WILHELMSHAVENER ZEITUNG vom 17. März 2026 - NWZ-Online.de vom 16. März 2026

Bravouröse Inszenierung eines Klassikers

PREMIERE Stehende Ovationen für "De Fährkroog" am Theater am Meer - Sonderlob für Elke Münch

von Wolfgang Niemann

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Theater brilliert mit Klassiker

 WILHELMSHAVEN. (RED) „De Fährkroog“ wurde 1918 geschrieben und gilt als Klassiker des niederdeutschen Theaters. Das „Theater am Meer“ präsentierte keine Schenkelklopfer-Komödie, sondern eine düstere Erzählung, welche menschliche Abgründe offenbart. Dies ist bestens gelungen: Bei der Premierenvorstellung erntete das Ensemble großen Applaus. ➜ P Seite 4

Nicolas Ducci und Michel Waskönig als „Knecht“ und „junger Mann“ (von links). - FOTO - Olaf Preuschoff/TaM


 Zusammengefasst (mit KI)

  • Das Theater am Meer in Wilhelmshaven hat das über 100 Jahre alte Stück „De Fährkroog“ von Hermann Boßdorf neu inszeniert.
  • Die Neuinszenierung besticht durch eine düstere Atmosphäre, starke darstellerische Leistungen und erhielt am Ende stehende Ovationen vom Publikum.
  • Die Regie führte Berufsregisseurin Elke Münch, und Nicolas C. Ducci sorgte nicht nur als Darsteller, sondern auch für die Musik sowie einen neuen Epilog.

Wilhelmshaven - Mit einem über 100 Jahre alten Klassiker, der alles andere als eine Schenkelklopfer-Komödie ist, sorgte das Wilhelmshavener Theater am Meer (TaM) am Samstag einmal mehr für Furore. „De Fährkroog“ wurde 1918 von Hermann Boßdorf geschrieben und TaM-Bühnenleiter Arnold Preuß hat das ebenso düstere wie moralische Stück ins hiesige Platt übertragen.

Menschliche Abgründe rücken da in den Mittelpunkt, wenn der Wirt (Wolfgang Watty) und die Wirtin (Dagmar Wehrmann) einen unverhofften Gast um sein offenbar ansehnliches Vermögen erleichtern wollen. Bevor der jedoch eintrifft, versucht erst einmal der Knecht des Krugs, die verschüchterte junge Deern (Kristin Kloster) rüde zu vergewaltigen. Die von den Wirtsleuten seit langem kaltherzig ausgenutzte Magd soll ihm gefälligst zu willen sein, schließlich habe er ja etwas gegen sie in der Hand.

Habgieriger Wirt und lüsterne Wirtin

Diesen sich geradezu unheilvoll präsentierenden Jan spielt Nicolas C. Ducci höchst eindrucksvoll mit verschlagener Bösartigkeit. Um so naiver und aufrichtiger wirkt dann der gehetzte Gast (Michel Waskönig), der am Abend in die altmodische Gaststube platzt und dringend zur Fähre will, um nach Hamburg zu kommen. Das ist wegen des heftig aufziehenden Nordnordwest-Windes jedoch unmöglich. Um so eindringlicher warnt ihn die Deern als gute Seele heimlich, sich vor Trunk und Spiel zu hüten. Aus gutem Grund, denn der brave junge Mann verrät unklugerweise, dass er Haus und Hof verkauft hat und mit dem Geld nach Amerika auswandern will.

Das weckt als Erstes die Habgier des versoffenen Wirtes, der versucht, ihn beim Wetttrinken auszunehmen. Jedoch vergeblich, weil er selbst seinen viel zu großen Durst nicht verkraftet. Doch der Gast ist nun gezwungen, hier zu übernachten und das will die unverhohlen lüsterne Wirtin auf ihre Weise nutzen – was dummerweise der hereinplatzende Knecht vorerst verhindert. Als sich Deern und Gast schließlich in der Nacht so nahe kommen, dass er sie sogar mit nach Amerika nehmen will und sie das dankbar annimmt, ist es wieder der böse Geist Jan, der dem Gast das barsch ausreden will. Der Zyniker würfelt dann sogar mit ihm um die Deern und als er verliert, erpresst er diese mit harter Gewalt derartig, dass sie ihrem vermeintlichen Retter wider Erwarten doch noch einen Korb gibt.

Ensemble macht das Stück besonders

Kann es bei so viel menschlicher Niedertracht wirklich ein Happyend geben? Als das Stück beim Theater am Meer vor über 30 Jahren zuletzt aufgeführt wurde, blieb dieses beklemmende Gleichnis des Lebens ebenso dunkel wie offen. Bei dieser Neuinszenierung aber hat Ducci – der im Übrigen auch für die atmosphärische Musik verantwortlich zeichnet – dem Schauspiel einen überzeugenden Epilog als sinnvolle Abrundung hinzugefügt.

Einmal mehr kam bei dieser Inszenierung die ganze Meisterschaft von Berufsregisseurin Elke Münch in der Schauspielerführung zum Tragen und es war sicherlich weniger der bewegte, aber nicht mehr ganz taufrische Klassiker selbst als vielmehr die bravouröse Leistung aller Darsteller, für die es zum Schluss zu Recht stehende Ovationen gab.