Wilhelmshavener Erstaufführung

BOTTERVAGELS SÜND FREE

(Butterflies are free - Schmetterlinge sind frei)
Stück von Leonard Gershe
Deutsch von Sibylle Hunzinger
Plattdeutsch von Heide Tietjen

Inszenierung: Arnold Preuß
Bühnenbild: Arnold Preuß

Bühnenbildbau: Alfred Christoffers, Walter Borraß, Erwin Hildebrandt,
Sönke Kiewitt, Karl-Heinz Goldenstein, Gesienus Thomas, Günter Newerla, Siegfried Margowski, Ulrich Weiß, Ulrich Schmidt und Klaus Panka
Bühnenmaler: Herbert Ulbrich
Beleuchtung: Peter Pfaus, Uwe Freiberg
Requisiten: Angelika Lauxtermann
Inspizientin: Anne Hillers
Souffleuse: Petra Loschen, Alexandra Wegener

Rollen und Darsteller
Tim Becker - Michael Hillers
Silvie Tanner - Elke Theesfeld a.G.
Flora Becker - Luise Pampuch
Ralf Anders - Arnold Preuß

Silvie (Elke Theesfeld) und Tim (Michael Hillers) sind Nachbarn

WILHELMSHAVENER ZEITUNG UND GRODEN POST

Blinder Mann fängt süßen Schmetterling

Niederdeutsche Bühne mit großem Premierenerfolg von "Bottervagels sünd free"

Von Ernst Richter

Während bei zahlreichen Veranstaltungen der Karneval auch in Wilhelmshaven in Blüte stand, bot die Niederdeutsche Bühne am Samstag mit der Premierenvorstellung "Bottervagels sünd free" ein heiteres, manchmal schön sentimentales sowie hier und da auf die Tränendrüsen drückendes Kontrastprogramm. Das Stück ist als Film mit dem Originaltitel "Butterflies are free" von Leonard Gershe aus den USA nach Deutschland gekommen.

Sibylle Hunzinger besorgte die deutsche Ubersetzung, Heide Tietjen übertrug den Text ins Plattdeutsche. Mit viel Erfolg wurde "Bottervagels sünd free" bisher am Ernst Waldau Theater in Bremen und von der Niederdeutschen Bühne Neumünster gespielt, jetzt wird das Stück von der Niederdeutschen Bühne Wilhelmshaven aufgeführt: Premiere in Niedersachsen.

Ursprünglich sollte "Johanninacht" auf dem Spielplan erscheinen, mußte aber wegen Erkrankung auf die nächste Spielzeit verschoben werden. "Bottervagels sünd free" wurde von Arnold Preuß in Szene gesetzt. Die Bühne (Bau: Walter Borraß, Alfred Christoffers und Erwin Hildebrandt) führt in eine Mansardenwohnung, in der der von Geburt an blinde Tim Becker zwei Monate sein eigenständiges Leben erprobt, um sich damit endgültig von seiner Mutter abzunabeln.

Das Premierenpublikum erlebt Michael Hillers in der Rolle dieses blinden jungen Mannes Tim Becker, wie er auf seinem Hochbett hockt, die Gitarre spielt und ein Lied singt. Diese behutsamen Töne werden plötzlich von dröhnender Rockmusik aus dem Nachbarapartment "erschlagen". Tim hämmert an die Wand und bittet seine Nachbarin, die Musik doch etwas leiser zu stellen. So kommt es zur ersten Begegnung zwischen Tim und Silvia, die als besonders hübscher Schmetterling temperamentvoll und mit viel Charme von Elke Theesfeld (Gast von der Niederdeutschen Bühne Jever) dargestellt wird. Daraus wird sehr schnell eine Liebesbeziehung solange, bis Tims Mutter eintritt um nachzuschauen, ob es ihrem Sohn Timmi auch an nichts fehlt.

Tims Problem ist nicht seine Blindheit, sondern seine Mutter. Die Handlung, das zarte Antasten der beiden jungen Menschen Tim und Silvia, das Entdecken seiner Blindheit, die er zunächst geschickt verborgen hält, wird abrupt unterbrochen von dem rigorosen, zynisch bis arroganten Agieren Tims Mutter, der Luise Pampuch glaubhafte Gestalt gibt. Die Auseinandersetzung um Leben und Lebensstil, um die Behausung und diese in den Augen der Mutter recht zweifelhaften jungen Frau besitzt bissige Schlagfertigkeit, ist tragikomisch und vielleicht auch ein kleines Schulbeispiel dafür, wie sich Mütter manchmal gegenüber ihren erwachsenen Kindern aufführen, die sie nicht in ihr selbständiges Leben entlassen wollen. Es gibt einen Riesenkrach, der von Michael Hillers und Luise Pampuch in einer Paradeszene voll ausgereift wird und das Publikum fesselt.

Doch, so hartherzig kann letztlich keine Mutter sein. Sie ist schließlich bereit, ihren Sohn so zu akzeptieren, wie er ist, wie er werden will. Da nimmt die Handlung erneut eine überraschende Wendung. Als vierte Person erscheint der ehemalige Freund Ralf Anders, um Silvia mitzunehmen, Arnold Preuß ist in diesem kurzen Auftritt auf der Bühne. Es gibt einen gefühlvollen Abschied. Zurück bleibt Tim mit seinem Kummer und der Gitarre. Leise singt er seine Melodie, die Tür öffnet sich, Silvia ist zurückgekehrt. Happyend mit viel Beifall und anhaltendem Premierenapplaus.

Die nächsten Aufführungen sind am kommenden Freitag, 18. Februar, um 20 Uhr sowie am Sonntag, 20. Februar, um 15.30 und 20 Uhr. Außerdem wird "Bottervagels sünd free" noch mehrmals im Stadttheater sowie im Gemeindehaus Sande und in der Agnes Miegel Schule in F'groden gespielt.

Eine Aufführung, die weit über das Maß einer unterhaltsamen Komödie hinausgeht, die Atmosphäre vermittelt und schauspielerische Qualitäten einer Laienbühne bietet.

Beim "Picknicken" kommen sie sich näher (Elke Theesfeld, Michael Hillers)

NORD-WEST-ZEITUNG

Auch als heimische Falter effektvoll

Leonard Gershes "Butterflys are free" auf Niederdeutsch im Stadttheater Wilhelmshaven

Von Ernst Goetsch

Wilhelmshaven. Am Anfang steht eine Art Unabhängigkeitskrieg, am Ende ein herzhafter Hauch von Kinomärchenglück. Und dazwischen wirbelt, verführerisch Wünsche weckend, ein Schmetterling ein flatterhafter Falter namens Silvia. Mansardennachbar Tim kann diesen Falter Silvia zwar nicht sehen, denn er ist seit seiner Geburt blind, aber die närrisch sprudelnde Art dieser temperamentvollen Nachbarin macht auch ihn freier, optimistischer. Fragt sich nur, wie lange Tims Verzauberung und Silvias Zuneigung anhalten werden.

Das gab's schon einmal (vor 25 Jahren im Kino, vor 20 Jahren auf Tourneebühnen, so unter anderem 1974 im Kleinen Haus Delmenhorst bei einer Aufführung mit Amadeus August als Blindem, mit Evelyn Grassmann als Schmetterling und Inge Meysel als Mama). Und das kommt jetzt wieder nicht minder effektvoll, aber anders im Stadttheater Wilhelmshaven. Denn inzwischen hat Heide Tietjen Sibylle Hunzingers hochdeutsche Bühnenfassung des amerikanischen Originals ("Butterflys are free") mit Gespür für gediegen ernsthafte Untertöne in Mundart übersetzt. Und die Niederdeutsche Bühne Wilhelmshaven ist die erste Bühne Niedersachsens, die die "Butterflys" des Leonard Gershe als heimische "Bottervagels" präsentiert.

Respekt gebührt dieser Wilhelmshavener Produktion. Denn Regisseur Arnold Preuß ist es gelungen, den Rührstückeffekt des Werkes von Gershe einzudämmen, den harten (nämlich sehr ernsten) Kern des Vierakters in real wirkenden Dialogblöcken zu signalisieren. Da steht mit Michael Hillers als Tim kein träumerisch Versponnener im Raum; da trifft Elke Theesfeld als scheinbar indifferente Silvia durchaus tiefere Töne von Nachdenklichkeit, und Luise Pampuch als Tims scheinbar rigoros reglementierende Mutter schafft überzeugend den Sprung von besitzverwaltendem Matriarchat zu allmählichem Verständnis für den Unabhängigkeitsdrang des Sohnes.

Arnold Preuß hingegen (für Inszenierung und Ausstattung sorgend) bleibt als Darsteller in der kleinen Rolle des großspurigen Silvia Gefährten Ralf vergleichsweise blaß. Der Versuchung zu sentimentalen Aufsetzern haben die Wilhelmshavener weitgehend widerstanden. Streckenweise gewann das Boulevardstück von Gershe in dieser Mundartfassung die Ausdruckstiefe eines Kammerspiels nicht zuletzt auch durch den Umstand, daß in niederdeutscher Sprache viele analytische Passagen rundum den Blinden und seinen Schmetterling ungleich weniger penetrant dozierend wirken als dementsprechende hochdeutsche Formullegen.


Flora (Luise Pampuch) ist entsetzt, wie ihr Sohn Tim (Michael Hillers) lebt und noch dazu in unmittelbarer Nachbarschaft von dem Flippy Silvie (Elke Theesfeld)