1. Wiederaufführung (2), davor 1970/71 gespielt

FRO PIEPER LÄÄVT GEFÄHRLICH

(Busy-Body - Keine Leiche ohne Lily)
Kriminalkomödie von Jack Popplewell
Niederdeutsch von Hans-Jürgen Ott
Wilhelmshavener Fassung von Arnold Preuß

Inszenierung Günter Boye
Bühnenbild Günter Boye

Bühnenbildbau: Walter Borraß, Karl-Heinz Goldenstein, Erwin Hidlebrandt, Günter Newerla, Peter Bertram, Frank Schmidt, Klaus Panka
Bühnenmaler: Herbert Ulbrich
Beleuchtung: Peter Pfaus, Uwe Freiberg
Inspizientin: Helga Borraß
Requisiten: Marga Goldenstein, Klaus Aden
Souffleuse: Roswitha Bertz

Rollen und Darsteller
Fro Pieper - Heidi Rausch
Brockmann, Kommissar - Klaus Aden
Schulz, Kriminalassistent - Michael Hillers
Ingeborg Henning - Luise Pampuch
Ulla Gerdes - Helga Lauermann
Robert Westphal - Manfred Janßen
Erika Reinhold - Katrin Schmidt
Richard Henning - Ralf-Rüdiger Bayer

Heidi Rausch ist Erna Pieper

Wilhelmshavener Zeitung

Wenn plötzlich eine Leiche wieder das Büro betritt und einfach lebt

Niederdeutsche spielten Komödie / Publikum war begeistert

(ce) Wilhelmshaven. Am zweiten Weihnachtstag fand traditionell die dritte Premiere der Niederdeutschen Bühne am Stadttheater Wilhelmshaven statt. Mit der Kriminalkomödie "Fro Pieper läävt gefährlich" von Jack Popplewell inszenierte Günter Boye eine schwungvolle und spannende Kriminalgeschichte, die auch in der deutschen Fassung von Christian Wölffer als "Keine Leiche ohne Lilly" bekannt geworden ist. Die plattdeutsche Fassung stammt von Hans Jürgen Ott, wobei die Niederdeutschen das Stück in einer speziellen Fassung von Bühnenleiter Arnold Preuß vor ausverkauften Hause darboten.

Doch nun zum Inhalt: Wenn beim Aufräumen im Büro plötzlich eine Leiche auf dem Boden liegt, wäre das wahrscheinlich für jeden ein gehöriger Schrecken. Nicht jedoch für Erna Pieper (überzeugend gespielt von Heidi Rausch), die resolute Putzfrau der Firma Henning Schiffsmaklerei. Ob das daran liegt, daß es sich bei dem Toten um den allseits unbeliebten Firmenchef Richard Henning handelt, mag dahingestellt bleiben. Schwierig wird es für Fro Pieper jedoch, als der Tote beginnt, mit einem Messer im Rücken das Büro zu wechseln, um dann gänzlich zu verschwinden.

Die eingeleiteten Ermittlungen der Polizei gestalten sich unter Leitung des korrekten Kommissars Willi Brockmann (Klaus Aden) äußerst schwierig, kann und will dieser doch ohne Leiche nicht an einen Mord glauben. Die Überraschung ist perfekt, als der vermeindlich Tote wieder lebt und sein Büro betritt. Doch wer nun glaubte, der Fall sei für Fro Pieper erledigt, der täuschte sich gewaltig. Mit gespitztem kriminalistischem Sachverstand geht sie den Dingen auf den Grund und bringt Detail für Detail an das Tageslicht aber mehr sei hier nicht verraten.

Mit Heidi Rausch ist die Rolle der Erna Pieper ideal besetzt. Sie versteht es, alle Register zu ziehen und spielt eine herrlich vorlaute, vor allem aber scharfsinnige Amateurdetektivin, die nach MissMarple Manier immer einen Schritt weiter ist als die Polizei. Und obwohl das Stück auf diese Rolle zugeschnitten ist, läßt Heidi Rausch ihren Mitspielern noch genügend Raum zur Entfaltung. Trotzdem hat es Klaus Aden in der Rolle des Kommissars Willy Brockmann schon schwer, die Fäden der Ermittlung in der Hand zu halten, zumal Erna Pieper eine alte Jugendfreundin ist und "ihrem Willi" die richtigen Hinweise nur bröckchenweise zuteilt. So kommt es, daß der Zuschauer gar nicht erst versucht, den Täter selbst zu entlarven, sondern gespannt darauf wartet, welches Beweismaterial Erna Pieper als nächstes aus dem Unterrock zaubert.

In weiteren Rollen spielen Michael Hillers (Kriminalass. Schulz), Luise Pampuch (Ingeborg Henning), Ralf Rüdiger Bayer (Richard Henning), Manfred Janßen (Robert Westphal), Helga Lauermann (Ulla Gerdes) und Katrin Schmidt (Erika Reinhold).

Ob Schimanski im Vergleich zu den Vorfällen in der Firma Henning das Sandmännchen ist, sollte jeder für sich selbst entscheiden. Den Zuschauern an diesem Abend hätte man diese Frage nicht stellen dürfen. Und so bedankte sich ein begeistertes Premierenpublikum mit langanhaltendem Applaus bei allen Darstellern, vor allem aber bei Heidi Rausch, "seiner" Fro Pieper.

Brockmann (Klaus Aden) verdächtigt alle und jeden (v.l. Helga Lauermann, Katrin Schmidt, Luise Pampuch und Heidi Rausch)

Wilhelmshavener Zeitung

Eine plattdeutsche Miß Marple

Viele Vorhänge für "Fro Pieper läävt gefährlich"

Von Theodor Murken

Welch ein "Zustand" auf der Bühne des Stadttheaters bei der neuen Premiere der Niederdeutschen Bühne, vielversprechend mit einer Leiche, die plötzlich nicht mehr vorhanden ist und doch fast zwei Stunden lang für Aufregung sorgt, bis sich schließlich noch in letzter Minute alles aufklärt! Daß diese Aufklärung einer schlichten Putzfrau gelingt, die selbst beinahe ein Opfer des Mörders wird, ist der eigentliche Clou dieser Kriminalkomödie, die der Engländer Jack Popplewell schrieb, Christian Wölffer ins Deutsche, Hans Jürgen Ott ins Plattdeutsche übersetzten und Spälbaas Arnold Preuß für die Wilhelmshavener einrichtete. Preuß hat seine Fassung nicht irgendwo in England, sondern in einem Büro an der Badestraße angesiedelt, und die Leiche wird im Heppenser Groden gefunden.

Die Anregung zu diesem Kriminalstück erhielt der Verfasser in einer englischen Stadt, in der ein zu großer englischer Bus in einer für ihn zu niedrigen Eisen bahnüberführung festklemmte. Was Experten ratlos machte, löste der "gesunde Menschenverstand" einer Putzfrau, nämlich mit dem Vorschlag, einfach die Luft aus den Reifenzulassen. So entstand denn das Stück "Keine Leiche ohne Lily". In der plattdeutschen Übersetzung ist aus Lily Piper eine Erna Pieper geworden. Sie findet früh morgens die Leiche und meldet das der Polizei, die aber keine vorfindet. Was dann folgt, ist von einer Turbulenz, die noch dadurch ihren besonderen "Pfiff" bekommt, daß Putzfrau und Kriminalkommissar sich als Jugendgespiele kennen und Erna Pieper ihn duzt und Willy nennt. Das bringt zu aller Verwirrung noch manche Würze mit in den Ablauf der Handlung.

Erna Pieper aber verfolgt durch Beobachtung und Verstand gleich Miß Marple die kriminalpolizeiliche Ermittlung, und sie entlarvt den Mörder. Das alles machte Heidi Rausch so überzeugend und beeindrukkend, daß sie vom vollbesetzten Haus den stärksten Beifall bekam und einen großen Anteil hatte an den vielen "Vorhängen", den die acht Darsteller bekamen. Die Regie von Günter Boye gab der Aufführung neben ihrem flotten Tempo noch so manche Feinheit und Szenen von durchschlagender Spannung. Dafür, daß es mancherlei Übertreibungen gab, war alles j a auch eine Komödie, und auch darin standen alle ihren Mann, wenn auch die "Topustersche" noch höllisch aufpassen mußte.

Klaus Aden als so herrlich verschnupfter Kriminalkommissar Brockmann und Michael Hillers als sein Assistent, Ralf Rüdiger Bayer als Firmenchef Richard Henning sowie Luise Pampuch als angeblich ungetreue Ehefrau, Helga Lauermann, Katrin Schmidt als die weiblichen, Manfred Janßen als den männlichen Angestellten der Firma. Der Chef, seine Frau und seine Angestellten mußten alle des Mordes verdächtig sein und der Chef sogar noch als der zunächst unbekannte Tote. Das führte zu allerlei Verwirrungen, ehe klar wird, wer von den Verdächtigen nun tatsächlich der Mörder war. Es lohnt sich, das spannende Spiel anzuschauen.


Ist Westphal (Manfred Janssen) der Gangster? (v.l. Michael Hillers, Ralf-Rüdiger Bayer)