Wiederaufführung

DE FÄHRKROOG

Dramatisches Gleichnis in drei Akten von Hermann Boßdorf

Inszenierung: Arnold Preuß
Bühnenbild: Arnold Preuß
Regieassistent: Willy Meinert

Bühnenbau: Alfred Christoffers, Bernhard Bertram, Walter Borraß,
Karl-Heinz Goldenstein, Erwin Hildebrandt, Uwe Rozga
Bühnenmaler: Herbert Ulbrich
Beleuchtung: Peter Pfaus
Inspizient: Willy Meinert
Souffleuse: Christine Fein
Requisiten: Marga Goldenstein

Rollen und Darsteller
De Kröger - Horst Karstens
De Krögersch - Roswitha Bertz
De Knecht - Manfred Janßen
De Deern - Dagmar Karstens
De Gast - Thorsten Könnecke

Das Eröffnunsbild vom "Fährkroog"

WILHELMSHAVENER ZEITUNG

Beeindruckender Boßdorf Abend

Niederdeutsche Bühne spielte erfolgreich "De Fährkroog"

Von Theodor Murken

Die Niederdeutsche Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven kann die Premiere von Hermann Boßdorfs dramatischem Gleichnis "De Fährkrog" am Sonntag als einen großen Abend verbuchen. Die Aufführung dieses Stückes, das zu den besten der niederdeutschen dramatischen Literatur gehört, stand der glanzvollen ersten Wilhelmshavener Aufführung dieses Stückes im Jahre 1920 mit Dr. Richard Ohnsorg als Kröger kaum nach.

Hermann Boßdorf schrieb dieses Stück im Ersten Weltkrieg und vollendete es 1917 "zwischen Schmerzen und Sorgen". Er, der schon 1921 im Alter von 43 Jahren verstarb, war von schwerem Leiden gezeichnet. Albrecht Janssen, der 1927, als Boßdorf 50 Jahre alt geworden wäre, sein Leben und sein Werk würdigte, schrieb über die Stellung Boßdorfs zum niederdeutschen Drama, er wollte es vom Materialismus befreien, alles Menschliche, alle Höhen und Tiefen ausschöpfen, aber wiederum im Endziel den Weg zur Höhe zeigen. "De Fährkrog" ist dafür das beste Beispiel: Die fünf Personen, die in diesem verrufenen Gasthof irgendwo an einem norddeutschen Fluß ihre Kämpfe miteinander austragen, symbolisieren das Menschenleben.

Die Inszenierung besorgte der Spälbaas der Niederdeutschen Bühne, Arnold Preuß, der auch das Bühnenbild bestimmte, den düsteren Raum des Kruges, um den der Sturm heult. Man erlebte eine straffe Aufführung, die in den oft kurzen Sätzen des Dichters die Handlung in eineinhalb Stunden vorantrieb. Hermann Boßdorf leitet das Stück mit einem Prolog ein. Für ihn schrieb er vor, er solle gesprochen werden bei "düsterer Speldäl, verdüsterten Toschauerraum, so dat man blot de Wöer hört, awer niks to sehn kriggt". Arnold Preuß ließ ihn vor dem Vorhang sprechen im Wechsel durch die fünf Darsteller mit dem Gesicht hinter einer Maske. Das war auch theaterwirksam, hatte aber den Nachteil, daß mancher Satz auch rein aktustisch nicht so intensiv eingehämmert wurde, wie Boßdorf es gewollt hat.

De Knecht (Manfred Janssen) macht sich an De Deern (Dagmar Karstens) ran.

Als der Vorhang sich hob, wurden die Zuschauer sofort in die unheimliche Atmosphäre des Fährkrogs versetzt durch die dunkle Szene, in die das "lütt schu Mädchen" (die Seele des Menschen verkörpernd) eintritt und, die Lampe entzündend, erschreckend den auf einem Stuhl sitzenden Knecht erblickt. Dieser bedeutet den Tod. Die Darstellerin des Mädchens, Dagmar Karstens, wurde ihrer ersten tragenden Rolle in jeder Weise gerecht, besonders in der Auseinandersetzung mit dem Knecht. Dieser Knecht von Manfred Janssen war wirklich der leibhaftige Tod, lang, knochig, mit kalkweißem Gesicht und harter drohender Stimme, dazu mit einer eindringlich wirkenden Aussprache des Plattdeutschen.

Der trinkwütige Kröger und die listige Krögersch als "Symbole" von Gier und allen niederen menschlichen Eigenschaften, wurden von Horst Karstens (der vielleicht für die nächsten Aufführungen das fehlerlose Sprechen noch etwas einübt) und, alle Küste der Verführung ausnutzend, von Roswitha Bertz verkörpert. Thorsten Könnecke hatte als der spät abends in den Fährkrog eintretende Gast als Mensch wie als Darsteller keinen leichten Stand. Er gefiel uns am besten im dritten Akt. Die Frühstückszene mit dem Knecht und die Auseinandersetzung um das Mädchen waren zweifellos auch darstellerisch Höhepunkte der Aufführung.

JEVERSCHES WOCHENBLATT

"En rug' Stück Wohrheit in en bunte Schal"

Boßdorfs spannendes Gleichnis von der Niederdeutschen Bühne erfolgreich aufgeführt

Von Jutta Schmidt

Wilhelmshaven. Als Hermann Boßdorf 1913 einen gesundheitlichen Zusammenbruch erlitt und der Arzt ihn bereits aufgegeben hatte, fühlte der Dichter selbst, daß seine Zeit für ihn noch nicht gekommen war. "Ich muß noch ein Drama schreiben", sagte Boßdorf, "über das die Welt die Augen aufreißen soll:' Und so entstand 1818 sein Meisterwerk "De Fährkroog". Die Niederdeutsche Bühne Wilhelmshaven führte dieses spannende Schauspiel als zweite Inszenierung am Sonntagabend mit Erfolg auf: Doch "De Fährkroog" ist nicht nur ein spannendes Niederderdeutsches Schauspiel, sondern auch ein Gleichnis. Ein Spiegelbild unseres Lebens. Denn die Darsteller symboliesieren ein Menschenleben.

Der raffgierige Wirt (Horst Karstens) und die lasterhafte Wirtin (Roswitha Bertz) in ihrem Element

Und so heißt es in dem Prolog von Hermann Boßdorf: "Keen Bang ' du Minschenkind, dat wi di quälen. Mit wiese Lehr un billige Moral, Un di dien Tied mit frame Döntjes stehlen, Bi de di aewel ward, slukst du jem dal: En Glieknis blot un Bispiel wölt wi spelen. En rug' Stück Wohrheit in en bunte Schal. Und de dat faten kann, de mag dat faten; Un de dat nich kann, mag't ok bliwen laten! Fünf Darsteller brauchte Arnold Preuß, um dieses Gleichnis darzustellen. Einen für die Gier, einen für die Leidenschaft, einen für den Tod, einen für die Seele und einen für uns selbst. Denn der Fährkroog stellt unser Leben dar. Der Gast darin, das sind wir selbst. Die Menschen in dem Krug, die uns das Leben schwer machen, das sind der Wirt, der die Habgier verkörpert, und die Wirtin als die Leidenschaft. Der Knecht, das ist der Tod und die Seele erscheint als junges Mädchen.

Ein junger Mann, der für viel Geld Haus und Hof verkauft hat, kommt in den Fährkroog. Er will auf die andere Seite, den Zug noch erreichen der nach Hamburg führt, sein Ziel ist Amerika. Doch der Sturm läßt ein Übersetzen nicht zu. Er muß eine Nacht im Fährkrobg bleiben. Eine Nacht in der er nicht weiß, ob erträumt oder wacht. Der trinksüchtige und gierige Wirt versucht als erster an das Geld zu gelangen. Fast scheint es so, als würde es ihm gelingen, doch da erscheint die Magd (Seele). Sie warnt den Gast vor dem Wirt. Und dann versucht es die herrschsüchtige und triebhafte Wirtin. Aber auch der Knecht, der Tod, streckt seine Hand nach dem jungen Mann aus. Aber weder die Gier, noch die Leidenschaft oder gar der Tod kommen an ihr Ziel. Denn der Gast hört up ehr Stimm, de Deern de is sien Seel!

Die Darstellung der Leidenschaft verkörperte Roswitha Bertz hervorragend. Sie spielte eine triebhafte Wirtin, die alles getan hätte für eine Nacht mit dem jungen Mann. Manfred Janßen als der Tod war kaum wiederzuerkennen.Seine Verwandlung als glatzköpfiger Sensemann ist beeindruckend wie seine schauspielerische Leistung dieser Rolle. Horst Karstens' Auftritt als gieriger versoffener Wirt machte ebenso Eindruck auf das Publikum wie Dagmar Karstens und Thörsten Könnecke, die als Magd und Gast ihre Rolle mit Bravour meisterten. Langanhaltender Applaus war der Dank des Publikums für dieses außergewöhnliche Niederdeutsche Schauspiel, daß von den Mitgliedern der Niederdeutschen Bühne eindrucksvoll und meisterhaft vorgetragen wurde.

Weitere Aufführungstermine sind am 6., 12., 19., 20. und 27. November jeweils um 20 Uhr im Stadttheater. Außerdem am 3. 11. im Ev. Gemeindehaus Sande und am 25. 11. in der Aula der Agnes Miegel Schule.

De Gast (Thorsten Könnecke) muss sich mit dem gefährlichen Knecht/Dood (Manfred Janssen) auseinander setzen