Wilhelmshavener Erstaufführung

STRATENMUSIK

Komödie in drei Akten von Paul Schurek

Regie: Heinrich Frese

Lüüd in´t Speel

Jan Lünk, Stratenmuskant, eerste Trumpet - Adolf Marxfeldt
Emil Spittel, Stratenmuskant, tweete Trumpet - Erich Stamereilers
Hein Dickback, Stratenmuskant, Baß - Johannes Nottelmann
Greten Witt, jemer Huushöllersch - Nelly Schwarting
Godemann, Gastweert - Hermann Beuß
Katrin, Wittfro - Therese Peters

Aufführungen im Gesellschaftshaus

PRESSESTIMMEN

"Stratenmusik" im Gesellschaftshaus

Eine glänzende Premiere der Niederdeutschen Bühne „Rüstringen"

von Heinz Jacobs

Erfreulicherweise hatten sich gestern abend wieder zahlreiche Besucher im Saale des Wilhemlshavener Gesellschaftshauses eingefunden, um der Aufführung von Paul Schureks Komödie „Stratenmusik" beizuwohnen. Von vornherein können wir sagen, dass die Niederdeutsche Bühne selten ein Stück in so vollendeter Form herausgebracht hat, wie diese dreiaktige Komödie. Da war jeder der Spieler absolut sicher in der Beherrschung seiner Rolle und jeder stand genau auf dem richtigen Platz, dort, wohin er gehörte. So war es möglich, den Zuschauern eine Aufführung zu zeigen, die keinen Wunsch offen ließ un der Beifall, der bei jdem Aktschluß und bei der Beendigung des Stückes aufklang, mag den Spielern und ihrem Spälbaas Rektor Heinrich Frese schönster Lohn gewesen sein. Leider ist es immer noch so, daß viele der Zuschauer den Sinn einer plattdeutschen Komödie nicht erfassen. Es war gestern abend beispielsweise so, daß gerade bei den Szenen laut und ohne Hemmung gelacht wurde, in denen auf der Bühne die tragischsten und ergreifendsten Dialoge gesprochen wurden. Dieses Stück von Paul Schurek ist ein Spiegelbild des Lebens und der Menschen. Es ist selten einem niederdeutschen Dichter so gut gelungen, die menschlichen Fehler und Schwächen, auch seine Güte so klar und treffend zu zeichnen, wie es Schurek gelang. Und es lag absolut kein Grund dafür vor, dann in Heiterkeit auszubrechen, wenn der eine oder der andere der Muskantenin seiner Not nicht mehr ein noch aus wußte und in seiner Art eine Lösung des Konfliktes herbeizuführen suchte. Die plattdeutsche Sprache ist zu schade, um zu einer bloßen Ausdrucksform einer oberflächlinchen Lächerlichkeit herabzusinken. Aber das ist eine Sache der Autoren und der Niederdeutschen Bühnen, hier erzieherisch auf die Besucher der plattdeutschen Bühnen einzuwirken.

Mit großer Freude haben iwr gestern abend geshen, daß die Niederdeutsche Bühne in Adolf Marxfeld eine wertvolle neue Kraft gwonnen hat. Sein Jan Lünk war schlechthin eine meisterliche Leistung in Sprachbe und Mimik.. Getrieben von einer verzehrenden Unrast, ewig unzufrieden mit sich selbst und der Welt, kommt er sich unverstanden und ausgestoßen vor wie ein Stiefkind des Glücks. Seine Sucht, etwas zu gelten, nicht immer der armselige Straßenmuskant zu bleiben, treibt ihn dem Wahnsinn nahe, läßt die Kameradschaft zwischen ihm und seinen beiden Freunden fast zerbrechen und gefühllos werden, gegen die aufopfernde Liebe einer Frau. Adolf Marxfeld hat seine Aufgabe vorbildlich gelöst.

Überrascht waren wir von Erich Stamereilers, der gestern abend zum ersten Male als Emil Spittel eine größere Rolle hatte und ihn in vollendeter Form Ausdruck gab. Ruhig und überlegen stand dieser Musikant , der die zweite Trompete spielte, zwischen seinen beiden Freunden, gleichsam Brücke des Ausgleichs zwischen zwei grundverschiedenen Temperamenten. Sein Los, ein armer Straßenmusikant zu sein, hinderte ihn nicht daran, dem trotz alledem so schönen Leben die kleinen Freunden abzugewinnen und zufrieden zu sein. Groß und überlegen wurde dieser Emil Spittel in dem Augenblick, da er seiner "Mudder Witt" aus der Not helfen will, ihrem Kind ein guter Vater werden will. Er wird zum Begriff der helfenden und verstehenden Selbstlosigkeit in diesem Augenblick. Erich Stamereilers spielte diesen Spittel, wie man es nicht besser verlangen konnte.

Würdig reihte sich den beiden Trompeten der Baß an, den Johannes Nottelmann vertrat. Wenn wir sagen, daß dieser Spieler von Aufführung zu Aufführung reifer und besser wird, ist das keine Übertreibung. Als Hein Dickback war er in der gestrigen Aufführung genau das Gegenteil zu Jan Lünk. Er hat lle Hoffnungen fahren lassen und sieht sein Heil in einem kräftigen Schluck Schnaps. Eienn anderen Ehrgeiz hat er nicht mehr, so sher hat das Leben ihm mitgespielt. Wenn Hein Dickback sagt: "De Welt is voll giftige Schlagen und Poggützen!", dann liegt darin die ganze Ablehnung der Menschen und der Welt. Er lehnt alles ab und spürt, daß das Leben ihm nichts mehr zu bieten vermag, sein Wertmesser ist Schnaps und Rum und sogar als er den Brillantenschmuck findet, mussGodemann, der hehlerische Wirt, ihm den Wert des Fundes in Grogs umrechnen. Johannes Nottelmann hat gestern wieder einmal gezeigt, daß er ein Darsteller niederdeutscher´Menschen ist, wie man ihn icht oft findet. Wir beglückwünschen ihn zuz dieser ausgezeichneten Leistung.

Nelly Schwarting stand als Grete Witt mitten zwischen den Straßenmusikanten, ihren drei großen Jungen. Mit der gewohnten Routine wurde sie mit ihrer nicht leichten Rolle fertig, sie nahm ihr Herz fest in die Hände, als ihr Liebster Jan Lünk leichtfertig zu der flotten Witwe Kathrin überwechselte und sie in ihrer Not allein lassen will. Sie, diese junge Mudder Witt, ist das Gewissen der drei Ausikaneten, sie tadelt und lobt mit Blicken und Worten und gleicht zwischen diesen verschiedenartigen Menschen aus, wo sie, kann, und wird von ihrem drei Jungen in ihrer Art anerkannt.

In der Rolle der Kathrin verstand es Therese Peters wieder einmal, alle Register ihrer Kunst zu ziehen. Ihre feurigen Blicke versprachen dem jungen Lünk viel und so gelang es ihr, den Mann von der Seite der Grete fortzuzeieh, um später doch in ohnmächtigem Zorn zu verzichten.

Als Wirt Godemann bot Hermann Beuß wieder eine prachtvolle Figur. Klein und eifrig in seiner Regsamkeit, als er bei dem kostbaren Fund seine Vorteil sieht, spielt er den Hehler in vollendeter Form und verhilft der Aufführung zu ihremn großen Erfolg. Die Niederdeutsche Bühne "Rüstringen" kann stolz auf solche Kräfte sein.