kaufhold - Brigitte Halbekath
Arthur, ihr Ehemann - Kurt Röthel
Stefen, beider Sohn - Jürgen Tapken
Carlchen, Stefans Freundin - Hedwig Müller
Herr Ketschensteiner, Reporter - Horst Jönck
Annette, eine Fotografin - Hanna Christoffers
Herr Knack - Klaus Aden


Klaus Aden als Schauspiellehrer Herr Knack, Arthur (Kurt Röthel) blickt etwas distingiert

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Zum guten Spielzeitabschluß jetzt "Us Moder ward 'n Diva"

Letzte Premiere der Niederdeutschen Bühne im Stadttheater

Von Barbara Schwarz

"Us Moder ward 'n Diva", mit diesem Lustspiel von Gunther Beth und Folker Bohnet, ins Niederdeutsche übertragen von Hans Jürgen Ott, beendet die Niederdeutsche Bühne im Stadttheater die laufende Spielzeit. Die niederdeutschen Bühnen haben es wie alle anderen Mundartbühnen schwer, immer wieder neue Stücke zu finden. Gute Autoren sind rar. Und die klassischen niederdeutschen Lustspiele und Schwänke können ja nun nicht in jedem Jahr wieder auf dem Spielplan stehen. Zudem ist die dörfliche Idylle, die in älteren Stücken gemütvoll beschrieben wird, heute selbst für Senioren nur noch schöne Erinnerung.

Also werden mutig neue Stükke ausprobiert. Ob sie Erfolg haben, erweist sich oft erst am Premierenabend oder sogar erst in folgenden Aufführungen. "Us Moder ward 'n Diva", dieses Lustspiel von Beth und Bohnet greift ein beliebtes, vielfach variiertes Lustspielthema auf: eine geplagte Mutter wird durch Glück, durch Zufall, durch ein heimlich geschriebenes Buch oder, wie hier durch ein gewonnenes Preisausschreiben aus dem häuslichen kleinen Kreis herausgehoben.

Reporter Ketschensteiner (Horst Jönck, 2.v.r.) macht alle irgendwie unruhig: ein Spinner oder macht Mutter wirklich eine Weltkariere (v.l. Kurt Röhtel, Jürgen Tapken, Hedwig Müller, Brigitte Halbekath

Gerda Kaufhold, um die sich in "Us Moder ward'n Diva" alles dreht, gewinnt im Wettbewerb einer Zeitung die Hauptrolle in einem Film. Sie soll die neue "Mutter der Nation" werden. Um neben dem Schwarm Boy Blond auf der Leinwand flimmern zu können, nimmt Gerda sogar Krach mit ihrem Pascha von Mann, mit ihrem verwöhnten Sohn in Kauf, nimmt Sprech und Tanzunterricht. Und am Ende erkennt sie: die Filmerei ist eine Viecherei und die Rolle der Großmutter am heimischen Herd ist doch die beste.

Ein Märchen aus der modernen Glanz und Glamour Welt, das die hergebrachte Rollenverteilung nicht antastet: Die Mutter gehört ins Haus, der Vater ins feindliche Leben. So ist das auch in der jungen Generation. Carlchen, die kesse Verlobte von Gerdas Sohn Stefan, wird ihren Job auch an den Nagel hängen, wenn das erwartete Kind geboren ist. Vergessen die Schwüre von finanzieller Unabhängigkeit. Das patriarchalische Weltbild bleibt heil.

Herr Knack berichtet von der großen Welt der Stars, die Familie - v.l. Jürgen Tapken, Kurt Röthel, Hedwig Müller, Klaus Aden - ist gar nicht so begeistert

Das Stück bleibt ein schönes Märchen. Arnold Preuß, Nachwuchsregisseur der Niederdeutschen, der selber oft genug als Darsteller auf der Bühne stand, hat es denn auch nicht rein realistisch, sondern streckenweise als Groteske inszeniert.

Brigitte Halbekath, die "us Moder", die Titelrolle der Gerda Kaufhold verkörpert, spielt ihre Rolle mit großer Lust zur Parodie. Wenn der selige Theaterdirektor Striese sie als sterbenden Schwan oder Inphigenie hätte sehen können, wäre sie bestimmt vom Fleck weg engagiert worden.

Kurt Röthel spielt den cholerischen Pascha Ehemann Arthur. "Du mußt wählen zwischen Oscar aus Hollywood oder Arthur aus Wilhelmshaven", tönt er, aber dann gefällt ihm der Ruhm und der damit erhoffte gehobene Lebensstandard doch ganz gut. Jürgen Tapken zeichnet Sohn Stefan richtig schön egoistisch verzogen. Frisch und lebendig spielt die begabte Hedwig Müller seine Verlobte Carlchen.

Ob´s denn mit dem Tanz aus Schwanensee etwas wird? - Brigitte Halbekath

Horst Jönck als Reporter Ketschi und Hanna Christoffers als Fotografin Annette nehmen bestimmte Vertreter dieses Berufsstandes auf die Schippe. Und Klaus Aden als alter Schauspieler Knack scheint auch dem legendären Striese Ensemble zu entstammen. Das Bühnenbild, das Wohnzimmer der Kaufholds, haben nach einem Entwurf von August Ahlers (Oldenburg) wieder Enno Buß, Alfred Christoffers und Karl Heinz Goldenstein gebaut. Das Premierenpublikum nahm die Aufführung mit Beifall auf.

Fischerstraat 15 (WE)

Wilhelmshavener Erstaufführung

FISCHERSTRAAT 15

Komödie in vier Akten von Jens Exler

Inszenierung: Günter Boye
Bühnenbild: August Ahlers a.G.

Bühnenbau: Enno Buß, Alfred Christoffers, Karl-Heinz Goldenstein
Beleuchtung: Erwin Telgmann, Peter Pfaus
Inspizientin: Herta Tapken
Souffleuse: Margot Andrews
Requisiten: Marga Goldenstein

Rollen und Darsteller
Alma Kleebusch - Hildegard Steffens
Adolf Breuer - Horst Jönck
Lisa Fritzel - Karin Heyel
Herbert Fritzel - Wilhelm Pick

Bernd Stockmann - Jürgen Tapken
Karin Lammers - Wilma Welte
Birte Sievers - Käthe Baumann
Conrad Sievers - Heino Aden


Adolf Breuer (Horst Jönck) und Alma Kleebusch (Hildegard Steffens) leben in der Fischerstraat 15

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Trotz allem: Die Weit ist in der Fischerstraat heil

Ein hübsches Märchen um Spekulanten und Altstadtsanierung

von Barbara Schwarz

Jens Exler, seit gut 30 Jahren Lieferant zugkräftiger niederdeutscher Volksstücke, greift mit seiner vieraktigen Komödie " Fischerstraat 15" ganz aktuelle Themen auf: Grundstücksspekulation, Altstadtsanierung und Hausbesetzer, Bürgerinitiativgründung und Punker. Im Hauptberuf technischer Angestellter einer Baugesellschaft, weiß Exler, wovon er erzählt. Er kennt die Machenschaften mit denen Bewohner in Altstadtvierteln aus ihren Häusern getrieben werden.

Das Haus Fischerstraat 15 will eine große Versicherungsgesellschaft kaufen, abreißen lassen und auf diesem und den angrenzenden Grundstücken ein Verwaltungshochhaus aus Glas und Beton errichten lassen. Der mit dem Kauf beauftragte Makler Sievers heuert sich als "Hiwi" Hausmeister Breuer an, der mit üblen Tricks versucht, die Witwe Kleebusch, die im Haus einen kleinen Kiosk betreibt, zu vergraulen.

Makler Sievers hat aber auch eine Tochter. Und die ist Journalistin und setzt sich für die Erhaltung des alten Quartiers ein. Unterstützung bekommt sie dabei nicht nur von einem Hippie, einer jungen Punk Lady, deren Vater wie der Zufall so spielt Ratsherr und Bauaus , ist, sondern nach einigem Zögern auch von Witwe Kleebusch, den Fritzels aus dem Nachbarhaus und vielen, vielen anderen Altstadtbewohnern.

Ende gut, alles gut: die Fischerstraat 15 bleibt stehen. Der Bürgermeister, Aufsichtsratsvorsitzender der Versicherungsgesellschaft, hat kalte Füße bekommen. Die Versicherung wird die Fischerstraat sanieren und nach der Sanierung darf auch Oma Kleebusch wieder einziehen und weiter ihren Kiosk betreiben.

Alma Kleebusch (Hildegard Steffens) trifft auf den Hippie (Jürgen Tapken)

Schade, daß es im wirklichen Leben nicht so zugehen kann, wie in diesem heiteren und komischen, in diesem anheimelnden niederdeutschen Märchen, in dem die Schwachen und Guten gewinnen, in dem sich Punks und Gammler zu braven höheren Töchtern und edlen Rittern mausern, Pantoffelhelden mutig und alte Leute wieder jung werden, in dem die Bösen verlieren und sich sogar läutern.

Günter Boye hat das sonnige Spiel mit Tempo inszeniert. Er läßt den Spielern Raum, das Menschlich allzu Menschliche der von ihnen dargestellten Figuren zu betonen. Hildegard Steffens zeichnet eine patente Alma Kleebusch; eine Frau, mit dem Herzen auf dem rechten Fleck, die sich von den Vorurteilen ihrer Umgebung freimachen kann. Karin Heyel ist umwerfend komisch, wenn sie ohne Punkt und Komma redet oder richtig schön sauer im braven Schneiderkostüm mit spießigem Hut von der Gründung der Bürgerinitiative kommt.

Wilhelm Pick als ihr Mann Herbert Fritzel liefert wieder mal eine Glanzleistung ab; besonders gut ist er im dritten Akt, wenn er mit der Hartnäckigkeit eines Betrunkenen partout den Abend noch verlängern will. Käte Baumahn spielt wie schon in "Mannslüüd sünd ok blots Minschen" zu Beginn der Spielzeit, wieder eine erdverwachsene Journalistin mit dem Herz auf dem richtigen Fleck. Wilma Welte bringt in die Rolle der schlagfertigen Punkerin Zungengewandtheit und Witz ein. Jürgen Tapken mausert sich vom trotzigen Hippie zum Ritter der Benachteiligten und netten Jungen von nebenan.

Heino Aden spielt einen tatkräftigen pragmatischen Makler. Und Horst Jönck muß wieder einmal der Bösewicht vom Dienst sein, der Hauswart, der seinen Müll in Witwe Kleebuschs Mülleimer ablädt, Gammler, Hippies und Punker zum "Kaputtbewohnen" der Fischerstraat 15 einlädt und nächstens heimlich im Treppenhaus der Fischerstraat 15 das Geländer absägt.


So´n Hippie ist doch was feines, besonders wenn man da so herrlich drüber herziehen kann - v.l. Jürgen Tapken, Käte Baumann, Karin Heyel und Hildegard Steffens

Nach August Ahlers (Oldenburg) Entwurf haben Enno Buß, Alfred Christoffers und KarlHeinz Goldenstem ein wirklich ansehnliches Bühnenbild gebaut Hof der Häuser an der Fischerstraat mit Ausblick auf die Straße durch einen Torbogen. Ein guter Einfall der Regie, auf der Straße Spaziergänger, Mütter mit Kinderwagen und Radler spazieren und fahren zu lassen. Das belebt, das bringt Atmosphäre. Bei der Premiere am Sonntagabend: viel Gelächter, viel Spaß und viel verdienter Beifall für alle Beteiligten.

Klevemann speelt Lebemann (2. WA)

2. Wiederaufführung (3), davor 1958/59 und 1968/69

KLÄVEMANN SPEELT LEBEMANN

(Der keusche Lebemann)
Schwank in drei Akten mit Musik und Tanz von Franz Arnold und Ernst Bach
Plattdeutsch von Erich Schiff

Inszenierung: Dieter Jorschick a.G.
Bühnenbild: August Ahlers a.G.
Regieassistent: Arnold Preuß
Musikalische Einlagen: Karl-Heinz Herpel
Tänze: Roswitha Bertz

Bühnenbau: Enno Buß, Alfred Christoffers, Karl-Heinz Goldenstein
Beleuchtung: Erwin Telgmann, Peter Pfaus
Inspizientin: Berta Herpel
Souffleuse: Annchen Warrings-Konken
Requisiten: Marga Goldenstein

Rollen und Darsteller
Julius Mesenbrink, Inh. Firma "Klävemann & Mesenbrink, Baustoffe - Enno Buß
Max Klävemann, dito. - Kurt Röthel
Frau Meta Mesenbrink - Rika Jung
Wally Mesenbrink, beider Tochter - Roswitha Bertz
Lia Pellerina, Tänzerin - Hildegard Steffens
Walter Kraftmeier, Boxer - Friedrich Müller
Heinz Bremer - Arnold Preuß
Mieze, Wallys Freundin - Wilma Welte
Else, Wallys Freundin - Hedwig Müller
Aurora - Helene Schneider
Harm Schröder, Chauffeur - Jürgen Tapken

Kurt Röthel und Enno Buß

Roswitha Bertz, Arnold Preuß, Wilma Welte und Hedi Müller

Hildegard Steffens und Arnold Preuß

Jürgen Tapken und Helene Schneider

De Püjatz (WE)

siebte Gemeinschaftsproduktion
Oldenburgische Erstaufführung

DE PÜJATZ

Tragikomödie in fünf Akten von Günther Siegmund

Inszenierung: Rudolf Plent, Oldenburg
Bühnenbild: August Ahlers, Oldenburg
Regieassistent: Manfred Malanowski, Neuenburg
Prdokution: Willy Beutz, Wilhelmshaven

Bühnenbildbau: Heinrich Hilbers, Gerd Langediers, Neuenburg
Inspektion: Manfred Malanowski, Neuenburg
Souffleur: Hans-Georg Frers, Neuenburg
Bühnentechnik: Ewald Meine, Neuenburg
Requisiten: Gertrud Hilbers, Neuenburg
Beleuchtung: Erwin Telgmann, Peter Pfaus

Rollen und Darsteller
Heinrich Lüttjohann - Udo Kollstede, Varel
Helene, seine Frau - Brigitte Halbekath, Wilhelmshaven
Frau Schildt - Liesa Schrievers, Neuenburg
Mümmelmann - Norbert Buchtmann, Varel
Uwe Brecht - Hajo Freitag, Oldenburg
Dodo - Willy Ochsendorf, Neuenburg
Berberus - Karl-Heinz Herpel, Wilhelmshaven

"De Püjatz" war beeindruckend gut

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Clownszenen sind von zarter Poesie

Eine eindrucksvolle Gemeinschaftsinszenierung des Niederdeutschen Bühnenbundes

von Barbara Schwarz

Mit ihrer siebenten Gemeinschaftsinszenierung zeigen die im Niederdeutschen Bühnenbund Niedersachsen/Bremen zusammengeschlossenen niederdeutschen Bühnen erneut, daß sie auch anspruchsvollen Stücken gewachsen sind. Günther Siegmunds Tragikomödie "De Püjatz" in der Inszenierung von Rudolf Plent (Oldenburg) und Produktion von Will Beutz (Wilhelmshaven) wurde am Sonntagabend bei der ersten Vorstellung im Wilhelmshavener Stadttheater ein voller Erfolg.

Rudolf Plent breitet die Geschichte, die Günther Siegmund in seinem Stück erzählt, in aller Ruhe aus. Und gerade in dieser ruhigen Atmosphäre wird die Tragödie des Heinrich Lüttjohann deutlich. Der gelernte Zimmermann hat seine Arbeit verloren. Er ist krank: fettsüchtig. Seine Frau verdient als Platzanweiserin in einem Kino ein wenig zur Arbeitslosenunterstützung dazu, so daß sich das seit zehn Jahren verheiratete, zu seinem Kummer immer noch kinderlose, Paar eine kleine Dachwohnung leisten kann, die Helene Lüttjohann gemütlich einzurichten versteht.

Helene liebt ihren Mann nicht zuletzt, weil er so hilflos ist und sie braucht. Dennoch verliebt sie sich in den wohlhabenden Hausbesitzer Brecht, beginnt mit ihm ein Verhältnis, das nicht ohne Folgen bleibt. Das ist mehr, als Heinrich meint ertragen zu können. Er flieht in den Zirkus, versucht als Püjatz, als Bajazzo, als dicker dummer August Vergessen. Clowns werden immer gesucht. Als Clown so reden ihm der alerte Vertreter Mümmelmann und Nachbarin Frau Schildt ein werde er noch große Karriere machen. Daß er am Ende doch zu seiner Frau zurückfindet und vielleicht eines Tages sogar ihr Kind, das Kind des anderen, akzeptieren kann, verdankt Heinrich Lüttjohann dem alten Clown Dodo und der großen Liebe seiner Frau, die sogar bereit war, das werdende Leben, das sie sich so sehr gewünscht hat, zu opfern, wenn er nur bei ihr bliebe.

Mit Udo Kollstede (Varel) hat diese niederdeutsche Inszenierung einen Titeldarsteller, der die Figur des Lüttjohann nicht nur körperlich ausfüllt, sondern auch einen Schauspieler, der die ganze Tragik dieses unförmigen, in die Isolierung getriebenen unglücklichen Mannes sichtbar macht ohne große Gesten, ganz leise.

Ebenso eindrucksvoll wird Brigitte Halbekath von der Niederdeutschen Bühne Wilhelmshaven mit der schwierigen Rolle der Helene fertig. Ihre differenzierte schauspielerische Leistung läßt vergessen, daß die Rolle normalerweise mit einer etwas jüngeren Spielerin hätte besetzt werden müssen.

Die Darstellung des Püjatz rührte die Herzen

Lisa Schrievers (Neuenburg) hat es als klatschsüchtige Nachbarin Frau Schildt verhältnismäßig einfach, dieser unangenehmen Person Gestalt zu geben. Norbert Buchtmann (Varel) und Hajo Freitag (Oldenburg) füllen die Rollen des Vertreters Mümmelmann und des Hausbesitzers Brecht voll aus. Karl Heinz Herpel von der Niederdeutschen Bühne Wilhelmshaven ist ein Zirkusdirektor wie aus dem Bilderbuch, und Willy Ochsendorf (Neuenburg) stattet den Clown Dodo mit Altersweisheit und komödiantischem Spieltrieb aus.

Für diese siebente Gemeinschaftsinszenierung hat August Ahlers (Oldenburg) zwei Bühnenbilder entworfen die Dachstube der Lüttjohanns und die Rückansicht eines kleinen Wanderzirkus'. Besonders das Zirkusbild für die beiden letzten Akte von Heinrich Hilbers und Gerd Langediers (beide Neuer Burg) hervorragend gemalt unterstützt die zarte Poesie de Clownszenen.

Das Premierenpublikum nahm die Inszenierung begeistert auf und dankte vor allen Brigitte Halbekath und Udo Kollstede mit großem, verdientem Beifall. Die Inszenierung wird außer in Wilhelmshaven in zwölf Spielorten im nordwestdeutschen Raum gezeigt. Die nächsten Aufführungen in Wilhelmshavens Stadttheater finden am Buß- und Bettag also morgen um 15 Uhr und 20 Uhr statt.

Mannslüüd sünd ok bloots Minschen (WE)

Wilhelmshavener Erstaufführung

MANNSLÜÜD SÜND OK BLOOTS MINSCHEN

Lustspiel in drei Akten von Tilly Hütter
Plattdeutsch von Konrad Hansen

Inszenierung: Karl-Heinz Herpel
Bühnenbild: August Ahlers

Bühnenbildbau: Enno Buß, Alfred Christoffers, Karl-Heinz Goldenstein
Requisiten: Marga Goldenstein
Inspizientin: Berta Herpel
Beleuchtung: Erwin Telgmann, Peter Pfaus
Souffleuse: Karin Heyel

Rollen und Darsteller
Heinrich Dethlefsen - Enno Buß
Hedwig, seine Frau - Hanna Christoffers
Frauke, beider Tochter - Roswitha Bertz
Volker Sengebusch - Ado Eilers a.G.
Peter Petersen, gen. Pommes Peter - Kurt Röthel
Almuth Bommert - Käthe Baumann

v.l. Hanna Christoffers, Kurt Röthel, Enno Buß

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Ein stickender Mann ist nicht unbedingt ein Schlappschwanz

Fröhlicher Auftakt mit "Mannslüüd sünd ok bloots Minschen"

von Barbara Schwarz

"Mannslüdd sünd ok bloß Minschen" Männer sind auch bloß Menschen. Das ist der Titel von Tilly Hütters Lustspiel und zugleich auch seine Quintessenz. Die Niederdeutsche Bühne eröffnete mit dem von Konrad Hansen ins Niederdeutsche übertragenen heiteren Spiel in der frischen Inszenierung von Karl Heinz Herpel die Spielzeit 1981/82.

Ein Mann muß kein Weichling, kein Schlappschwanz sein, wenn seine Hobbys nicht dem Macho Image entsprechen, sondern mehr weiblichen Charakters sind. Diese Tatsache begreift Hedwig Detlefsen nur mühsam und schmerzhaft. Hedwig hat im Hause Detlefsen die Hosen angezogen, die Männerrolle übernommen, weil sie glaubt, ihr Mann Heinrich sei kein richtiger Mann, nur weil er mit Vergnügen stickt und sich in seiner Freizeit auch noch mit der hohen Schule der Kochkunst bechäftigt.

Als Heinrich für ein Großmutter-Kochrezept einen Preis gewinnt und Tochter Frauke aus der Großstadt nach Hause kommt, um sich das mütterliche Ja-Wort zur Heirat mit ihrem Volker zu holen, beginnt eine kleine Tragikomödie, die schließlich mit einem HappyEnd und drei glücklichen Paaren endet.

Außer Hedwig und Heinrich, Frauke und Volker mischen da noch Pommes Peter, ein Großhersteller tiefgekühlter Pommes frites, und die an Frauenfragen wie Landwirtschaft interessierte Reporterin Almuth mit. Mehr wollen wir von dem hübsch geknobelten Spiel nicht verraten, damit alle, die es noch nicht aus dem Fernsehen kennen und es sich anschauen wollen, daran ebensoviel Spaß haben, wie das Premierenpublikum am Freitagabend.

Fachmännsich verbunden (v.l. Hanna Christoffers, Enno Buß, Roswitha Bertz)

Enno Buß, bewährtes und beliebtes "Zugpferd" der Niederdeutschen, läßt als Heinrich erkennen, daß er die Herrschaft im Hause ganz gern seiner Frau überlassen hat, sie jedoch jederzeit zurückfordern kann, wenn es ihm gefällt. Er ist eine viel zu beherrschende Persönlichkeit, als daß er wirklich vor einer Frau kuschte. Hanna Christoffers zeigt als Hedwig sehr schön, zu welch einer Xantippe eine Frau wird, wenn sie glaubt, allein herrschen zu können.

Roswitha Bertz stattet Tochter Frauke mit sehr komischen Zügen aus. So leicht, so locker hat man sie noch nicht gesehen. Die junge Spielerin hat in den letzten Jahren beachtlich an schauspielerischem Format gewonnen. Käthe Baumann gibt der Reporterin Almuth emanzipatorische Züge. Kurt Röthel spielt den Schwerenöter Pommes Peter ebenso glaubhaft, wie Ado Eilers von der Niederdeutschen Bühne Jever den Volker.

Nach dem Entwurf von August Ahlers (Oldenburg) haben Enno Buß, Alfred Christoffers und Karl Heinz Goldenstein ein buntes Bühnenbild gebaut, das den schaurig schönen Stickarbeiten einen passenden Rahmen gibt. Das Premierenpublikum dankte der Niederdeutschen für diese rundherum gelungene Aufführung, für knapp zwei Stunden unbeschwerten Spaß mit Szenenbeifall und starkem, herzlichem Schlußapplaus.

Ado Eilers aus Jever, rechts Hanna Christoffers

Nette Pasteten (WE)

Wilhelmshavener Erstaufführung

NETTE PASTETEN

(Frikadellen)
Schwank in drei Akten von Erich Hagemeister
Neufassung von Günther Siegmund

Inszenierung: Arnold Preuß
Bühnenbild: August Ahlers

Bühnenbildbau: Enno Buß, Alfred Christoffers, Karl-Heinz Goldenstein
Requisiten: Marga Goldenstein
Inspizientin: Helga Lauermann
Beleuchtung: Erwin Telgmann, Peter Pfaus
Souffleuse: Margot Stahlmann, Hedwig Müller

Rollen und Darsteller
Karl Burmann, pensionierter Beamter - Enno Buß
Anna, seine Frau - Hanna Christoffers
Lotte, beider Tochter - Wilma Welte
Ida Schöppmeier, Karl´s Schwester - Käthe Baumann
Johannes Melk, Sohn eines Fischgroßhändlers - Horst Jönck
Ernst Schultendörp, Student der Theologie - Jürgen Tapken
Aurora, Hausgehilfin bei Burmann - Helene Schneider
Dr. Behrbohm, Tierarzt - Wilhelm Pick
Wachtmeister Schult - Günter Jaedeke

Sie alle essen Frikadellen (Horst Jönck, Käte Baumann, Hanna Christoffers, Jürgen Tapken, Wilma Welte, Enno Buß und Helene Schneider)

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Premiere war ein voller Erfolg

Viel Spaß mit "Netten Pasteten" der Niederdeutschen Bühne

von Ingrid Paus-Haase

Wer wieder einmal herzhaft lachen wollte, der hatte dazu am Sonntagabend im Stadttheater reichlich Gelegenheit: Die Niederdeutsche Bühne bereitete ihrem Publikum auch bei der fünften Premiere in dieser Spielzeit mit "Netten Pasteten" viel Vergnügen. Die "Niederdeutsche" hatte so recht den Publikumsgeschmack getroffen; langanhaltender Beifall zum Schluß bewies es den neun Schauspielern, die mit Turbulenz und Spielfreude die Zuschauer begeisterten.

März/April 1981: Man befindet sich im Wohnzimmer von Karl Burmann, einem pensionierten Beamten, der sich bald als ein Geizhals entpuppt wie er im Buche steht. Es ist sein Geburtstag und er erwartet Gäste. Neben seiner ihm weniger lieben Schwester Ida soll Johannes Melk, Sohn eines reichen Fischgroßhändlers, zu Tisch erscheinen, dann, so hat es sich der alte Haustyrann vorgenommen, soll die Verlobung zwischen Johannes Melk und Burmanns Tochter Lotte bekanntgegeben werden. Lotte hingegen liebt den Studenten der Theologie, Ernst Schultendörp.

Die leckeren Pasteten (Frikadellen) werden mit einem Glas Wein nachgespült (v.l. Käte Baumann, Enno Buß, Horst Jönck, Wilma Welte, Hanna Christoffers)

Spannend für die Zuschauer und peinlich für die Gastgeber, Burmann und seine Frau, wird es in dem Augenblick, als Burmann in seiner Zeitung kurz vor dem Erscheinen der Gäste auf einen Artikel stößt, aus dem hervorgeht, daß eine dreiköpfige Familie samt ihrer fünf Gäste und des Hundes an einer Fleischvergiftung schwer erkrankt seien. Den Gastgebern, die das überalte Fleisch angeboten haben, drohe eine hohe Strafe.

Burmanns Geiz aber verbietet es ihm, seine Pasteten, die schon seit Tagen im Schrank liegen, und die das Festmenü sein sollen, wegzuwerfen er probiert an seinem Hund Phylax aus, ob sie noch genießbar sind. Wenig später heißt es: Der Hund ist tot...

Statt Frikadellen, muss Enno Buß kleine Brötchen backen... (v.l.Hanna Christoffers, Jürgen Tapken, Wilma Welte, Käte Baumann)

Enno Buß als Geizhals Burmann überzeugend

Verwicklungen, falsche Vermutungen, alles in allem überaus köstliche Szenen, lassen diesen Schwank von Erich Hagemeister, in einer Neufassung von Günther Siegmund, keine Minute langatmig erscheinen; denn die Rollen sind wieder einmal glänzend besetzt:

Enno Buß als Geizhals Burmann bereitet dem Publikum viel Spaß; die gute Laune ist gleich da, wenn er auf die Bühne tritt. Hanna Christoffers spielt die mittlerweile durch den Haustyrann eingeschüchterte Ehefrau Anna überzeugend. Seine Tochter, Wilma Welte, hingegen weiß genau was sie will: Ihren Ernst Schultendörp, auf keinen Fall den eingebildeten Fischhändlerssohn.

So geizig Karl Burmann ist, so dickköpfig ist seine Schwester Ida Schöppmeier. Käthe Baumann spielt diese reiche Hofbesitzerin, die mit ihrem Bruder spinnefeind ist, aber letztlich doch das Glück der Liebenden mit der Überschreibung ihres Hofes besiegelt, mit Temperament. Aalglatt, von sich eingenommen, ganz und gar unsympathisch, erscheint dem Zuschauer dann der "zukünftige" Schwiegersohn Johannes Melk: Horst Jönck versteht es, diese Figur in überzeugender Weise auszufüllen. Es freut das Publikum nicht wenig, wenn er am Schluß seine gerechte Strafe bekommt . . .

Liebenswert dagegen gibt sich der Auserwählte Lottes, Ernst Schultendörp, den Jürgen Tapken spielt. Für Stimmung in diesem dreiaktigen Schwank sorgt die Hausgehilfin Aurora, temperamentvoll, aber ein wenig dumm. Der reichliche Schlußbeifall, den Helene Schneider für diese Rolle bekam, bewies, wie sehr es ihr gelingt, den Zuschauern Vergnügen zu bereiten.

Mit Witz und Humor gestaltet Wilhelm Pick die Rolle des alten Tierarztes Dr. Behrbohm, der, wenn ihm auch augenscheinlich am meisten am guten Wein liegt, die Situation doch sofort durchblickt hat. Er verabreicht den "Totkranken" schlau ein wirklich schnell wirkendes Medikament . . . Günter Jaedecke spielt last not least den Wachtmeister, der zu Burmanns Schrecken noch für viel Aufregung sorgt.

Es scheint wohl nur noch eine Medizin zu helfen - Rizinusöl (v.l. Wilhelm Pick, Jürgen Tapken, Wilma Welte, Horst Jönck und Käte Baumann)

Den passenden Rahmen gewinnt dieser humorgeladene Schwank durch das gelungene Bühnenbild, entworfen von August Ahlers aus Oldenburg, und von Enno. Buß, Alfred Christoffers, Karl-Heinz Goldenstein und anderen in bewährter Weise ausgeführt.

Ein großes Lob gebührt vor allem auch dem Regisseur Arnold Preuß, der, bisher den Freunden der Niederdeutschen Bühne nur als Schauspieler bekannt, zum ersten Male alle Fäden des Spiels in der Hand hielt: Ihm und den neun Schauspielern ein Dankeschön für diesen lustigen, fröhlichen Abend.

De Engel Claudia (WE)

Wilhelmshavener Erstaufführung

DE ENGEL CLAUDIA

Komödie in drei Akten von Friedrich Hans Schäfer
Inszenierung: Karl-Heinz Herpel

Bühnenbild: August Ahlers

Bühnenbildbau: Enno Buß, Alfred Christoffers, Karl-Heinz Goldenstein
Requisiten: Marga Goldenstein
Inspizientin: Berta Herpel
Beleuchtung: Erwin Telgmann, Peter Pfaus
Souffleuse: Hanna Christoffers

Rollen und Darsteller
Claudia Behrens - Hildegard Steffens
Meta, ihre Mutter - Rika Jung
Babendiek, Pastor - Kurt Röthel
Kaspersen, Lebensmittelhändler - Enno Buß
Rieke, seine Frau - Herta Tapken
Frees, Textilwarenhändler - Heino Aden
Meile, seine Frau - Karin Heyel
Alma Butzlaff - Helene Schneider
Thode, Schutzmann - Friedrich Müller

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Hilfe auf ganz unkonventionelle Weise

Niederdeutsche Bühne bereitete dem Publikum mit "De Engel Claudia" viel Spaß

von Ingrid Paus-Haase

"Da haben wir mal wieder so richtig lachen können", lautete der Kommentar einer jungen Theaterbesucherin nach der Premiere von "De Engel Claudia", die die Niederdeutsche Bühne am Sonntagabend vor fast gefüllten Reihen im Stadttheater aufführte. Diese Zuschauerin traf denn auch den Nagel auf den Kopf. Häufiger Szenenapplaus und langanhaltender Schlußbeifall bewiesen es.

"De Engel Claudia", eine Komödie von Friedrich Hans Schäfer, spielt in einer norddeutschen Kleinstadt um 1913. Ein zeitgetreues Bühnenbild von August Ahlers, gekonnt ausgeführt von Enno Buß und Alfred Christoffers, geschickt ausgewählte Requisiten und die historische Bekleidung der Schauspieler versetzte den Zuschauer in die Atmosphäre einer Wohnstube von ärmlichen, aber rechtschaffenden Kleinbürgern in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg. Er kann sich schon von dieser Ausstattung her gut vorstellen, wie es im Hause von Claudia Behrens und ihrer Mutter Meta zugeht.

Mutter und Tochter stehen denn auch im Mittelpunkt dieser Komödie, die soziale Probleme auf humorvolle Weise aufwirft. Claudia, eine tatkräftige und kluge Frau in mittleren Jahren, ist als der gute Geist in der Gemeinde hochangesehen und nicht mehr wegzudenken. Sie packt an, wo Not ist und sorgt auf ganz unkonventionelle Weise für Abhilfe.

Wie wenig angepaßt ihre Vorgehensweise wirklich ist, darüber läßt diese Komödie den Zuschauer nicht lange im unklaren: Claudia sieht an allen Ecken und Enden hilfsbedürftige Menschen. Da sie selber allerdings nur ein sehr bescheidenes Auskommen hat, nimmt sie sich die Dinge, die sie braucht, bei denen, die sie übrig haben.

Diese Situation sorgt nicht nur für Spannung, in ihr entlarven sich auch die anderen, sowohl betuchten Geschäftsleute in ihrer Doppelmoral und Unredlichkeit. Claudia Behrens, in überzeugender Weise von Hildegard Steffens gespielt, gerät zum Schluß dieser Komödie allerdings arg in Bedrängnis. Wie sich die Situation löst, sollte an dieser Stelle noch nicht verraten werden. Gesagt werden kann,daß den Zuschauern kein Happy End vorenthalten wird.

Würze in die verzwickte Situation um Claudia bringt vor allem ihre Mutter Meta Behrens, köstlich gespielt von Rika Jung. Der Zuschauer spürt, daß ihr die Rolle so recht auf den Leib zugeschnitten ist: Sie ist einerseits die tatkräftige, realistisch eingestellte Frau, die mit beiden Beinen auf dem Boden steht, andererseits die ein wenig spinnerte alte Frau, die an die ungewöhnliche Verbindung ihrer Tochter, überall als Engel bezeichnet, zum Herrgott glaubt. Immer trifft sie aber in ihren Äußerungen den Nagel auf den Kopf der Zuschauer weiß es, die Spielbeteiligten nehmen sie nicht ganz ernst.

Ebenso gelungen ist die Besetzung der anderen Rollen: Kurt Röthel als salbungsvoller, letztlich doch grundgütiger, wenn auch ein wenig weltfremder Pastor, bereitet dem Publikum mit seinem Werben um Claudia viel Freude. Als der reiche, schlitzohrige Lebensmittelhändler Kaspersen, dem zunächst einmal nur Brot, Wurst und Kartoffeln, zum Schluß aber ein Vermögen von dreißigtausend Talern fehlt, schenkt Enno Buß seinem Publikum wieder köstliche Minuten. Wenn er auftritt, da kann man sicher sein, darf herzhaft gelacht werden. Sein Liebeswerben um Claudia und vor allem auch seine zweideutige Verbindung zu Alma Butzlaff, temperamentvoll dargestellt von Helene Schneider, sind so köstlich, daß keiner diesem bulligen Kaufmann, der es doch so faustdick hinter den Ohren hat, böse sein kann.

Von den Kämpfen mit diesem Mann ganz ausgezehrt zeigt sich dagegen seine Frau Rike, die Herta Tapken überzeugend verkörpert. Auch der Textilwarenhändler Freese, Heino Aden spielt ihn mit der nötigen Schläue und Gerissenheit, zeigt im Laufe des Spiels immer mehr, genau wie Kaspersen, seine wahre Gesinnung. Als ehrliche Haut steht ihm dagegen seine Frau Miele, Karin Heyel, gegenüber. Als ein würdiger Vertreter der Ortspolizei erweist sich der Schutzmann Thode, Friedrich Müller, der in diesem Tohuwabohu um Gestohlenes gar nicht ganz verstehen kann, weshalb denn nun im Grunde keiner an der Aufklärung der Fälle interessiert ist.

Den Grund für den erneuten Diebstahl findet der Zuschauer dann in dem braven Schüler Karl Siegfried: Er ist der Neffe Claudias und taucht urplötzlich auf der Bildfläche auf. Sein sehnlichster Wunsch ist das Theologiestudium, und Tante Claudia soll ihm dazu verhelfen . . . Jürgen Tapken spielt diesen artigen Jungen gekonnt. "De Engel Claudia" ist rundherum ein Stück, das in der gelungenen Inszenierung von Karl Heinz Herpel seine Wirkung auf das Publikum nicht verfehlt.

Cowboys, Quiddjes und Matrosen (WE)

Wilhelmshavener Erstaufführung

COWBOYS; QUIDDJES UND MATROSEN

Seemannsgarn mit Musik in drei Akten von Günther Siegmund

Inszenierung: Dieter Jorschick a.G.
Bühnenbild: August Ahlers
Musik: Karl-Heinz Herpel
Regieassitent: Arnold Preuß
Tänze: Roswitha Bertz

Bühnenbildbau: Enno Buß, Alfred Christoffers, Karl-Heinz Goldenstein
Requisiten: Marga Goldenstein
Inspizientin: Berta Herpel
Beleuchtung: Erwin Telgmann, Peter Pfaus
Souffleuse: Hedwig Müller

Rollen und Darsteller
Kasimir Quitt, Gastwirt - Enno Buß
Nattel, sein Freund - Horst Jönck
Henriette Kinkelwitt, Angestellte bei Quitt - Brigitte Halbekath
Heike Melfsen, Angestellte bei Quitt - Wilma Welte
Jan Brass, Bootsmann - Wilhelm Pick
Paul Torf, Leichtmatrose - Jürgen Tapken
Hein Mück, Vollmatrose - Friedrich Müller
Agathe - Roswitha Bertz
Vinzenz Blumenkoffer, Pianist - Karl-Heinz Herpel

Die drei Cowboys sorgen für Stimmung (v.l. Wilma Welte, Brigitte Halbekath, Wilhelm Pick, Jürgen Tapken und Friedrich Müller)

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Niederdeutsche Bühne sorgte mit "Cowboys, Quiddjes und Matrosen" für Hochstimmung

Das Publikum klatschte zum Schluß bei den musikalischen Einlagen begeistert mit

Von Ingrid Paus-Haase

Das war eine gelungene Weihnachtspremiere! Im nahezu ausverkauften Wilhelmshavener Stadttheater vergingen den Besuchern am Abend des zweiten Weihnachtstages die beiden Stunden im Theater wie im Fluge: Die Niederdeutsche Bühne gestaltete mit ihrer Seemannskomödie "Cowboys, Quiddjes und Matrosen" den Abend so fröhlich und stimmungsvoll, daß das Publikum zum Schluß nicht umhin konnte, bei den musikalischen Einlagen mitzuklatschen.

Echtes Seemannsgarn wird mit dieser publikumswirksamen Komödie von Günther Siegmund unter der Regie von Dieter Jorschick aus Bremen gesponnen: Da kommen von einer langen Schiffsreise drei Seeleute zurück in ihre eigentliche Heimat, die alte Hamburger Gaststätte "Vermaster".Dort erfahren sie von der langjährigen Kellnerin in dieser Gaststätte, daß der alte Wirt verstorben ist und ein Quiddje, ein Zugereister, aus Berlin zusammen mit seinem Freund dieses Stück Heimat in eine Cowboykneipe verwandeln will.

Naddel (Horst Jönck) steckt Quitt (Enno Buß) mit seiner Berliner Schnauze und Begeisterung an

Die drei eingefleischten, mit allen Wassern gewaschenen Seeleute, entwerfen einen Plan, verkleiden sich als mexikanische Cowboys und stiften turbulente Verwicklungen. Daß im dritten Akt dann doch alles noch auf ein Happy End hinausläuft, jeder die "Seine" nach langen Kämpfen in den sicheren Hafen der Ehe führen kann, dafür sorgen denn letztlich alle Beteiligten.

Enno Buß als Quiddje Kasimir Quitt aus Berlin gelingt es so recht, den "bösen" Managertypen zu mimen, der die alte Kneipe ganz auf den Kopf stellen will. Am Ende schlüpft er denn aber doch in die ihm auf den Leib zugeschnittene Rolle des sympathischen, gemütlichen Zeitgenossen. Auch seinem überdreht wirkenden Freund Nattel - Horst Jönck verkörpert diesen Typ gekonnt- , der als gehetzter Großstädter die Modernisierungsvorstellungen von Quitt noch auf komische Weise unterstützt, bekommt am Ende die Wandlung in einen gestandenen Seemann gut.


Noch wird diskutiert, wie´s denn wohl alles so gehen soll (v.l. Jürgen Tapken, Wilhelm Pick, Friedrich Müller, Horst Jönck und Enno Buß)

Wilhelm Pick als listiger Seemann hervorragend

Henriette Kinkelwitt, Kellnerin bei Quitt, ist so recht die treue Seele des Geschäfts. Brigitte Halbekath gestaltet diese Rolle mit so viel Spielfreude, daß man deutlich ihre rauhe Zuneigung zum alten Bootsmann Jan Braas erkennt, die auch nach zwanzig langen Wartejahren noch taufrisch ist. Typgerechter als Wilhelm Pick den alten Haudegen Jan Braas spielt, ist wohl ein echter, alter Seemann nicht zu verkörpern. Er inszeniert listig wie ein alter Fuchs die Kampagne gegen die Quiddjes, umwirbt auf unverwechselbare Weise sein Henriettchen und bekommt es auch zum guten Schluß.

Heike Melfsen, gespielt von Wilma Welte, ist in diesem Stück die "seute"', dennoch durchsetzungsfreudige Hamburger Deern, die ihr Herz an den Vollmatrosen Hein Mück verloren hat. Friedrich Müller spielt diesen Seemann auf eine liebenswürdige Weise. Er bleibt immer der Gutmütige unter den drei Matrosen. Der Dritte im Bunde ist der junge, schneidige Matrose Paul Torf, von Jürgen Tapken temperamentvoll dargestellt.

Der Veermaster ist parat, wo sind die Gäste?

Komische Situationen schaffen zu guter Letzt Roswitha Bertz als heiratslustige Agathe und Karl Heinz Herpel als feinfühliger, weltfremder Pianist Vincenz Blumkoffer. KarlHeinz Herpel verleiht dieser drollig wirkenden Figur soviel Witz und Komik, daß es Spaß macht, ihn in die Fänge von Agathe treiben zu sehen. Er ist zudem für die stimmungsvolle Musik verantwortlich, Roswitha Bertz für die Einstudierung der voller Temperament aufgeführten Tänze.

Daß auch die Atmosphäre einer alter Seemannskneipe zwischendurch die einer romantischen Cowboy-Klause stimmt, dafür sorgten ein weiteres Mal August Ahlers aus Oldenburg, der das gelungene Bühnenbild entworfen hat, und Enno Buß und Alfred Christoffers, die es in bewährter Weise ausgeführt haben.

Wat is mit Lisa? (WE)

Wilhelmshavener Erstaufführung

WAT IS MIT LISA?

(Die Falle)
Kriminalkomödie in vier Akten von Robert Thomas
Plattdeutsch von Jens Peter Asmussen

Inszenierung: Günter Boye
Bühnenbild: August Ahlers

Bühnenbildbau: Enno Buß, Alfred Christoffers, Karl-Heinz Goldenstein
Requisiten: Marga Goldenstein
Inspizientin: Helga Lauermann
Beleuchtung: Erwin Telgmann, Peter Pfaus
Souffleuse: Karin Heyel
Tontechnik: Klaus Aden

Rollen und Darsteller
Peter Petersen - Arnold Preuß
Sabine - Hildegard Steffens
Der Kommissar - Kurt Röthel
Pastor Petersen - Horst Jönck
Seehecht - Klaus Aden
Frollein Bertram - Käthe Baumann

"Düsse Fro is nich mien Fro", schreit Peter, aber keiner glaubt ihm - v.l. Arnold Preuß, Hildegard Steffens, Kurt Röthe, Käte Baumann und Horst Jönck

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Voll knisternder Spannung

Niederdeutsche Bühne bereitete Publikum köstliche Stunden

Von Ingrid Paus-Haase

Zweieinhalb Stunden knisternde Spannung bot die Niederdeutsche Bühne ihrem zahlreichen Publikum am Sonntagabend im Stadttheater. "Wat is mit Lisa" ist ein voller Erfolg und läßt verwöhnte Krimifreunde voll auf ihre Kosten kommen. Ein Verblüffungseffekt wie ihn Freunde dieses Genres so sehr schätzen, bringt erst in den letzten Minuten dieser gelungenen Aufführungen die langerwartete Antwort.


Ist der Pastor vergiftet worden? Es staunen Hildegard Steffens und Arnold Preuß. Horst Jönck mimt das Gift im Hals perfekt

Folgende Situation findet sich im ersten Akt der vier Akte umfassenden Kriminalkomödie von Robert Thomas: Peter Petersen, ein sympathischer junger Mann, bangt um seine Frau. Nach nur dreimonatiger Ehe ist sie mit einem Mal verschwunden. Eine völlig fremde Frau taucht mit dem stellvertretenden Ortspastor Jensen bei Peter im Ferienhaus an der See auf und behauptet, Lisa zu sein.

Der Kommissar des Ortes versucht Peter Petersen, der von seiner vermeintlichen Frau Lisa als geistesgestört erklärt wird, dennoch zu glauben und zu helfen, zumal sich der Pastor und Lisa verdächtig machen. Die Situation wird noch komplizierter, als ein Landstreicher namens Seehecht auftaucht, der als Trauzeuge bei der Hochzeit von Peter mit der richtigen Lisa zugegen war. Eine mehr als ominöse Rolle spielt auch Fräulein Bertrams, eine Krankenschwester.

Kann Peter (Arnold Preuß) sich auf den Kommissar (Kurt Röthel) verlassen?

Mehr von dieser von Günter Boye gelungen inszenierten Kriminalkomödie zu verraten, hieße, all denen, die noch nicht wissen, wat mit Lisa is, den Spaß zu verderben, sie um spannungsreiche, köstliche Stunden zu bringen. Nicht verschwiegen werden darf hingegen die schauspielerische Leistung, die das Ensemble der Niederdeutschen Bühne mit dieser Aufführung unter Beweis gestellt hat. Als herausragend ist die Leistung von Arnold Preuß zu bewerten. Brillant spielt er den Peter Petersen, der sich immer mehr in ein Netz von Intrigen verstrickt sieht, der unter höchster nervlicher Anspannung steht. Er interpretiert seine Rolle so glaubwürdig, daß das gesamte Publikum mit ihm fühlt, empört ist über die Handlungsweise der Ganoven, ihm die Daumen drückt und auf den Moment hinfiebert, wo sich alles für ihn aufklären wird.

Arnold Preuß gebührt höchstes Lob. Als eine ebenbürtige Gegnerin erweist sich die vermeintliche Lisa, die Hildegard Steffens voller Gerissenheit und dennoch ruhig und überlegen spielt. Sie wird mit dieser tragenden Rolle keinesfalls überfordert, sondern kann vielmehr alle Register ihres Könnes ziehen. Als ein rechter Ruhepol erscheint der Kommissar, den Kurt Röthel auf sympathische Weise lebendig werden läßt. Ihm vertraut man, alles wieder ins rechte Lot bringen zu können.

Peter (Arnold Preuß) glaubt sich dem Wahnsinn nahe, die Lisa (Hildegard Steffens) ist nicht seine Frau. Glaubt ihm wenigstens der Kommissar (Kurt Röthel)

Zwielichtig die Gestalt von Pastor Jensen: Horst Jönck gelingt es, diese Rolle gut zu verkörpern. Er zieht während der Aufführung wohl die meisten bösen Blicke auf sich, so überzeugend erweist er sich als ein Wolf im Schafspelz. Gekonnt verwirklichen auch Klaus Aden als vertrottelter Landstreicher und Käthe Baumann als kaltblütige Krankenschwester ihre Rollen.

Eine oft schummrig geheimnisvolle Atmosphäre vermittelt zudem das Bühnenbild, von August Ahlers aus Oldenburg entworfen und in bewährter Weise von Enno Buß und Alfred Christoffers ausgeführt. Am Ende von Agatha Christies mittlerweile seit 28 Jahren in Londoner Theatern gespielten "Mausefalle" heißt es am Schluß vielsinnig: "Pst, nicht weitersagen!" Das sollten auch alle die beherzigen, die das Vergnügen hatten, diese Kriminalkomödie zu sehen und schon das Geheimnis um Lisa kennen.


"Se wüllt mi ümbringen", denkt Peter (Arnold Preuß), Pastor (Horst Jönck), Kommissar (Kurt Röthel)  und Lisa (Hildegard Steffesn) stecken unter einer Decke?

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