Niederdeutsche Erstaufführung

DE KAKTUSBLÖÖT

(Fleur de cactus - Die Kaktusblüte)
Komödie von Piere Barillet und Jean-Pierre Gredy
Deutsch von Charles Regnier
Niederdeutsch von Arnold Preuß

Inszenierung: Arnold Preuß
Bühnenbild und Kostüme: Arnold Preuß, Marion Eiselé

Bühnenbildbau: Alfred Christoffers, Walter Borraß, Erwin Hildebrandt, Sönke Kiewitt, Karl-Heinz Goldenstein, Gesienus Thomas, Günter Newerla und Klaus Panka
Bühnenmaler: Herbert Ulbrich
Beleuchtung: Peter Pfaus, Uwe Freiberg
Requisiten: Marga Goldenstein
Inspizientin: Helga Borraß
Souffleuse: Annchen Warrings-Konken

Rollen und Darsteller

Ino Martens - Michael Kever
Anna Siemens - Petra Loschen
Stephanie Wienhold - Wilma Welte
Fro Dürchen-Benesch - Frieda Harms
Dr. Julius Deterding - Claus Miehlke
Norbert Obermüller - Manfred Janßen
Herr Koschnieder - Klaus Aden
Dat Vörjahr van Botticelli - Annette Risch

Bei Julius (Claus Miehlke)  und Stephanie (Wilma Welte) spielen die Gefühle verrückt

NORD-WEST-ZEITUNG vom 31. März 1993

Schwerenöter gerät ins Stolpern

"Die Kaktusblüte" sprießt jetzt auch auf Platt Erstaufführung in Wilhelmshaven

Von Ernst Goetsch

Wilhelmshaven. "Dieser Ring macht mich unverwundbar", prahlt Dr. Julius, Zahnarzt seines Zeichens. Und er verweist selbstgefällig auf den schlichten Schmuck am vierten Finger seiner rechten Hand. Da blitzt ein Ehering, der Julius (dem notorischen Junggesellen!) Schutz bei allen amourösen Abenteuern bieten soll Schutz vor allzu fester Bindung. Denn der smarte Julius liebt die Liebe, aber er scheut die Ehe wie der Teufel das Weihwasser.

Teufel auch . . .! Diese Geschichte ist nicht funkelnagelneu. Schon 1964 wurde sie von Jean Pierre Gredy und Pierre Barillet auf Pariser Vaudeville Bretter gewuchtet mit sensationellem Erfolg, der via Hollywood rund um die Welt lief (so 1967 in Bremen, so 1969 in Wilhelmshaven): Die Geschichte eines allzu gewitzten Einspänners, der am Ende über einen "Kaktus" stolpert, über seine vermeintlich allzu stachelige Vorzimmer Assistentin Stephanie.

Jetzt hat der schon ein bißchen angejahrte, aber immer noch sehr , jagdfreudige" Julien der französischen Urfassung als Julius eine niederdeutsche Zunge erhalten dank Arnold Preuß (Chef der Niederdeutschen Bühne Wilhelmshaven), der die hochdeutsche Übersetzung von Charles Regnier sprachlich "auf Platt" umsetzte etwas unpariserisch bedächtig, aber trotz unverkennbarem Tempoverlust insgesamt doch stimmungsvoll zündend. Preuß hat zwar seine "Kaktusblööt" nicht ganz so sicher und überzeugend in den Griff bekommen wie andere ausländische Knüller, die er bislang dem Niederdeutschen einverleibte, aber seine Übertragung ins etwas kühlere, nüchterner erscheinende Nordwest Milieu gedieh letztlich doch, weil mit Wilma Welte als Assistentin Stephanie eine Darstellerin agierte, die stilsicher und nuanciert Charakterkomik auszubreiten wußte (eine "Kaktusblüte", die ihren mehr auf schnurrige Situationskomik getrimmten Mitund Gegenspielern differenziertere Töne entgegensetzt).

Unter Julius (Claus Miehlke) und Stephanies (Wilma Welte) Eskapaden muss die nette Patientin (Frieda Harms) leiden.

Stärker als der Übersetzer und Regisseur Preuß erschien bei dieser Erstaufführung der neuen Version des witzig pfiffigen Bühnenulks der Bühnenraumgestalter Preuß; denn der versteht es, listig lustig Farb- und Lichttupfer in das neckisch angelegte Spiel von Verlegenheiten und Verwegenheiten eines Schwerenöters einzubringen. Wo andere (frühere) "Kaktusblüten" Züchter ironischanzüglich Evergreens einstreuten, vertraut Preuß auf Klassik, auf Sibelius zum Beispiel. Wo andere Spielbereiter forcierten Schwung bevorzugten, da serviert Preuß gemächlichen Ausdruck von unfreiwillig komisch wirkender Unvollkommenheit. Doch! So geht's auch! Und wenn's denn schon keine Offenbarung pyramidaler Lustspielkunst war so war es in Wilhelmshavef letztlich doch unzweifelhaft ein weiteres Beispiel für die Möglichkeit, scheinbar "fremden Stoff` zur Bereicherung niederdeutschen Theatervergnügens lustvoll nutzbar zu machen.

Die Premierengäste feierten spontan und lautstark auch das gesamte Umfeld der "Kaktusblööt": Claus Mielke als tapsig sympathischen Möchtegernhabenden (sprich: Julius/Julien), Petra Loschen als quicklebendig agierende Junggespielin und kritisch wertende Teilzeitgefährtin (sprich: Anna/Antonie) und alle anderen Akteure dieses Schmunzel- und Entlarvungsabends.

Norbert (Manfred Janßen)  und das Vörjahr (Annette Risch)  langweilen sich auf einer Partie

WILHELMSHAVENER ZEITUNG vom 30. März 1993

Erfolgreiche niederdeutsche Inszenierung: "De Kaktusblööt"

Lacherfolg beendete Spielzeit 1992/93  - Bravo für Arnold Preuß

Von Inse Leiner

Es müssen nicht unbedingt Ingrid Bergman und Walter Matthau in den Hauptrollen zu sehen sein, damit die französische Komödie "Die Kaktusblüte" ein Erfolg wird. Auch auf der niederdeutschen Bühne kommt der Humor der Autoren Jean Pierre Gredy und Pierre Barillet nicht zu kurz. In einer Bearbeitung des Bühnenleiters Arnold Preuß gab es am Sonntag im Wilhemshavener Stadttheater die plattdeutsche Uraufführung von "De Kaktusblööt". Zum Abschluß der Spielzeit 1992/93 gönnte die Niederdeutsche Bühne ihrem Publikum einen garantierten Lacherfolg.

Zahnarzt Dr. Julius Deterding (Claus Mielke) liebt die Frauen. Um jedoch gleichzeitig die Freiheiten eines Junggesellen genießen zu können, hat er stets einen Ehering in der Hosentasche. Und wenn seine Damen besonders hartnäckig werden, hat er auch drei Kinder. Diese "Notlügen" führen jedoch eines Tages zu einer kleineren Katastrophe: Freundin Anna Siemens (Petra Loschen) besteht darauf, seine Frau kennenzulernen. Woher nun die fiktive Ehegattin nehmen? Zunächst scheint Dr. Deterding Glück zu haben, denn seine Zahnarzt Assistentin Fräulein Stephanie (Wilma Welte) läßt sich zu dieser Rolle überreden. Die korrekte, zuverläßige "rechte Hand" des Doktors fühlt sich schon lange zu ihrem Chef hingezogen, aber anmerken läßt sie sich nichts.

Wilma Welte spielte sich unter der Regie von Arnold Preuß feinfühlig in die Rolle der Fräulein Stephanie hinein, die ihre Wochenenden lieber mit Mutter und Schäferhündin Frieda verbringt. Harte Schale geknackt. Dr. Julius Deterding verstrickt sich mehr und mehr in seine Lügengeschichten. Seine gutgläubige Freundin Anna läßt nicht locker. Nicht einmal ein Pelz kann die junge Frau beruhigen. Sie sorgt sich ernsthaft, fast naiv, um die Gattin ihres Liebhabers. Dann taucht auch noch ein jugendlicher Konkurrent auf: der junge Ino Martens (Michael Kever), der Tür an Tür mit Anna wohnt und nur mit einem Handtuch begleitet in ihre Wohnung spaziert.

Der Knoten der Lügengeschichten wird gesprengt, als Fräulein Stephanie nicht mehr mitspielt. Nach einer aufregenden Nacht mit viel Tanz hat sie ihre harte Schale abgeworfen und entpuppt sich als lebendige, lebensfrohe Frau. Mutig erzählt sie Anna von der inszenierten Lügengeschichte. Das Donnerwetter bleibt aus ein HappyEnd folgt. Der Charmeur Julius besinnt sich und schließt Stephanie in seine Arme. Anna trauert nicht lange um ihren Julius. Sie fühlt sich schnell wohl in Inos Armen.

Die Besetzung der Nebenrollen mit Klaus Aden, Frieda Harms, Manfred Janssen und Annette Risch war, gelungen und rundeten die Komödie ab. Einen glanzvollen Auftritt hatte Frieda Harms als Patientin Dürchen Benesch eine vielbeschäftigte Frau mit Hut, die sich aus Liebe zum Zahnarzt auch gerne häufiger in den Mund schauen läßt. Einen neuen Stil in Sachen Bühnenbild hat sich Arnold Preuß zusammen mit Marion Eisele überlegt: wenige Requisiten wurden eindrucksvoll eingesetzt.

Ungewollt, und deshalb besonders wirkungsvoll, erhielt der pinkfarbene Türvorhang, der bei jedem Szenenwechsel auf bzw. abgehängt wurde, eine wichtige Rolle. Mit Argusaugen beobachtete das Publikum die Umgestaltung und half den Bühnenarbeitern mit gutgemeinten Zurufen.

Julius (Claus Miehlke) ist entsetzt, was treibt ein halbnackter Ino (Michael Kever) in Anna´s (Petra Loschen) Wohnung