Wilhelmshavener Erstaufführung

EERSTENS KUMMT DAT ANNERS.....

Komödie in drei Akten von Walter Looschen

Inszenierung: Rudolf Sang
Bühnenbild: Hannes Kaebe

Souffleuse: Hanna Christoffers
Inspektion: Berta Herpel
Beleuchtung: Theo Pottbacker
Frisuren und Perücken: Rudolf-Helmut Kunze

Rollen und Darsteller
Peter Rix, Bauer auf Hammelskamp - Heino Aden
Matthes, Tagelöhner - Heino Aden
Mine Rix, seine Schwägerin - Erika Kaebe
Marie Reinke, seine Haushälterin - Hildegard Steffens
Wilhelm, Knecht - Günter Boye
Anna, Magd - Gisela Schmidt
Dr Hofmann, Rechtsanwalt und Notar - Kurt Röthel
Wulf, Wachtmeister - Wilhelm Pick

Bekommt Sie den Hof, fragen sich v.l. Günter Boye, Hildegard Steffens, Heino Aden, Erika Kaebe und Gisela Schmidt  - eine Szene aus "Eerstens kummt dat anners..." - Spielzeit 67/68 -

PRESSESTIMMEN

"Eernstens kummt dat anners..."

Schwindelkomödie mit Heino Aden in einer turbulenten Doppelrolle

von Gustav Remmling

Wilhelmshaven. Die rnächtigen Balken, die Decke und das Dach der guten Stube des Bauern Peter Rix auf Harnmelskamp - wieder ein gekonntes Bühnenbild von Hannes Kaebe - haben sich gewiß über so viel Erbschleicherei und SchwIndelei gebogen. Nun, Heimatdichter Walter Looschen hatte schon die richtige Nase für wirkungsvollen, volksgebundenen Humor, als er nach einer französischen Vorlage die Swinnelkomödle "Eerstens kummt dat anners" wirkungsvoll ins Niederdeutsche übertrug. Denn dieses Stück strotzt nur so von Situationskomik und wirkungsvollen Rollen, in denen sich die verschiedenartigen Temperamente der versierten Laienschauspieler der Niederdeutschen Bühne im Stadttheater Wilhelmshaven am Freitagabend nur so austoben konnten.

Speelbaas Rudolf Sang hatte wie stets mit sicherer Hand aus der Fülle seines spielfreudigen Ensembles die richtigen Typen in diesem unbeschwerten Spiel eingesetzt und wußte das Bühnengeschehen sehr aufgelockert und beweglich zu gestalten.

Heino Aden mimte den alten, aber pfiffigen Bauern Peter Rix in einer hervorragenden Maske. Klotzig reich wurde er umgirrt von einer verwitweten, geltungsbedürftigen Schwägerin und seiner nur aufs Geld erpichten Haushälterin, die sich beide bereits als künftige Ehefrau und Großbäuerin fühlten. Der listige, leider mit einem Herzfehler behaftete Alte, der sein letztes Stündlein über kurz oder lang kommen sah, machte sich einen Spaß daraus, die beiden Frauenspersonen gegeneinander auszuspielen und nebenbei auch der Magd Anna wohlgefällig die hinteren Rundungen zu tätscheln. All das gab dem ersten Akt den erforderlichen humorvollen Startschwung!

Erika Kaebe als Schwägerin Mine, vollbusig im dörflichen Sonntagsstaat, in prächtig gespielter aufgetakelter Jugendlichkeit und vielbelachter Verfressenheit, sah sich schon als Hofherrin schalten und walten. Neben ihr die selbst in ihrer Liebe zum Knecht Wilhelm kaltschnäuzige Haushälterin Marie Reinke, der Hildegard Steffens ein etwas zu tierisch-ernstes Profil gab. Eine Dosis Humor wäre vor allem im zweiten Akt angebracht gewesen, als sie den Knecht Wilhelm mit ins Komplott zog, denn was sie diesem von Günter Boye so prächtig gespielten liebenden Bauernknecht an krimineller Erbschleicherei geistig einbläute, war in ihrem Spiel städtisch empfunden und nicht, wie es sein müßte, bauernschlau ausgeheckt.

Dritter im Bunde war der Tagelöhner Matthes, der wegen seiner auffälligen Ähnlichkeit mit dem plötzlich am Herzschlag dahingeschiedenen Bauern Rix nach wohlausgetüfteltem Plan der Haushälterin mit angekleistertem Bart diesen für eine kurze Spanne ins Leben zurückrufen mußte, um dem schnell herbeigerufenen Notar ein zugunsten Maries gefälschtes Testament zu diktieren. Das gab für Heino Aden eine pfiffige und mit aller Raffinesse gespielte Doppelrolle, die dem langjährigen Laienspieler grandios gelang.

Den Notar verkörperte Kurt Röthel mit weltmännisch jovialer Sicherheit. Neben ihm mimte Wilhelm Pick einen würdehewußten, gesetzestreuen Wachtmeister Wulf, der auch mit dem Korb, den er von der Haushälterin Marie erhielt, standesbewußt fertig wurde. Günter Boye hatte als Knecht Wilhelm stets die Lacher auf seiner Seite. Wenn man aber meint, Gisela Schmidt als Nachwuchsdarstellerin unter "ferner liefen" bringen zu können, so belehrte sie mit ihrem Spiel selbst kritische Beurteiler eines Besseren. Mit ihr entwickelt sich ein Naturtalent, das mit der Gestaltung der Magd Anna eine völlig eigenständige Leistung aufwiest`

Wie dieses fröhliche Stück ausging? Nun, der Schwindel platzte, als der Notar die echte testamentarische Verfügung vom Tonband abspielte. Aber "Ende gut, alles gut', sonst wäre es keine Swinnelkomödie' .

Matthes (Heino Aden) und Wilhelm (Günter Boye) proben für den Auftritt als Peter Rix, Marie (Hildegard Steffens) assistiert dabei - eine Szene aus "Eerstesn kummt dat anners..." - Spielzeit 1967/68 -

Großartige Doppelrolle für Heino Aden

Beifall für die niederdeutsche Komödie "Eerstens kummt dat anners..."

Mit wohltemperiertem, freundlichem Beifall nahm das zahlreiche Premierenpublikum am Freitagabend die vorletzte Inszenierung dieser Spielzeit der Niederdeutschen Bühne ,.Riistringen" auf. Walter Looschens nach einem aus dem Französischen entnommenen Vorwurf geschriebene Swinnelkomödie "Eerstens kummt dat anners...."

Wurden die Zuschauer während des mit reichlichen Längen ausgestatteten ersten Aktes nicht recht warm, so wandelte sich dieser Eindruck in den beiden folgenden Akten völlig; die Zuschauer gingen begeistert mit und applaudierten auf offener Szene manche ausgezeichnete Leistung. Intendant Rudolf Sang, der auch diese Inszenierung mit souveränem Geschick besorgte, konnte sich auf sein Ensemble verlassen. Er mußte es können, weil das Stück von der Handlung her schwach ist. So kann man feststellen, daß der Erfolg in erster Linie den Spielern zuzuschreiben ist.

Längere Zeit hatten wir Heino Aden als Akteur auf der Bühne vermißt. Nun zeigte dieser Spieler in einer glänzenden Doppelrolle als schwerkranker alternder Bauer Peter Rix auf Hammelskamp und als verschmitzter Tagelöhner Matthes, der es faustdick hinter den Ohren hat, zu welchen Leistungen er fähig ist. Um eben diesen Bauern Rix, der sich dem Regiment der blitzsaubern Haushälterin Marie Reinke wohl oder übel beugt und nicht schlecht dabei fährt, dreht sich die Handlung, oder vielmehr um das Erbe des Hofbesitzers, der plötzlich stirbt, bevor er die Haushälterin heiraten kann.

Heino Aden gab dem Bauern bedächtige und durch allerlei Sorgen überschattete Züge und brachte Farbe in den ziemlich schleppenden ersten Akt. Eine sehr treffende Aussagekraft wohnte der Darstellung der Haushälterin Hildegard Steffens inne. Diese um ein spätes Glück bangende und kämpfende Frau, die selbst auf ihre Liebe zum Knecht Wilhelm verzichten will, als ihr der Bauer einen überraschenden Antrag macht, die sich aber nicht scheut, einen üblen Betrug einzuleiten, als der Bauer plötzlich stirbt, war bei Hildegard Steffens in den besten Händen.

Erika Kaebe als sehr auf ihren Vorteil bedachte Schwägerin Mine Rix des Hofbesitzers bot wieder eine ausgereifte Leistung und wirkte gekonnt in ihrer Derbheit. Günter Boye war die Rolle des Knechts Wilhelm anvertraut, der zwar ein Verhältnis mit der Magd Anna hat, jedoch eine Ehe mit der frischen jungen Haushälterin Marie herbeisehnt, die ihm unerreichbar erscheint, bis er sich auf den faustdicken Schwindel einläßt, den Marie ausheckt, Günter Boye wurde mit seinem Part ausgezelchnet fertig.

Mit spontanem Beifall quittierten die Zuschauer die oftmals ganz prachtvollen Ausdeutungen der Magdrolle, die Gisela Schmidt zu spielen hatte. Wie schon als etwas dümmliches Dienstmädchen Adeline in "De lüttje Wippsteert" gab diese Nachwuchsdarstellerin der Rolle der von dem Knecht ausgenutzten Magd Anna durchaus glaubhafte Züge. Wir glauben, daß von dieser Spielerin noch einiges zu erwarten ist, weil sie ein natürliches Spieltalent mitbringt.

Mit der gebotenen Zurückhaltung trat Kurt Röthel als Rechtsanwalt bei der Abfassung des Testaments mit dem angeblichen Bauern auf, während Wilhelm Pick als verwitweter Wachtmeister, der ebenfalls an ein später Eheglück mit der Haushälterin Marie denkt, gleichfalls gut ankam. Was Heino Aden als zum Erbschaftsbetrug bereiter Tagelöhner Matthes machte, dem es auch auf einen Hammeldiebstahl nicht ankam, war schlechthin nicht zu überbieten. Daß schließlich der Knecht Wilhelm, der sich als unehelicher Sohn des verstorbenen Bruders des Bauern Rix entpuppt, den Hof erbt und seine Marie dennoch heiführen kann, ist die glückliche Lösung der "Swinnelkomödie".

Daß trotz des erwiesenen Erbschaftsbetruges alle Beteiligten am Schluß zufrieden sind und Rechtsanwalt und Wachtmeister den versöhnlichen Mantel des Schweigens über eine üble Machenschaft decken, mag einen Juristen zwar nicht befriedigen, den Zuschauern jedenfalls war diese Lösung ganz recht, und sie dankten vor allem für eine darstellerische Leistung, für eine straffe Regie und ein millieuechtes Bühnenbild, für das wieder einmal in gekonnter Meisterschaft Hannes Kaebe verantwortlich zeichnete. bs

Schnell noch das Testament aufsetzen heißt der Plan  (v.l. Hildegard Steffens, Kurt Röthel, Güner Boye und Heino Aden)  - eine Szene aus "Eerstens kummt dat anners..." - Spielzeit 1967/68 -

Beifallumrauschte Premiere der Niedeutrschen Bühne

Swinnelkomödie mit karnevalistischem Effekt

"Eerstens kummt dat anners . . .' , zweitens als man unter den Frauenslü auf dem Hol Hammelskamp und auch im Publikum denkt. Und damit ist schon die erste Voraussetzung erfüllt, daß diese von Walter Looschen einer französischen Vorlage nachgedichtete Swinnelkomödie, die ihren Titel und diese Klassifizierung völlig zu Recht hat, als Beitrag der Niederdeutschen Bühne Rüstringen zum Wilhelmshavener Fasching vom Publikum dankbar entgegengenommen wird.

Aber, das merkten die Premierenbesucher am Freitag abend bald, diese unter der Regie von Rudolf Sang stehende Aufführung hat noch andere Trümpfe. Da ist zunächst Heino Aden mit seiner Doppelrolle zu nennen. Als Bauer Peter Rix, dessen buchstäbliche Bauernschläue alle Erbspekulationen in seiner Umgebung hinfällig macht, erscheint er glaubhaft, in Sprache und Haltung; sein Tagelöhner Matthes, in seinen Eigenheiten zugunsten des Effektes in manchen Szenen sehr stark betont, ist geradezu köstlich.

Die Frauensleute um Bauer Rix haben es in sich. Jedenfalls müssen sich das die Zuschauer sagen, sobald sie Erika Kaebe als Schwägerin Mine Rix, Hildegard Steffens als Haushälterin Frau Reinke und Gisela Schmidt als Magd Anna auf der Bühne sehen; die erste als ein Wunder von Gefräßigkeit und Gier und insgesamt eine Karikatur auf die vom Leben noch nicht restlos befriedigte Witwe um die fünfzig, die zweite sauber und adrett und erst auf den zweiten Blick erkennbar als nüchterne Rechnerin um ihr künftiges Los, die dritte als eine Gehilfin, über deren sehenswerte Schnoddrigkeit man die Nase rümpft und zugleich staunt.

Auch der von Günter Boye verkörperte Knecht Wilhelm, groß und behäbig gerade in Details überzeugend nachgezeichnet, paßt ins Milieu, in dem zwischen drei Männern und drei Frauen nicht wenlger als sechs verschiedene Heiratsprojekte ins Gespräch kommen. Kurt Röthel als Rechtsanwalt Dr. Hofmann und Wilhelm Pick als Wachtmeister Wulf, die Hannes Kaebes stilechte Bauernstube (fast) zum Tribunal werden lassen, haben ebenso ihren Anteil daran, daß diese Aufführung eine "runde Sache" werden kann.

Dieser Ansicht war am Premierenabend auch das Publikum. Es spendete reichlich Beifall beeindruckt von einem Stück, das nicht mehr sein kann, aber dank Leitung und Leistung des Ensembles auch nicht mehr zu sein braucht, als ein abendfüllendes Karnevalsvergnügen. (wg)

Nun wird´s eng für den Schwindel (er) Matthes (Heino Aden), der Wachtmeister (Wilhelm Pick) steht schon parat - eine Szene aus "Eerstens kummt dat anners..." - Spielzeit 1967/68