Oldenburgische Erstaufführung

MUDDER IS DE BESTE

(Das Fenster zum Flur)
Volksstück in fünf Bildern von Curth Flatow und Horst Pillau
Niederdeutsch von Fritz Wempner

Inszenierung: Arnold Preuß
Bühne: Arnold Preuß

Bühnenbau: Klaus Panka, Erwin Hildebrandt, Karl-Heinz Goldenstein, Frank Schmidt
Bühnenmaler: Herbert Ulbrich
Beleuchtung: Peter Pfaus
Inspizient: Helga Borraß
Souffleuse: Kathrin Schmidt
Requisiten :Marga Goldenstein

Rollen und Darsteller
Karl Wiese, Stratenbahnfahrer - Horst Jönck
Anni Wiese, sien Fro - Brigitte Halbekath
Herbert, ehr Söhn - Jürgen Tapken
Helen (alias Helene), ehr Dochter - Christine Fein
Inge, ok ehr Dochter - Maike Rosenberg
Dan, de Söhn van Helen - Matthias Welte
Erich Seidel - Claus Miehlke
Adam Kowalski - Günther Jaedeke

Dan (Matthias Welte) und Oma Annie (Brigitte Halbekath) verstehen sich auf Anhieb

Wilhelmshavener Zeitung vom 19. September 1989

Ein toller Start mit "Mudder is de Beste"

Erfolg für Niederdeutsche Bühne

Riesenerfolg für die Niederdeutsche Bühne beim Start in die neue Saison. Sie brachte das von Fritz Wempner vorzüglich ins Niederdeutsche übersetzte Volksstück "Mudder is de Beste" (Das Fenster zum Flur) von Curth Flatow und Horst Pillau heraus. Wer Inge Meysel in der Titelrolle im Fernsehen oder bei einem Gastspiel im Wilhelmshavener Stadttheater gesehen hat, sollte nicht meinen, das sei nun das unerreichte Optimum gewesen. Im Gegenteil. Brigitte Halbekath braucht sich weder hinter Inge Meysel noch hinter Heidi Kabel, die diese Rolle vor mehr als neun Jahren im Ohnsorg Theater spielte, zu verstecken. Ihre Anni Wiese ist so natürlich, so menschlich, so komisch und auch anrührend, so ohne jeden falschen Drücker, daß man meinen könnte: Die Frau wohnt nebenan. In ihrer so angenehm unprätentiösen Darstellung erkennt sicher mancher auch Züge der eigenen Mutter wieder.

Horst Joenck, endlich einmal nicht in einer Bösewichtrolle, spielt mit leisen Tönen Mudders Mann Karl Wiese; fein und ausgewogen. Ein ungemein liebenswerter Mann, der sich Mudders Regiment gern unterordnet. Während Maike Rosenberg als Tochter Inge so richtig schön motzig ihren eigenen Weg sucht und dabei doch ganz Mudders Ebenbild bleibt, zeichnet Christine Fein zurückhaltend die vom Leben im goldenen Amerika enttäuschte Tochter Helen. Jürgen Tapken als Studiosus findet ebenso wie Claus Miehlke als Klempner Erich und Günther Jaedeke als verliebt betrunkener Adam Kowalski genau den richtigen Ton. Erfrischend und erstaunlich sicher erstmals auf der Bühne als Helens Sohn Dan Matthias Welte.

Arnold Preuß, der Speelbaas der Niederdeutschen Bühne, hat das Erfolgsstück angenehm unsentimental und zügig inszeniert. Er hält dabei genau die Waage zwischen Komik und Tragik. Und das Bühnenbild die Wohnküche der Souterrain-Wohnung der Wieses, hat er auch noch entworfen. Beste Unterhaltung das Ganze. Und wer die im Theater sucht, sollte es wirklich einmal mit dieser Aufführung der Niederdeutschen Bühne probieren, auch wenn er nicht Plattdeutsch spricht. Zu verstehen ist dieses anrührende Stück um eine Mutter, die Treppen scheuert, damit es ihre Kinder einmal besser haben sollen, die Schicksal spielt, und damit die Familie fast ins Unglück stürzt, allemal. Das Premierenpublikum am Sonntagabend zeigte sich jedenfalls restlos begeistert und feierte Darsteller, Regisseur und Bühnenbildner sowie alle, die hinter den Kulissen am Gelin gen dieser frischen Aufführung mitarbeiteten, mit langanhaltendem, herzlichem Beifall.

Die beiden Schwestern Wiese (Maike Rosenburg und Christine Fein) haben sich viel zu erzählen, nachdem die ältere Schwester aus den Staaten zurück gekommen ist

JEVERSCHES WOCHENBLATT 20. September 2001

Happy Family und heile Welt Mudder is de Beste

Premiere bei der Niederdeutschen Bühne Wilhelmshaven

Wilhelmshaven (RS). "Gegen Mudder kannst du nich an", stellt Vater Wiese (Horst Jönck) resigniert fest; und er muß es wissen, nach 35 Ehejahren. Sie ist die Seele und der Motor der ganzen Familie. Fleißig, bescheiden, aber äußerst zielstrebig setzt sie (Brigitte Halbekath) alles daran, ihre Familie zusammenzuhalten, etwas aus ihren Kindern zu machen: "Ick will jo ok dat Beste för mien Kinner. Dat kann mi kieneen verdenken." rechtfertigt sie ihre Betriebsamkeit. Ja, sie mischt sich überall ein, kümmert sich mit besten Absichten um alles und jeden. Und der Erfolg hat ihr bislang recht gegeben. Ihr Mann ist immerhin ein rechtschaffender Straßenbahnfahrer.

Ihre Tochter Hellen (Christine Fein) hat angeblich einen Millionär in Amerika geheiratet. Die Karte vom Hochzeitsmenü im New Yorker Waldorf Astoria trägt sie wie eine Trophäe mit sich herum. Immerhin ist Hellen vor der Ehe mit einem Klempner (Claus Miehlke) bewahrt worden. Auch der Sohn Herbert (Jürgen Tapken) soll den sozialen Aufstieg schaffen: Sein Medizinstudium unterstützt die Mutter durch gute Hausmannskost und heimliches Lesen seiner Fachbücher und frühzeitiges Anwerben von zukünftigen Patienten. Und sie wird nicht müde, die ganze Nachbarschaft auf dem Laufenden zu halten über die Erfolge ihrer Muster Familie. Mutter Wiese gerät dabei ins Schwärmen, wenn sie zwischen Hausputz und Abwasch ihre bisherigen Erfolge wohlgefällig betrachtet und wehrt alle Zweifel ab: "Du liest doch keen beten Poesie." Happy Family, heile Welt.

Aber es zeigen sich Risse im kleinen Paradies: Tochter Inge (Maike Rosenberg) ist nur Kellnerin statt Primaballerina bei einem Ballett geworden, und ihre Schwester bewundert sie: "Du hest di dörsett." Zu allem Überfluß verliebt sich Inge in den polnischen Musiker Adam Kowalski (Günter Jaedeke), gegen den Protest ihrer Mutter: "Hier wart keen polnische Wirtschaft inföhrt!" Daß der Sohn Probleme mit dem Sezieren von Leichen und wenig Neigung zum Arztberuf hat, kann die Mutter noch beiseite wischen. Von den zunehmenden Schwierigkeiten ihres Mannes weiß sie noch nichts. Auch kann sie mit unerschütterlichem Optimismus erste Zweifel überspielen, als ihre Tochter Helen mit Sohn Dan (Matthias Welte) unerwartet aus den USA ohne Mann zurückkehrt...

Als sich erste drohende Wolken kommenden Unheils auftürmen und sich das vermeintliche Glück als Schwindel und Lüge zu entpuppen droht, sind sich die übrigen Familienmitglieder einig: "Dat dröff Mudder nie to weeten kreegen. Für sie soll alles bleiben wie ein Märchen. Eine dankbare, aber nicht leichte Rolle für Brigitte Halbekath, diese an sich sympathische, im Grunde ihres Herzens es nur gut meinende Frau zu spielen, der die Tochter Inge aus bitterer Erfahrung aber doch vorwirft: "Du hest'n Zartgeföhl as 'n Dampmaschin." Kontrastierend gedämpft spielt Horst Jönck den Vater, der neben der Frau, deren Stimme durch Beton geht, zwar Familienoberhaupt, keineswegs aber Herr im Hause ist.

Christine Fein in guter Erinnerung aus Brechts 'Puntila' bietet hier eine ganz andere Seite ihre darstellerischen Könnens. Sie bringt eine junge Frau auf die Bühne, die trotz persönlicher Enttäuschungen und in der Erwartung, ihre Mutter zu enttäuschen den Lebensmut nicht verliert. Maike Rosenberg gibt der Tochter Inge, dem schwarzen Schaf der Familie, jugendlichen Elan und Charme. Hin und her gerissen zwischen den Rollen des artigen Sohnes und des desillusionierten Studenten zeichnet Jürgen Tapken differenziert und glaubwürdig den Sohn Herbert. Und auch der Klempner hat sein Dilemma. Zwischen Wohlanständigkeit und dem Wunsch nach Glück, zwischen Biedermann und Liebhaber Claus Miehlke spielt die keineswegs leichte Rolle gut. Schwierig ist auch die Aufgabe für Günter Jaedeke, der den Polen als Außenseiter sensibel darstellen muß ohne die Figur billig zu diskriminieren. Sehr begeistert dabei Matthias Welte als Sohn Helens.

Regisseur Arnold Preuß hat ein qualifiziertes Ensemble zusammengestellt. Sehr behutsam, aber zugleich sehr entschieden arbeitet er an der Inszenierung. Er charakterisiert immer wieder Situationen und Personen, ermutigt die Darstellerinnen und Darsteller zum äußersten Einsatz, lobt gelungene Szenen, macht Mut, achtet auf Spielfluß und Dynamik. Er kann begeistern.

Aufführungstermine: jeweils um 20 Uhr 17., 23., 24., 30.9., 1., 14.10; jeweils um 15.30 Uhr 24.09., 01.10.

Vater und Sohn Wiese bei einem klärenden Gespräch - wer hett hier denn woll de slechten Oogen? (Horst Jönck - Jürgen Tapken)