Wilhelmshavener Erstaufführung

DE ENGEL CLAUDIA

Komödie in drei Akten von Friedrich Hans Schäfer
Inszenierung: Karl-Heinz Herpel

Bühnenbild: August Ahlers

Bühnenbildbau: Enno Buß, Alfred Christoffers, Karl-Heinz Goldenstein
Requisiten: Marga Goldenstein
Inspizientin: Berta Herpel
Beleuchtung: Erwin Telgmann, Peter Pfaus
Souffleuse: Hanna Christoffers

Rollen und Darsteller
Claudia Behrens - Hildegard Steffens
Meta, ihre Mutter - Rika Jung
Babendiek, Pastor - Kurt Röthel
Kaspersen, Lebensmittelhändler - Enno Buß
Rieke, seine Frau - Herta Tapken
Frees, Textilwarenhändler - Heino Aden
Meile, seine Frau - Karin Heyel
Alma Butzlaff - Helene Schneider
Thode, Schutzmann - Friedrich Müller

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Hilfe auf ganz unkonventionelle Weise

Niederdeutsche Bühne bereitete dem Publikum mit "De Engel Claudia" viel Spaß

von Ingrid Paus-Haase

"Da haben wir mal wieder so richtig lachen können", lautete der Kommentar einer jungen Theaterbesucherin nach der Premiere von "De Engel Claudia", die die Niederdeutsche Bühne am Sonntagabend vor fast gefüllten Reihen im Stadttheater aufführte. Diese Zuschauerin traf denn auch den Nagel auf den Kopf. Häufiger Szenenapplaus und langanhaltender Schlußbeifall bewiesen es.

"De Engel Claudia", eine Komödie von Friedrich Hans Schäfer, spielt in einer norddeutschen Kleinstadt um 1913. Ein zeitgetreues Bühnenbild von August Ahlers, gekonnt ausgeführt von Enno Buß und Alfred Christoffers, geschickt ausgewählte Requisiten und die historische Bekleidung der Schauspieler versetzte den Zuschauer in die Atmosphäre einer Wohnstube von ärmlichen, aber rechtschaffenden Kleinbürgern in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg. Er kann sich schon von dieser Ausstattung her gut vorstellen, wie es im Hause von Claudia Behrens und ihrer Mutter Meta zugeht.

Mutter und Tochter stehen denn auch im Mittelpunkt dieser Komödie, die soziale Probleme auf humorvolle Weise aufwirft. Claudia, eine tatkräftige und kluge Frau in mittleren Jahren, ist als der gute Geist in der Gemeinde hochangesehen und nicht mehr wegzudenken. Sie packt an, wo Not ist und sorgt auf ganz unkonventionelle Weise für Abhilfe.

Wie wenig angepaßt ihre Vorgehensweise wirklich ist, darüber läßt diese Komödie den Zuschauer nicht lange im unklaren: Claudia sieht an allen Ecken und Enden hilfsbedürftige Menschen. Da sie selber allerdings nur ein sehr bescheidenes Auskommen hat, nimmt sie sich die Dinge, die sie braucht, bei denen, die sie übrig haben.

Diese Situation sorgt nicht nur für Spannung, in ihr entlarven sich auch die anderen, sowohl betuchten Geschäftsleute in ihrer Doppelmoral und Unredlichkeit. Claudia Behrens, in überzeugender Weise von Hildegard Steffens gespielt, gerät zum Schluß dieser Komödie allerdings arg in Bedrängnis. Wie sich die Situation löst, sollte an dieser Stelle noch nicht verraten werden. Gesagt werden kann,daß den Zuschauern kein Happy End vorenthalten wird.

Würze in die verzwickte Situation um Claudia bringt vor allem ihre Mutter Meta Behrens, köstlich gespielt von Rika Jung. Der Zuschauer spürt, daß ihr die Rolle so recht auf den Leib zugeschnitten ist: Sie ist einerseits die tatkräftige, realistisch eingestellte Frau, die mit beiden Beinen auf dem Boden steht, andererseits die ein wenig spinnerte alte Frau, die an die ungewöhnliche Verbindung ihrer Tochter, überall als Engel bezeichnet, zum Herrgott glaubt. Immer trifft sie aber in ihren Äußerungen den Nagel auf den Kopf der Zuschauer weiß es, die Spielbeteiligten nehmen sie nicht ganz ernst.

Ebenso gelungen ist die Besetzung der anderen Rollen: Kurt Röthel als salbungsvoller, letztlich doch grundgütiger, wenn auch ein wenig weltfremder Pastor, bereitet dem Publikum mit seinem Werben um Claudia viel Freude. Als der reiche, schlitzohrige Lebensmittelhändler Kaspersen, dem zunächst einmal nur Brot, Wurst und Kartoffeln, zum Schluß aber ein Vermögen von dreißigtausend Talern fehlt, schenkt Enno Buß seinem Publikum wieder köstliche Minuten. Wenn er auftritt, da kann man sicher sein, darf herzhaft gelacht werden. Sein Liebeswerben um Claudia und vor allem auch seine zweideutige Verbindung zu Alma Butzlaff, temperamentvoll dargestellt von Helene Schneider, sind so köstlich, daß keiner diesem bulligen Kaufmann, der es doch so faustdick hinter den Ohren hat, böse sein kann.

Von den Kämpfen mit diesem Mann ganz ausgezehrt zeigt sich dagegen seine Frau Rike, die Herta Tapken überzeugend verkörpert. Auch der Textilwarenhändler Freese, Heino Aden spielt ihn mit der nötigen Schläue und Gerissenheit, zeigt im Laufe des Spiels immer mehr, genau wie Kaspersen, seine wahre Gesinnung. Als ehrliche Haut steht ihm dagegen seine Frau Miele, Karin Heyel, gegenüber. Als ein würdiger Vertreter der Ortspolizei erweist sich der Schutzmann Thode, Friedrich Müller, der in diesem Tohuwabohu um Gestohlenes gar nicht ganz verstehen kann, weshalb denn nun im Grunde keiner an der Aufklärung der Fälle interessiert ist.

Den Grund für den erneuten Diebstahl findet der Zuschauer dann in dem braven Schüler Karl Siegfried: Er ist der Neffe Claudias und taucht urplötzlich auf der Bildfläche auf. Sein sehnlichster Wunsch ist das Theologiestudium, und Tante Claudia soll ihm dazu verhelfen . . . Jürgen Tapken spielt diesen artigen Jungen gekonnt. "De Engel Claudia" ist rundherum ein Stück, das in der gelungenen Inszenierung von Karl Heinz Herpel seine Wirkung auf das Publikum nicht verfehlt.