fünfte Gemeinschaftsinszenierung
1. Wiederaufführung (2), davor 1955/56 gespielt

DE FALL HANSEN

(nach dem Kriminalroman "Die Spur im Hafen" von Georg von der Vring)
Kriminalschauspiel in 6 Bildern von Walter A. Kreye

Inszenierung: Rudolf Plent a.G.
Bühnenbild: August Ahlers a.G


Bühnenbildbau: Enno Buß, Alfred Christoffers
Idee und Planung: Willy Beutz
Regieassistenz: Hans-Hermann Plodeck, Oldenburg
Inspizientin: Berta Herpel, Wilhelmshaven
Souffleuse: Margrit Antonschmidt, Oldenburg

Rollen und Darsteller
Peter Tewes, Assessor - Norbert Pfeiffer, Brake
Frau Jürgens, Haushälterin - Hildegard Steffens, Wilhelmshaven
Dr. Sievers, Arzt - Manfred Kaschel, Oldenburg
Adelheid Stege - Roswitha Bertz, Wilhelmshaven
Van der Zandt - Peter Blohm, Brake
Hannes Clausen - Heinrich Brockmann, Wilfried Dirks, Jever
Dora Renken - Edith Beyer, Delmenhorst
Visser, Seemann - Ingo Feith, Jever
De Grut, Konsul - Karl-Heinz Herpel, Wilhelmshaven

Norbert Pfeiffer (Brake) und Hildegard Steffens (Wilhelmshaven) gehören zum ausgefeilten Ensemble

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Ein spannendes Kriminalspiel

Der Autor Walter A. Kreye zur Premiere nach Wilhelmshaven gekommen

Von Barbara Schwarz

Den herzlichen Beifall des Premierenpublikums konnte der Autor Walter A. Kreye am Freitagabend persönlich in Empfang nehmen, er war zur Premiere seines Kriminalschauspiels "De Fall Hansen" nach Wilhelmshaven gekommen. Diese fünfte Gemeinhaftsproduktion von fünf dem Niederdeutschen Bühnenbund Niedersachsen & Bremen angeschlossenen Bühnen, die in wenigstens zwölf Spielorten gezeigt werden soll, kann sich sehen lassen, auch wenn am Premierenabend die Technik (Licht, Vorhänge) noch etwas in den Scharnieren quietschte - im übertragenen Sinn.

Es ist allein schon eine bewundernswürdige Leistung von Bühnenbundpräsident Willy Beutz eine solche Gemeinschaftsproduktion unter der Regie von Rudolf Plent vom Staatstheater Oldenburg überhaupt zu planen und zu organisieren.

Zehn Spielerinnen und Spieler von den niederdeutschen Bühnen Brake Delmenhorst, nburg, Leer und Wilhelmshaven, die alle keine hauptberuflichen Schauspieler sind, sondern wochentags ihren Beruf ausüben, haben dreißigmal an Wochenenden im Staatstheater Oldenburg geprobt. Diese einsame Anstrengung aller hat sich - davon kann sich das Publikum überzeugen - gelohnt, denn wohl kaum eine der beteiligten Bühnen hätte dieses spannende und ernste Spiel so hervorragend besetzt allein auf die Beine stellen können.

Vorwurf für Walter A. Kreyes "De Fall Hansen" ist Georg von der Vrings Roman "Spur im Hafen", ein unheimlicher Kriminalfall, der um 1840 in Elsfleth bei von der Vring Werderfleth genannt spielt. In dieser kleinen Hafenstadt kommt Hafenbaumeister Iko Dietrich Tews durch einen vermeintlichen Unglücksfall um. Aber sein Neffe, der Assessor Peter Tews, glaubt nicht an ein Unglück. Er versucht gemeinsam mit dem Arzt Dr. Sievers und seinem Freund Hannes Clausen hinter die geheimnisvollen Umstände des Todes seines Onkels zu kommen und findet schließlich die Spur seines Mörders.


Eine eindrucksvolle Geschichte wird erzählt - v.l. Norbert Pfeiffer (Brake), Roswitha Bertz (Wilhelmshaven), Edith Beyer (Delmenhorst), Manfred Kaschel (Oldenburg)

Auch zwei weitere Morde, die an dem Lübecker Ehepaa Hansen - darum heißt das Stück bei Kreye "De Fall Hansen" , die schon der ermordete Hafenbaumeister aufklären wollte, deretwegen er sterben mußte, werden schließlich gesühnt. Walter A. Kreye hat von der Vrings Roman sehr bühnenwirksam von allen nicht wesentlichen Nebenhandlungen und Figuren befreit. Er hat auch den geschichtlichen Hintergrund die Studentenunruhen in den 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, die Flucht Prof. Hoffmann von Fallersleben nach Helgoland, die heraufdämmernde 48er Revolution ausgeklammert und sich auf den Mordfall konzentriert.

Spannende Aktschlüsse verblüffen immer wieder und lassen das Spiel bis zum Schluß für alle offen, die Roman oder Schauspiel noch nicht kennen. Bis auf das Schlußbild kann die Handlung im Arbeitszimmer des ermordeten Hafenbaumeisters Tews spielen. Umbauten sind so unnötig, das Spiel ist die Technik erst einmal eingespielt kann sehr zügig laufen.

Alle Spielerinnen und Spieler gehen das wurde bei der Premiere sehr schön deutlich voll in ihren Rollen auf. Norbert Pfeiffer (Brake) spielt den jungen Assessor Tews als einen sympathischen, aufrechten norddeutschen Typ, den die leidenschaftliche Liebe zur Pflegetochter von Konsul de Grut in Zwiespalt zur Pflicht bringt. Roswitha Bertz (Wilhelmshaven) füllt die schwere Rolle des jungen Mädchens, das das Unheil kommen sieht und darum zunächst in der Flucht einen Ausweg sucht, voll aus.

Karl Heinz Herpel (Wilhelmshaven) , der vor wenigen Jahren noch in Inszenierungen der Niederdeutschen Bühne Rüstringen jugendliche Liebhaber spielte, ist hier ein ganz zwielichtiger, sehr autoritärer Ehrenmann. Großartig Hildegard Steffens (Wilhelmshaven) als Haushälterin Frau Jürgens. Peter Blohm (Brake) wirkt wie ein echter Seemann Heinrich Brockmanr er alterniert mit Wilfried Dierks (beide Jever) in der Rolle des Hannes Clausen spielt ei. nen aufrichtigen Freund, Manfred Kaschel (Oldenburg) einer gewissenhaften Arzt, Edith Beyer (Delmenhorst) eine arme Frau und Ingo Feith (Jever) einen brutalen Seemann. Es gab für alle Mitwirkenden herzlichen Beifall.

Das praktische, leicht transportierbare Bühnenbild entwarf August Ahlers vom Staatstheater Oldenburg, Enno Buß und Alfred Christoffers (beide Wilhelmshaven) haben es gebaut. Das spannende Spiel paßt unheimlich wie es ist, so recht in die dunkle Jahreszeit.

WILHELMSHAVENER ZEITUNG VOM 17. Oktober 1978

Plattdeutsches vor Fernsehkameras

„De Fall Hansen" mit der Niederdeutschen Bühne für III. Programm des NDR

Keine Scheu vor der Kamera auf der Bühne: (von links: Karl-Heinz Herpel, Roswitha Bertz, beide Wilhelmshaven, Norbert Pfeiffer und Peter Blohm, beide Brake, in einer Probe-Szene vor der Farbfernsehkamera. (WZ-Foto: Angst)

Studio-Stimmung im Stadttheater: Der Norddeutsche Rundfunk nahm für sein III. Fernsehprogramm Plattdeutsches aus Wilhelmshaven auf. Und trotz einiger Schwierigkeiten waren die Beteiligten vollauf zufrieden, als der Vorhang nach der letzten Szene des „De Fall Hansen"-Kriminalschauspiels wieder fiel.

Denn spannend war auch gewesen, was hinter den Kulissen vorging. Produktionsleiter Claus Trollmann, verantwortlicher NDR-Mann für diese Aufzeichnung, war eigens von der Elbe an die Jade gekommen: „Der Sendetermin 10. November drängte, wir wollten trotz sehr knapper Zeit für die Proben dennoch Nägel mit Köpfen machen."

Daß sich die Fernsehleute dabei mindestens einmal auf den Daumen klopften, lag weder an ihnen noch an der Niederdeutschen Bühne: Nun konnte man im Stadttheater wegen dessen Terminplanung ohnehin nur an zwei Nachmittagen proben, und da kam zur Generalprobe, die schon von den Fernsehkameras aufgenommen werden sollte, auch noch der Maskenbildner des Staatstheaters Oldenburg fast eine Stunde zu spät. Seine Entschuldigung: „Wir hatten noch eine Generalprobe, aber dann bin ich wie Stirling Moss über die Autobahn!" Obendrein hatte er auch noch die Perücken der Schauspieler bei sich.

So ziemlich alles andere hatte der NDR mitgebracht, aber pünktlich. Neue Kostüme für die Inszenierung ebenso wie ein neues Bühnenbild. So hatte Karl-Heinz Herpel beispielsweise lila Hosen durch die Spendierhosen des Fernsehens bekommen. „Die Farbkameras benötigen feinere Oberflächen, Qualität erfordert Aufwand," erläuterte Produzent Trollmann. Das Bemühen um Qualität mußte man dem NDR abnehmen, denn die Profis hinter den drei Kameras — sie nehmen sonsten auch das OhnsorgTheater auf — besonders aber Bildregisseur Marcus Scholz wurden wegen ihrer „phantastisch ruhigen Art" von den Schauspielern gelobt.

Für die Aufzeichnung auf Fernsehband waren ein Übertragungswagen, ein Magnetaufzeichnungswagen und einige Hilfsfahrzeuge im Theaterhof abgestellt. Sie bildeten das Symbol für rund 80 000 DM direkte Kosten und noch einmal diese Summe an indirekten Kosten, die der NDR für das Wilhelmshavener Spiel aufwendete. Das Arbeiten vor den drei Farbfernsehkameras hat den Schauspielern gefallen. Stolz nahmen sie die Überraschung des Fernseh-Teams zur Kenntnis, als sich herausstellte, daß alle Darsteller erst nach einem vollen Arbeitstag in abendfüllende, erst nach Mitternacht endende, Proben gingen.

Die schwierige Fernsehbearbeitung eines Stückes, das in seiner Inszenierung über 20 Male bereits gezeigt wurde, gelang nur durch konzentrierte Vorbereitung. Bildregisseur Scholz studierte die Wilhelmshavener Aufzeichnung bereits seit Wochen an Hand eines Fernsehmitschnittes geringerer Qualität, der mit nur einer Kamera aufgenommen worden war.

Das Eingehen auf die Technik machte den Schauspielern keine Schwierigkeiten, wenn es beispielsweise galt, eine Geste zu verzögern, bis die Kamera umgestellt worden war. Vielmehr war die Arbeit mit den „Fernseh-Profis" eine willkommene Gelegenheit, ein breites Publikum zu gewinnen, das eigene Können unter Beweis zu stellen und für die eigene Schulung etwas zu lernen. Und in der Umkleidekabine war fernsehgerechtes Bühnengeplauder zu vernehmen. Nach dem Trick befragt, wie sie denn auf Kommando weinen könne, antwortete Roswitha Bertz: „Da gibt es keinen Trick, die Tränen kommen dann von alleine."

Während Schauspieler und Techniker sich frisch machten und die Technik überprüften, stand Regisseur Marcus Scholz vor dem Vorhang und unterhielt die Zuschauer des vollen Hauses, bis um 20.40 Uhr das aufgezeichnet wurde, was am 10. November abends im III. Fernsehprogramm zu sehen sein wird. „De Fall Hansen", alles in Farbe, einschließlich Roswithas Tränen. dl

Geplauder in der Umkleidekabine unmittelar vor der Hauptaufzeichnung: (von links: Hildegard Steffens, Roswitha Bertz, Regisseur Marcus Scholz, Inspizientin Berta Herpel, NDR-Produktionsassistent Iben und Karl-Heinz Herpel.