Uraufführung

EEN ÖVERRASCHEN IS TO MINN

(Eine Überraschung ist zu wenig)
Eine Gaunerkomödie in zwei Akten von Peter Buchholz
Niederdeutsche Fassung von Arnold Preuß

Inszenierung: Horst Jönck
Bühnenbild: Horst Jönck

Beleuchtung: Peter Pfaus
Requisiten: Marga Goldenstein
Inspizientin. Helga Borraß
Souffleuse: Karin Heyel
Bühnenbildbau: Walter Borraß, Erwin Hildebrandt, Karl-Heinz Goldenstein, Frank Schmidt, Günter Neverla, Klaus Panka
Bühnenmaler: Herbert Ulbrich

Rollen und Darsteller
Henriette Loose, alias Ivonne - Brigitte Halbekath
Max, ihr Neffe - Jürgen Tapken
Sylvia - Christine Fein
Frau Treff - Hildegard Steffens
Caligari - Günter Boye
Frank Neumann - Rolf-Peter Lauxtermann

Ein Mitbringsel aus der Zirkunszeit von Ivonne (Brigitte Halbekath)

JEVERSCHES WOCHENBLATT vom 11. September 1990

Viele turbulente Höhepunkte

Premiere der Niederdeutschen Bühne: "Een Överraschen is to minn"

(st) Wilhelmshaven. Ein homosexueller Hund und eine kleptomane Tante wohl selten haben diese beiden Themen in einem Theaterstück Einzug gehalten. Bei der Komödie "Een Överraschen is to minn" (eine Überraschung ist zu wenig) der Niederdeutschen Bühne Wilhelmshaven, sorgen sie für witzige und turbulente Unterhaltung. Wer allerdings erwartet hatte, den Hund "Sir Archiebald" bei seinem Treiben auf der Bühne beobachten zu können, der sah sich getäuscht. Durchaus geschmackvoll wird "Sir Archiebalds" Liebesleben dem Zuschauer nur durch die Erzählungen der Darsteller mitgeteilt. Wenn er sich nicht gerade am Nachbarhund "Rudi" vergreift, plündert der adelige Vierbeiner mit Vorliebe Fischläden aus und sorgt damit bei seinem Besitzer Max für tiefe Sorgenfalten auf der Stirn und tiefe Einschnitte auf dem Konto.

Max, gespielt von Jürgen Tapken, ist Werbetexter und als solcher stets auf der Suche nach guten Werbesprüchen, die er verschiedenen Firmen anbietet. Richtigen Erfolg kann er allerdings nicht verzeichnen und sieht sich deshalb steten finanziellen Sorgen ausgesetzt. Sorgen macht ihm auch das Verhalten seiner Tante Henriette, die den Versuchungen in Kaufhäusern und Geschäften nicht widerstehen kann und immer wieder ihrer kleptomanen Veranlagung anheim fällt. Durch den Diebstahl eines Videorecorders wird sie der Kriminalpolizei auffällig und bei einem Hausbesuch der ermittelnden Kriminalbeamtin Sylvia (Christine Fein) verliebt sich Max in die junge Frau.

Während dessen sorgt Tante Henriette, hervorragend besetzt und gespielt durch Brigitte Halbekath, für weitere Verwicklungen. Als ehemalige Zirkusartistin unter dem Künstlernamen Ivonne, nimmt sie Verbindung mit ihrem alten Kollegen, dem großen "Caligari", auf. Zusammen mit dem ehemaligen Zauberkünstler, dargestellt durch Günter Boye, will sie das wertvolle Perlencollier einer bekannten Sängerin verschwinden lassen und bedient sich dabei auch ungeniert der Hilfe ihrer Nachbarin Frau Treff (Hildegard Steffens). Der Diebstahl gelingt und ruft die Kriminalpolizei auf den Plan. Aus dieser Situation heraus entwickeln sich amüsante und turbulente Szenen, die alle ein "Happy End" haben und in deren Folge auch Max endlich einen seiner Werbesprüche an den hünenhaften Frank Neumann (Rolf Peter Lauxtermann) verkaufen kann.

Der Autor dieser unterhaltsamen Komödie ist Peter Buchholz, bekannt aus vielen Fernseh und Rundfunkproduktionen. Ihm ist es gelungen, eine flüssige Story zu schreiben, der es an witzigen und turbulenten Höhepunkten nicht mangelt. Wohltuend ist auch, daß die Spieldauer des Stückes nicht über zwei Stunden hinausgeht und damit eine angemessene Spielzeit für ein Theaterstück eingehalten wurde. Kurzweilige und spannende Unterhaltung so könnte das Fazit für dieses im Wilhelmshavener Stadttheater uraufgeführte Stück lauten. Ein Verdienst gebührt auch Arnold Preuß, der das Stück ins Plattdeutsche übertragen hat. Unter der Regie von Horst Jönck ist es dem gesamten Team der Niederdeutschen Bühne gelungen, ein unterhaltsames Theaterstück zu inszenieren. Gemessen am langanhaltenden Beifall hat es auch dem Publikum gefallen.

Zwischen den Kuscheltieren bahn sich ein Kuschelverhältnis an (v.l. Jürgen Tapken, Christine Fein)

WILHEMSHAVENER ZEITUNG vom 11. September1990

Niederdeutsche beeindruckte mit heiterer Diebesgeschichte

"Een Överraschen is to minn" Sonntag uraufgeführt

Von Theodor Murken

"Een Överraschen is to minn", eine Gaunerkomödie des Westfalen Peter Buchholz, aus dem Hochdeutschen ins Plattdeutsche übertragen von Arnold Preuß, dem Leiter der Niederdeutschen Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven, fand bei der Uraufführung im Stadttheater eine stürmische Zustimmung. Zum zweiten Male hatte Arnold Preuß ein hochdeutsches Stück übersetzt, nachdem er mit Bertold Brechts "Herr Puntila und sein Knecht Matti" guten Erfolg gehabt hat. Hochdeutsche Stücke in die plattdeutsche Sprache zu übersetzen ist zwar kein neues Unterfangen (vor 60 Jahren sahen wir schon Hebbels "Maria Magdalena" in plattdeutscher Fassung), es hat sich aber in letzter Zeit stärker verbreitet. Wir sehen darin einen Gewinn für das niederdeutsche Theater, doch sollten auch die niederdeutschen Autoren nicht nachlassen, die Qualität ihrer Stücke zu verbessern.

Die Gaunerkomödie von Buchholz/Preuß erwies sich als bühnenwirksamer Schwank, in dem es tatsächlich an "Överraschungen" nicht fehlte. Überraschend war vor allem, was aus einer Kaufhausdiebin alles werden kann. Es war sehr erheiternd, wie sich das alles unter Mitwirkung einer schlauen Kriminalbeamtin entwickelte.

Horst Jönck hatte das als Regisseur und Bühnenbildner zugleich alles aufs beste eingerichtet, mit ansteigender Spannung, mit kluger Dosierung der Komik, mit flüssigem Ablauf des Geschehens. Auch hatte er daran gedacht, dem Mumiensarg, der in dem Stück eine eigentümliche Rolle spielt, die richtige Größe zu geben, damit die fast hünenhafte Gestalt von Rolf Peter Lauxtermann als am ganzen heiteren Spiel ahnungslos beteiligter Franz Neumann in ihm zum Verschwinden gebracht werden konnte.

Die Hauptperson bei allem war Brigitte Halbekath in der Rolle der Diebin Ivonne. Sie heißt eigentlich Henriette Lose, aber als Ivonne war sie einmal im Zirkus die Partnerin eines Zauberkünstlers, der als Caligari (von Günter Boye gut als "Mann von Welt" verkörpert) in Erscheinung tritt und den die Ivonne nun zu ihrem großen "Schlag" benötigt. Daß Brigitte Halbekath, die der Bühne über 20 Jahre angehört, schon von ihrer Großmutter her Theaterblut in den Adern hat, zeigte sie gleich zu Beginn der Aufführung, als sie die von ihr "besorgten" Spielsachen mit diebischer Freude auf dem Fußboden ausbreitete, laufen und tanzen ließ. Sie sorgt nebenbei auch für ihren Neffen Max (Jürgen Tapken), von Beruf Werbetexter. Dem fiel am Schluß noch der beste Reim ein.

Und dann Hildegard Steffens. Anfangs noch eine gesprächige, einfache Nachbarin Frau Treff, die um ihren Hund Rudi bangte, der "schlechten Umgang" mit dem Hund Ivonnes namens "Sir Archibald" habe. Dann aber diktierte ihr die Gaunerin eine Rolle zu, die sie als Weihnachtsmann aus dem Mumiensarg heraustreten ließ, um mit verstellter Stimme zu den Kindern zu sprechen. Das meisterte Hildegard Steffens so gut, daß sie die "Överraschungen" vergrößern half. Und schließlich ist Christine Fein zu nennen als die Kriminalbeamtin mit dem Vornamen Sylvia, die kriminalistische Schläue mit Charme verband. Von ihrem Charme ließ sich der Neffe Max verzaubern und mit ihrem kriminalistischen Feingefühl brachte sie alles zu einem heiteren Ende. Eine siebente Figur des Stükkes kam erst nach Schluß auf die Bühne, als der Beifall des vollbesetzten Hauses die Darsteller vor den Vorhang rief (mit ihnen auch Horst Jönck sowie die beiden Autoren Peter Buchholz und Arnold Preuß). Dieser siebente war "Sir Archibald", der herumstromernde Hund, mit seiner Vorliebe für Fische eines Fischgeschäfts. Ihm war der Beifall unbehaglich und Caligari mußte ihn fest an der Leine halten.

Frank Neumann (Rolf - Peter Lauxtermann hadert mit der Kette. Woher hat er sie - wissen die anderen etwas (v.l. Günter Boye, Brigitte Halbekath, Christine Fein, Jürgen Tapken)

NORDWEST-ZEITUNG vom 11. September 1990

Lange Finger, lange Pfoten

Uraufführung: "Feen Överraschen is to minn"

von Ernst Goetsch

Wilhelmshaven. Guter Zweck heiligt die Mittel - alle ? Peter Buchholz scheint es zu glauben. "Eine Überraschung ist zu wenig", dachte er sich, und so schrieb er denn ein Gaunerstückchen, das Überraschungen gleich serienweise auftischt. Doch keine hochdeutsche Bühne mochte darauf anbeißen. Aber dann kam Arnold Preuß seines Zeichens Leiter der Niederdeutschen Bühne Wilhelmshaven. Der führte sich den deftig gewürzten Zweiakter des westfälischen Enddreißigers zu Gemüte, witterte einen "satten Braten" und übersetzte den Schwank, der sich Komödie nennt, gewitzt in mundgerechte Mundart.

Das Ergebnis: Eine Uraufführung, die (urig komisch) auf Anhieb einschlug Sonntagabend im Stadttheater der Stadt an der Jade. Es sollte gelacht werden, und es wurde lauthals gelacht, immer wieder, obwohl doch nicht zu verkennen war, daß die Logik der Buchholz Story nicht weniger Löcher hat als ein Schweizer Käse. Das Publikum fand diesen frischen Käse "einfach dufte", das närrisch überdrehte Spiel von einer kleptomanisch veranlagten alten Dame und einem aus der Art geschlagenen Hund namens Sir Achibald "ganz schön verrückt". entsprechend satt fiel der Schlußbeifall aus (quasi ein Garantieschein für den Erfolg der im Stadttheater angekündigten sieben Wiederholungen).

Dreistes Manöver
Erlaubt ist, was gefällt... Das Buchholz Stück überfällt die Zuschauer förmlich mit Einfällen (ein paar weniger wären mehr gewesen): Tante Henriette, die liebenswert komische Alte, "organisiert" ein bißchen aber nur aus Gründen der Wohltätigkeit(!). Sir Archibald verleibt sich kostenträchtig Kaviar und Fischfilets vom Feinsten ein, und zwischen beiden seufzt und leidet Henriettes solider Neffe Max. Der versucht sich und die Seinen mit Werbetexten für eine Diebstahlversi
cherung und für Abführmittel über Wasser zu halten. Das Wasser würde ihm jedoch längst bis zum Hals stehen, wenn da nicht Sylvia wäre die von ihm vergötterte Kriminalbeamtin, die Herz über Pflicht stellt und Tantchens Ausrutscher zurechtzubiegen trachtet. Zum Beispiel auch Henriettes Coup mit ihrem ehemaligen "Meister", dem Zirkus Trickdieb a. D. Caligari alias Schmidt. Zum Beispiel auch Henriettes tolldreistes Manöver mit einer arglos naiven Nachbarin namens Treff, die eigentlich nur den Engel eines Wohltätigkeitsbasares spielen wollte, aber widerstrebend den Weihnachtsmann mimen muß, damit das sündhaft teure Collier einer promienten Sängerin "weggezaubert" werden kann in einen Mumiensarg.

Eine Klamotte? Eine niederdeutsche Millowitsch Variante.. ? Ja, beides! Aber wenn so etwas so "nett gemacht" wird, wie in diesem Fall durch die von Horst Jönck auf Tempo gebrachte, über alle Ungereimtheiten flott hinwegführende Regie, dann zählt Kritikasterei nicht mehr zumal mit Brigitte Halbekath als Henriette eine so überaus quirlig temperamentvolle, unwiderstehlich "herzige" Hauptakteurin auf der Bühne steht. Flankiert wird sie trefflich durch den tapsig wehrlosen Ton des Neffen (Jürgen Tapken), durch den charmentkühlen "Biß" des Ex Magiers Caligari (Günter Boye) und die entwaffnende Passivität der Nachbarin Frau Treff (Hildegard Steffens). Mit am Erfolg beteiligt: Christine Fein, die die Figur einer völlig untypischen Kriminalbeamtin mild veredelt, auch durch Rolf Peter Lauxtermann, der als entgeisterter Werbeagentur Chef klaglos in einen schrankhohen Mumiensarg flüchten muß.

Autor Buchholz ein vielseitig routinierter Spielmacher (Schauspieler, Regisseur im Kino, im Hör und Fernsehspiel) durft sich am Ende vor der Rampe. sonnen. Er sollte das dem Übersetzter Preuß und dem Regisseur J önck gutschreiben; denn die beiden außer der umwerfend komischen Brigitte Halbekath haben es geschafft, seiner vielfach überfrachteten Diebsstory die besten Seiten abzugewinnen