Niedersächsische Erstaufführung

BELINDA

(Belinda)
Schauspiel von Elmer Harris
Deutsch von Walter Firner
Niederdeutsch von Jürgen Pooch

Inszenierung: Michael Hermann a.G.
Bühnenbild und Kostüme: Barbara Kainer a.G.
Regieassistenz: Roswitha Bertz

Bühnenbildbau: Walter Borraß, Karl-Heinz Goldenstein, Erwin Hidlebrandt, Günter Newerla, Peter Bertram, Frank Schmidt, Klaus Panka
Bühnenmaler: Herbert Ulbrich
Beleuchtung: Peter Pfaus, Uwe Freiberg

Rollen und Darsteller
Belinda Prüß - Marion Zomerland
Karl Prüß, Belindas Vater- Günter Boye
Doktor Jan Röding - Arnold Preuß
Grete Prüß, Karl´s Schwester - Hanna Christoffers
Fritz Doormann - Manfred Janßen
Hein Thomsen - Günter Jaedeke
Fiet Harksen - Friedrich Müller
Gerda Peters - Annchen Warrings-Konken
Traute Hansen - Wilma Welte
Ursula Peters - Kathrin Schmidt
Pastor Assmussen - Karl-Heinz Schröder
Alma Lutz - Berta Brinkhoff
Kaufmann Hartmann - Ralf-Rüdiger Bayer
Hans und Peter Jensen (Doppelrolle) - Michael Hillers
Amtsdiener - Rolf-Peter Lauxtermann


Röding (Arnold Preuß) lehrt Belinda (Marion Zomerland) die Zeichensprache

NORD-WEST-ZEITUNG vom 12. Februar 1991

Stumm sein heißt nicht stumpf sein

Der Fall "Belinda" niederdeutsch interpretiert

von Ernst Goetsch

Wilhelmshaven. Ernste Töne sind in der niederdeutschen Theaterszene wieder gefragt. Wenn es dazu noch eines Beweises bedurfte, so wurde er am Freitagabend im Wilhelmshavener Stadttheater erbracht bei der nordwestdeutschen Erstaufführung der Mundart-Version des Schauspiels "Belinda" von Elmer Harris: Das Premierenpublikum folgt, nahezu atemlos, den neun Bildern vom Schicksal einer jungen Taubstummen, die in der geistigen Enge einer unaufgeklärten dörflichen Gemeinschaft vielfältiger Mißachtung wie brutalem männlichem Zugriff ausgeliefert ist. Am Ende wenn Belinda durch die einfühlsame Hilfe eines jungen Arztes zu eigenem Ausdruck aufbricht ist die Zustimmung zum Werk und zu dessen Interpretation einhellig stark. Belinda hat, die Zeichensprache erlernend, Zeichen gesetzt, und das Publikum bekundet, daß es diese mahnend aufrüttelnden Zeichen verstanden hat.

Wie so manches andere Stück, das derzeit über niederdeutsche Bühnenbretter geht, ist auch dieses ein "Import". Schon kurz nach dem Ende des zweiten Weltkrieges kam "Beinda" in deutsche Kinos. Jane Wyman (frühe Lebensgefährtin Ronald Reagans) wußte in der Titelrolle durch verhaltene, tiefgreifende Darstellung den peinich schwülstigen Titel der leutschen Synchronisation ,Schweigende Lippen" (!) zu bannen, bot Lernprozeß, wo Rührstück-Effekt vorgegeben zu sein schien. Ein paar Jahre später richtete Routinier Walter Firner, vom US Autor Harris autorisiert, die Szenenfolge für hochdeutsche Bühnen ein, und der Rest an Hollywood Touch wich, als Jürgen Pooch (Schauspieler des Ohnsorg Theaters) "Belinda" ins Niederdeutsche umsetzte.

Diese Mundart Fassung, zuvor nur in Flensburg und Hamburg vermittelt, erscheint in der Wilhelmshavener Inszenierung durch Gastregisseur Michael Herrmann als Konzentrat, das lokale oder regionale Bindung überspringend den jederzeit und überall wahrzunehmenden Kern der Handlung betont, den Appell zur Stützung jener, die als Behinderte nicht Mitleid, sondern verständnisvolle Begleitung brauchen. Herrmann, der 1959 in Oldenburg geborene, vom dortigen Theaterstudio geschulte, unterstreicht bei seiner Wilhelmshavener Aufgabe überzeugend, daß er die leisen Töne bevorzugt. Der ehemalige Elektriker, Bundeswehr Soldat und Justizangestellte treibt als freier Regisseur alle Darsteller zu einer dem Stück angemessenen, der Wirkung dienlichen Dämpfung von Charakterstrukturen selbst dort, wo sich (wie im Fall des Belinda vergewaltigenden Nachbarn Fritz) spektakulär dramatische Steigerungen anzubieten scheinen.

Die Bühnenbildnerin Barbara Kainer ist auf diesen Stil trefflich eingestimmt: Sie gibt (beim Einstieg) durch eine symbolhaft anmutende, nur schwach eingefärbte Schwarz Weiß Landschaft Belindas Isolierung stilvoll stückgerecht vor und bringt danach, maßvoll reduzierend, ein knapp den Spielrahmen stützendes Kulissen Gefüge, das optische Ablenkung vom bedeutsamen (weithin durch Gebärden bestimmten) "Dialog" ausklammert.

Marion Zomerland ist eine Belinda, die es versteht, glaubhaft zu machen, daß Stummsein nicht Stumpfsein bedeutet, Arnold Preuß ein Arzt, der gleichermaßen "gebändigt" seinen Part ausspielend Verständnis artikuliert, und Günter Boye weiß, den weiten Bogen zu spannen, wenn er als Müller (Belindas Vater) allmählich "wach" wird, die zuvor allzu leichtfertig gleichgültig verkannten Möglichkeiten der Tochter entdeckt. Auch allen anderen nicht zuletzt Manfred Janßen in der Rolle des ,unbefriedigten" zu schonungsloser Gewalt aufbrechenden jungen Nachbarn Fritz ist zu attestieren, daß sie differenziert Persönlichkeit formen. Nur im neunten Bild, in dem Belinda sich wegen Totschlags im Effekt (an Fritz) zu verantworten hat, gab es einen Knick, einen vermeidbaren Spannungsabfall. Dessen ungeachtet, alles in allem betrachtet: Ein respekterheischender Theaterabend, nichts verklärend, nicht oberlehrerhaft, sondern behutsam wegweisend. Laßt Stumme "sprechen"!

Mit Spannung wird das Ende der Gerichtsverhandlung erwartet (v.l. Friedrich Müller, Annchen Warrings-Konken, Karl-Heinz Schröder, Berta Brinkhoff)

WILHELMSHAVENER ZEITUNG und ANZEIGER FÜR DAS HARLINGER LAND

Wortlos das Publikum in den Bann gezogen

"Belinda" an Niederdeutscher Bühne

von Ernst Richter

Ins Rampenlicht tritt eine junge Frau. Sie begrüßt das Publikum in der Gebärdensprache der Taubstummen. Dann dreht sie sich um. Der Vorhang öffnet sich, gibt den Blick frei auf einen Platz mit Fenstern wie Augen mit flüsternden Mündern. Dörflicher Alltag mit Klatsch und Tratsch, mit den täglichen Sorgen und Freuden. Die Niederdeutsche Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven bewies Mut, als drittes plattdeutsches Theater, nach dem Ohnsorg Theater Hamburg und der Nedderdüütschen Bühne Flensburg, dieses handlungsstarke Schauspiel in den Spielplan aufzunehmen. Autor ist Elmar Harris, Deutsch von Walter Firner und ins Niederdeutsche übertragen von Jürgen Pooch.

Marion Zomerland verkörpert im wahrsten Sinn des Wortes die Wilhelmshavener Belinda, dieses geschundene, von Geburt an taubstumme Mädchen, das in dem Dorfarzt Dr. Jan Röding, dargestellt von Arnold Preuß, einen echten Freund findet. Er lehrt der "Stummen", wie Belinda im Dorf so genannt wird, die Gebärdensprache der Taubstummen. Das Mädchen blüht auf, gewinnt Freude am Leben. Bis zu dem Tag, als der brutale Fritz Doormann, gespielt von Manfred Janßen, Belinda Gewalt antut. Die junge Frau läßt nicht erkennen, wer der Vater ihres Kindes ist. Die Dörfler zereißen sich ihre Mäuler: "Wer könnte es sein? Vielleicht der Doktor, der sich doch so sehr um die ,Stumme` kümmert? Die Folge: Seine Praxis bleibt leer. Er muß zurück in die Stadt, um Geld zu verdienen.

Das tragische Geschehen nimmt seinen Lauf. Karl Prüß, Belindas ballerbülliige Vater, hat eine Wandlung durchgemacht. Er steht zu seiner Tochter, verteidigt sie. Dann stürzt er eine Klippe hinab und kommt dabei um. Fritz Doormann, in den Augen der Dorfgemeinschaft ein "guter Mann", will nun das Kind adoptieren, weil seine Ehe Kinderlos geblieben ist. Und der Dorfpastor Asmussen, die Rolle übernahm Karl Heinz Schröder, gibt den Segen dazu, "damit das Kind in gute Hände kommt . Schließlich gesteht Fritz seiner Frau Traute, daß er der leibliche Vater des Kindes ist. Vor Gericht klärt sich alles auf.

Als Gastregisseur hat Michael Herrmann den Handlungsablauf zusammengezogen. Aphorismenhaft die Szenenfolge. Andere Bühnen hätten vermutlich den Vergewaltigungsakt möglichst realistisch und voller Brutalität dargestellt. Hier wurde er angedeutet, das Publikum verstand, und die Handlungsdichte blieb bestehen. So lief eine äußerst spannende wie sozialkritische und von keinen Längen unterbrochene Handlung ab, in der Marion Zomerland als taubstumme Belinda einen großen Part überzeugend ausfüllte.

Marion Zomerland findet in Arnold Preuß als Dr. Röding und Günter Boye als Vater zwei spielfreudige Partner, die den tragischen Ernst der Handlung zu transformieren verstehen. Auch der unmittelbar betroffene Personenkreis wird von Hanna Christoffers in der Rolle der Schwester des Müllermeisters sowie Wilma Welte und Manfred Janßen als Adoptivpaar. Friedrich Müller als Schlachter Fiete Harksen, Karl Heinz Schröder als Pastor Asmussen und Rolf-Peter Lauxtermann als Amtsdiener beifällig dargestellt.

Natürlich fehlen auch nicht die Klatsch und Tratschtanten. personifiziert von Annchen Warrings Konken und Katrin Schmidt. In den weiteren Rollen runden Berta Brinkhoff. Ralf-Rüdiger Beyer. Michael Hillers und Günter Jaedeke das Ensemble ab. Das Bühnenbild. Straßenszene, Mühle und Gerichtsgebäude. wurde von Barbara Keiner (als Gast) teils gegenständlich. teils stilisiert und unterstützt von eingeblendeten Bildreflexionen entworfen. Es paßte szenisch zu den neun Bildern dieser sehr gelungenen Aufführung. Das Ensemble wurde von dem Publikum mit herzlichem Beifall verabschiedet.

Vadder Prüß (Günter Boye) ist mit der Erziehung seiner Tochter Belinda (Marion Zomerland) überfordert

JEVERSCHES WOCHENBLATT

Ergreifendes Stück um eine Taubstumme

Niederdeutsche Bühne hatte mit "Belinda" in der Fassung von Jürgen Pooch Premiere

(ce) Wilhelmshaven. Wer bisher mit plattdeutschem Theater Komödien gleichsetzte, sollte sich Elmer Harris's Stück "Belinda", das von der Niederdeutschen Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven in der Fassung von Jürgen Pooch aufgeführt wurde, unbedingt ansehen. Das Schauspiel schildert die Geschichte der taubstummen Belinda Prüß (Marion Zomerland), die in harter, z. T. spießig kleinbürgerlicher Umgebung, die wenig Rücksicht auf sie und die besonderen Umstände nimmt, aufwächst. Von allen nur "die Stumme" genannt, lebt sie geistig völlig vereinsamt und fern der Zivilisation. Man hält sie in ihrer Umgebung für dumm, obwohl der Vater Karl Prüß (Günter Boye) weiß, daß seine Tochter alles andere als das ist. Die bedrückende Situation ändert sich für Belinda erst, als sich Dr. Jan Röding (Arnold Preuß) ihrer annimmt und sie in der Zeichensprache unterrichtet, mit der Belinda lernt, sich ihrer Umwelt verständlich zu machen.

Der Regisseur Michael Herrmann und das Ensemble verstehen es, die Anteilnahme am Schicksal des tauben Mädchens zu wecken. Zunächst wirken die wortarmen Passagen des Dr. Röding mit Belinda etwas fremd, aber nach kurzer Zeit nimmt der Zuschauer teil an der Zeichensprache, die die einzig mögliche Kommunikation für einen Taubstummen darstellt. Zeitweise ist das Publikum so gefaßt von den "Dialogen" auf der Bühne, daß man die sprichwörtliche Stecknadel hätte fallen hören können. Und das ist wohl auch das Besondere dieses Schauspiels; der Zuschauer gewinnt Verständnis für die nichthörenden Menschen, denen die Anteilnahme am "normalen" Leben so unvorstellbar erschwert ist.

Marion Zomerland spielt ihre Rolle als Belinda sehr ergreifend. Die Schwierigkeit, den Charakter einer Perso ohne ein einziges Wort darzustellen, ist sehr groß, kann sich doch nur mit Gebärde und Mimik die Rolle spielen. Gerade in den Szenen mit Arnold Preuß als einfühlsamen Dr. Röding, der sich trotz des Widerstandes aller nicht von seinem Ziel abbringen läßt, wird der besondere Reiz dieser Aufgabe deutlich.

Günte Boye überzeugt in der Rolle als Vater von Belinda, der anfangs nichts von der "neuen Sprache" seiner Tochter hält aber zunehmend davon ergriffen wird. In weiteren Rolle: sind Berta Brinkhoff, Hanna Christoffers, Kathrin Schmidt, Annchen Warrings-Konken, Wilma Welte, Ralf-Rüdiger Bayer, Michael Hillers, Manfred Janßen, Günter Jaedeke, Rolf-Peter Lauxtermann, Friedrich Müller und Karl- Heinz Schröder zu sehen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß die Niederdeutschen nach dem Ohnsorg Theater und der Niederdeutsehen Bühne Flensburg die Dritten sind, die dieses wunderbare Schauspiel in ihrem Spielplan haben.

Dr. Röding (Arnold Preuß) kann Belinda (Marion Zomerland)  beruhigen, das Kind kann hören